Lesepr. “Die sieben Kugeln”

Nun bringe ich schon durcheinander, wie oft ich die Geschichte durchgelesen habe. Es bleiben so viele Fragen. Manche werde ich nie beantworten können. Es gibt keine Zeugen mehr. Manche sind mir zu philosophisch. Dafür bin ich bestimmt nicht die Richtige. Zum Beispiel der Anfang. Mir ist nur eines klar: Es hatte alles schon angefangen, bevor ich ahnen konnte, dass ich in ein derart verschrobenes Abenteuer hineingeraten würde, ja sogar lange bevor ein einziger Mensch im Zusammenhang mit den sich überschlagenden Ereignissen an solche Katastrophen gedacht hätte. Aber sollte mir jemand erklären wollen, ich müsste noch weiter zurückgehen als bis zur Kinderzeit von unserm Kommissar, dann geb ich auf. Ach ja: Also nicht, dass jemand denkt, ich hätte was gegen Ausländer. Jedem Deutschen hätte das mit der Kugel auch passieren können, aber … Nein, ich fang lieber an.An der Spitze der Halbinsel Näswerder hätte einstmals ein Stadion entstehen sollen. Schon damals wäre es zwar zu spät gewesen, aber vielleicht noch nicht ganz, um den sich für vernünftig haltenden Bewohnern einige ruhige Erdumdrehungen mehr zu sichern. Aber man musste die Idee letztlich wegen des Grundwassers aufgeben. So verwilderte alles wieder und es blieb im Boden, was dort nicht hingehörte. Die Menschen aus der Stadt errichteten weiter südlich das Neubaugebiet Großer Trooch. Eine autobahnähnliche Straße verband es mit den Bürgerhäusern des Stadtzentrums. Auf die Halbinsel Näswerder aber kam man nur noch über Brücken. Sie hatte sich in eine echte Insel verwandelt.Hätte jene Straße gewusst, wie sehr sie einmal die Welt, wenigstens Europa oder Deutschland, was ja fast dasselbe zu sein scheint, unbedingt aber Großberlin gefährden würde, sie hätte von sich aus, ganz freiwillig, auf ihre Existenz verzichtet oder wenn sie schon hätte sein müssen, dann als Umgehungsstraße mit anderem Verlauf. So aber schnitt sie die Entwicklung Näswerders vom restlichen Mecklenburg ab, was umso schrecklicher war, da eben dieses Mecklenburg sowieso schon mindestens fünfzig Jahre nach der normalen Welt am nächsten Zwischenstopp ankam. Die Leute wollten das nicht anders. Sie duldeten alte bäuerliche Katen neben modernen Häusern im nachgemachten Friesenstil und ohne jeden Stil, Hauptsache man ließ sie in Ruhe. Die Zeiten änderten sich trotzdem. Irgendwann wollte sogar jemand, den man schon von fern als Fremden erkannte, richtiger Näswerderaner werden. Er sagte zwar auch Da brögsst nich zu sstammeln – das hatte ihm seine Frau, die auf Näswerder geboren war, beigebracht – und er gab sich auch sonst große Mühe, wie einer der ihren zu erscheinen. Zum Beispiel hatte er entgegen seinen Traditionen von seiner Frau den Familiennamen Parchmann angenommen. Letztlich half es ihm doch nicht. Er blieb ein Fremder. Den gemeinsamen Sohn traf das am härtesten. Ihn hatten die beiden aus der burmesischen Heimat seines Vaters mitgebracht. Da konnten sie ihm den fremd klingenden Vornamen Rahman nicht mehr wieder wegnehmen. Das wäre aber das Mindeste gewesen, um in der neuen Schule dazuzugehören.Die Kinder waren nämlich noch ein bisschen härter als ihre Eltern, und sie hatten ein eigenes Problem. Ihre Zahl auf Näswerder hatte vor langer Zeit schon nicht mehr für eine eigene Schule ausgereicht. Ein fernes Amt entschied, dass es in der Brechtschule auf dem Neubau-Trooch genug Platz für sie gäbe. Plötzlich wurden die wenigen Näswerder-Kinder in die dortigen Klassen umgeschult. Vielleicht führten sich die ersten Dorfkinder in ihren Anfangstagen an der neuen Schule wirklich komisch auf. Wer konnte das später noch überprüfen? Sicher war nur, dass die Troocher endlich jemanden gefunden hatten, an dem sie sich tagtäglich austoben konnten, Außenseiter zum Hänseln und Prügeln, wann immer ihnen danach war…

Zwei Röntgenaufnahmen hatte er mitbekommen.„Also ich weiß nicht, was das soll…“ Er erkannte eine Aufhellung mit scharfen Konturen in der Mitte. Das kribbelte ungeheuerlich: In der Kugel war etwas verborgen. „Das wäre doch einmal ein Grund zur Freude, wenn die unscheinbare Schale vielleicht so etwas wie einen Edelstein von gewaltigen Ausmaßen verbirgt, oder?“Die Röntgenassistentin hatte sich von Rahmans Lachen anstecken lassen. Es wurde ein schöner gemeinsamer Abend.Sicher war nur eines: Den Kern seiner Kugel bildete ein ansonsten vollkommen ebenmäßig geformter fremdartiger Körper. Ein Kristall so groß wie ein Hühnerei mit abgerundeten Ecken! Andererseits war die Kugel fast so leicht wie ein Ball! Jeder Kern dieser Größe hätte für sich allein schon schwerer sein müssen!In der folgenden Woche besuchte Rahman einen Freund in dessen Werkstatt. Pedro hatte einen eigentümlichen Grund zu feiern: Seine letzte Freundin hatte ihn abserviert. Vielleicht hätte er zugeben sollen, was er wirklich vorhatte: Ein Frustsaufen. Egal. Piet und Norman waren dabei und Rahman, natürlich. Keinem fiel auf, wie sehr der sich beim Trinken zurückhielt. Trotzdem hatte die Truppe schon früh alle Reserven aufgebraucht. So stiegen Piet und Norman aus dem Wetttrinken aus.„Bleibst wenigstens du noch?“Pedros Frage kam Rahmen gerade recht. „Klar“, antwortete er. Jetzt war es so weit. Pedro brachte die anderen zur Tür – und ging runter, Bier holen. Die Zeit musste reichen. Kaum war Rahman allein, lief er zur Werkstatt, holte seine Kugel hervor, spannte sie in einen Schraubstock und setzte einen von Pedros Spezialbohrern an. Es war wie ein Rausch. Zugegeben: Etwas Alkohol hatte er im Blut. Seine Bewegungen waren nicht gerade die eines Arztes. Und er hatte es eilig. Ihm ging dabei nur die Sache mit dem Zahnarzt durch den Kopf. Dieser Reinfall, den er Pedro gegenüber nicht eingestehen wollte – dabei dachte er überhaupt nicht daran, dass er ja irgendeine Geschichte erzählen musste, wenn auch Pedros Bohrer zu Bruch gehen sollte. Rahman fing einfach an. Der Bohrer senkte sich langsam, setzte auf, es stoben ein paar Funken zur Seite, es gab ein schrilles Geräusch und … der Bohrer drang ein, als hätte er ganz normales butterweiches Holz vor sich! Rahman drückte den Rückwärtsgang. Tatsächlich: In der bisher so unverwüstlichen Oberfläche war ein winziges Loch. Zitternd suchte Rahman nach größeren Bohrern. „Das Loch“, murmelte er vor sich hin, „ich muss es vergrößern…“Ein Wunder geschah: Er verletzte sich nicht. Er hörte sogar Pedro rechtzeitig kommen, steckte die Kugel in die Tasche, blies den Staub zur Seite, rannte zurück ins Wohnzimmer … Als Pedro die Tür öffnete, hatte Rahman sich so hingefläzt, als hätte er die ganze Zeit sehnsüchtig auf Nachschub gewartet. Aus Begeisterung über den Erfolg trank er mit Pedro mit, bis beide nicht mehr konnten und wollten. Rahman konnte es kaum aushalten. Er erklärte seinen Eltern, er habe am Wochenende wieder einmal Dienst. Dann rüstete er sich mit unterschiedlichsten Werkzeugen aus. Es sollte ein richtiges technisches Wochenende werden. Dachte er.Er irrte. All sein Werkzeug brauchte er nicht. Am Freitagabend drückte er nur er probeweise die Spitze eines Nagels leicht auf das Bohrloch und klopfte mit dem Hammer darauf. Schon passierte es. Die Schale zerplatzte. Verwundert starrte Rahman auf die Reste der Kugel, die ihn vom Tisch aus staubig angrinsten: Da lag etwas, was verdächtig an ein benutztes Kondom erinnerte, nämlich die äußere Kugelhülle mit Loch, dann lag da ein Haufen grauer Dreck, teils klumpig, teils staubkörnchenfein, aber was Rahmans Blick fesselte, war natürlich der Kern, eben der, der das Röntgenbild so aufregend beherrscht hatte. Ein schillernder und funkelnder Riesenkristall. Rahman nahm ihn in die Hand, putze ihn blank, genoss das Licht, dass aus ihm zurückstrahlte und presste ihn schließlich fest an sich. Seine Faust schien zu glühen, Wärme auszustrahlen, die wohlig durch den ganzen Körper floss. Ein Glückstaumel. Rahman fühlte sich federleicht. Benommen. Berauscht. Fast im selben Moment aber auch tonnenschwer müde. Er schwankte, summte vor sich hin, wiegte sich wie eine maskuline Bauchtänzerin in den Hüften. Dabei zog er sich in Gedanken versunken aus und legte sich ins Bett. Natürlich ließ er während der ganzen Zeit seinen Kristall nicht eine Sekunde los. Er barg ihn in der rechten Hand. Mit der linken streifte er Hemd und Hose vom Körper. Ließ sie am Boden liegen und sich ins Bett fallen. Einhändig zog er die Decke über den Körper. Welch ein Gefühl! Ein unbeschreiblich wertvoller Kristall. Bestimmt! Ein sich kurz aufbäumender Gedanke: Rahman, schon morgen haben sich alle Illusionen in Wohlgefallen aufgelöst. Du kannst ja nicht einmal einen Edelstein von einem ziemlich wertlosen Bergkristall unterscheiden. Wenigstens für diese eine Nacht bin ich reich, antwortete er sich. Dabei vergaß er sich zu wundern. Wer wird schon so unvermittelt müde und schläft dann nicht ein? Irgendwann musste er doch eingeschlafen sein. Diese schwebenden, ihn gnadenlos jagenden Kristalle … Grrr! Und dieser leere Raum. Er war gerannt und gerannt, hatte keine Luft mehr bekommen, … und hätte jetzt schweißgebadet feststellen müssen, dass er sich die Decke über den Kopf gezogen hatte, dann wäre es ein wunderschöner Albtraum gewesen zum Weitererzählen.Aber die Unruhe nahm eher noch zu, jetzt, da er, mit trockener Haut und ohne Decke überm Kopf, aufgewacht war. Wirklich aufgewacht? Ganz sicher? Vielleicht war er nur in den nächsten Traum geraten? Neben ihm zischte etwas. Das war eigentlich nicht möglich. Rahman hatte das Zimmer von innen verriegelt und sein Zimmergefährte war übers Wochenende abgeholt worden. Es konnte also nichts und niemand im Raum sein und zischen. Am liebsten hätte Rahman laut „Ist da wer?“ gerufen. Geantwortet, „Ja. Ich!“ und gelacht. Aber dafür war das Rauschen zu deutlich. Es hörte sich an, als ob Gas aus einem Rohr ausströmte. Oder… Nein, das Geräusch in seinem Zimmer wurde deutlicher, es kam näher. Rahman atmete ein, aus, ein … Er hielt den Atem an. Kein Zweifel: Etwas rauschte vom Tisch her auf ihn zu und das war, so sehr er sich das gewünscht hätte, nicht sein Rausch.Es wurde immer heller. Der ganze Raum war von blauem Dämmerlicht erfüllt. Das kam vom Nachttisch. Die Lampe verbreitete normalerweise natürlich kein blaues Licht, und Rahman hatte sie sowieso erst anschalten wollen. Sein linker Zeigefinger hing noch auf dem Weg zum Lichtschalter in der Luft. Rahman lag da wie erstarrt. Der Lampenschirm! Ungläubig klebte Rahmans Blick auf dessen bisher so herrlich kitschigen Muster. Wie sich der Schirm veränderte. Sich bewegte. Das war … Also er schäumte kurz auf. Ebenso kurz glitzerte er wie von Eiskristallen überzogen. Dann verlor er jede Kontur und schmolz. Auch der Schreibtisch darunter sackte wie in einer Computersimulation zu einem zähen Brei zusammen. Rahmans Blick verfolgte fassungslos die tropfenförmigen Etwasse, die über seine Einrichtung hinwegspritzten. Bläulich leuchtende, sich scheinbar aus eigener Kraft bewegende Tropfen. Ja, wirklich: Die hüpften! Wie lebendig! Immer dort, wo sie auftauchten, lösten sich die gewohnten Dinge in Brei auf. Die Tropfen veränderten ständig ihre Gestalt. Strahlten, glühten, teilten sich. Sprangen weiter, wo alles zähflüssig geworden war, wo nichts mehr stand oder lag …Und Rahman lag in seinem Bett! Wenn sie so weiter machten, hätten sie es bald erreicht! Sich selbst umherspritzend, hüpfend… Ein Traum! Ein Albtraum! Rahman, wach auf! Dumm nur, er kam sich wahnsinnig munter dabei vor. Und das Kneifen mit der linken Hand verursachte echte Schmerzen. Mehr als man träumen konnte. Trotzdem: Wo gab es so etwas sonst? Vor lauter Angst, Schreck oder was auch immer bekam Rahman keinen Laut über die Lippen. Er rührte sich nicht. Gerade noch rechtzeitig, bevor die ersten Tropfen das Bett erreichten, schnellte er dann doch hoch. Landete artistisch auf dem Fensterbrett, dem einzigen Rest seines Zimmers, den die Tropfen noch nicht erobert hatten. Den Weg zur Tür hatten sie versperrt, Tisch und Stühle in der Zimmermitte waren im Brei verschwunden. Vor Rahmans Augen verwandelte sich das Bett, in dem er eben noch gelegen hatte, erst in etwas Glitzerndes. Dann löste es sich auf. Mit etwas tieferem Schlaf hätte er schon schlammige Ruhe gehabt. Mühsam suchte Rahman nach Ordnung in den Gedanken. Einmal angenommen, er sah, was er sah, was sah er dann? Verwandlungen, die immer mit einer Schaumwolke begannen, auf der die ersten Tropfen ritten. Dann Eiskristalle auf der bisher gewohnten Zimmereinrichtung, auf die er notfalls auch verzichten konnte, und dann schmolz alles zu einer breiigen Masse zusammen. Wenn er nicht schnellstens einen Fluchtweg fand, dann konnte er sich schon einmal einen Breiklumpen aussuchen, in den er aufgehen würde. Eine Schaumwolke näherte sich ihm. Inzwischen war auch der letzte Schrank verschwunden. Der Raum war leer. Bis auf den Brei und die lebhaft funkelnden Tropfen an seinen Rändern. Die Zimmertür sank zusammen. Löste sich auf. Gab dem träge fließenden Strom den Weg nach draußen frei … Rahman schöpfte wieder Hoffnung. Unmengen blau funkelnder Tropfen spritzten weg auf den Flur. … Fließt nur, fließt! Sucht euch was anderes! … Warum bildete er sich ein, dass ein Teil dieser Misttropfen an der Mauer nagten und zu ihm hochzuspringen versuchten? … Weg, weg! Die Tropfen ließen ihm immer weniger freien Raum. Scheinbar gezielt rückten sie gegen ihn vor, langsam, aber unerbittlich. Holten sich immer mehr Brüder, Schwestern und gefräßige Nichten, obwohl sie doch längst über den Flur hätten abfließen können. Rahman krallte sich mit einer Hand am Fensterkreuz fest, mit der anderen umklammerte er noch immer seinen Kristall. Er brüllte um Hilfe. Hoffte im nächsten Moment, dass ihn niemand gehört hatte. Für den konnte es doch nur genauso ausgehen wie für ihn selbst. Ihm blieb nur eine Chance: Raus! Da waren zwar ein paar Etagen bis unten, aber …Ja, raus hier! Draußen … Schon hatte Rahman das Fenster aufgerissen. Mit einer Windbö klatschte erfrischender Regen ins Zimmer. Dort, wo er auf die funkelnden Tropfen traf, zischte es und … denkste: Nichts war gelöscht. Im Gegenteil! Einige Breimacher spritzten nach oben. Erreichten Rahman. Nicht viele, aber das war wohl egal. Er merkte es ja nicht mehr. Er hatte sich gerade etwas nach draußen gebeugt, da begann seine Umwandlung. Als eine Glitzerpuppe war der vorgebeugte Teil schwerer als das Beinstück. Das ganze Ding, was einmal Rahman gewesen war, stürzte zum Fenster hinaus. Auf dem Trottoir prallte es auf und zerbrach. In weitem Halbkreis verteilten sich die Bruchstücke. Rahmans Hand am abgebrochenen Unterarm umklammerte noch immer den Kristall und bot sich sofort als künftiges interessantes Fundstück dar. Vielleicht mit zwei Zehntelsekunden Unterschied hätte die ganze Puppe eine Jahrhunderte überdauernde Festigkeit gewonnen. Bevor sie pampig geworden wäre. So aber sprangen die wenigen Tropfen, die mit abgestürzt waren, von ihrem absolut unvollendeten Werk in unbekannte Richtungen davon.

Wir waren nur etwa hundert Meter Luftlinie von der Kienbergspitze entfernt. Standen an einer Gabelung. Der linke Pfad führte bergauf. Wir nahmen den asphaltierten Wanderweg rechts um den Hügel herum. Von den fehlenden Menschen abgesehen sah alles genauso aus, wie es eben in einem stadtnahen Erholungsgebiet aussieht. Asphaltiert für ältere Leute zum Spazieren im Grünen. Dann der Blick ins Wuhletal. Richtiger auf das Feld, das vor Tagen noch das Wuhletal gewesen war. Das erste, was mir auffiel, war die weite, freie Sicht. Kein Hochhaus, kein Plattenbau, kein Eigenheim. So weit wir sahen nichts als eine glatte Fläche, ein erstarrter, ein zugefrorener See. An seinen Rändern brodelte es. Ansonsten ödes, totes Graubraun. Die Wuhle verschwunden, die Froschteiche… Die waren noch ein paar Tage davor der Stolz der Hellersdorfer Naturschützer. Und nun alles Breiwüste.Neben dem Weg zog sich ein Graben hin. Umwuchert von dunkelgrünen Gräsern und Schilf bis hoch auf die etwa drei Meter breite Böschung. Gerade in dem Moment, in dem wir entsetzt, verwundert, überrascht, wie auch immer, die fremde Landschaft vor uns noch nicht richtig begriffen hatten, überwand die zähflüssige Masse die Sperre am Teich. Der Weg in den Graben war frei. Schnell schob sich der Silitbrei vorwärts. Die Ätzertropfen an seiner Spitze hüpften hin und her, als freuten sie sich über so viel frische Nahrung. Ich hatte den Asphaltweg verlassen, stand auf der Böschung, sah den Fluten zu. Jule war oben stehen geblieben. „Faszinierend!“ flüsterte ich, mehr für mich selbst. Ich starrte gebannt auf das Schauspiel: Die Tropfen an den Rändern funkelten in verschiedenen Blautönen. Sie hüpften ohne Beine wie Wasser, das aus großer Höhe auf eine Fläche fiel. Grashalme, die sie berührten, erstarrten nach kurzem Aufschäumen. Sofort verschwand das Grün. Die Halme verwandelten sich. Glitzernde Eisblumen. Kurz darauf schmolzen sie zu grauem Brei zusammen. Lautlos. Geruchlos. Die Sonne wärmte mit voller Kraft. Wir merkten es nicht. „Das wars dann also.“ Ich hockte mich hin. Vielleicht einen Meter von mir entfernt bahnten sich die hüpfenden Tropfen ihren Weg im Grabenbett. Ein richtiger Fluss blauer Lava. Mir war zum Baden zumute. Verrückt. „Bizarr! Einfach bizarr! Was meinst du, Jule, wollen wir so sterben?“„Spinnst du, Marie? Hör endlich auf damit!“ Jules Stimme überschlug sich fast.„Schon gut! Reg dich ab!“Ganz hatte mir dieses Etwas den Verstand noch nicht abgeschaltet. Er warnte mich noch. Das war ja kein irrer Film. Das war real. Trotzdem so was von harmlos. Wenn man nur guckte, beinahe niedlich. Unwirklich vor allem. Selbst Jule wäre wohl am liebsten näher herangekommen. Dabei hätte das ja ihren Tod bedeutet. Ich spürte sie hinter mir. Spürte, sie hatte irgendwie den Moment verpasst, an dem sie mich hätte festhalten können. Hörte sie keuchen und da besiegte mich ein Rausch. Ich konnte einfach nichts gegen den Sog ausrichten. Begann zu tanzen. Drehte mich im Kreis. Konnte kaum noch etwas sehen. Nur noch Jule, die mich entsetzt anbrüllte: „Bist du übergeschnappt? Vergiss deinen Meister…“ Da drehte ich mich einfach von ihr weg. Die ersten Tröpfchen waren auf einen halben Meter heran. Zu Jule vielleicht einen Meter mehr. Was sang ich da nur für einen Quatsch? „Weißt du, ist das nicht schön? Da ist der Tod. Wir können ihn sehen, nicht verstehen. Unser irdisch Jammertal war einmal. Ende aller Not. Bald ist alles hier vorbei – einerlei. Für die Bäume, Pflanzen, Tiere ist noch alles so wie immer – niemals schlimmer. Ihnen ist es einerlei, dass bald alles ist vorbei. Deshalb haben sie vom Glück auch das allergrößte Stück.“ Plötzlich rief ich mit veränderter Stimme: „Jetzt lass mich das mit der Gitarre ausprobieren! Mal sehen, ob wir in kosmische Sphären aufsteigen.“ Jule kreischte: „Marie, komm! Wir wollen gehen! Wir haben gesehen, was wir wollten. Wir können jetzt nach Hause. Wir …“Aussichtslos. Auf meinen Lippen lag das Lied, das ich noch nie zuvor gehört hatte. Als ob eine fremde Kraft mir Reime in den Mund legte. Etwas trieb mich, Jule mein Gefühl zu erklären: „Ich bin nicht ich. Das ist unheimlich. Schrecklich und schön zugleich. Ich kann mich wie eine Fremde sehen. Ich greif in die Saiten, ich kenn das Lied nicht. Ein wunderschönes Lied, ein wunderschöner Tanz. Wären nur nicht die tödlichen Tropfen so nahe! Ich will mich ja wehren. Es fällt mir nur so schwer. Sind das die sphärischen Klänge?“ Inzwischen drehte ich mich wieder langsam im Tanz. Sah nun Jule vor mir. Sah sie stehen wie eingefroren in einen Albtraum. Sah sie mich anstarren. Hilflose Angst in den Augen. Nur noch Sekunden und die Ätzer hätten mich erreicht. Jule wollte etwas rufen. Oder mich schlagen, damit ich endlich zu mir käme. Ganz deutlich sah ich ihr das an. Sie war so bedauernswert unentschlossen… Oder?Da stoppte ich. Zitterte. Was war das? Was hatte Jule? Ihr Blick ging an mir vorbei, durch mich hindurch. Hatte auch sie die hypnotische Kraft des Fremden erfasst? Ja, das musste so sein, aber irgendwie…Ich hörte auf zu spielen, zu tanzen. Rief Julia an, fast schon wieder ich selbst: „Was ist? Hey? Hallo? Siehst du Gespenster? Hey, ich bins! Ich leb noch! Is ja schon gut, ich hab mich nicht verändert. Komm, vergiss Kantha Inar!“In Zeitlupentempo streckte Jule ihren Arm aus. Sie deutete auf die Front der Ätzer. Ich drehte mich um, suchte, was Jule so verwirrt hatte. Stutzte. Wollte nicht glauben, … Fragte leise, fast furchtsam: “Du meinst …“ und Jule antwortete: „Na guck doch hin!“Normalerweise antworte ich dann Was meinst du, was ich die ganze Zeit mache? Diesmal aber stierte ich weiter ungläubig auf das Gras. Ich stand ja in der Mitte eines Halbkreises! Ohne Jule wäre mir das vielleicht nie aufgefallen. Um mich herum hatten die Ätzer-Tropfen zuerst die Gräser gefrostet wie an den anderen Stellen. Dann aber musste sie etwas gestoppt haben. Die Tropfen waren selbst erstarrt. Mein Halbkreis war ein Stück Eisblumenwiese. Überall sonst schwemmten die Ätzer mit ihrem Brei über den Weg.Jule flüsterte: „Spiel weiter! Bitte, spiel weiter!“Ich schaute sie zweifelnd an. „Du meinst wirklich, ich …?“„Was denn sonst?“Hektisch versuchte ich eine neue Melodie zu improvisieren. Es wollte einfach nicht gelingen. Mein Lied war weg! Ich rang der Gitarre nur ein Wimmern wie unter Schmerzen ab. Es musste doch so schnell gehen!Endlich ein einfacher Rhythmus. Ich richtete die Gitarre wie eine Maschinenpistole auf die Tropfen. Hinter mir deutete Jule auf den erstarrten Wiesenabschnitt: „Da! … Guck doch! Und da! …“ Ich schlug in die Saiten wie besessen. Nein, nicht mehr unter der Wirkung irgendeiner fremden Kraft, sondern im Gefühl der Freude über einen unerwarteten und unverständlichen Sieg. Es ging, es ging!Wir merkten beide nicht, dass fünf Soldaten durch das Unterholz auf uns zu stürmen. Überrascht, verwirrt, nichts begreifend standen wir plötzlich zwischen lauter uniformierten Männern. Wurden gepackt. An den Armen gezerrt, weg von dem Weg, weg von den Ätzern, raus aus der Gefahrenzone. Schrieen, schlugen um uns. Nein wir versuchten es nur. Die Griffe waren fest. Unsere Füße hoben vom Boden ab.„Seht doch hin! Es ist gelöst! Sie sind nicht gefährlich. Man muss nur spielen. Mit der Gitarre. Dann hören sie auf! Glitzern wie …“ Jule schimpfte. „Heh, hört ihr! Wir wollen nicht sterben. Wir haben dort niemand drin verloren! Wir haben nur…“ Wir verstummten fast gleichzeitig, sanken erschöpft zusammen, rührten uns nicht mehr. Die Beruhigungsspritzen wirkten. Die Gitarre blieb unbeachtet liegen. Später, als ich dem Arzt von meinem Spiel mit der Gitarre erzählte, als ich erzählte, was ich selbst nicht verstand, dass also mein Spiel die Kraft der Ätzer für einen Moment überwunden hatte, war der Weg am Kienberg längst von gleichförmigem Silitbrei überschwemmt. Und mit ihm die Gitarre.Man hatte uns zur Notbehandlung ins Krankenhaus Eberswalde geschafft. Der Aufnahmearzt lächelte mitleidig. „Soso, also eine Gitarre…“Ich wollte ihn gerade anbrüllen. „Natürlich eine …“, da traf mich dieser Blick. Ich ließ mich ins Kissen zurück fallen.Schon am nächsten Tag wurden wir entlassen. Das Krankenhaus war überfüllt. Wir hatten uns abgesprochen, nicht mehr von der Sache mit dem Gitarrespiel zu erzählen. Sonst hätten sie uns vielleicht da behalten. Uns fehlte doch nichts.Jule versuchte es noch einmal bei der Zarge. Die hörte sie aufmerksam an. Dann sagte sie: „Ach, Jule, weißt du. Ich wünschte auch manchmal, dass sich Probleme so leicht lösen lassen.“ Wie zertrümmert hatte sich Jule danach bei mir ausgeheult. „Nicht einmal die glaubt mir!“Muss ich zugeben, wie fertig ich selber war? „Wieso hätte sie auch?“ antwortete ich. „Das ist alles so absurd, das sollten wir besser mit ins Grab nehmen. Vorübergehend hab ich gestrichen die Schnauze voll, die Welt zu retten. Scheiß Kantha Inar!“ Ich hockte mich hin, legte Jule die Arme auf die Schultern, wartete schweigend, worauf auch immer. Sprach nach einer Weile weiter. „Ich hab alle Dateien aus dem Internet runter geladen. Gelesen. Die Stelle, die mich vor kurzem noch so gefesselt hat, weil sie mir so prophetisch vorgekommen ist,…. Weißt du, davor und dahinter klingt alles ganz anders. Echt versponnen. Total ernüchternd. Ich hab wohl genau jene Sätze herausgefischt, die zu diesen Ätzern passten.“ Wir schwiegen zusammen. Dem Meister strömten die Jünger zu Tausenden zu. Sie verschwenden das letzte Papier für Weltuntergangspamphlete und erklären den Silitbrei zu einer ehrlicheren Welt. Ein Glück, dass ich offenbar noch nicht ganz so abgedreht war. Trotzdem. Bei uns beiden war doch tatsächlich etwas Unerklärliches passiert … wenn auch nicht das, was dieser Prophet vorhergesagt hat. „Ich begreif einfach nicht, wozu das Ganze gut sein sollte. Die Welt ist einfach nicht gerecht! Warum mussten ausgerechnet zwei wie wir das entdecken. Was man uns nicht glaubt. Logisch. Wir habens zwar erlebt, aber als mein eigener Vater hätt ich mich ausgelacht! Ich verfolg die Berichte und Karten, wie der Ätzerherd größer wird und niemand weiß einen Weg dagegen – und wir wissen ihn und trauen uns nicht, ihn weiterzusagen, um nicht in die Klapse zu kommen! Krasser gehts nicht. Ob wohl ordentliche Forschung ohne unsern Esoterik-Scheiß die Gefahr besiegen wird? Da wär ich gern bei. Anstatt dessen ärger ich mich mit Chemie- oder Biolehrern rum.“ „Komm, reden wir nicht mehr davon! Das ist abgegessen.“ „Na gut.“ Ich lächelte wieder. „Du sollst auch mal das letzte Wort haben.“