Leseprobe Märchen 2

 

Su-un und der Berggeist

In einem kleinen Dorf im Großen Hochland lebte in Zeiten, in denen auch Erwachsenen noch Haare wuchsen, ein Junge, der Su-un, der Beschenkte, genannt wurde, glücklich bei seinen Eltern.

Eines Tages besuchte ein Fremder die Bewohner des Dorfes. Auch in der Hütte von Su-uns Familie kehrte er ein. Er war längst weitergezogen, da brach in dem Dorf eine Seuche aus. Sie hieß Schneller Tod, weil die Betroffenen starben, ehe sie recht bemerkten, dass sie überhaupt krank waren. Nach wenigen Tagen war schon ein Drittel der Dörfler dahingerafft. Der Tod jedoch nahm nur die mit sich, die längst der Jugend entwachsen waren. Hilflos vagabundierten nun viele Kinder umher, denen plötzlich die Familie fehlte.

So schnell aber, wie die schreckliche Krankheit gekommen, verschwand sie auch wieder. Als schon sieben Tage lang kein einziger Spank mehr von ihr geholt worden war, atmeten die Überlebenden auf und begannen der Toten in Würde zu gedenken.

Wie erschrak Su-un, als er am darauf folgenden Tag erwachte und die Eltern rührten sich nicht mehr! Lange versuchte er, sie zu wecken, doch dann musste er es einsehen: Er war allein.

Was sollte er jetzt tun? Vielleicht nähme die Nachbarsfamilie ihn auf. Deren Tochter Su-an war ihm sehr zugetan. Auch ihm war sie eine liebe Schwester und Freundin in einem. Aber er wäre sicher eine Last für die Leute, denn ihr Heim war auch jetzt schon recht beengt, obwohl sie nur zu dritt darin lebten. Su-un setzte sich auf eine Bank am Fenster der Hütte und dachte nach. Da fiel sein Blick auf die drei großen Felsen auf der anderen Seite des Dorfes. Er schluckte. Ob sich ihm dort eine echte Chance bot? Sollte er den geheimnisumwitterten Berggeist um Hilfe bitten?

Viele Geschichten hatte der Junge über diesen Geist gehört, Gruselgeschichten meist, mit denen die Kinder des Dorfes erschreckt wurden. In anderen Erzählungen dagegen vollbrachte der Geist wahre Wunder, um Spank aus verzweifelter Lage zu retten.

Su-un schwankte zwischen Hoffnung und Furcht. Er zögerte lange, die Hütte zu verlassen. Der Berggeist, so erzählten die Alten, hause seit Urzeiten in einem der drei steilen Felsen und er habe große Macht. Niemand wusste wirklich, ob gute oder böse. Je unheimlicher er ihnen war, umso böser stellten die Spank sich ihn vor.

Seit 1000 Jahren hatte niemand mehr den Geist von Angesicht gesehen, viele aber behaupteten, ihn gehört zu haben. Alle jedoch glaubten sie, dass er in einer großen Höhle wohne, die man durch einen fast zugewachsenen Spalt im mittleren Felsen erreichen könne. Dieser Spalt sei so schmal, dass höchstens ein Kind hindurchpasse, wenn es sich dünn mache. Su-un vermeinte sich zu erinnern, welcher Spalt gemeint sei. War er dort nicht schon einmal gewesen?

Mehrere Kinder hatten einen Ausflug gemacht, von dem ihre Eltern auf keinen Fall erfahren durften. Dabei war Su-un abgerutscht. Wie hatte er sich gewundert, an einer Stelle nicht wie erwartet auf nackten Fels, sondern auf Gräser und zwei sich aneinander festhaltende Büsche des Schlingenden Bergmauls zu stoßen. Ob dahinter wohl etwas verborgen wäre? Er hatte seine Freunde gerufen. Mit Stöcken bewaffnet hatten die Kinder versucht, gegen die Büsche anzukämpfen. Sie waren damals in ungebremstem Lauf geflohen! Plötzlich war nämlich ein grausiger Schrei aus dem Inneren des Felsens ertönt: „Weeer stööört mich?“

Su-un erinnerte sich jenes Erlebnisses, als wäre es am Vortag gewesen. Dieser ungewöhnliche Klang der Stimme! Su-un fehlte das rechte Wort, ihn zu beschreiben. Aber der Junge war sich sicher: So musste etwas klingen, das durch einen engen Spalt nach draußen drang.

Su-un erschauderte. Sollte er wirklich dorthin? Seit jenem Nachmittag hatten die sieben an dem Ausflug beteiligten Kinder nichts mehr gemeinsam unternommen, ja, sie hatten sich gleich danach zerstritten und …

Su-un stockte. Hatten nicht mittlerweile alle, die dabei gewesen waren, ihre Eltern verloren? Er war der Letzte, dem das geschah. War das vielleicht eine Strafe dafür, dass sie bis zum Eingang der Geisterwohnung vorgedrungen waren? War der Geist vielleicht noch viel böser, als die Alten glaubten?

Sollte er nicht wenigstens zusehen, wie er zu einem Schwert käme? Doch dann überlegte Su-un, dass er einerseits mit einem Schwert wohl ohnehin wenig gegen einen Geist ausrichten konnte, andererseits aber deutlich zeigte, dass er gegen einen Feind zöge.

Su-un war hin und her gerissen. Kaum glaubte er, er hätte sich endlich entschieden ein paar Schritte zu gehen, da packten ihn die Zweifel besonders heftig: Sollte denn ausgerechnet er stark genug sein? Und während er dies dachte, blieb er wieder stehen, um einen guten Einfall abzuwarten.

So ging das eine Weile. Zehn Schritte voran. Stehenbleiben. Zehn Schritte voran. Dazu flüsterte der Junge: „Ich habe keine Angst, ich habe keine Angst!“

Als Su-un jedoch vor den beiden Büschen Schlingenden Bergmauls stand, war alle Furcht wie weggeblasen. Jetzt zählte nur noch die Hoffnung, Mutter und Vater in der Hütte wieder zum Leben zu erwecken, sollte alles gut ausgehen. Nicht einmal der Schrei aus dem Spalt schreckte ihn. Unbeirrt drehte sich Su-un zur Seite, um sich in den Berg hineinzuzwängen.

Geschafft! Doch was war das? Erstaunt rieb sich Su-un die Augen. Das Tageslicht hatte zuerst verhindert, im dunklen Berg etwas zu sehen. Dann aber gewöhnten sich die Augen an das Dämmerlicht, und Su-un fand sich in einer gewaltige Höhle mit Stalagmiten und Stalaktiten ringsum wieder, vor sich eine riesige geöffnete Schatztruhe, die zu leuchten schien. Am anderen Ende des Raumes verengte sich die Höhle wieder zu einem dunklen Gang, der tiefer in den Berg hineinführte.

Su-un würdigte die Kiste kaum eines Blickes. Glänzendes Metall und fein gearbeiteter Schmuck? Was sollte er damit? Verlockender Reichtum?! Er hatte ganz andere Wünsche. Festen Schrittes näherte er sich dem Gang, der wie der Spalt am Eingang so schmal war, dass zumindest kein erwachsener Mann sich hindurchzuzwängen vermocht hätte.

Für Su-un jedoch war es ein Leichtes. Es dauerte gar nicht lang, da hatte er eine zweite Höhle erreicht, die von selbst zu leuchten schien. In ihrer Mitte stand ein Mann mit einem weißen Rauschebart. Dieser Mann schien sich ständig zu verändern. In einem Moment stand er da als Zwerg mit einem breitkrempigen Spitzhut, viel kleiner als Su-un selbst, im nächsten wieder als Riese, dessen lange, struppige Haare gegen die Höhlendecke zu stoßen schienen.

Was kostete es Su-un für Kraft, nicht gleich umzukehren vor Angst. Doch er schaffte es, sein Entsetzen zu zügeln. Wer vielleicht seine Eltern vom Tod zurückholen konnte, der musste wohl so schrecklich aussehen. Für einen winzigen Moment schloss Su-un die Augen. Dann straffte er entschlossen die Schultern und schritt auf den Berggeist zu.

Endlich ist mal einer gekommen, mir die Haare zu kämmen anstatt sich die Taschen mit dem Gold meiner Truhe vollzustopfen“, dröhnte der. „Seit tausend Jahren wächst und wächst die Pracht auf meinem Schädel und ich selbst vermag sie nicht zu entflechten, da ich den Kamm nicht beständig halten kann. Na, Kleiner, kannst du? Dann fang mal an!“

Der Geist hieß den Jungen, auf ein Felsstück zu klettern. „Du Zwerg musst doch mein Haupt erreichen, wann immer ich wieder einmal meine wahre Größe angenommen.“ Mit diesen Worten reichte er dem Jungen einen Kamm mit drei steinernen Zinken.

Su-un begann, das struppige Haar zu entwirren, als wäre er genau deshalb gekommen. Die Arbeit trieb ihm Schweiß auf die Stirn, war doch allein schon dieses Werkzeug zu schwer für ihn. Aber darüber hinaus galt es ja auch darauf zu achten, dass der Geist mitten im Kämmen schrumpfte. Su-un musste dann sein Tun unterbrechen und wie erstarrt verharren. Wenn der Geist wieder ein Riese war, hätte Su-un ihn ja verletzt, hätte er nicht genau an derselben Stelle wie zuvor weitergemacht.

Endlich war die Frisur fertig und der Junge fragte: „Gefällt es Euch so?“, und der Riese bewunderte sich im Spiegel.

Du bist ein wohlerzogener Junge“, sprach er und nickte Su-un zu. „Du kannst wiederkommen, wann immer du magst, und wenn du einen Wunsch hast, so sprich ihn nur aus. Ich werde tun, was ich kann.“

Also erzählte Su-un von seinen geliebten Eltern, ohne die er nicht aufwachsen wolle, aber der Schnelle Tod habe sie geholt. Das sei erst so kurze Zeit her, dass man sie vielleicht noch zurückholen könne. „Könnt Ihr das?“ Hoffnungsvoll schaute das Kind den im Moment gerade riesigen Geist an.

Der aber sah mit unergründlichem Blick auf den Jungen hernieder. "Der Tod will aber seine Zahl!", grollte er dann.

"Da müssen meine Eltern doch nicht dazugehören, oder?“, fragte Su-un mit trockenem Mund.

Nein. Dann sterben anderswo andere nur ein wenig früher“, antwortete der Geist und sah den Jungen abwartend an.

Der aber biss sich nur auf die Lippen.

Da begann der Geist zu flirren. „Nun denn“, murmelte er und plötzlich sah es aus, als wäre er nicht mehr nur Riese und Zwerg zugleich, sondern stünde in der Höhle und schwebe zur selben Zeit fast durchsichtig an deren Decke und wohl auch anderswo. Das dauerte nur kurze Zeit; schon war alles wieder wie zuvor. Der Geist fuhr sich mit der Hand durch sein jetzt geglättetes Haar. „Kein Grund zum Weinen!“, knurrte er. „Deine Eltern sind glücklich und gesund in ihrer Hütte, aber spute dich: Sie fangen schon an, dich zu vermissen.“

Vor lauter Ungeduld brauchte der Junge mehrere Anläufe, um durch die beiden Spalte zu kommen, und dann rannte und rannte er so schnell, dass er vor lauter Freude beim Stolpern nicht einmal hinfiel. Daheim riss er die Türe auf und fiel erst der Mutter in die Arme und dann dem Vater, stotterte „Ich hab euch lieb“ und die Mutter sagte „Nun komm erst einmal wieder zu Atem“ und der Vater „Nun erzähl nur, was passiert ist.“ Da ging Su-un auf, dass die beiden wohl gar nicht wussten, dass sie tot gewesen waren, und er sprach glücklich „Ach, nichts. Ich war nur … am Felsen.“

Mutter und Vater schüttelten den Kopf. Sie wunderten sich über den vernünftigen Sohn, der an diesem Abend keine Ermahnungen brauchte. Freiwillig ging der Junge zu Bett. Ermattet, aber glücklich fiel er in einen tiefen Schlaf.

Irgendwann des Nachts jedoch rüttelte und klopfte es an der Hüttentür. Gerade in dem Moment, als Su-un die Augen aufschlug, öffnete der Vater die Tür. Draußen aber stand Su-an, und sie sank in den Armen von Su-uns Vater schluchzend zusammen. „Meine Eltern“, stotterte sie unter Tränen, „… Vorhin … der Schnelle Tod … Meine …“

Entsetzt schlug Su-un die Hand vor den Mund. Ihm schwante Grausiges.

Nun setz dich erst einmal hin und erzähl!“, sprach der Vater. Und das Mädchen erzählte vom Tod der Eltern und dass es jetzt ganz alleine auf der Welt sei, und als das Mädchen geendet hatte, schwieg der Vater einen Moment. „Was machen wir denn mit dir?“ Fragend sah er zu seiner Frau.

Du musst ja irgendwo bleiben, aber wir haben doch keinen Platz …“, stammelte Su-uns Mutter.

Lasst sie in meinem Bett schlafen!“, rief der Junge schnell, der jetzt dazukam. „Ich schlafe gern auf dem Boden. Ich wollte immer schon einmal auf Holz schlafen. Bitte … Bitte!“

Seine Eltern sahen ihn erstaunt an, fügten sich aber seinem Wunsch, denn ihr Angebot, doch mit bei ihnen im Bett zu schlafen, hatte der Junge entschieden zurückgewiesen. „Ich bin doch kein kleines Kind mehr“, hatte er gerufen. Die Eltern wunderten sich ein wenig über seine Beharrlichkeit und die Zärtlichkeit, mit der ihr Sohn die Nachbarstochter in seine Decke einhüllte. „Als ob er sich selbst für etwas bestrafen will“, orakelte die Mutter und der Vater besänftigte sie: „Du sollst nicht immer das Schlimmste annehmen. Der Junge hat eben ein weiches Herz.“

Am nächsten Tag musste Su-un hilflos zusehen, wie seine Eltern sich um die verstorbenen Nachbarn kümmerten, besser gesagt, dabei sah er nicht wirklich zu, sondern er tat, was alle von ihm erwarteten: Er kümmerte sich um Su-an. Die erste Gelegenheit, sich heimlich wegzuschleichen, ergab sich demzufolge erst am darauf folgenden Tag.

Das warst du, stimmt's?!“, brüllte er den Geist im Berg an.

Nein, mein Kind. Das war der Tod. Der Tod will seine Zahl, dem kann selbst ich mich nicht entgegenstellen. Aber warum regst du dich auf? Ich habe es dir gesagt. Du weißt also, dass du selbst Schuld daran trägst.“

Su-un war noch immer außer Atem vom Rennen. Das war aber nichts gegen den Drang, seiner Wut Luft zu machen.

Du hast mich ausgetrickst, einfach meine Eltern gegen die der unschuldigen Su-an ausgetauscht. Das ist gemein. Ich mag sie.“

So kämme mir erst einmal mein Haar, damit du meine Antwort in Ruhe anhören kannst.“

Erst jetzt bemerkte Su-un die Zotteln auf dem Kopf des Riesen, und er erinnerte sich der Belohnung, die ihm seiner Mühe wegen zustehen könnte. Allmählich beruhigte er sich.

Nun höre und verstehe“, sprach der Berggeist schließlich: „Erinnerst du dich deiner Gedanken, die dich beim letzten Mal zu mir getrieben? Sie waren allein auf dich gerichtet. Du warst traurig und bekümmert, was für eine dunkle Zukunft dir bevorstehen könnte. Klar. Das ist natürlich. Aber das Schicksal aller anderen Spank war dir völlig egal. Selbst nachdem ich dir von der Zahl berichtet hatte, die der Tod fordert. Ob du durch deine Freude das Glück eines Anderen zerstören könntest, hast du nicht einen Moment bedacht. Hätte ich den Tod deiner Eltern gegen den zweier dir fremder Spank ausgetauscht, nicht einen Moment hätte es dich gerührt. Nur weil dir Su-an näher steht, als du es deinen Freunden gegenüber eingestehen würdest, bist du jetzt so betroffen. Mein Kind, jeder Spank möchte glücklich sein, und es wäre vermessen, wolltest du entscheiden, wer es verdient und wer nicht. Vielleicht habe ich dich zu gut bewertet, als du meine Testkiste mit dem Reichtum ignoriert und deinen Wunsch zurückgehalten hattest, bis mir der meine erfüllt war. Heute habe ich Zweifel, ob du Belohnungen verdient hast, denn heute hast du dich nur noch in der Hoffnung auf die Belohnung gerührt.“

Und wenn du den Tausch rückgängig machst? Ich wünsche mir, dass Su-an nicht meinetwegen leiden muss.“

Als Riese lächelte der Geist, als Zwerg jedoch zog er seine Stirn kraus.

Das wäre vielleicht ein Anfang. Reinen Herzens ist der Wunsch aber auch nicht. Du sorgst dich nämlich am meisten darum, dass du von nun an dein schlechtes Gewissen nicht los wirst. Gewissen ist gut, aber was wäre das für eine Welt, in der die Spank alle möglichen Schrecklichkeiten anrichten könnten, und wenn dann der Schaden da wäre, bräuchten sie nur sagen, das möchten wir rückgängig machen, und schon wäre alles wieder gut?! Nein, es kommt darauf an, vorher zu bedenken, was nachher herauskommen kann, und zwar nicht immer nur das am nächsten Liegende, sondern auch mögliches Anderes.

Aber bevor du mit mir diskutierst: Es ginge sowieso nicht. Bedenke: Im Fall deiner Familie warst du der Einzige, der vom Tod deiner Eltern wusste. Bei Su-ans Eltern jedoch wissen es schon viele. Wie willst du denen allen erklären, dass die beiden Spank doch wieder leben? Erwähnst du mich nicht, weiß ich nicht, was geschieht, aber bestimmt Schlimmes, erwähnst du mich aber doch, dann weiß ich, mir geschieht Schlimmes, weil jeder dann seine Liebsten wieder zum Leben erwecken will. Und ich könnte mich der vielen Wünsche, die unschuldige Kinder an mich herantragen würden, nicht erwehren. Also nein, geh jetzt! Wenn du beweist, dass du meine Lehre verstanden hast, komm wieder und wünsche dir, was immer du willst. Ich werde mein Bestes geben.“

Zerknirscht schleppte Su-un sich zurück. Mit großem Eifer bedrängte er die Eltern, Su-an in die Familie aufzunehmen. Er habe sich heimlich immer schon eine Schwester gewünscht, es nur nicht zu sagen gewagt. Er würde auf sie aufpassen und nicht mit ihr streiten. Er würde auch immer gehorchen. Er versprach all die Sachen, die Kinder versprechen, wenn ihnen ein Wunsch wichtig ist. Und die Eltern waren verwundert und Su-an war erfreut und am Abend bestand sie darauf, dass er in seinem Bett schlafe und sie brauche nur ganz wenig Platz neben ihm. Am nächsten Morgen aber begannen alle gemeinsam für das neue Familienmitglied ein eigenes Bett zu bauen mit einem stabilen Gestell und einer Matratze aus Stroh und einem Daunenbett dazu und Kissen zum Zudecken.

Manchmal, wenn Su-un Su-an leise weinen hörte, schlich er noch leiser zu ihr hinüber unter die Daunen und wärmte sie und streichelte sie, bis sie endlich eingeschlafen war. Dann wagte er nicht, sich von ihr zu lösen und in sein eigenes Bett zurückzukehren. Es hätte sie vielleicht geweckt.

 

Jahre vergingen. Su-un hatte die Versprechen, die er den Eltern gegeben, viel seltener gebrochen, als es andere Kinder tun. Immer waren Su-un und Su-an zusammen. Alle Welt wusste, die beiden waren unzertrennlich. Zwar bestand „alle Welt“ nur aus vier Dörfern im Umkreis, aus denen sich besonders die jungen Leute gegenseitig zu Festen besuchten, aber die zwei waren allzu offensichtlich füreinander bestimmt. Nur sie selbst betrachteten sich allein mit der Dankbarkeit von Kindern, die einander gern haben, weil sie sich in ihrem schlimmsten Augenblick beigestanden.

Bis dann der Tag kam, da bemerkte Su-un Su-an, wie sie aus dem Bergsee stieg und sich in der Sonne ihre Haare kämmte Plötzlich durchschoss Su-un der brennend heiße Wunsch, diese junge Frau möge für immer zu ihm gehören, und so sehr er sein Innerstes durchforschte, nichts gab ihm eine Antwort, ob denn dieser Wunsch allein auf sein eigenes Glück gerichtet war und ob er nicht zumindest dem Mädchen da in der Sonne vielleicht wieder Kummer bereiten würde. Die Eltern waren nun gebrechlich und bedurften seiner Hilfe. Würde er sie vernachlässigen? Würde Su-an seine Freundschaft bezweifeln, wenn sie wusste, er wollte viel mehr von ihr? Vielleicht war sie gar nicht bereit, ihm mehr zu geben?

Der Anblick des Kammes jedoch erinnerte ihn an eine Möglichkeit.

Jetzt war es soweit. Der Berggeist konnte helfen. So wanderte Su-un den Weg, der ihm vertraut war, obwohl er ihn all die Jahre nicht gegangen, hin zu jenem Spalt. Den fand er auf Anhieb wieder, doch so sehr er sich auch mühte, er passte nicht hindurch. Grübelnd wanderte er heimwärts.

Am Abend dieses Tages nahm er Su-ans Kopf in die Hände, zog ihn zu sich heran, küsste die junge Frau auf den Mund, wie er es noch nie getan hatte, ließ sie los und sah sie ängstlich abwartend an …

Wenn Su-an viele Jahre später geahnt hätte, woher ihre drei Kinder wirklich gerade kamen, wenn sie „Vom Spielen, draußen“ antworteten, sie wäre besorgt gewesen wie jede andere Mutter auch, aber doch nicht so sehr wie Vater Su-un. An den Felsen hatten die Kinder eine unheimliche Stimme gehört und vergeblich versucht, ihre Herkunft zu ergründen. Immer, wenn sie nur unter sich waren, fing eines neu an: „Ich habe den Berggeist gesehen und er ist riesig und hat freundlich gelächelt.“ Das älteste belehrte seine Geschwister dann: „Ein Zwerg war's. Außerdem gibt es den Berggeist überhaupt nicht.“ Sich durch den Spalt zu drängen hat sich keines getraut. Warum auch? Dafür waren sie viel zu glücklich.  

 

 

 

Autor: Slov ant Gali

27. März 2015 / Stand 2021

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