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„Kori ado Ko“

Posted by frieden on 15.3.2013 with No Commentsas

 Leseprobe Anfang

Teil 1

Die Ankunft der Breeze

Ela Lasen

Es juckt, als läge Ela auf einem Ameisenhaufen. Am Rücken ist ihre Kleidung zerfetzt. Ela graust. Sie träumt also nicht, und wenn ihre Sinne so allmählich wiederkommen, dann muss etwas passiert sein. Ein Schlag auf den Kopf, ein Unfall, Sturz, eine OP… Etwas, woran sie sich nicht erinnern kann. Sie begreift noch nicht einmal, womit sie bekleidet ist. Auf jeden Fall schützt sie der hinten offene Anzug nicht vor dieser Schilfwiese. Ja, diese seltsamen Pflanzen ähneln Schilf. Aber was …Gelandet… Der Wortfetzen drängt sich in ihr Gedächtnis. Sie war in einem Shuttle… Sie versucht sich zuzureden: Komm, Ela, steh erstmal auf! Sie stöhnt. Die Stängel wachsen dicht an dicht, mehr als einen halben Meter hoch. Ela braucht nur einen anzutippen, schon schießt er Unmengen winziger Samenpfeile auf sie ab. Sofort ist ihr Anzug milchig grün. Am Rücken, an den Händen, am Hals und im Gesicht, überall dort, wo die Haut ungeschützt ist, juckt es unerträglich. Ela liegt inmitten einer Lichtung. Zur Krönung steht die fremde Sonne gerade im Zenit. Ihre brennend heißen Strahlen unterscheiden sich von denen der irdischen durch einen schwachen Violett-Ton. Dadurch erscheint das gesamte Bild so unwirklich. Ela ruft sich zur Ordnung: Sieh nicht nach oben! Wieder blinkt ein Erinnerungsfetzen auf: Eigentlich müsste sie einen Schutzanzug anhaben. Der ist Pflicht! Keiner darf ohne nach draußen. Keime, Strahlung…Warum auch immer: Sie steckt in keinem Schutzanzug.Die Lichtung ist von Wald umgeben: Bäume, deren Kronen oben ein ineinander verschlungenes Gewirr bilden, dass nicht zu erkennen ist, wann der eine aufhört und der andere anfängt. Unten sind nur nackte Stämme zu sehen, ähnlich wie Ela sie von durch Menschen angepflanzten Kiefern kennt. Ela geht los. Nach der Hälfte des Weges ist die Hose zerfetzt, und ihre Beine brennen wie nach einem Überfall von Mörderbienen. Aber es hilft nichts. Sie überwindet auch den Rest der Strecke und sinkt erschöpft im Schatten nieder. Verunsichert überlegt sie noch immer, was mit ihr sein könnte, ob sie Fieberwahnvorstellungen hat, krank ist … Mehr als ihre heiße Stirn und die allgemeine Schwäche kann sie nicht feststellen. Sie hätte wenigstens eines der Notfallsets gebraucht, das jeder aus der Mannschaft während der Einsätze bei sich trägt.Mannschaft …? Einsätze …? Notfallset …? Die Zeit, mit der diese Begriffe verknüpft sind, kann nicht lange zurückliegen. Was ist nur geschehen? Ela will sich unbedingt erinnern, aber irgendetwas blockiert ihren Versuch.Inzwischen ist sie furchtbar müde. Aber die Angst. Ela will unbedingt wach bleiben. Zwar hat sie bisher noch kein einziges Tier gesehen. Aber welches Lebewesen verirrte sich bei dieser Mittagshitze auch auf die ungeschützte Lichtung? Vielleicht gibt es so etwas wie kollektiven Mittagsschlaf. Oder die Tiere kennen einfach das Teufelsgras. Oder alles zusammen. Vielleicht wartet aber schon ein Raubtier im Hinterhalt auf Zeichen der Schwäche seiner künftigen Beute. Auf Elas Schwäche also.Ela fühlt sich ausgelaugt. Sollte sie diese Bäume nicht genauer ansehen? Leider gibt es unmittelbar über dem Boden doch dichtes Buschwerk. Hier könnten sich Schlangen und andere gefährliche Tiere verbergen. Ela versucht sich auszuruhen, doch Knacken und Rascheln, Zirpen und Schreie halten sie in einem Zustand zwischen Schlafen und Wachen, bis es völlig dunkel geworden ist.… „Commander, hier … der Kurs ist nicht zu halten. Wir driften auf Omega3 zu.“„Piet, Erklärung? Gravitation?“„Nein, nichts, was uns anziehen könnte.“„Eine nicht natürliche Quelle?“„Keine Daten!“„Du musst gegensteuern!“„Was meinst du, was ich mache? Ich halt mit vollem Schub dagegen. Wir werden trotzdem immer schneller! Unsere Leistung reicht nicht …“ Piets Gesicht. Entsetzen. Jenny hat die Augen geschlossen. Gila kreischt. Ein schwarzes Loch? Der Tod. Aber das hätten sie doch vorher erkennen müssen! Die Messgeräte spinnen.Jetzt sind es fünf Gesichter. Macs. Gilas. Jennys. Piets. Ihr eigenes. Ela sah in ihr Gesicht. Blitze, Druck. Es ging alles so unbegreiflich schnell.„Ein Notsignal. Unsere Position. Wenigstens als Warnung für andere.“„Ich hab keine Koordinaten!“„Gila, dann nimm die letzten, die …“Schwere. Eine wahnsinnige Schwere. Das müssen mehr als zehn G sein. Der Tod. Ela kann ihren Kopf nicht mehr bewegen. Alles wird schwarz. Für einen Moment nur blitzt der Gedanke auf: Umsonst …… Ela schreckt auf. Tot? Ist sie …? Nein, tot nicht. Diese Albtraumvision war real. Aber vorbei. Vielleicht ein paar Stunden alt. Zwischen diesen Bildern und dem Jetzt muss etwas Rettendes geschehen sein. Ela versucht sich zu erinnern. … Nichts, verdammt: Von dem Moment an, als diese ungeheure Kraft sie in ihren Kontrollsessel gepresst hat, findet Ela absolut nichts in ihrem Gedächtnis. Nun liegt sie sicher unter einem Baum, und weit und breit sind keine Trümmerspuren zu sehen. Das heißt, wenn sie wirklich abgestürzt ist, dann nicht hier. Und jemand muss sie aus dem Discover geholt haben. Dieser Jemand hat möglicherweise auch die anderen gerettet. Demnach ist sie nicht allein auf diesem Planeten? Ein feiner milchig-violetter Nebel hüllt Ela ein. Der halb zerfetzte Arbeitsanzug schützt kaum vor der Kälte. Außerdem fühlt sich Ela beobachtet. Es ist das reglose Grinsen eines eiskalten Mondes. So etwas kennt sie von der Erde. Aber da ist etwas … Sie wirft einen langen Schatten in Richtung dieses Mondes. Das kann nur eines bedeuten. Ela dreht sich langsam um. Ja, tatsächlich: Von der anderen Himmelsseite her leuchtet ein zweiter Mond. So fremd das ist, so beruhigend: Endlich etwas, was Ela sofort versteht. Ganz in der Nähe knackt es am Waldboden. Wäre es nicht besser, auf einen Baum zu klettern? Gegen die Raubtiere wäre sie auf einem der Äste sicherer. Aber dort oben schlafen? Bestimmt würde sie auf dem Baum nicht zur Ruhe kommen, dafür aber am nächsten Tag zu allem Übel noch Kreuzschmerzen haben. Was soll sie tun? Für ein Überleben in unbekanntem Dschungel ist sie nicht ausgebildet.Ela? Ela, hab keine Angst! Bleib, wo du bist, wir bringen alles wieder in Ordnung.Was ist das? Ela fühlt sich gerufen. Sie weiß ganz genau, dass sie keinen Ruf gehört hat. Die Wörter sind einfach in ihr aufgetaucht. Wie ein Traumbild ihres Vaters, der ihr gut zuredete, wenn sie als Kind die Augen geschlossen hatte, noch nicht schlief, aber schon nicht mehr munter war. Wirklich und unwirklich zugleich. Wie kann sie hören, was niemand gerufen hat? Trotzdem beruhigt sie sich. Die Müdigkeit kommt wieder. Als hätte ihr jemand ein Kissen untergeschoben und eine Decke über sie ausgebreitet, rollt sie sich einfach auf dem feindlichen Boden zum Schlafen zusammen. Für einen Moment schreckt Ela noch einmal hoch. Ihr ist, als hätte sie leuchtende, überdimensional große Augen über sich gesehen, die in einem abgeplatteten haarlosen Kopf stecken. Schon gut: wir passen auf! Wieder diese tonlose Stimme. Ela lächelt über sich selbst. Bis vor kurzem eine moderne Astronautin, hat sie sich jetzt in ein monstergläubiges Riesenbaby verwandelt. Zumindest ein kleines Mädchen, zu dem die Eltern ans Bett kommen müssen, damit es behütet einschlafen kann. Ich muss unbedingt prüfen, was eigentlich mit mir los ist, sagt sie sich. Dann schläft sie ein.Gila RossAugen…Wände voller riesiger, miteinander verschmelzender wimpernloser Augen. Immer wieder sind sie da, kaum, dass sie nur ein bisschen die Wimpern hebt. Ein Meer über ihr zusammenschlagender Augen. Anfangs drückt sie die ihren zu, indem sie die Lider gegen die Augäpfel presst. Es hilft nichts. Im Gegenteil. Bei zugedrückten Lidern schwimmen brennende Monsteraugen durch ein Albtraumbild. Angefangen hat alles mit den vor Schreck geweiteten Augen ihrer Kameraden im Discover. Das muss gerade hinter ihr liegen. Oder ist es nur ein Traum? Dann sollte dieses Aufwachen besser auch ein Traum sein. Die Augen noch nicht offen, hat sie sich noch gefreut: Alles gut gegangen. Sie lebt und nichts tut weh. Dann schlägt sie die Augen auf, will sehen, wo sie ist, und sieht … Monsteraugen…Wirklich! Über ihr und kaffeetassengroß. Instinktiv schreit Gila auf. Schlägt mit beiden Armen nach dem vermeintlichen Phantombild. Aber diese Augen stecken in einem furchtbar hässlichen Berg grauer, narbiger Haut. Irgendwo treffen Gilas Schläge dieses Etwas. Da schießen an den Seiten dieses Berges Schlangen gegen Gilas Körper. Unzählige, Ekel erregende Krakenarme voller narbiger Saugnäpfe. Viele und scheinbar von überall her. Gila schreit, was ihre Lunge hergibt, windet sich, um dem Angriff zu entgehen. Bevor sie anfangen kann, ernstlich ihre Situation zu durchdenken, sind ihre Arme und Beine an eine Unterlage gefesselt, und sie atmet etwas fremdartig Duftendes ein. Ein wenig erinnert es an Weißdorn, Linden- und andere Blüten. Ein aufdringliches Gemisch. Von diesem Augenblick an glaubt Gila zu schweben. Sie schläft nicht richtig, aber wach ist sie erst recht nicht. Gelegentlich durchnebeln krakenförmige Gestalten einen Raum ohne Anfang und Ende und drehen etwas an den Saugarmen herum, die – von verschiedenen Stellen an Gilas wehrlosem Körper ausgehend – ins Nichts führen. Ansonsten wird ihre Ruhe nicht gestört.Augen…Ela LasenAls Ela erwacht, steht die fremde Sonne schon wieder hoch am Himmel. Ela fühlt sich völlig entspannt. Wie lange mag sie geschlafen haben? Am vorigen Abend hat sie nicht auf ihre Uhr gesehen. Die Umlaufzeit des Planeten um sein Zentralgestirn ist sicher eine andere als die der Erde um die Sonne. Der Discover hat ja keinerlei Untersuchungen durchführen können. Es muss nicht einmal ein Planet sein. Allerdings ist das eine Vorstellung, die irgendwie hilft, Ordnung in die eigene Gedankenwelt zu bringen. Ela fühlt sich frisch. Die unbequeme Schlafposition ist ohne schmerzhafte Nachwirkungen geblieben. Jetzt will sie in Ruhe herausfinden, was eigentlich los ist – mit ihr, mit ihren Kameraden und mit diesem Planeten.Ela springt auf, klopft sich ein paar Pflanzenteile von ihrem Anzug, sieht an sich herunter und stutzt. Das gibt es doch gar nicht! Es haben sie nicht nur keine fremden Skorpione und Blutsauger gebissen oder gestochen, nein, ihre am Vortag so gepeinigte Haut scheint restlos glatt, als habe sie sich den Marsch durch das Nesselgräserfeld nur eingebildet. Wäre nicht die zerfetzte Kleidung … Als sie dann ihre Unterschenkel genauer mustert, fällt ihr ein farbloser Ölfilm auf, von dem ihre Haut überzogen ist. „Merkwürdig“, sagt Ela halblaut. Sofort schüttelt sie den Kopf. Sie ist noch keine 24 Erdenstunden allein, und schon beginnt sie, Selbstgespräche zu führen. Sie sieht sich um. Nanu? Unmittelbar neben ihr führt ein über einen Meter breiter, festgestampfter Weg am Waldrand entlang in den Wald hinein. Den hat es gestern… Nein. Ela ist sich sicher, dass es den am vorigen Abend noch nicht gegeben hat. Was ihr aber fast noch seltsamer vorkommt: Der Weg endet an ihrem Schlafplatz. Genauer: Dort verbreitert er sich ein wenig, um, na eben, um bei ihr aufzuhören.„Ganz ruhig, Ela, ganz ruhig!“ Ela betastet sich aufmerksam, fühlt an ihrer Stirn, sucht nach Gedanken, die neu oder in irgendeiner Weise merkwürdig sind. Ihr fällt nichts auf. Sie ist wohl weder verrückt noch anderweitig krank. Ja, sie beruhigt sich damit, dass solch ein nüchterner Selbstcheck allein schon die eigene Zurechnungsfähigkeit beweist. Es bleiben also zwei Möglichkeiten. Die unwahrscheinlichere: Sie ist gestern zufällig auf diesen Punkt gestoßen, ohne den Weg zu bemerken. Nein, eigentlich kann sie das ausschließen. Trotz aller Schwäche hat sie sich als erstes nach Wegen durch das Dickicht umgesehen. Also bleibt nur die zweite: In der Nacht ist jemand oder etwas an ihren Schlafplatz gekommen, heimlich, bewusst unauffällig. Ihre behandelte Haut hätte sie dann diesem oder diesen Wesen zu verdanken.„… und ich habe nichts bemerkt!“ Das erscheint Ela genauso unheimlich wie unwahrscheinlich. Aber das Ergebnis lässt sich nicht leugnen. Wenigstens ist das unbekannte Wesen ihr wohl gesonnen. Nur: Warum lässt es sich nicht blicken? Ela lächelt. Eine etwas märchenhafte Antwort gäbe es da schon. „Die Schöne und das Biest“. Hält denn dieses Wesen sich für so hässlich, dass es sich nicht zu zeigen wagt? Hat es Grund dazu? Ela amüsiert die Idee. Dabei fiele ihr ja die Rolle der Schönen zu. Eine Rolle, die ihr in ihrem Erdenleben eigentlich niemand so recht gegönnt hat. Ausgesprochen unscheinbar sieht sie aus. „Zierlich, halblanges mittelblondes Haar, manchmal lächeln dich graublaue Augen an, nicht zu schmal und nicht zu dick“ – das etwa waren die Worte, mit denen sie sich vor ihrer Aufnahme in das Raumforschungszentrum in einer erfolglos gebliebenen Kontaktanzeige beschrieben hatte. Aber wer ist das Biest und wo steckt es? Der Weg fordert sie regelrecht zum Losgehen auf. Was bleibt ihr anderes übrig? Zwar sind Hunger und Durst noch nicht quälend stark, aber ein Schluck zu trinken und ein anständiges Frühstück wären schon jetzt nicht schlecht. Früher oder später wird sie essen und trinken müssen und Proviant hat sie keinen. Der Weg führt vielleicht zur Siedlung ihrer Gastgeber. Außerdem – wohin soll sie sonst gehen?Ela stapft los. Unsicher mustert sie ihre Umgebung. Vielleicht wird sie von dem wohlmeinenden Biest belauert? Oder ist es jetzt nicht da? Muss sie sich allein gegen die feindliche Tierwelt wehren? Ela schüttelt den Gedanken ab. Sie sollte lieber genauer auf den Weg achten. Auf diesen schlangenförmigen nackten Ast zum Beispiel. Irgendwie hängt der verdächtig einsam auf den Weg herunter. Ela bleibt stehen.Am Wegrand findest du verschieden große Wanderstöcke. Kaum ist der Gedanke in ihr, da beugt sie sich herunter, und wirklich: Ein zweigloser Ast wartet regelrecht darauf, von ihr gefunden zu werden. Als sie ihn aufstellt, überragt er sie um ein Stück. Ela erinnert sich an ein Gemälde: Ein Schäfer auf einer Bergwiese stützt sich auf einen ähnlichen Riesenstock. Jetzt ist sie eben eine Schäferin in dieser fernen Welt. Mit ihrem Stab tippt Ela spielerisch den Ast an, der ihr so merkwürdig vorgekommen war. Plötzlich vollführt der blitzschnelle Wellenbewegungen, schlägt eine Acht, zieht sich zusammen, zermalmt den Knüppel und verschwindet im Blätterwerk.Stille. Ela rührt sich nicht. Auch um sie herum rührt sich nichts. Kein Geräusch. Nichts. Als wäre nichts gewesen. Langsam löst sich Elas Erstarrung. Misstrauisch duckt sie sich, geht – gespannt jede Bewegung des Blätterdachs über sich beobachtend – unter der Stelle hindurch, wo soeben der angebliche Ast gehangen hat. Die Blätter, die von nahem eher an Farnzungen erinnern, geben den Blick auf den unheimlichen Gegner nicht frei. Ela erwischt sich schon wieder dabei, dem Unbekannten Namen zu geben, die vielleicht nur auf der Erde zutreffend sind. Aber was soll sie tun? Es ist alles so schnell gegangen. Das Etwas kann eine Schlange gewesen sein oder zu einem der Waldgewächse gehört haben. Oder es ist der Rüssel oder der Greifarm eines riesigen Tieres gewesen. Eines riesigen Tieres, das sie noch immer belauert, ohne dass sie es sieht… Wenn sie nur nicht so wehrlos wäre! Bei planmäßigen Erkundungen trugen alle Mitglieder der Außenteams natürlich Strahler bei sich. Die letzte Erinnerung aber ist jene Katastrophe während der normalen Bordroutine. Warum hätten sie da Waffen bei sich tragen sollen?Es ist nicht mehr weit. Keine Angst.Schon wieder so ein fremder Gedanke. Er ist eigentlich sehr beruhigend … vom Inhalt her. Aber trotzdem verwirrt und beunruhigt er Ela. Sie ist sich jetzt sicher, dass diese Sätze irgendwie von außen in ihr Gehirn geschickt werden. Ela beugt sich schnell wieder suchend zum Wegrand. Wo der eine Knüppel gelegen hat, fänden sich auch andere. Es ist schon verwunderlich. Wie bei den Gräsern und einigem anderen, was sie an Pflanzenwuchs beobachtet hat, ist auch der neue Stecken in ihrer Hand extrem gerade gewachsen. Durch den Schlangenbaum gewarnt unterdrückt Ela das Bedürfnis, die Härte der Waffe an einem der Stämme auszuprobieren. Immerhin – gegen den nächsten Angreifer kann sie sich wehren.Beim Aufheben des Stocks sieht sich Ela den Waldboden genauer an. Schließlich hat sie Zeit. Sorgfältig vergleicht sie das Gesehene mit allem, was sie kennt und was sie sich vorstellen kann. Sie hofft, dass sie sich irrt. Macht ein paar Schritte vorwärts. Wenn sie sich Mühe gibt, vergisst sie vielleicht wieder, was sie gerade entdeckt hat … Nein. Das Gedächtnis lässt sich nicht betrügen. Alles in Ela sucht nach einer möglichst wenig unheimlichen Erklärung. Der Weg ist nicht nur festgestampft oder glatt geschliffen. Das auch. Und dass die Stämme erst vor kurzem abgeschnitten worden sind, hat sie erwartet. Aber die Stümpfe haben Brandspuren, als hätte jemand mit einem punktförmigen Feuer gearbeitet, denn am Wegrand ist das Unterholz viele Jahre unberührt geblieben. Leben hier Wesen, die Laserstrahlen kennen? Wenn ja, dann hätten sie sich verdammt viel Mühe gemacht, ihr Tun zu verbergen. Sie haben etwas wahrscheinlich Pflanzliches über die verkohlten Stümpfe geschleift; so sieht es aus, als sei alles lange her. Ela graust es. Wenn sie sich ausmalt, dass sie geschlafen hat, während jemand die abgetrennten Baumstämme aus dem Wald geschafft hat! Ihretwegen! Vor allem: Welchen Lärm hat sie da verschlafen!Ela geht weiter. Bisher ist der Weg eine tief beschattete Gasse. Nach oben lässt er nur einen knappen Schlitz zum Himmel frei. Doch nun erkennt Ela das Ende des Waldweges. Immer näher kommt der Punkt, an dem sich das Licht der fremden Sonne ungehemmt ausbreitet. Ela zweifelt nicht daran, dass sich dort auch das Geheimnis der vergangenen Stunden aufklärt. Unwillkürlich geht sie langsamer. Nicht allein, weil die Waldluft frisch und kühl ist. Inzwischen filtert ihre Nase auch den Geruch von Holzkohle aus dem Waldduft heraus. Oder bildet sie sich das ein, weil es nach einer „Brandrodung“ einfach so riechen muss? Sie klammert sich an ihren Knüppel. Für einen Moment lächelt sie wieder. Sie ist sich sicher, dass sie gleich vernunftbegabten Wesen gegenüberstehen wird. Sie stellt sich vor, in ihrem jetzigen Aufzug aus dem Wald bei Benns City zu kommen. Wie da ihre früheren Nachbarn reagiert hätten! Sie legt den Knüppel auf dem Boden ab, versucht mit den Händen die wirren Haare etwas zu ordnen, putzt Dreckreste von ihrer Kleidung, zuckt mit den Achseln, weil ihre Mühen kaum Verbesserungen bringen, und greift dann wieder zu dem Knüppel. „So, ihr Monster, dann wolln wir mal!“ Cole Mc Phearson, Commander des Discovers „Breeze“Cole ist als Draufgänger bekannt. Ihm scheint alles zu gelingen. Die eine Ausnahme damals … Seine kleine Crew im Discover ahnt nichts davon, dass er auf der Erde einmal einen „Engel“ gehabt hat. Dass alle seine Abenteuer im Weltraum eigentlich fehlgeschlagene Versuche gewesen sind, diesem Mädchen ins Reich der Toten zu folgen. Er hat immer die scheinbar unlösbaren Aufgaben übernommen und nicht über die Ziele seiner Missionen nachgedacht. Wie hat er die ewige Ruhe herbeigesehnt! Aber vielleicht ist es gerade deshalb immer anders gekommen. Ein gnadenloses Schicksal hat scheinbar noch viel im Leben mit ihm vor. Cole hat alle seine Missionen erfolgreich abgeschlossen. Hätte er Gila gegenüber etwa eingestehen sollen, warum? Ihr von Angela erzählen?Der Flug der „Breeze“ war doch nichts als Routine. Die Katastrophe kam völlig unerwartet. Cole hatte gerade auf Ruheautomatik schalten wollen. Er erinnert sich noch eines gewaltigen Andrucks und dass das Schiff mit wahnsinniger Beschleunigung in eine nicht programmierte Richtung gesaugt worden war. Dann hatte er das Bewusstsein verloren. Was danach kam, bleibt ihm noch immer unheimlich. Irgendwie ist er wie in einen Albtraum hinein aufgewacht. Da war dieses Gefühl, dass jemand mit ihm Schule spielte, etwas, was er nie gemocht hat. Allerdings mit ihm als einzigem Schüler und aus dem Dunklen heraus. Auf einer Wandfläche erschienen viele Bilder, Dinge, die Cole irgendwann einmal gesehen hatte. Die er wieder erkannte. Er sah den Tisch vor sich, der im Wohnzimmer seiner Eltern gestanden hatte, bevor sie im Sommer vor seinem zweitem Schuljahr umgezogen waren. Ein Pfeil wies auf die Tischplatte, dorthin, wo er den Colafleck weggewischt hatte. Was sollte das? Sein geheimnisvoller Lehrer konnte doch nichts von dem Fleck wissen? Ein unerklärlicher Drang trieb Cole, dem Tisch einen Namen zu geben. Tatsächlich, nachdem er die Buchstaben TISCH geschrieben hatte, wurde er von der peinlichen Erinnerung erlöst. Dafür formte ihm der Unbekannte das Bild des Schreibtischs seines Vaters aus dem heimischen Arbeitszimmer. Cole probierte es wieder – er schrieb SCHREIBTISCH. Das vorige Bild kam zurück und Cole korrigierte dort: EssTISCH, WOHNZIMMERTISCH. Dann standen ihm beide Tische zusammen gegenüber und er schrieb ZWEI TISCHE. In dem leeren Klassenraum tauchten nun ständig neue Bilder von Gegenständen auf. Sobald er ihnen an der Tafel einen Namen gegeben hatte, verschwanden sie wieder. Die Aufgaben wurden von Mal zu Mal schwieriger. Anstelle einzelner Dinge bekam Cole kleine Szenen gezeigt, denen er wohl einen passenden Begriff zuordnen sollte. Stundenlang suchte er Beziehungen zwischen Ausdrücken seiner Sprache und dem, was sie bedeuten könnten. Dann tauchte das Bild eines Kopffüßers auf. Einfach nur ein einzelner. Cole hatte KRAKE geschrieben. Darunter noch TINTENFISCH, OCTOPUS. So könne man auch sagen. Plötzlich erschienen an Stelle der Bilder die Wörter MENSCH – LIEB, FREUND … Das war ein neues Spiel. Oder was sollte das? Die Wörter hatten doch nichts mit dem Bild des Kraken zu tun? Oder? Sollte er etwas schreiben, was ihm zu dem Grundbegriff einfiel? So funktionierten Tests zum assoziativen Denken, von denen er schon viele bestanden hatte. Also notierte er für die unsichtbare Prüfungskommission auf der großen Tafel MEER, FEIND, HARPUNE, TOD, RINGE GEBRATEN – SCHMECKEN GUT. Mehr fiel ihm auf Anhieb nicht ein. Aber ihm blieb auch keine Zeit mehr zum Nachdenken. Plötzlich bildete er sich ein, er stürze in einen ungeheuer tiefen Abgrund. Genau in dem Moment, in dem er unten aufzuschlagen meinte, wurde er munter. Oder hat er nur in einem weiteren Traum das Gefühl aufzuwachen? Das erste, was er nämlich sieht, sind die Tassenaugen eines monströsen Kraken. Zur Krönung der Situation entziffert Cole auf dem mächtigen Rücken des Untiers die Worte „Mensch – lieb Freund, keine Ringe gebraten“. Da spielt ihm sein Gehirn offenbar einen sehr blöden Scherz.Dabei ist er nun fest davon überzeugt, nicht mehr zu träumen, denn so schmerzhaft kann man das bestimmt nicht. Er war nur ein Stück rückwärts gerutscht und dabei mit dem Hinterkopf gegen eine Wand gestoßen.Er streckt sich dem Wesen entgegen. Man muss Vertrauen, darf keine Angst zeigen. Dabei ausgerechnet „Du sprichst Englisch?“ zu fragen, ist sicherlich nicht das Intelligenteste. Es rutscht ihm einfach so raus. Dafür ist die Situation aber auch zu seltsam. Das Wesen streicht ihm mit saugnäpfigen Händen an der Uniform entlang, als suche es etwas. Unappetitliche Glubschaugen mustern die schwarzen Knöpfe an seiner graublauen Montur, als erwarteten sie dort irgendwelche Antworten. Oder hält das Wesen die Knöpfe für Schalter? „Nun sag schon!“ brüllt Cole ungehalten. Außer dem Rauschen, das die Bewegungen des Untiers verursachen, bekommt er keine Antwort. Er sieht sich vorsichtig in dem Raum um. Nirgends sind vernünftige Wohnungseinrichtungsgegenstände zu erkennen. Dafür haben die Wände keine Ecken. Typisch für psychologische Extrembehandlungen. Test, die Cole kennt. Er kann wahrscheinlich nichts machen, als sich auf das Situationstraining während der Vorbereitungsphase zu besinnen. Keine Panik aufkommen lassen, erst recht nicht zeigen. Scheinbar bedingungslos alle Gegebenheiten annehmen, wie sie sich ihm darstellen. So lange alles beobachten, bis sich Handlungsalternativen ergeben. Ausbrechen, wenn der Moment gekommen ist – nicht früher und nicht später.Gleichzeitig erinnert er sich seines Ranges und seiner Verantwortung. Mindestens so lange er nicht weiß, was mit seinen Kameraden ist, ob er sie also noch retten kann, darf er durch unbedachte Reaktionen keine Feindseligkeiten provozieren.„Ich bin kein Feind. Ich möchte weder jemanden braten, noch von jemandem gebraten werden“, versucht er sich betont ruhig für seine Darstellung zu entschuldigen. Der Krake ignoriert seinen Versuch. Wenn Cole hätte sagen sollen, wie er den Ausdruck in den Augen seines Gastgebers bewertete – eine Übung, die zum Training gehörte – dann hätte er geantwortet „Etwas dümmlich, fragend, interessiert.“ Doch nichts deutet darauf hin, dass ihn gerade jemand einer psychologischen Prüfung unterzieht. Er scheint trotzdem nicht auf ein schnelles Ende seiner Situation hoffen zu können. Coles Gedanken jagen einander mit ungeheurer Geschwindigkeit. Ihn quälen Kopfschmerzen. Schließlich fragt er laut: „Hörst du mich?“ Wieder bleibt jede Reaktion aus.„Also nicht.“ Cole sagt das leise, wie bei einem Selbstgespräch. Dass auch darauf keine Antwort kommt, bestätigt seine Vermutung. In diesem Moment geht eine Tür auf, die Cole bisher nicht bemerkt hat, und vier neue Kraken wogen in den Raum. Einer von ihnen hält eine Holztafel zwischen seinen Vorderarmen, ein zweiter einen orangefarbenen Stab. Als er den Stab auf die Tafel drückt, wird ein Punkt sichtbar. So beginnt der Krake wie auf einer alten Schultafel zu malen: „Schreiben, nicht zwitschern.“Was heißt denn hier Zwitschern? Doch als Cole das gerade fragen will, fällt ihm der von seinen Rufen unbeeindruckte erste Krake ein. Vielleicht hören die alle nichts und es ist besser, einfach auf das Frage- und Antwortspiel mittels der Tafel einzugehen: „Wo sind meine Kameraden?“ Da sieht er in Gedanken eine Schrift vor sich: Alle ihr seid zusammen bald. Er benutzt wieder seine Tafel: „Wir sind Menschen von der Erde.“ Ja. Wir wissen das. Wir sind Denkende hier, kommt als Antwort in seinem Gehirn an.So beginnt ein merkwürdiger Gedankenaustausch. Manchmal erinnert sich Cole an seine Träume. Ihm ist nun fast so, als habe er den Prüfungsraum gar nicht geträumt. Sonst hätten diese Kraken genau denselben Traum gehabt, wenn auch aus der Perspektive des unsichtbaren Lehrers. Diese DENKENDEN Tiere wissen offenbar alles, was ihm darin begegnet ist. Cole fühlt sich entblößt. Seine geheimsten Gedanken und Gefühle haben sie sich ohne sein Wissen angeeignet. Für ihre Zwecke kopiert. Vielleicht wissen sie sogar von Angela. Das Schlimmste kommt mitten im Gespräch: Cole fuchtelt mit den Armen herum. Stößt dabei an seinen Gürtel. Erst durchzuckt ihn ein freudiger Schreck. Die Rettung! Er trägt den Handstrahler bei sich, ist also bewaffnet. Das kann ihm bei der Flucht helfen. Dann der Schock: Diese Monster haben irgendeinen Zugang in sein Gehirn! Wenn sie nun lesen, dass er an Waffen und Flucht denkt? Das darf er jetzt also auf keinen Fall! Aber, verdammt, wenn er daran denkt, dass er nicht an Flucht denken darf, denkt er ja gerade daran! Er muss sich konzentrieren. Bleibt die Hoffnung, dass die Monster die Begriffe Waffe, Strahler und Flucht nicht kennen. Er kann sich nicht daran erinnern, so etwas in seinem Traum beschrieben zu haben. Glücklicherweise lenkt ihn der Rücken eines der Wesen ab. Dort formt sich mit fast fotografischer Genauigkeit das Bild der Ethnologin des Teams. Cole, du wunderst dich über gar nichts! Alles ist ganz natürlich!„Die dünnen braunen Bänder auf dem Kopf sind Haare. Die Frau heißt Ela Lasen. Ihre Kleidung ist zerfetzt“, erklärt er das bekannte Bild, obwohl er sofort stockt. Können die Kraken mit den Begriffen Kleidung und zerfetzt etwas anfangen? Aber vor allem … Wenn sie weiter fragen: welche Antwort könnte Ela in Gefahr bringen?Ela LasenLangsam lichtet sich der Wald. Er gibt ein immer größeres Stück des Himmels frei. Trotzdem muss Ela noch ein paar Minuten marschieren, bevor sie den Waldrand erreicht. Endlich breitet sich vor ihr eine weite Steppe aus. Ungefähr einen Kilometer entfernt erheben sich seltsame Hügel. Was sich da zeigt, ist bestimmt nicht natürlich gewachsen. Jemand oder etwas hat dort Gebäude errichtet. Ela wundert sich nicht, dass diese den modernen menschlichen Behausungen nicht im Geringsten ähneln. Was sie zu erkennen glaubt, erinnert sie am ehesten an vorzeitliche mongolische Jurten, nur eben überdimensional große. Unzählige scheinbar miteinander verbundene Rundzelte bedecken das vor ihr liegende Feld. Ela hätte das Gesamtgebilde nicht ordentlich beschreiben können. Wäre sie mit einem der Landerochen über die Landschaft geglitten, hätte sie die ganze Stadt wohl für eine natürliche Erscheinung gehalten. Die Anordnung der einzelnen Gebäude lässt für ihre Augen kein System erkennen. Nichts, was sie Straße genannt hätte, zum Beispiel. Im Gegenteil. Wenn von weitem überhaupt etwas erkennbar ist, dann nur, dass diese Gebilde alle an mindestens einer Stelle ineinander übergehen. Als ob deren Bewohner unbedingt von jeder Jurte auf der einen Seite zu allen Jurten auf der anderen gelangen wollen und umgekehrt. Eher wie eine überdachte Landschaft als eine Stadt. Eine Landschaft, die durch den in violettes Licht getauchten graubraunen Überzug vorzüglich getarnt ist. Nur, weil Ela so gespannt ist auf ihre Retter, freut sie sich sofort über die wahrscheinlich aufgespürte Zivilisation. Für sie müssen das einfach Behausungen freundlicher, intelligenter Wesen sein.Die Siedlung liegt scheinbar verlassen da. So sehr sich Ela bemüht, sie entdeckt kein menschenähnliches Wesen. Nicht einmal ein nicht-menschenähnliches. Ela nähert sich einer Art Zufahrtsstrasse, also einem auffällig breiten, geraden, glatten Weg, der zu mehreren Toren führt und ansonsten die Ortschaft umkreist, denn in der Ferne führen drei weitere Arme von dieser Straße weg bzw. zu ihr hin. Entschlossen geht Ela nun auf eines dieser Stadttore zu. Sie hofft, dass es wirklich eines ist, und dass man sie einlässt.Der Schweiß rinnt ihr in Strömen über Gesicht und Hals. Ihr Körper verlangt eine Pause. Aber jetzt, da wahrscheinlich die Antwort auf alle offenen Fragen vor ihr liegt, gönnt sie sich keine Ruhe. Ela marschiert kraftvoll vorwärts. Aber dann bleibt sie doch in der glühenden Sonne stehen, völlig im Unklaren, ob sie ihre Zurechnungsfähigkeit eingebüßt hat. Vor ihr liegt ein schlafender Riesenkrake. Genauer ein Gebilde, das so aussieht, und das sie bisher überhaupt nicht bemerkt hat. Notfalls hätte sie selbst die Gestalt noch verkraftet. Doch dass auf der ihr zugewandten Rückenseite des Untiers in leuchtend bunter Schrift „Willkommen, Ela Lasen!“ steht, ist zu viel für sie.Ela dreht sich schnell weg. Sie hätte gern einen frischen Schluck kühlen Wassers getrunken, sich den Mund abgewischt und dann noch einmal zu diesem Etwas hinüber gesehen. Sie kann nur kurz die Augen schließen, sich wieder in die Richtung der Fata Morgana – oder was immer das sein mag – zurück drehen und dann die Augen öffnen. Es hilft nichts. Das Gebilde mit der Leuchtschrift ist noch da. Vorsichtig tritt Ela näher. Kalte grauenvolle Angst. Das ist doch überhaupt nicht möglich. Nur in Albträumen gibt es so etwas. Vielleicht in Horrorbildern, wo die Monster überall – vor, hinter und sogar in ihr – auftauchen. Wird sie gerade wahnsinnig? Vor allem: Je kürzer der Abstand zu dem Monster wird, umso stärker wird Elas Befürchtung, dass es lebt. Sein Rücken hebt und senkt sich wie bei normalen Atembewegungen. Gleich wird es sie packen und verschlingen. Der Rückweg zum Waldrand ist schon zu lang. Hab keine Angst. Wir meinen es gut. Soll die Begrüßung weg?Wieder diese Stimme, die es nicht gibt. Diesmal aber hat sie eine konkrete Frage gestellt, die sie, Ela, mit einem klaren Gedanken beantwortet. Eigentlich nicht … oder vielleicht doch, so als Zeichen, dass alles in Ordnung ist …Schon verblasst die Schrift auf dem Körper. Vor Ela liegt eine außerirdische Abart eines Kraken! Das im Moment leblos erscheinende Tier ist etwa drei bis vier Meter lang. Ela mustert es neugierig. Es ähnelt wirklich denen, die in den Weltmeeren der Erde leben. Der Kopf – jetzt erkennt sie das Gesicht aus ihrer Albtraumvorstellung wieder – wird in seiner Ruheposition durch große, an abgeplattete Kugeln erinnernde Augen beherrscht. Das Wesen hat drei seiner vier Armpaare an den Körper herangezogen. Die deutlich erkennbaren Saugnäpfe verstärken den Gesamteindruck von etwas ungewöhnlich Hässlichem. Das vordere Armpaar ist kürzer als die anderen, aber überall sind diese Narben auf der Haut – oder sind es Saugnäpfe? – und an allen Gliedmassen sind Fingerstümpfe zu erkennen. Ela steht nun dicht vor dem Wesen. Berührt hätte sie die überschuppte Saugnapfhaut zwar nicht, aber wie das Kraken-Monster so still daliegt, verliert es etwas von seiner abschreckenden Wirkung.Darf sich Tzschuk nun bewegen? Er krepiert sonst in der Mittagssonne. …