Ich wurde Gott

Posted by frieden on 19.2.2012as


Klappentext
Fred lachte laut. Es klang nicht echt. Der Schreck war zu frisch, um ihn zu überspielen. Doch die anderen 16jährigen merkten es nicht. Schließlich hatte er das „Abenteuer Zeitreise“ gewagt und war in das Zelt gegangen. Nun lauschten sie, wie er wild gestikulierend erzählte: „… Stellt euch vor, es ist noch keine 2000 Jahre her da haben die Leute solchen Humbug geglaubt! Na, war auch ne echt starke Show. Gruselig. Die Beleuchtung, die Kugel, die Maske, der hypnotische Blick. Und die Stimme erst! Ein Tonfall, da läuft´s einem kalt den Rücken runter: „Sie werden einmal mehr Mädchen haben, als Sie sich jetzt vorstellen können. Ein ganzer Kontinent wird Ihnen zu Füßen liegen. Sie werden ein Gott sein. Mächtig und rücksichtslos. Sie werden sich vor sich selbst fürchten, sich fragen, was bin ich nur für ein Mensch?! Alles, was Sie jetzt noch als normal empfinden, wird ihnen ferner sein als die fernste Vergangenheit. Aber noch können Sie diesem Schicksal entgehen. Reisen Sie nicht! Ich flehe Sie an, reisen Sie nicht!“ Am Abend nach dem Jahrmarktsspaß gingen die Jugendlichen tanzen. Bald hatte Fred alles vergessen. …
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… „ … Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen…“
… Fantastisch, diese Gebete! Sie haben das einfach vor sich hin gemurmelt. Die Formel beschwor einen allmächtigen Gott, er möge ihnen ihre Schuld, welche auch immer, vergeben, und er vergab ihnen. Musste er ja, denn es gab ihn doch nur in ihrer Einbildung. Dafür vergaben sie dann auch allen Anderen deren Schuld. Hauptsache Vergeben.Die Menschen damals waren echt gut dran. Von Bösem erlöst werden – musste das nicht ein herrliches Gefühl gewesen sein? So viel Böses machen zu dürfen und eine Einbildung vertreibt das schlechte Gewissen? Immerhin hatten sich die Leute in diesen Jahrtausenden etwas bewahrt: Die Angst vor der Versuchung. Sie fürchteten, Böses zu tun, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten, hofften, gar nicht erst in eine Situation zu geraten, in der sie Böses täten. Ich habe solche Angst nicht. Aber was sollte ich auch je wirklich Böses anrichten? Wir tun doch alle nur unser Bestes …
Aus einer Textinterpretation, geschrieben von Fred Majorus im Alter von 12 Jahren, festgehalten im Erinnerungsbuch der 3. Europäischen Oberschule Merkurville für ihren verschollenen ehemaligen Schüler
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Immer wieder verharrte der Mann. Er sog die trockene Herbstluft in sich ein, lauschte auf die Geräusche der Umgebung, schien innerlich zu nicken. In der Nähe knackte es. Aber das war sicher nur ein aufgescheuchter Kasal. Harmlos also. Zu sehen war jedenfalls nichts. Der Mann beugte sich vor, befühlte sein rechtes Bein, atmete gepresst, drückte den Rücken wieder durch und schüttelte den Kopf, als ließen sich die lästigen Gedanken so vertreiben. Dann setzte er seine Wanderung fort. Längst lagen die befestigten Wege, inzwischen auch die unbefestigten Pfade hinter ihm. Dort, wo er jetzt entlang schlich, gab es nicht einmal mehr Spuren von Tieren. Der Mann drängte sich absichtlich durch eine Ansammlung von Gewächsen, deren Stachelarme alle normalen Lebewesen auf Distanz hielten. Diesen Fluchtweg würde kaum jemand für möglich halten. Mitunter erinnerten die Bewegungen des Mannes an eine geschmeidige Katze, meist aber an einen Greis oder ein angeschossenes Tier in den letzten Zügen. Endlich war er davon überzeugt, alle eventuellen Verfolger abgehängt zu haben. Und es schien auch niemand da zu sein, der den Mann verfolgt hätte.

Oder doch? In etwa 30 bis 50 Meter Entfernung bewegte sich eine Frauengestalt. Mit den Händen umklammerte sie einen hölzernen Stock. Manchmal stützte sie sich darauf, manchmal hielt sie ihn, als wollte sie den Mann angreifen. So, wie er hoffte, alle Verfolger abgeschüttelt zu haben, tat sie alles, um nicht bemerkt zu werden. Ihr kam dabei zugute, dass sie fast einen halben Meter kleiner gewachsen war als er.Eigentlich hätte ein Stock zum Gehen eher zu dem Mann gepasst. Aber sein tatsächliches Alter war schwer zu schätzen. Sein Kopfhaar war voll, wenn auch grau, und reichte ihm über die Schultern. Es wirkte gepflegt, genau wie der Bart. Die Haare umrahmten ein kantiges Gesicht, ein ausdrucksstarkes, vom Wetter gebräuntes, mit einem leichten Touch ins Olive. Am auffälligsten an dem Flüchtling waren aber die Augen. Gelegentlich schimmerte gütige Weisheit durch ihren blauen Glanz, dann wieder flackerten sie irre, um im nächsten Augenblick wieder hart wie Stahl aufzublitzen. Der Mann strotzte vor Entschlossenheit. Einem ahnungslosen Gegenüber hätte er wahrscheinlich unwillkürlich Angst eingeflößt. Dabei war der Mann unbewaffnet und er trug grobes Lederzeug wie ein einfacher Bauer. Die Frau schien vorauszuahnen, wann er lauschend stehen bleiben würde. Sekundenbruchteile früher verharrte sie. Ihr Gesicht musste man nicht wirklich weiblich oder schön finden. Am ehesten erinnerte es an eine Indianerin oder Mongolin. Etwas ledrig, etwas zu rund. Ihre Augen waren groß und schauten mit der Güte der ewigen Mutter Erde. Bald würde sich auf dem Gesicht eine eigentümlich schöne Faltenlandschaft vollenden. So weit war es aber noch nicht. Dem ahnungslosen Beobachter der Szene wäre die Verbissenheit, mit der sie den Mann im Blick behielt, unverständlich geblieben. Sie passte wenig zur Sanftmut des ersten Eindrucks. Hätte dieser Betrachter genauer hingesehen, wäre die Verwirrung durch die Kleidung der Frau komplett gewesen. Auf den ersten Blick passten die Mokkasins, die unverkennbar aus dem Leder einer gegerbten Tierhaut gefertigt waren, und das farngrüne, weich über die Knie fallende Kleid ja wunderbar zusammen. Aber auf den zweiten gab das Material des Kleides aber ein unlösbares Rätsel auf. Der Stoff war eindeutig kein Leder. Für Baumwolle, Leinen oder ein anderes natürliches Material, das man an der Frau vermutet hätte, und das vergleichbar anschmiegsam war, bot es einfach zu sicheren Schutz gegen die in etwa einem Meter Höhe angreifenden Stachelarme. Jeder normale Stoff wäre längst zerrissen.

Endlich kam der Mann etwas zur Ruhe. Offenbar hatte er sein Ziel erreicht. Er war auf einer Lichtung angekommen uns so weit oben würde ihn wohl niemand suchen. Dachte er. Also warf er sich ins Gras. Nachdenken! Endlich Ordnung in die Erinnerungen bringen. Der Mann war erschöpft. Aber nicht nur. Als er seine Hose ausgezogen hatte, kam eine eiternde, etwa acht Zentimeter lange Wunde zum Vorschein. Der Mann hatte sie angestarrt wie eine absolut unerklärbare Erscheinung. Mit den Fingerspitzen der linken Hand berührte er sie, als wollte er sich noch einmal von ihrer Existenz überzeugen. Vor Schmerz verdrehte er die Augen. Für einen Moment nahm er die Umgebung nicht wahr. Diesen Moment nutzte die Frau, um an ihn heranzutreten. Leicht gebeugt stand sie vor ihm. Ihr Blick spiegelte totale Verwirrung wider. Sie sah einen Menschen vor sich, der ihr so grenzenlos vertraut wie fremd in einem war, im Augenblick aber ungeheuer fremd.„Bitte lass mich sterben!“ Gequält blinzelte der Mann zu der Frau hoch.„Das sieht nicht gut aus. Wird aba wieda wardn, Frad! Ich ward dich pflagn, so gut as gaht.“ Suchend sah sich die Frau um. Dann zuckte sie mit den Achseln, streifte ihr Kleid ab, legte es sorgsam zusammen, hob den Kopf des Mannes, schob das weiche Päckchen darunter und betrachtete, sichtlich unzufrieden, das Ergebnis. Noch immer lag der Kopf des Mannes zu niedrig. Aber in der Nähe lag nichts, dass als Unterlage für den Körper geeignet schien.„Gaht´s?“ Und ohne eine Antwort abzuwarten, zerriss sie ihren Unterrock, spuckte auf einen des Stofffetzen und begann den Dreck aus der Wunde zu wischen.

„Hast du das etwa von mir gelernt?“ fragte er, verkrampft lächelnd.

Sie antwortete nicht. Erst als sie fertig war und einen zweiten Fetzen relativ fachgerecht zum Verbinden benutzte, lachte sie: „… aba das!“

„Ich habe dich nicht verdient. Euch alle nicht“, murmelte er.

„Du hast Fieba. Das wird schon.“ Die Frau strich dem Mann, den sie Frad genannt hatte, über das überhaupt nicht fiebrige Gesicht.

„Lass! Ich bin ein Verbrecher. Ich habe so ziemlich die schlimmsten Verbrechen begangen, die ein Mensch überhaupt begehen kann. Bitte! Lass mich meine Strafe empfangen! Keiner soll mich so in Erinnerung behalten. Auch du nicht. Gerade du nicht. Ich …“ Der Mann machte eine Pause, überlegte angestrengt, schien nach längerem Schweigen zu einem Entschluss gekommen zu sein. „Vielleicht hast du Recht und es ist besser so. Du hast doch bestimmt viel Zeit?“ Und als sie, anstatt zu antworten, ihm nur durch die verwirbelten Haare strich, fuhr er fort: „Klar hast du Zeit. Lujann. Ich danke dir für jeden schönen gemeinsamen Augenblick. Ich dachte, es wäre besser, wenn du alles mit den Augen von früher in Erinnerung behältst. Denn was ich dir jetzt alles erzähle, wird auch dir weh tun, obwohl du das am allerwenigsten verdient hast. Aber es gehört wohl zu meiner Strafe, dass ich dir weh tun muss, wenn ich mich selbst bestrafen will … Versprich mir bitte, dass du mich nicht unterbrichst. Ich glaube, dann verliere ich die Kraft für die ganze Geschichte. Merke sie dir gut und entscheide, was du mit ihr anfängst, wenn ich hier meine ewige Ruhe gefunden habe. Und nimm dein Kleid mit. Gib es weiter an deine liebste Tochter mit der Bitte, es an ihre liebste Tochter zu geben und so weiter. Es soll euch an mich erinnern … selbst wenn du nachher fluchen magst, du wärst mir besser nie begegnet.“

Mit einer mütterlichen Geste einem Kind gegenüber, das gerade seine Angst zugegeben hat vor der nächtlichen Dunkelheit, strich sie ihm über den Kopf. „Du radist wirr.“ Aber offenbar war auch sie der Meinung, dass der Mann bald sterben würde, und sie ihm deshalb seinen letzten Willen nicht abschlagen durfte. „Klar, ich hör dir zu. Natürlich hör ich dir zu …“

Einen Moment schwieg der Mann noch, dann begann er zu erzählen. Er erzählte mit einer festen Stimme, die wenig zu dem gebrochenen, entrückten Gesamteindruck des Mannes passte. Nur manchmal stockte er und die Handbewegung, die er dabei machte, erinnerte an das Drücken eines Aufnahmegeräts, mit der er die eigenen Tonaufzeichnungen unterbrach, um dann konzentriert fortzufahren.

Ich wurde als ganz normaler Mensch geboren. Weit weg von hier. Wenn du mich fragst, wie weit, dann kann ich nur ehrlich sagen, ich weiß es nicht. Das ist ein Teil meiner Geschichte. Auf jeden Fall weiter weg, als du denkst, weiter, als du dir vorstellen kannst. Aber es war eine Erde wie diese hier. Der einzige Unterschied waren die Wesen, die darauf lebten, und wie sie sich und ihre Welt verändert hatten. Dort lebten lauter solche Menschen wie ich und keine Saks wie ihr.Wenn du hier durch das Land wanderst, kannst du noch immer Deinesgleichen begegnen, bei denen sagt man sich, wie unnötig mühselig leben und arbeiten die! So muss das doch nicht sein. Du hast Unrecht. Umgekehrt wäre es richtig. Wenn irgendwo etwas nicht normal ist, dann überall dort wo ich, wo wir … Verflucht, ist das kompliziert! Also, weißt du, jede umgesetzte kleine Idee, wie man etwas herstellen kann, verbessert das Leben. Aber eben zuerst nur das Leben Einzelner. Erst später sind so viele Ideen da, dass dieses bessere Leben allen Menschen zugute kommen kann. Dieser Punkt war auf meiner Erde schon viele, viele Generationen vor meiner Geburt erreicht. Weil es da längst schon nicht mehr darum ging, dass sich Einzelne auf Kosten Anderer bereicherten, wurden immer neue Geräte entwickelt, damit jeder besser leben konnte. Die meisten Geräte, die du kennst, stammen aus dieser, meiner Welt und unser Wissen stammt letztlich auch daher. Ich habe es mitgebracht wie die fremden Pflanzen, die hier neuen, fruchtbaren Boden fanden. Und anfangs hielt ich auch meine Vorstellungen von der Art, wie man so miteinander umgeht, für so fruchtbar … Na, dazu später. Anderes ist nämlich wichtiger

.Zum Beispiel, dass zu einem guten Leben gehört, gesund zu sein, dass man Andere durch das, was man macht, erfreuen kann und sich sozusagen selbst wieder an deren Freude erfreut. Als wir Menschen es endlich geschafft hatten, unser eigenes kleines Glück nicht auf Kosten der Nachbarn aufzubauen, trat gerade die Gesundheit immer mehr in den Mittelpunkt unserer Forschungen. Was wurden da alles für Anstrengungen unternommen, um das Leben zu verlängern – aber eben nicht das Leben schlechthin, sondern das Leben in seinen besten Jahren, wie unsere Vorfahren sagten, also in seiner lebenswertesten Form.

Und dann machten wir eine unsere Welt total verändernde Erfindung. Du weißt ja, dass wir alle aus Zellen bestehen. Und jede Zelle arbeitet ihr spezielles Programm ab, lebt sozusagen ein eigenes Leben im großen Organismus. Das Problem ist nur, … wie sag ich´s … Stell dir vor, du verletzt dich. Dann entstehen an dieser Stelle allmählich neue Zellen. Das ist ein normaler Prozess. Jede Zelle stirbt ab, auch jede intakte, und wird durch eine Art Kopie ersetzt. Das sind normale biologische Heilungs- und Erneuerungsmechanismen. Nur schleichen sich irgendwann mit dem immer weiteren Kopieren der Kopien und durch verschiedene Umwelteinflüsse immer mehr Fehler ein. Dann geht es nicht mehr. Der ganze Körper funktioniert nur noch bedingt, man braucht immer mehr Pflege Anderer, bis man eben ganz stirbt. So war das seit Ewigkeiten, bis … ja, bis wir die Nanniten entwickelten.

Nanniten oder Nannys, wie wir sie liebevoll nannten, sind ganz winzige biochemische Programme, Nanoroboter, die genetisch ins Körpersystem, eingeschleust werden und das gesamte Zellreparatursystem auf immer gleich bleibendem Niveau halten. Verstehst du: Exakt die Programme, die zum Zeitpunkt des Nanniteneinbaus stofflich ablaufen, werden immer wieder neu hergestellt, für die einzelnen Zellen und für den ganzen Körper als System. Jede Veränderung machten diese Nanniten relativ schnell rückgängig. Also nicht nur ungewollte. Es dauerte lange, bis das erkannt wurde. Das hatte nämlich zur Folge, dass die Manipulationen mittels der eingeschleusten Nanniten nicht im Kindesalter, sondern frühestens erfolgen konnten, wenn der Körper ausgewachsen war. Sonst wären wir nämlich ewig Kind geblieben. Und Veränderungen anderer Art durfte der Körper auch nicht mehr durchmachen müssen, egal ob erwünscht oder nicht. Den Zyklus einer Frau zum Beispiel, Schwangerschaften sowieso nicht. Allerdings konnte das Gehirn immer neue soziale Lerninhalte und Wissen aufnehmen, da wurden ja nur Verknüpfungen zwischen vorhandenen Zellen hergestellt; die Menschen wurden also immer weiser. Ihre Körper dagegen blieben unverändert jugendlich. Ewig jugendlich sozusagen.

Wir hatten wie gesagt die Zeiten jeden egoistischen Besitzdenkens lange hinter uns. Es gab also keine Kriege mehr. Im Prinzip waren auch die verbliebenen Geißeln Krankheit und Tod besiegt. Ahnst du, was das bedeutete? Stell dir einfach vor, es lebten vorher schon mehr als acht Milliarden Menschen auf unserer Erde. Die starben aber alle – früher oder später. Neue Geburten waren schon allein dafür nötig, die Sterbenden zu ersetzen. Da ja jeder starb, musste zum Überleben der Menschen insgesamt letztlich so viele Menschen neu geboren werden wie starben. Du verstehst sicher, dass das über Jahrtausende das Denken der Menschen, ihre Riten, ihre Normen, Vorstellungen, ihre traditionelle Lebensplanung bestimmt hatte. Plötzlich aber war das nicht mehr wahr. Plötzlich sollten alle umdenken.

Neues Leben bedeutete nicht mehr, die eigenen Erfahrungen weiterzugeben, so gut es ging, sondern wurde zum gefährlichen Luxus, weil jede Geburt die Zahl der auf der Erde lebenden Menschen unmittelbar erhöhte. Und unsere Moral schloss Verbote aus. So etwas wie in der Urzeit der Menschheit, als ein Staat aus Angst vor Übervölkerung die Ein-Kind-Ehe zur Zwangsnorm erklärte und Abweichungen bestrafte, wäre undenkbar gewesen. Als es losging mit den Nannys gab es noch eine bremsende Erscheinung: Diese seltsamen Programme verhinderten Schwangerschaften im Körper der Frauen, waren also eine dauerhaft sichere Verhütung. Aber du weißt ja selbst, wie wunderschön es sein kann, das selbst Gelernte an andere weiterzugeben – noch dazu, wenn du es von den eigenen Eltern her so kennst und du das, was du an Fehlern bei denen beobachtet hast, endlich besser machen möchtest. So entstanden zwei neue Trends: Zum einen verewigten sich die Frauen meist erst, nachdem sie ihre gewünschten Kinder bekommen hatten, zum anderen wurden immer mehr Kinder außerhalb des eigenen Körpers gezeugt. Manche in Brutkästen, manche im Bauch von Leihmüttern. Wundere dich nicht! Die Leihmutterschaften wurden sogar so etwas Ähnliches wie Mode, da sich ja auch die Leihmutter nachher an ihrem Kind erfreuen konnte. Meist lebten diese Kinder in Gruppenfamilien wie hier.Wie gesagt, eine Staatsgewalt, die die Vermehrung hätte verbieten und ein solches Verbot durchsetzen wollen und können, gab es nicht mehr.

Als ich zum Erwachsenen herangewachsen war, und mir die Möglichkeit auf ein solches ewiges Leben einpflanzen ließ, existierte die Nanniten-Technologie etwa 200 Jahre. Das heißt, wie lang diese „Ewigkeit“ wirklich dauern würde, hätte damals niemand sicher vorhersagen können. Ob diese Zellregulatoren in – sagen wir – 800 Jahre alten Körpern noch funktionieren, ob sie also wirklich relativ ewiges Leben bewirken oder nur das Leben extrem verlängern, weiß man eben erst, wenn wenigstens einmal 800 Jahre um sind – und man noch lebt. Auch der Umfang der Überbevölkerung war noch nicht vorhersehbar, aber die Zahl der nebeneinander lebenden Generationen war schon gewaltig groß geworden. Und auch wenn es mit jeder späteren Generation etwas weniger neue Geburten gab, ein Ende war noch nicht abzusehen.

Also rückten Menschen wie ich in den Mittelpunkt des Interesses: Raumfahrer. Die erschienen zumindest als eine der Möglichkeiten, diese Bevölkerungskatastrophe zu mildern, Wege zu neuen Traditionen zu eröffnen, solange die alten noch wirkten.

Der Mensch als Beherrscher der Galaxis. Die ersten verrückten Ideen von der Allmacht unserer Art im Kosmos waren ja schon vor Jahrtausenden aufgetaucht, also kaum, dass es technisch erstmals möglich geworden war, überhaupt die Erdanziehung zu überwinden. Dann verlor die Kosmosforschung aber für lange Zeit an Bedeutung. Eigentlich ist der Himmel ja auch langweilig. Zwischen den vielen Sternen, in deren Nähe meistens absolut kein Leben möglich ist, menschenähnliches schon gar nicht, bewegt sich viele, viele Jahre lang das Licht, ohne je auf irgendetwas zu stoßen. Nichts, fast absolut nichts. Was sollten Menschen dort? So extrem lange brauchte die Menschheit nicht, um herauszufinden, dass in relativer Nähe unserer Erde keine vergleichbare Lebenswelt oder ein neuer Siedlungsraum vorhanden war. Relativ nahe nannten wir da den Raum, den das Licht während eines vollen Menschenlebens durchquert. Und selbst wenn dort andere uns ähnliche Wesen existiert hätten oder ein bewohnbarer Planet … wie groß hätte ein Raumschiff denn sein sollen für eine Reise dorthin? Nach kurzer Zeit musste zum Beispiel einfach tödlich zermürbende Langeweile aufkommen. Es wäre nichts Anderes zu sehen gewesen als das, was man Tag für Tag, Stunde für Stunde zuvor genauso gesehen hatte. Vielleicht hätte man kleine Familien gründen können, innerhalb derer dann die nächsten Generationen sich mit ihren Eltern hätten vermischen müssen. Eine nicht gerade verlockende Aussicht.

Man fantasierte einen Flug schneller als das Licht herbei. Vielleicht innerhalb der nächsten dreihundert Jahre oder so. In Wirklichkeit hatte man es in diesem Zeitraum nicht einmal geschafft, allen Menschen der Erde ein würdevolles Leben und Sterben zu sichern. Und die Zeit und die Materialien, die man in den Raumflug gesteckt hätte, dafür sinnvoller eingesetzt.

Das Einzige, was man schaffte, war, Technologien für einen Dauerschlaf auszureifen. Wir hätten alle Lebensfunktionen in Kältebädern anhalten und danach wieder zum Leben erweckt werden können. Aber, gib zu, so toll ist die Vorstellung auch nicht, sich einfrieren zu lassen, Hunderte an Jahren irgendwohin geschossen zu werden, nur zufällig auf anderes Leben zu stoßen und im Idealfall, also wenn du wirklich auf demselben Weg zurückkommen solltest, auf einer Erde aufzutauchen, auf der du nach so vielen Generationen keinen Menschen oder Baum, wahrscheinlich nicht einmal irgendein Gebäude wiedererkennst. Vorausgesetzt, ein solches Unternehmen wäre erfolgreich gewesen.

Aber nun, mit den Nanniten …

Wenigstens theoretisch war plötzlich vorstellbar, nach einer zig tausend Jahre langen Reise die eigenen Schulkameraden wiederzutreffen! Und jeder, der für längere Zeit die Erde verließ, war sich der Dankbarkeit der Zurückbleibenden sicher. Er war ein Held, schuf er doch Platz für nachrückendes neues Leben, den vorher die Sterbenden geschaffen hatten, und vielleicht entdeckte er sogar Planeten, zu denen es sich zu reisen lohnte, zu denen also Menschen in Massen auswandern konnten.

Die Langeweile allerdings blieb. Es blieben alles besondere Menschen in einer Welt von gleichen, die sich solch ein Unternehmen zur persönlichen Aufgabe machten, Pioniere, Abenteurer … und Sonderlinge wie ich ….

Wer weiß, wie weit die Erdmenschen jetzt sind, aber zu der Zeit, als ich den Entschluss traf, eine solche Expedition mitzumachen, steckte alles noch absolut in den Kinderschuhen. Zum Beispiel war noch unerforscht, wie die Kälte auf die Nanniten wirkte. Sprich: Man konnte zwar wagen, eine ganze Gemeinschaft auf Reisen zu schicken. Aber wenn die Leute aufgetaut worden wären, wären sie vielleicht wieder nannitenfrei … mit der früheren kurzen Lebenserwartung. So als eine Möglichkeit.

Nach diesem Schicksal hatte ich kein Verlangen. So verrückt war ich auch wieder nicht. Ich gehörte zwar zu den Wenigen, die als kleine Testcrew fliegen wollten. Aber als Mitglied, dessen Nanniten auf jeden Fall intakt blieben. Dazu musste ich eben wach bleiben, egal, wie langweilig das würde, und von den Eingefrosteten durfte ich nur im äußersten Notfall jemanden wecken. Gegen die Langeweile hielt ich weder einen menschlichen Partnerkörper zum Erregen noch Menschen zum miteinander Unterhalten für erforderlich. Gefährlich war das nicht. Sollte mir etwas zustoßen, hätte das System die Anderen automatisch geweckt. Sollten wir auf einen Planeten stoßen, würden wir ihn sowieso gemeinsam erforschen. Die medizinische Überwachung bliebe auf jeden Fall aktiv. Ich fühlte mich als Held der Menschheit und der Aufgabe gewachsen. Den eigentlich nötigen Tests hatte ich mich verweigern dürfen. Ich war ja so eine Art Selbstmörder im Dienste der Menschheit und bekam dafür die Freiheit, zu jedem Augenblick die selbst gewählte Einsamkeit abzubrechen. Alle, die mit mir flogen, hatten ihre Zustimmung gegeben.

Mein Raumschiff war nicht das einzige. Jeder, der sich freiwillig der friedlichen Eroberung neuen Lebensraums verschrieb, durfte dies nach Prüfung der technischen Möglichkeiten auch tun.

Vielleicht bereitete ich schon mit dieser Entscheidung meinen Weg zum Verbrecher vor – wer weiß? Es waren ja auf der Erde keine mehr bekannt. Vielleicht entfernte ich mich erst mit meinem Einzelgängerleben unterwegs vom Dasein als Mensch. Ich weiß wirklich nicht, warum ich so wenig darauf erpicht war, eines der hübschen eingefrosteten Mädchen zu wecken. Erst in den letzten Tagen hier habe ich gründlicher darüber nachgedacht. Eigentlich ist mir nur eine Erklärung eingefallen: Ich hatte Angst, Angst vor einer Abfuhr oder Angst vor der Vorstellung, ausgerechnet die, die mir gefallen hätte, wäre mir überlegen gewesen. Und dann … Es ist so eine Sache mit dem In-einer-Gemeinschaft-Leben: Haben sich erst einmal Normen herausgebildet, dann bedarf es immer besonderer Kraft, sie zu durchbrechen – egal, ob sie gut oder böse sind. Und irgendwie reizte mich schon, dass gerade die Raumfahrerteams eigene Regeln entwickeln konnten, weil sie das mussten. Also lebte ich freiwillig, absichtlich, ganz bewusst zwei Jahre lang allein zwischen lauter eingefrosteten Menschen. Wenn ich nicht die Sicherheit gehabt hätte, jeden bei Bedarf zu wecken, wäre mir das wahrscheinlich nicht gelungen. So aber studierte ich ungestört eine ungeheure Menge an Wissen meiner Zeit. Zeit, ja, das war ein tolles Gefühl. Ich besaß sie im Überfluss. Lebenszeit und überhaupt. Es kann ja sein, dass ich auch Angst hatte. Sollte unser medizinisches Experiment scheitern, hätte mich das ja indirekt auch mich betroffen: Wenn ich jemanden aus der Kälte holte, konnte der zu altern beginnen. Und ich bliebe jung daneben. Nein. Keine angenehme Vorstellung. Diese Risiko wollte ich erst auf dem Rückflug eingehen. Da blieb ich lieber als Einziger munter. Für die eigentlichen Flugoperationen wurde kein Mensch gebraucht. Jedes Raumschiff verfügte über einen Super-Computer mit mehreren Kurs- und Optimierungsprogrammen. Keine bekannte Situation konnte von Menschen so schnell und so optimal bearbeitet werden. Theoretisch ließen sich unsere Raumschiffe natürlich auch durch Menschen steuern. Aber wozu? Gerade weil eigentlich keine echte Verantwortung darin lag, war die Bildwand auf der Brücke eine herrliche Spielerei. Hier konnte man den Weltraumabschnitt, in den man gerade flog, überblicken. Objekte, die der Computer als potentielle Gefahr einordnete, markierte er mit einem roten Kreis. Er verstand darunter vorrangig große Objekte auf Kollisionskurs und Schwarze Löcher, überhaupt Massekonzentrationen, die das Raumschiff voraussichtlich aufsaugen würden, und andere Erscheinungen, die eher gefährlich als interessant wirkten. Griff kein Mensch ein, umflog er diese Räume selbständig in großem Bogen. Um Erscheinungen, die etwas enthielten, was unbekannt war und gleichzeitig erforschenswert schien, ohne das bereits eine Katastrophe für das Raumschiff zu erwarten war, setzte er gelbe Kreise. Die Daten über solche Kreise ließen sich gesondert abrufen. Wenn er keine Anzeichen fand, einen grünen Kreis zu setzen, steuerte der Computer das Raumschiff in die Nähe eines solchen gelben. Der grüne Kreis hätte für eine Region gestanden, in der etwas auf einen wahrscheinlich lebensfreundlichem Himmelskörper hindeutete. Ich war nicht überrascht, dass während der ersten beiden Jahre nicht ein einziger grüner Kreis auftauchte. Irgendwann erlahmte mein Interesse an den vielen gelben Kreisen. Vielleicht war das der Grund, dass ich leichtsinnig wurde wie ein verspielter Junge. In einem Sektor, der nicht unmittelbar auf unserem Standardkurs lag, begann nämlich die Markierung zu flackern. Offenbar konnte der Computer sich nicht entscheiden, ob er die Erscheinung rot, als zu umgehende Gefahr, oder gelb als potentiell interessantes Untersuchungsobjekt klassifizieren sollte. Logischerweise rief ich alles ab, was darüber zu finden war.Mir fiel eigentlich nur ein Begriff ein: Das war eine Anomalie. Am ehesten ähnelte sie den theoretisch vorhergesagten Wurmlöchern. Der Rechner bestätigte in entsprechenden Abständen die nötigen Massekonzentrationen. Nur so zum Vergleich: Die Wirkung von Magnetfeldern haben wir uns ja in unserer Schule angesehen. Auch große Massen haben Anziehungskräfte, nur dass die Felder anders aussehen. Man sieht sie nicht, aber man spürt sie. Die gefährlichste Kraft ist sicher jene der schwarzen Löcher, die selbst Licht in sich aufsaugen. Man nahm an, dass sich durch die gewaltigen Anziehungskräfte der Raum als solcher bewegt, sich krümmt. Was aber passiert, wenn sich Objekte gegenseitig so beeinflussen, dass sie nicht ineinander stürzen können, sondern sich ihre Raumkrümmungen überlagern?

Guck ruhig ungläubig! Es wurde die Möglichkeit von Raumverdrehungen, -strudeln usw. vorausgesagt. Aber kein Raumfahrer hatte je so etwas tatsächlich beobachtet. Das wäre nun eindeutig der Zeitpunkt gewesen, jemanden zu wecken, der sich in Astrophysik auskannte. Eigentlich verstand ich von Wurmlöchern kaum mehr als du. Ich hatte gerade einmal den Begriff gehört. Wissen, wie ich bevorstehende Computerabfragen bearbeiten oder gar ermittelte Werte hätte bewerten sollen, besaß ich nicht. Und ich wusste, dass zwei Experten in Astrophysik in der Mannschaft hatte. Mit ihnen hätte ich wohl eine Strategie erarbeiten können, abwägen, wie eine Annäherung mit unserem Forschungsauftrag vereinbar war und vieles mehr. Ich aber dachte nur an das Spektakuläre der denkbaren Entdeckung und dass ich entschieden zu weit von dem Objekt entfernt war für vernünftige Schlussfolgerungen. Also für den Fall, dass sich die Vermutung als Irrtum herausstellte, wäre ich vielleicht mit alternden Gefährten gestraft beziehungsweise die mit mir – also genau das, was ich vor dem Rückflug unbedingt hatte vermeiden wollen. So korrigierte ich den Kurs und manipulierte die Kriterien für die Rotmarkierung der Region. Weder wollte ich laufend vor dieser Gefahr gewarnt werden noch sollte der Computer eigenständig einen Ausweichkurs errechnen und einprogrammieren.

Du musst dir vorstellen, wir flogen wesentlich langsamer als das Licht. Einen Monat lang näherte ich mich so dem Objekt, ohne dass etwas Besonderes passiert wäre. Dann meldete mir der Rechner, es gäbe eine Abweichung zwischen dem Ort im Raum, den er relativ ermittelt hatte – also wenn du sagst, du bist drei Fuß weit rechts neben dem Busch da und vier halb links neben dem da – und dem Punkt im Weltraum, den das Raumschiff entsprechend berechnetem Kurs und Geschwindigkeit hätte erreicht haben müssen. In geringem Umfang nehme auch die Geschwindigkeit zu. Außer dem nicht definierten Objekt sei keine andere Ursache dafür zu erkennen. Er habe schon automatisch einen Selbstcheck durchgeführt und keine Instrumentenfehler festgestellt. Nun wurde mir die Sache doch etwas heiß. Zwar hatte ich keine Daten ermittelt, die Aufsehen erregend neu gewesen wären. Es bestand also kein Grund zum Umkehren. Aber nun wollte ich doch lieber jemand befragen, der die Situation besser bewerten konnte als ich oder der Computer. Ich aktivierte in aller Ruhe die Wecksequenzen bei Professor Hun Njaou und zwei anderen und wartete. Wichtiges habe ich in der Zeit bestimmt nicht gemacht. Daran könnte ich mich erinnern, so oft, wie mich die die dann folgenden Bilder in spätere Albträume verfolgt haben.

Auf jeden Fall sah ich mir die ausgedruckte Selbstdiagnose des Computers an, als eine Erschütterung durch das Schiff ging. Ich wurde nach hinten geschleudert. Was passiert war, warum es der Computer nicht vorhergesehen und gegengesteuert hatte und für wie lange ich das Bewusstsein verlor, werde ich wohl nie erfahren. Ich weiß nur, dass ich wahrscheinlich von dem Flackerlicht auf der Brücke geweckt wurde. Mir blieb aber keine Zeit, mir den Brummschädel zu halten oder mich zu bedauern. Kaum hatte ich nämlich die Augen geöffnet, verlosch das Licht und in meinen Ohren stießen Geräusche zusammen wie Explosionen. Sie kamen von überall her, am wahrscheinlichsten aus dem Hauptcomputer. Dann hatte ich den Eindruck, mitten in einem Regenbogen zu baden. Es war Licht im Raum, aber in sein Spektrum zerlegt und mit einem Rotschimmer. Mir ging ein perverser Gedanke durch den Kopf: Entweder wurde ich gerade verrückt oder wir überholten das Licht in der Kabine, was unmöglich war, weshalb nur das Verrücktwerden übrig blieb.

Entschuldige, danach fehlt mir wieder ein Stück Film. Glaube ich zumindest. Ich nehme einfach an, dass ich die Besinnung verlor. Vielleicht nur einen winzigen Moment, vielleicht viele Stunden. Soweit ich es verstanden hatte – und ich habe nachher im Computerarchiv nichts wesentlich Anderes gefunden – hätte die Geschwindigkeit mit der weiteren Annäherung an das Objekt überproportional ansteigen müssen. Da hätte auch die Sogwirkung größer werden müssen. Das hieß, dass bei der anfänglichen Entfernung allmählich die Wirkung eines Sogs zu spüren sein müssen, ich hätte gegensteuern können oder absichtlich ins Zentrum des Strudels hineinsteuern können. Ich hätte – entschuldige, aber auch heute stehen lauter Hättes und Vielleichts und Es-könnte-Seins über meinen Erinnerungen – also ich hätte erst am äußersten Rand des Sogs sein können. Woher sollten da ungewöhnliche Lichtbrechungen herkommen? Eigentlich gab es nur eine schreckliche Erklärung: Bei dem Verändern von Warnkoeffizienten musste ich auch unbeabsichtigt Anzeigen manipuliert haben. Ich weiß es nicht!

Als ich mich endlich wieder konzentrieren konnte, hüllte mich immer noch totale Finsternis ein. Stille. Nicht ein Kontrolllämpchen, kein Summen, Brummen, nichts. Ich konnte meine Situation zwar nicht deuten, aber eines schien klar: Der Hauptcomputer war ausgefallen. Wahrscheinlich konnte ich das Lebenserhaltungssystem also auch vergessen. Ich musste damit rechnen, dass ich allmählich krepieren würde. Vielleicht verdursten. Ich hätte eine Überschlagsrechnung anstellen können, wie lange der Sauerstoff im Raum für mich reichen würde. Vielleicht erlebte ich bald, wie ich bisher wahrscheinlich Unsterblicher starb, einfach, weil natürlich auch die Nanniten für ihre Tätigkeit Energie brauchten. Dass es eigentlich ein Programm gab, das sich automatisch dadurch aktivierte, dass bestimmte lebenswichtige Systeme nicht arbeiteten, war mir so was von fern, viele Lichtjahre weit weg war das.

Jetzt, hier, aus sicherer Entfernung, kann ich selbst gut spekulieren und mich für eigene Fehler aburteilen. Eigentlich weiß ich aber nicht einmal genau, wie lange ich damals gegrübelt habe. Ich glaube sogar, das war nicht lange. Dann siegte der Gedanke, diese Situation unbedingt zu verändern. Jede andere Lage schien mir besser als dieses Warten auf das Ende. Vielleicht gab es eine Chance – egal welche – zum Überleben. Und wenn nicht – ich bin mir fast sicher, dass ich damals nicht an meine Rettung glaubte – dann sollte mein Tod wenigstens schnell gehen – und irgendwie in Action.

Aber wie orientiert man sich in der Finsternis, noch dazu, wenn man nicht einmal weiß, in welche Richtung man liegt? Wo vorn ist, rechts, links, ja, nicht einmal wo oben oder unten? Lach nicht! Im Weltall herrscht normalerweise Schwerelosigkeit und es gehörte zu den tollsten Errungenschaften des modernen Raumflugs, dass man dies über künstlich geschaffene Gravitation nicht merkte. Aber auch das Schwerkraftsystem war ausgefallen. Ich schwebte irgendwie und ahnte nur, dass jede Kraft einen Rückstoß bis zur Gegenseite im Raum erzeugen würde. Also suchte ich als erstes immer etwas zum Festkrallen.

Ich will dich nicht langweilen mit der Beschreibung meiner Fingerspiele, mit meiner Enttäuschung, als ich endlich eine Konsole mit Tasten fand und keine davon reagierte. Absurd, es überhaupt zu erwarten. Ich weiß. Dann stand ich vor der Tür zum Hauptgang. Aber ist ein Stück Wand, das sich nicht öffnen lässt, überhaupt eine Tür? Eigentlich wohl genauso wenig wie man von mir sagen konnte, ich hätte gestanden.

Plötzlich erinnerte ich mich an ein Schaltschema, das ich mir mal zu Übungszwecken eingeprägt hatte. Darin gab es eine elektronische Sperre. Wenn die zerstört wäre, könnte man die Tür wie eine gewöhnliche Schiebetür benutzen. Im Prinzip wusste ich die Stelle. Im Prinzip konnten gerichtete Photonen das Zerstörungswerk leicht vollbringen. Vor mir stand nur das kleine Problem, dass ich ja absolut nichts sah. Mein Plus: Den Phot hatte ich bereits in der Hand. Ich könnte stundenlang diese grauenvollen Versuche beschreiben. Ich stelle lieber einfach nur fest, ich hatte bestimmt viel Zeit verbraucht, war glücklich als sich mir ein schwach beleuchteter Gang zeigte … und sackte erschöpft zusammen. Richtiger: Ich schwebte in vielleicht einem Meter Höhe frei in der Horizontalen. Rotes Flackern. Langsam wurde mir bewusst, was da leuchtete. Es war ein autonomes Alarmsystem. Mir schoss es durch den Kopf, wie gut es doch war, dass nicht ununterbrochen eine Sirene jaulte. Aber dieses System sprang nur bei Totalausfall aller steuerbaren Systeme an. Ich konnte zwar nun sicher sein, dass ich nicht ersticken würde, aber der Tod war nur eine Frage der Zeit.

Da kam mir der verrückteste Einfall meines Lebens. Natürlich wurden alle Funktionen aller Systeme im gesamten Schiff über den Hauptcomputer gesteuert beziehungsweise koordiniert. All das war tot und ich der Letzte, der eines der Systeme wieder zum Leben erweckt hätte. Aber die Landekapseln, die kleinen Raumgleiter, besaßen logischerweise für ihre kleinen Unternehmungen autonome Systeme. In der Standardausfertigung zwar nur als Minis, aber mindestens eine Stromversorgung und zwei kleine Replikatoren mussten sie haben. Und einen Generator und einen Rechner …Ich fuhr meine Hoffnungen wieder etwas runter. Es war nicht viel, woraus neuer Strom hätte generiert werden können, Essen und Trinken und was man alles zum Überleben brauchte. Aber ich wäre bis zur letzten Sekunde beschäftigt …Als ich endlich in der „Flunder“ saß, fielen mir meine Kameraden ein. Nein. Die hatten es besser als ich. Wahrscheinlich waren sie längst tot – und wenn nicht, dann bekamen sie wenigstens nichts mit vom Sterben. Nur ich …Ich gab mich meinen Ängsten hin. Wem sein normales Leben als endlos gegeben ist, der hat so seine Probleme damit, plötzlich sterben zu müssen und eine Zeit vor sich zu sehen, in der im Wesentlichen nichts Anderes zu tun war, als sich auf dieses Sterben einzustellen. Auch wenn es vielleicht Jahre dauerte. Aber Jahre in hoffnungsloser Ödnis. Denn jetzt rächte sich mein früherer Leichtsinn. Weil ich einen so ungewöhnlichen Kurs geflogen war, war nicht damit zu rechnen, dass in den bevorstehenden Jahren irgendein Raumflugzeug mein Schiff bemerken würde, da es ja keine bewussten Signale aussandte.

Nach langem Nachdenken entschied ich mich dafür, mich zu töten. Allerdings auf eine Weise, die wenigstens eine minimale Chance der Rettung ließ: Ich musste mit der Flunder in den freien Raum. Von dort konnte ich über den internen Rechner Notrufe streuen und, wenn das erfolglos geblieben war, mit dem Phot meine Qualen beenden. Das alles erforderte einen Kampfeinsatz, denn die Schleusen nach draußen funktionierten ja nicht.Ich beschoss also die Innenwände. Fast wäre ich dabei zerschellt. Der Sog des Vakuums schleuderte mich gegen die Wand des Schotts, bevor das Fluchtloch groß genug geworden war. Doch der Ausbruch gelang. Er kostete mich 90 Prozent der Energiereserven der Flunder. Eigentlich war mein Schicksal besiegelt. Irgendwo im Kosmos in einer Landefähre. Nachher habe ich nur mit dem Kopf geschüttelt, wie ich so irre hatte sein können. Aber nun stell dir vor, ich schalte die beiden Displays an: Zuerst ein Schock: Ich sah einen Sternenhimmel, wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Und du kannst sicher sein, dass ich zumindest die Konstellation der Sterne oft genug studiert hatte. Jede Verschiebung zu den Sternbildern, wie sie von meiner Erde aus zu sehen gewesen waren, hätte ich beschreiben können. Meine Position musste sich in der Zwischenzeit um Millionen Lichtjahre verschoben haben … um sehr viele zumindest. Vielleicht war ich in einer anderen Galaxis angekommen. Als erster Mensch. Niemand würde es erfahren. Ich konnte also jeden Kurs einprogrammieren. Er konnte nur ins Unbekannte führen. Inzwischen habe ich den Gedanken mit der anderen Galaxis zwar verworfen – aber eigentlich ist es egal, ob man Milliarden Lichtjahre von der Heimat entfernt oder nur auf der Rückseite des eigenen Mondes rettungslos einsam ist.

Ich verfiel in Panik. Ich klimperte auf der Hauptkonsole herum, als wollte ich eine Klaviersonate über meinen Tod komponieren. Dabei konnte ich mit Klavieren, das sind ganz herrliche Musikinstrumente mit schwarzen und weißen Tasten, überhaupt nicht umgehen. Und da … Ich dachte, ich hätte Halluzinationen. Das Bild erinnerte sehr an das Bild meines heimischen Sonnensystems von einer Stelle etwa zwischen dem fünften und sechsten Planeten aufgenommen. Ich wollte den Zoom regulieren, hatte das ganze Bild verschoben, sah eine kleine Explosion, dachte sofort, das war das Raumschiff und jetzt hätte ich schon tot sein können, zitterte, suchte die vorige Einstellung wiederzufinden, klickte hin und her … Und da hatte ich sie endlich wieder gefunden: Ein Stern im Zentrum, den ich sofort Sonne nannte, und unterschiedlich hell schimmernde Punkte, die eigentlich nur Planeten sein konnten.

Du hättest dich kaputtgelacht. Ich führte laut Selbstgespräche. Ich musste einfach meine Stimme hören. Ich musste einfach hören, dass da jemand das aussprach, was ich hoffte, wirklich zu sehen. Und dann fiel mir die akustische Steuerung des Bordrechners ein. Sofort schaltete ich sie an.„Aktiviere Fernanalyse!“„Fernanalyse aktiv.“

„Kriterien für Bewohnbarkeit prüfen! Beginnend mit Nahplanet.“„ Keine Atmosphäre, Oberflächentemperatur circa 200 Kelvin, …“

„Stop! Nächstweiter Planet!“„Atmosphäre vorhanden. Sauerstoff vorhanden. Konzentration zwischen 10 und 35 Prozent. Spektren giftiger Gase nicht erkennbar. Oberflächentemperatur zwischen 250 und 320 Kelvin. Masse- und Dichtefaktor zwischen 0,7 und 1,3 irdisch. Für weitere Strukturanalyse Entfernung zu groß.“

„Direkter Landekurs!“

Plötzlich begannen zwei Warnlämpchen zu blinken.„Direkter Landekurs programmierbar, nicht realisierbar. Energiereserve ausreichend für 25 Prozent der Strecke.“

Ich stöhnte auf wie von einem Uppercut getroffen. Das konnte doch nicht wahr sein! Erst werde ich in eine unendlich weite Ferne geschleudert, steige unbegreiflicher Weise in eine Landefähre, obwohl die Wahrscheinlichkeit, dass ich sie sinnvoll verwenden könnte, nicht im Bereich von Tausendstel Promille angegeben werden könnte, der Fall tritt doch ein … und nun sollte ich mit Blickkontakt zu meinem erhofften Ziel krepieren?Ich hatte das Gefühl, mir würde die Luft knapp. Sollte meine Chance darin bestehen, dass auf meinem Zielplaneten intelligente Wesen lebten, diese mich entdeckten und retteten? Musste ich ihnen dafür Signale senden, damit die die Fähre bemerken und für ein zu rettendes Schiff intelligenter Wesen halten konnten? Das Raumschiff, also jenes, das es nicht mehr gab, hatte dafür spezielle Programme, die ununterbrochen automatisch gesendet hätten. Aber ich?

Dann fiel es mir wie Schuppen von den Haaren, wie meine Urahnen gesagt hätten.„Alle möglichen Landekurse auf Realisierbarkeit mit den verfügbaren Energiereserven überprüfen!“

Der Rest war Spielerei. Der Computer berechnete einen Kurs unter Nutzung der Planeteneigenbewegung und des Gravitationsfeldes des näher liegenden Planeten. Dann machte er mir einen schmerzhaften Vorschlag: Die erforderliche Energiemenge überstieg im Standardprogramm immer noch knapp die vorhandenen Reserven. Eben jener Planet vor uns würde uns einfangen anstatt unsere Flugbahn auf den Zielplaneten hin zu lenken. Das Minimum Toleranz, um dies zu verhindern, war nur herauszuholen, wenn alle Nebenprogramme abgeschaltet würden. Ich überzeugte den Rechner davon, essen und trinken zu dürfen. Danach sollte nur die Sauerstoffzufuhr erhalten bleiben. Ein absoluter Blindflug. Als ich meine Henkersmahlzeit eingenommen hatte, erlosch die Innenbeleuchtung. Ich gab mich bedingungslos in die geistigen Hände meiner Technik. Erst nach der Landung würde sich zeigen, ob ich auf jenem fremden Planeten überhaupt überleben konnte. Im Raumanzug schnallte ich mich an, lehnte ich mich zurück. Der unmittelbare Landeanflug sollte soweit möglich verkürzt werden. Der Schleudersitz bliebe dabei aktiv. Ohne weiche Landung würde mich das Programm ins Ungewisse hinausschleudern …„Ich bin noch nicht tot!“ Fast die ganze Zeit redete ich mir zu. Das heißt, ich schlief so lange ich konnte. Mir wurde schwindlig. Mehrmals. Wenigstens erinnerte ich mich an bewährte Autosuggestionstechniken. Die Eindrücke eines Landeanflugs, den man nur indirekt wahrnimmt, konnte ich trotzdem nicht ganz unterdrücken. Die Zeit zog sich hin.

Dann kamen die Druckveränderungen, dann …Ich war benommen, hatte aber kein Gefühl irgendeiner Katastrophe. Plötzlich blinkte die Innenbeleuchtung auf. Nur kurz. Dann wieder Dunkelheit. Dann erklärte eine Geisterstimme: „Beginne Neuaufladung!“

Der schönste Satz, seit ich von meiner Erde gestartet war. Er bedeutete, dass ich gelandet war und der Computer eine externe Energiequelle gefunden hatte. Am wahrscheinlichsten war das Licht der fremden Sonne. Nahm die Automatik den normalen Betrieb innerhalb der nächsten 10 Minuten auf, dann lag die Außentemperatur deutlich über den befürchteten 250 Kelvin.Ich zählte achtmal bis hundert. Dann umgab mich die gewohnte technische Betriebsamkeit. Meine beiden Kameras, neu fokussiert auf Nahsicht, übertrugen Umgebungsbilder auf die zwei Monitore. Was ich da sah, ließ mich vor Hoffnung zittern. War ich im Garten Eden gelandet, dem Paradies, von dem die Menschen früher geträumt hatten, wo man ohne Mühe wunderbar leben konnte? Zwar war ich unsicher, an welche Vegetationsperiode der Erdentwicklung mich das Bild erinnerte, aber vergnügt registrierte ich Bäume, die ein Mix aus riesigen Farnen und Kokospalmen zu sein schienen, und hin und wieder kamen Libellen mit Flügelspannweiten zwischen 20 und 60 Zentimetern ins Bild.Tropisch sah das aus und … wann kam denn endlich die chemische Analyse? Die mikrobiologische?Diese Welt war bestimmt bewohnbar!Ausgerechnet in dieser Situation fiel mir eine Erklärung ein, warum mich das nun verlorene Raumschiff vielleicht hierher gesteuert hatte. Ich war in der Zeit des Wurmlochkontakts – ich weiß keine andere Erklärung, als dass ich ein Wurmloch passiert hatte – nur für kurze Augenblicke munter gewesen; wie lange ich ohne Besinnung war, kann ich nur spekulieren, denn auch meine Uhr konnte unter Einwirkung der fremden Kräfte Unsinn zeigen und eine Veränderung der Zeit wegen hoher Geschwindigkeit erfasste sie sowieso nicht, also was sich da wie lange ereignet hat, überhaupt, in welche Zeit ich aus Sicht meiner Heimaterde geraten war, werde ich nie wirklich wissen – nicht einmal, wie lange welche automatischen Steuerfunktionen noch gearbeitet hatten. Es konnte ja sein, dass der Computer noch ein grünes Ziel entdeckt und anvisiert hatte und diese Richtung hatte das dann steuer- und eigenantriebslose Raumschiff beibehalten …

Ich wusste, warum ich das gerade jetzt denken wollte: Je weniger an dem Flug zu diesem Planeten Zufall war, umso wahrscheinlicher herrschten hier für mich günstige Bedingungen. Endlich leuchteten die letzten Anzeigen auf …Ich sprang auf und reckte die Arme so begeistert in die Höhe, dass ich mit den Händen schmerzhaft an die Deckenverkleidung stieß. Lachte darüber. Sauerstoffgehalt der Luft 25,9 Prozent, Lufttemperatur 299 Kelvin, also 26 Grad Celsius, Konzentration für Menschen giftiger Gase nicht relevant, virologischer und bakteriologischer Scan ohne Befund, Gravitation 0,9 G …Meine Augen jagten von Anzeige zu Anzeige. Dort, wo ein Wert von den normalen der Erde abwich, war er sogar günstiger für menschliches Leben als zu Hause. Meine einzige Sorge war die, dass mich das leichte Überangebot an Sauerstoff zusammen mit der etwas geringeren Schwere in Euphorie versetzen könnte. Die Sorge also, ich könnte zu übermütige Sprünge machen … So nahe am Tod vorbei geschlittert machte mich allein die Vorstellung, zu übermütig zu werden, übermütig.

Weniger positive Aufschlüsse gaben die Scans nach Indizien für intelligentes Leben. Es schien sehr unwahrscheinlich. Wellen von uns bekannten Kommunikationsmitteln oder Industrien wurden nicht angezeigt. Dafür erwartete der Computer tierisches Leben mit Körpergrößen deutlich über den Erdformen.Wunderbar! Vielleicht hätte ich in ein paar Monaten einen eigenen Riesensaurierpark!Im Umkreis von 150 Metern erkannte der Scan allerdings kein gefährliches Lebewesen. Und er war wieder voll in Funktion – das hieß, er hätte selbst das Gift im Zahn einer sich anschleichenden Schlange angezeigt.

Ich hielt es nicht mehr aus. Raus! Jetzt nichts als raus. Auf festem Boden stehen. Einmal hüpfen. Es sah ja niemand. Niemand hätte mich auslachen können.Was für ein Traum! So beim ersten Blick fallen einem ja nur Zufälligkeiten auf. Mein Eindruck: Welch unermessliche Fülle an unbekannten Pflanzen – und so ähnliche mochten vielleicht auf der Erde vor mehr als 65 Millionen Jahren existiert haben. Dann hatte eine Naturkatastrophe ein Großteil aller unserer Lebensformen vernichtet und Voraussetzungen geschaffen, dass sich die Säugetiere und mit ihnen dann der Mensch durchsetzen konnten. Hier wäre ich wahrscheinlich das einzige höhere Wesen überhaupt! Es sei denn, es hätten sich intelligente Urtiere entwickelt. Es gab bei uns auf der Erde einen literarischen Helden, der hatte viele Jahre allein auf einer einsamen Insel gelebt. Allerdings hatte er zum einen das Wissen seiner Zeit mitgebracht, zum anderen viele nützliche Dinge aus den Überresten seines gekenterten Schiffes gerettet. So war er über 20 Jahre gut zurecht gekommen. Wie schlecht war der im Vergleich zu mir ausgestattet gewesen! Eigentlich konnte ich mich nur über die geringe Kapazität meiner Energieversorgung und der zwei Replikatoren ärgern. Normalerweise wurden die Landegleiter ja im Raumschiff bestückt. Dort gab es natürlich moderne Energiegewinnungssysteme. Was davon in die kleinen Speicher passte, hatte ich fast restlos verbraucht. So albern das klang – mir blieben nur ein paar Fotozellen. Die ließen sich leicht replizieren. Solange es Licht gab, waren das wahre Meisterwerke der Technik. Wenn ich nichts zu leisten gehabt hätte, hätte ich sogar die Kristalle wieder aufladen können. Aber jeder Arbeitsschritt, jeder Schuss mit den Miniphots verbrauchte nun mal Energie.

Ich wusste zwar noch nicht, was ich genau bauen wollte, aber im Gleiter wie im Gefängnis leben das kam nicht in Frage. Ich würde also arbeiten müssen. Dazu hätte ich einen leistungsstarken Replikator gebraucht.

Vom Prinzip wandeln Replikatoren die ihnen eingespeiste Energie in stoffliche Materie um. Sie brauchen dazu nur eine Matrix, die ihnen die Wunschstruktur des zu replizierenden Körpers vorgibt. Sie verfügten über einen enormen Speicher an Strukturen, die sie durch Wortkommandos abrufen konnten, aber sie besaßen auch einen intelligenten Scanner. Die beiden, die in den Landern installiert waren, waren in erster Linie dazu da, Energie in Mahlzeiten zu verwandeln und eben fremde Körper zu scannen und als Matrix für spätere Untersuchungen aufzubewahren. Dafür war ihre Größe gut – man konnte sie leicht bei einer Expedition mitnehmen. Auch kleine Bauteile, Miniphots, Werkzeuge und so hatten in der Ausgabeeinheit Platz. Aber bei Teilen, die länger oder höher als 50 Zentimeter war, endete die Kunst der Geräte. Und sie verbrauchten natürlich selbst viel Energie.

Und noch ein bitterer Tropfen mischte sich in meine erste Begeisterung. Ich weiß nicht, ob die Landung automatisch optimiert worden war. Eigentlich sollte ja jeder Luxus ausgeschaltet gewesen sein. Aber als Landeplatz war mein aktueller Standort ideal. Etwa 500 Meter rundum nichts als Flechten auf steiniger Ebene. Gut zum Landen eben, gut für den Computer für Nahanalysen jeder Gefahr – aber für jedes Wesen, das sich selbst verbergen konnte, auch ideal, mich zu beobachten, ohne bemerkt zu werden. Und mich auf der freien Fläche am Weiterleben zu hindern. Sobald die Kristalle wieder etwas Energie hätten, würde ich mir ein besseres Versteck suchen müssen und bei der Gelegenheit ein Stück meines neuen Planeten besichtigen.

Ich traute dem Frieden eben doch nicht ganz. Ich hatte mich viel mit Geschichte beschäftigt. Dabei begriff ich vor allem eines: Unsere Vorfahren hatten voll Misstrauen gegenüber Fremdem gesteckt und nach fremdem Besitz gegiert. In meiner Position wäre ich ein einfaches Ziel für Waffen verschiedenster Perioden. Und noch etwas schien mir wichtig: sollte ich einmal vor irgendwelchen Verfolgern fliehen müssen, dann wäre ich ausgerechnet auf dem letzten Stückchen Weg in die Geborgenheit des Gleiters frei deren Waffen ausgesetzt.Ich zog mich also recht schnell wieder in meine sichere Kabine zurück. Dort schalt ich mich einen Schrumpfkopf. Seit vielen Generationen gab es keine Kämpfe mehr zwischen Menschen. Wir hatten auch unsere Schulungen gehabt, wie wir uns fremden Intelligenzen gegenüber verhalten sollten: Immer die eigene Friedfertigkeit offenlegen. So wie man den Anderen gegenübertritt, würden die es einem gegenüber auch tun. Blieb immer nur die Frage, ob die Fremden diese Regeln auch kannten. Vor allem aber belegte das Ergebnis der ersten Scans keine Spuren höherer Intelligenz. Aber es gab die verschiedensten Formen niederer tierischer Intelligenz, die auch die Menschheit noch so lange beherrscht hatte. Raubtiere, die arbeiten konnten.

Der Versuchung, mir zwei Reservephots zu replizieren, konnte ich nicht widerstehen. Sollte ich unterwegs sein, brauchte ich nicht gleich zu bedenken, wann die Energiereserven aufgebraucht wären. Ich aß genussvoll, las und legte mich schlafen. Die Dauer eines Tages betrug hier 21,2 irdische Stunden. Ich überlegte, ob ich in absehbarer Zeit meine Uhr umprogrammieren sollte. Es wäre doch idiotisch verwirrend, wenn von Tag zu Tag die Sonne zu total verschiedenen Uhrzeiten auf- und unterginge. Für einen Menschen meiner Welt hieße das, die Dauer einer Minute auf 21,2/24*60 Sekunden zu verkürzen. Irgendwann würde ich dann den Tag genauso empfinden wie auf meiner Urerde – Tag und Nacht waren ja schon durch den Flug durchs All irgendwie ausgedachte Größen geworden.

Mit so viel Unsinn-Theorie fiel ich in einen traumgeschüttelten langen Schlaf. Jedenfalls wurde ich munter, da war es hell, als wäre es nie dunkel gewesen. Nur der veränderte Stand der hiesigen Sonne überzeugte mich, dass schon ein neuer Tag angebrochen war … oder vielleicht der übernächste. Aber war das wichtig?Die Anzeige meldete einen Ladezustand von 18 Prozent Energiereserven. Für einen kleinen Rundflug würde das reichen. Und ich war begierig, endlich das nachzuholen, was mir durch die Blindfluglandung entgangen war. Wie sah das Land aus, in das mich die Ereignisse verbannt hatten?

Die Flunder gehört zu den Annehmlichkeiten unserer modernen Technik. Sie besitzt die Vorzüge von Helis, wie du sie erlebt hast, also sie können sozusagen in der Luft stehen, gerade oder schräg aufsteigen, schnell und langsam fliegen, aber sie sind vergleichsweise leise und können sogar die Anziehung eines Planeten überwinden. Allerdings ist sie so kompliziert, dass ich keine neue hätte bauen können – zumindest mit einem so kleinen Replikator. Es gibt verschiedene Steuerungsmöglichkeiten. Normalerweise gibt man die Koordinaten seines Ziels ein und der Gleiter sucht sich seine optimale Flugstrecke und -höhe selbst. Man kann einen Kurs programmieren. Ich kann das übrigens nicht. Man kann ihn akustisch steuern – am meisten Vergnügen aber macht die Kugel. Stell dir vor, du hältst eine Kugel in der Hand, hebst du sie ein Stück, steigt der Gleiter, bewegst du sie in eine Richtung, fliegt der Gleiter in eben diese Richtung, drückst du stark, fliegt er schnell, schwach drücken heißt langsam fliegen usw. Lässt du die Kugel los, übernimmt sofort die Automatik den Weiterflug zum anfangs angegebenden Ziel, wenn du nicht bereits gelandet bist. Alles innerhalb eines relativen Quaders, also die Kugel hat einen Drall, in der Mitte dieses Quaders zu schweben. Ob eine solche Steuerung sinnvoll ist? Keine Ahnung. Aber sie kommt dem Spieltrieb so manches jungen Piloten entgegen. Und mein Spieltrieb war gerade sehr groß.

Ich justierte die beiden Kameras so, dass sie wie Augen nach vorn unten funktionierten, und startete.

Alle Aufzeichnungs- und Analysegeräte waren aktiviert. Normalerweise können in einem Flunder-Gleiter neben dem Piloten vier Besatzungsmitglieder arbeiten. Die hätten also an ihren Terminals gesessen und die eingehenden Daten zeitnah bewertet. Ich hätte natürlich den Autopiloten aktivieren und zwischen den Systemplätzen hin und her wandern können, aber ich wünschte mir das Gefühl, so zu fliegen, als wäre der Gleiter eine Verlängerung meiner Arme und Beine, eine Verbesserung meiner Augen, als wäre ich ein Supervogel auf diesem Ur-Planeten. Und die Kapazität der Datenspeicher war gewaltig. Wenn es nach denen gegangen wäre, hätte ich etwa 30 Tage ununterbrochen fliegen können – und mir nachher anschauen, was für Biowerte am Morgen des 16. Tages in einem bestimmten Planquadrat festgestellt wurden … in Wahrscheinlichkeitswerten und als Film mit Bild und Ton. Mir konnte nichts entgehen. Ich war so übermütig; ich hätte am liebsten die Kugel ein paar Mal gedreht. Aber das hätte mir den Blick auf diesen Wald unter mir verdorben. Ich flog in ungefähr 200 Meter Höhe. So konnte ich in diesem Baumteppich die einzelnen Farnwipfel erkennen. Die ganze Ebene vor mir war dicht mit diesen Kokosfarnen bewachsen. Gelegentlich tauchten Vögel über den Wipfeln auf. Andere Tiere waren mit bloßem Auge nicht auszumachen. Ich freute mich ehrlich darauf, diesen Flug später am Bioscan zu wiederholen. Ich hatte einmal einen solchen Scan eines Flugs über das Amazonasreservat gesehen. Der Film zeigte sogar einzelne Affen, die von Baum zu Baum hangelten. Also es gibt auf der Erde Gebiete, da haben wir künstlich versucht, die ursprünglichen Lebensbedingungen zu erhalten oder weitgehend wieder herzustellen. Das brauchte man hier nicht. Die Scan-Methode hat natürlich einen Haken: Der Computer vergleicht die Werte mit bekannten Lebewesen und holographiert di dann bei ausreichender Ähnlichkeit. Was würde er machen, wenn die Lebewesen ganz andere waren als auf der Erde oder überhaupt nicht als Lebewesen erkennbar?

Egal. Ich hatte mich entschieden: Ich lebte, die Bedingungen auf diesem Planeten standen einem langen weiteren Leben anscheinend nicht im Wege – es konnte also nur darum gehen, eben dieses Leben so gut zu gestalten wie möglich. Deshalb brauchte ich als erstes meinen Rückzugsplatz.

Dieser Urwald kam dafür nicht in Frage. Aber am Horizont waren Bergspitzen zu erahnen. Dort wäre bestimmt ein Platz, von dem aus man eine große Landfläche überblickte und der nicht für beliebige Großlebewesen leichter erreichbar war als für mich.

Der ganze Flug war bisher ein Traum. Eine Idylle, in der noch nichts Störendes aufgetaucht war. Als ich mir das gerade vergegenwärtigte, passierte es. Je näher ich jenem Gebirge kam – ich hatte die Bergspitze für mich Kilimandscharo genannt nach einem Berg unseres wärmsten Kontinents, dessen Spitze mit Schnee bedeckt war – umso mehr lichtete sich der Wald. Ich neigte immer mehr dazu, in Begriffen meiner früheren Erde zu denken. Das sich nun unter mir ausbreitende Land nannte ich Savanne. Und wie ich so Ausschau hielt nach etwas Löwenartigem oder hüpfenden Gnus, entdecke ich diese Herde. Die Bäume waren etwa 10 Meter hoch, aber die Wesen, die die „Kokosnüsse“ von den Wipfeln abrissen, brauchten ihre Hälse nicht einmal auszustrecken! Du verstehst: Ich hatte die erste Knala-Herde entdeckt, Tiere, die zehnmal größer waren als alle Landtiere, denen ich bisher begegnet war. Begeistert bestaunte ich sie von oben.

Ich flog nahe heran. Es waren etwa 20 Tiere. Manche bewegten den Kopf ein wenig, als sie mich bemerkten, aber dann fraßen sie ruhig weiter. Raubvögel kannten sie offenbar nicht. Ihr Kopf war für mich verblüffend klein. Vergnügt beobachtete ich, wie langsam eine Zunge herauskam, doppelt so lang wie der ganze Kopf, sich um die Früchte wand und die in den eigentlich kleinen Rachen hineinzog. Diese Wesen waren nicht gefährlich, außer, ich geriet unter ihre Füße. Diese Wesen fielen aber auch als Jagdbeute aus. Sollte deren Fleisch wohlschmeckend sein, dann hätte ein einziges Tier mich mehr als ein Jahr versorgt – nur das meiste wäre eben vorher vergammelt. Die Logik warnte mich: Wenn sich diese Riesen hier natürlich entwickelt hatten, dann hatten sich auch Wesen entwickelt, denen solche Fleischberge Beute waren. Bei uns auf der Erde hatte es den sogenannten Tyrannosaurus Rex gegeben. Und für den wäre ich eine Zahnfüllung.

Beim Weiterflug wunderte ich mich über etwas Anderes. Ich war zwar schon mehr als vier Stunden unterwegs, hatte aber noch kein Gewässer entdeckt. Das konnte nur ein Zufall sein. Ein einfacher sogar. Ich war ja in Richtung Gebirge geflogen, somit parallel zu denkbaren Flüssen. Ich entschied mich also dafür, um 90 Grad zu wenden, solange zu fliegen, bis ich wirklich auf einen Fluss stieß, und dann weiter in Richtung Quelle. Wenn ich mir keine Probleme bereiten wollte, dann sollte ich in zwei Stunden den Ausflug beenden. Die Energieanzeige war auf elf Prozent gefallen.

Ich zoomte mich etwas dem Horizont entgegen. Wahrscheinlich bedeutete das etwas dichter stehende Grün ein Flussufer. Ich war also auf dem richtigen Weg. Ich wollte schon maximal beschleunigen, da stutzte ich. Etwas an den Pflanzen kam mir seltsam vor. Sie wuchsen anders als die, denen ich bisher begegnet war. Sie … Sie wuchsen nicht natürlich! Das waren gar keine wachsenden Pflanzen, das waren Hütten aus Pflanzen. Hütten? Hütten! Was ich da heranzoomte, war eine Siedlung! Wie immer die aussehen mochten, das mussten intelligente Wesen sein, die da am Werk gewesen waren. Nicht gerade auf dem Niveau wissenschaftlichen Fortschritts, aber die anfängliche Prognose meiner Technik war hinfällig …Die Fremden durften mich nicht sehen. Zwar war unwahrscheinlich, dass die über einen Zoom verfügten, aber ich flog frei in der Luft, leise zwar, aber nicht geräuschlos, hatte zwar selbst kein Exemplar von denen entdeckt, aber ich wusste ja nichts über deren Sehfähigkeiten. Spontan entschied ich abzudrehen. Kein Risiko eingehen. Nun also würde ich mein Versteck wirklich wegen einer fremden Intelligenz brauchen.

Ich steuerte direkt das Gebirge an. Ich hatte Zeit, mein ganzes Leben lang. Nur keinen Fehler machen. Wie schnell ist man von einem mit unbekanntem Gift getränkten Pfeil getroffen. Oder …Nein, nicht darüber nachdenken. Hätte ich doch einen Kurs, ein Ziel einprogrammieren können, um mich ganz auf die Bioscans zu konzentrieren! Auf meinem jetzigen Fluchtkurs wurde der Bewuchs wieder dichter und wilder. Ich war überhaupt nicht sicher, ob das gut für mich war, aber je dichter die Pflanzen standen, umso näher nebeneinander konnte ich mit solchen Wesen existieren, ohne dass wir einander bemerken mussten. Und ich hatte einen Vorteil: Ich konnte mir Trinkwasser replizieren, brauchte nicht die Nähe eines Trinkwassergewässers. Ich brauchte nur einen Landeplatz.

Das Vergnügen am Fliegen war mir erst einmal vergangen. Mich interessierte nur noch eine Lichtung oder etwas Ähnliches.

Ich fand eine. Und das Glück meinte es gut mit mir. So intensiv ich auch suchte – es gab keine Anzeichen für Wege, die dorthin führten. Keine Ahnung, wodurch die Lichtung entstanden war, sie reichte für mich. Vielleicht 80 Meter lang und 30 Meter breit. Also viel ungünstiger als mein erster Landeplatz, aber nun war Anderes wichtiger. Ich musste herausbekommen, welche Wesen ich da entdeckt hatte. Ihre Siedlung war etwa 20 Kilometer entfernt, eine Strecke, die normalerweise ausreichen musste, dass wir uns ohne Absicht nie begegnet wären. Aber es war natürlich unwahrscheinlich, dass diese Siedlung, wenn es denn eine war, die einzige auf diesem Planeten sein sollte, und zum anderen wollte ich wieder die Initiative übernehmen. Mit einem Blick auf die Energieanzeige lächelte ich: Selbst wenn ich schlief, arbeitete die Zeit für mich. Da wurde mein Energiespeicher aufgeladen. Was wollte ich mehr?

An den folgenden Tagen passierte nichts Erzählenswertes. Ich bereitete meinen Ausflug zu der fremden Siedlung gründlich vor. Er war einfach zu wichtig, als dass ich mir vermeidbare Fehler hätte leisten dürfen. Manchmal ging mir zwar durch den Kopf, es darauf ankommen zu lassen und mit dem Gleiter einfach zwischen den Hütten zu landen. Aber das war natürlich Quatsch. Im wahrscheinlichsten Fall stoben alle auseinander und näherten sich erst wieder, wenn meine Spuren verwischt waren. Vielleicht hätten sie mir ein Opfergeschenk hinterlassen.

Aber was wichtiger war und jeden möglichen Erfolg minimierte: Ich besaß keine Kommunikationsmöglichkeit. Was nutzte mir der Hochleistungsübersetzer TL 300, wenn er nicht über die Sprache der Anderen verfügte?

Als ich endlich loszog, wirkte ich wie ein überladener Reporter. Kameras und Aufzeichnungsgeräte, ein TL, ein Replikator, drei Phots … Ich wollte mich zu Fuß der Siedlung nähern und zwar so, dass ich nicht bemerkt würde. Die Erfolgsaussicht hielt sich in Grenzen. Ich hatte ja nicht nur keine Ahnung, wie die fremden Wesen aussahen, sondern auch nicht, über welche Sinnesleistungen sie verfügten. Ich musste davon ausgehen, dass sie besser sehen oder hören konnten als ich von der Technik verwöhnter Mensch, aber es konnte auch sein, dass sie die Annäherung von etwas Fremdem rochen, bevor wir uns überhaupt sehen oder hören konnten, und gegen diese Möglichkeit hatte ich kein technisches Hilfsmittel, denn mir fehlten einfach die Kenntnisse, was diese Wesen als natürlichen Geruch ansahen.

Eine Überlegenheit gedachte ich voll auszureizen: Die Nachtsichttechnik. Alle uns bekannten höheren Lebensformen hatten irgendwie einen Tag-Nacht-Rhythmus entwickelt. Das war sinnvoll und ermöglichte unser biologisches Neuaufladen. Als ich mich der vermuteten Siedlung bis auf etwa einen Kilometer genähert hatte, machte ich also Halt. Ich wartete die Dunkelheit ab, schulterte meine Technik und zog langsam los. Ich wagte nicht, eingetretene Pfade zu benutzen. Es konnte ja Wachen und Fallen geben. Aber mein Schutzanzug ermöglichte mir, wie eine Walze durch Gestrüpp zu trampeln. Wenn ich oft genug anhielt, würden selbst Wachen kaum etwas gegen mich machen können, wenn sie keine Nachtaugen besaßen. Der Wärmesensor hätte mir dagegen ein sich näherndes Lebewesen rechtzeitig gemeldet.

Mein Gedächtnis spielte mir keine großen Streiche. Bis auf etwa 300 bis 500 Meter konnte ich mich in einem lichten Dschungel der Siedlung nähern. Dann folgte ein breiter Uferstreifen, der wahrscheinlich mit irgendeiner Frucht bepflanzt war. Landwirtschaftlich genutzte Felder also. So gut getarnt wie möglich installierte ich meine Beobachtungstechnik. Kameras, Richtmikrofone.

Endlich war ich zufrieden. Noch einmal alle Fernsteuerungen getestet und weg. Eine Wache hatte ich nicht bemerkt, und es gab keinen Grund zur Befürchtung, dass mich irgendwer bemerkt hatte. Ohne abzuwarten machte ich mich auf den Rückweg zum Gleiter. Es kam mir wie eine Willensprobe vor, erst dort auf einem Monitor das Aussehen der fremden Wesen zu bestaunen. Irgendein Gefühl sagte mir, ich bekäme kleine Tyrannosaurusse zu sehen. Und aus eine Mischung aus Neugierde und Angst, die intelligenten Echsen könnten doch noch meine Fährte aufgenommen haben und ich wäre erst im Gleiter meines Lebens sicher, legte ich die ganze Strecke zurück.

Lach nicht: Ich kam im Gleiter an, begann logischerweise sofort, die Wiedergabe vorzubereiten, aber bevor ich damit fertig wurde, war ich eingeschlafen …

Als ich wieder wach wurde, war es draußen hell. Ich hatte lauter wirres Zeug geträumt von Echsen, die mich zerfleischten und fühlte mich entsprechend. Ich zog mir einen Schnelldurchlauf auf Monitor 2. Gebannt starrte ich auf das schlafende Dorf vom vorangegangenen Morgen. Wann tat sich endlich einmal etwas? Da! Eine Bewegung! So schnell, wie ich diesmal auf normale Wiedergabe umgeschaltet hatte, reagierte ich sonst nur sehr selten. Zoom, schnell den Zoom einrichten und …

Das konnte doch nicht möglich sein! Ins Bild kam … ein Mensch!? Genauer wohl eine Frau. Oder?

Aufzeichnung stopp!

Die Verblüffung war eigentlich kaum zu überbieten. Ich fuhr den Zoom näher heran, um mehr Einzelheiten zu erkennen, wieder zurück, um ein Gesamtbild der Erscheinung zu bekommen. Es blieb dabei. Das erste wahrscheinlich intelligente Wesen, das mir auf diesem fernen Planeten ins Blickfeld geriet, zeigte eigentlich alle Merkmale, wie sie in den ersten Jahrhunderten der vorigen Zeitrechnung eine mongolische Frau im für damalige Verhältnisse fortgeschrittenen Alter von etwa fünfzig Jahren gezeigt hatte. Ledrig gegerbte Gesichtshaut, eine fast kugelförmige Kopfform, blauschwarze Haare, dunkelbraune Augen, eine Nase, als hätte eine archaische Gewalt sie ihr irgendwann früher in den Kopf zurückdrücken wollen … Sie trug etwas Sandalenartiges, keine Strümpfe, ein Kleid, dem ein Strick um die Hüften und zwei mir unbekannte Knoten über den Schultern Halt und Form gaben. Schmuck erkannte ich keinen. Als ich ihr noch einmal ins Gesicht zoomte, erschienen mir die Brauen unverhältnismäßig hoch und breit. Bemalt mit schwarzer Kreide. Ca. 40 Kilogramm schwer, 155 Zentimeter hoch, erklärte der Analysator. Humanoid, natürlich. Schlank also und zierlich. Für die Gravitationsverhältnisse dieses Planeten eigentlich zu klein gewachsen.

Weißt du, während ich dieses erste fremde Wesen musterte, das auch von den Zeichen der Greisenhaftigkeit und den wulstigen Lippen, zwischen denen vereinzelte Zähne hervorblinkten, nicht dem entsprach, was ich normalerweise schön genannt hätte, hatte ich bereits innerlich eine Entscheidung getroffen: Das waren Menschen.

Ich weiß nicht, wie lange ich mich mit der Betrachtung dieser „Oma Eva“ hingab … bei uns gibt es ein Märchen, demzufolge die allererste Frau auf Erden Eva geheißen hatte … Irgendwann riss ich mich los und ließ den Film normal weiter laufen. Selbstvergessen bestaunte ich die Geschöpfe, die da nach und nach an meinem heimlichen Drehort auftauchten. Die Bilder bestätigten meine anfängliche Vermutung. Offenbar gehörte die zuerst aufgetauchte Frau zur ältesten, der dritten Generation. Es gab noch eine Elterngeneration. Etwa zwei Drittel der Wesen, die ich an diesem Tag zu Gesicht bekam, waren Kinder unterschiedlicher Reife.Von denen liefen einige unbekleidet herum. Die meisten dieser Menschen trugen aber ähnliche Kleider wie die Frau, die ich als erstes gesehen hatte. Allerdings hatten die Männer einen breiten Gürtel um und irgendwelche Teile auf den Schultern, die die Knoten verdeckten und ihre Kleider waren kürzer. Ich erinnerte mich, ähnliche auf Abbildungen in einem Buch über unsere Geschichte bei ägyptischen Fellachen gesehen zu haben.

Aus den insgesamt 25 Hütten waren etwa 150 bis 200 Menschen geströmt. 152 behauptete der Analysator.

Was immer geschah, vorerst würde ich nur beobachten und abwarten.Ich hatte auch einmal die von den Richtmikrofonen eingefangenen Geräuschäußerungen zugeschaltet. Ich erkannte nur lauter Zischlaute und Aas dazwischen. Aber in der Hinsicht war mir die Technik überlegen – mit einer Einschränkung: Auch sie brauchte Zeit, um Begriffe zu erkennen.

Langweile ich dich?

Schließlich erzähle ich von der Gemeinschaft, in der du geboren wurdest. All diese … darf ich weiter Menschen sagen? … also Menschen waren dir ja von Anfang an vertraut. Du hast schon ihre Laute gehört, als du noch nichts davon verstanden hast. Was für mich wie ein wirres Aatschiatschascha klang, war deiner Mutter Sprache. Was für mich ein unheimlicher Forschungsgegenstand war, war dir normales Leben. Ich versuche mich also kurz zu fassen. Aber du musst auch einsehen, dass es lehrreich sein kann, das, was einem ganz normal und natürlich vorkommt, einmal mit den Augen eines Außenstehenden zu betrachten. Vielleicht gibt dir erst das die Möglichkeit, alles in Frage zu stellen – so wie du so Verständnis bekommst für mögliche Missverständnisse, wenn jener Außenstehende etwas Natürliches nicht kennt und dieses Natürliche für etwas Unnatürliches hält, weil es bei ihm eben anders ist.

Ich begann also meine Zeit als Voyeur. Ich wiederholte meinen Ausflug noch einmal, nachdem ich mir sicher war, dass das Dorf so etwas wie Wachen nicht kannte. Zehn Tage lang hatte ich dem Dorfleben zugesehen, ohne einen Menschen mit eine Waffe in der Hand gesehen zu haben. War meine Perspektive so ungünstig oder waren diese Menschen so leichtsinnig oder gab es für sie einfach keine Gefahren? Letzteres konnte ich nach jener Begegnung mit den Fleischbergen auf Beinen absolut nicht glauben. Eine Lebenswelt, die keine Raubtiere kannte, widersprach aller Evolutionslogik. Der erste Versuch, den Übersetzer zu starten, war zum Fiasko geworden: Er vermochte gerade einmal etwa zehn Prozent der Zurufe eine wahrscheinliche Bedeutung zuordnen. Und er war der Meinung, insgesamt nur gut 200 wahrscheinliche Begriffe isoliert zu haben. So unscheinbar primitiv die geflochtenen Hütten auch sein mochten – sie und ein abstraktes Vorausdenken erfordernder Ackerbau setzten eine umfangreichere Kommunikation auf abstrakter Ebene voraus. Ob sie sich innerhalb ihrer Hütten mehr unterhielten? Letztlich war das nur herauszufinden, wenn ich sie innerhalb dieser Hütten beobachtete und belauschte.

Nein. Das war kein Abenteuer. Ich installierte umfangreiche Beobachtungstechnik in mehreren Hütten und verbarg sie, so gut das möglich war. Ich bildete mir sonst was darauf ein, so geschickt und lautlos vorgegangen, dass ich niemanden geweckt hätte. Wie naiv! Ein paar Wochen später fand sich die Erklärung meines „Erfolges“. In Wirklichkeit war wohl mehr als das halbe Dorf erwacht. Aber alle taten von Angst gebannt so, als schliefen sie fest, damit dieser Nachtgeist nicht gerade sie bemerkte und mitnähme. Und das, was ich für irgendein Familien- oder Fruchtbarkeitsfest gehalten hatte, erwies sich als eine Art Voodoo-Zauber, der die reglosen Hausgeister, die ich zurückgelassen hatte, bannen sollte. Der Bann schien ja erfolgreich zu sein, denn es regte sich nichts und es kam niemand mehr. Man näherte sich den Zauberwerken nicht so weit, sie zu wecken, aber man vergaß sie allmählich wieder, weil nichts geschah – vorerst einmal.

Die Beobachtung des Hütteninnenlebens, besonders morgens und abends, gab mir schnell Grund zu vielfältigen Hoffnungen. Zum einen erkannte ich auch ohne Übersetzer eine Vielzahl unterschiedlicher Laute und Gesten. Aus dem Vergleich der vielen Hüttengespräche würde der Übersetzer nun sicher eine richtige Sprache erkennen. Zum anderen bemerkte ich etwas, was jedem echten Voyeur ein rauschendes Vergnügen durch die Glieder gejagt hätte. Das war das Liebesleben meiner Menschen. Für mich waren die Hütten ja erbärmlich klein. Sie enthielten so gut wie keine Möbel. Es gab keine Räume für einzelne Zwecke außer eben jenem einen für sexuelle Begegnungen. Weißt du, ich kannte das ja nicht. Wenn wir auf der Erde miteinander intim werden wollten, dann machten wir das entweder dort, wo wir uns gerade aufhielten und uns ungestört glaubten, oder im Schlafzimmer vor oder nach dem Schlafen, weshalb wir auch Miteinanderschlafen zu der Sache sagten. Geschlafen wurde in den Hütten aber in dem Raum, in dem vorher sich alles Andere abgespielt hatte. Aber jede Hütte hatte eine nur nach einer Seite offene Nische. Acht Hütten hatte ich mit Beobachtungstechnik versehen, aber nur in zweien konnte ich dort hineinschauen. Mir kam das Verhalten deiner Vorfahren in der Beziehung richtig komisch vor. Die, die sich dahinter begeben wollten, verneigten sich erst voreinander. Solche Verneigungen waren auf der Erde schon früh aus der Mode. Nur wenige Völker, vor allem die Japaner, bewahrten diese Geste länger – und bei einigen Kampfsportarten, die von ihnen erfunden worden waren, gehören sie zum Ritus. Ich kam nicht sofort auf den Sinn dieser Geste, weil sich mitunter auch mehr als zwei Menschen voreinander verbeugten und dann in diese Nische verschwanden. Die restlichen Bewohner deuteten den Entschwindenden gegenüber ebenfalls eine Verbeugung an. Dann sah man, wie die für die Liebe Bereiten aus den Kleidern, die sie ablegten, eine Schwelle bauten, und ich habe nie beobachtet, dass irgendein anderer Bewohner über diese Schwelle getreten wäre, ja, dass überhaupt einer versucht hätte, einen Blick dorthin zu werfen. Die Geräusche verrieten allerdings zweifelsfrei, was sich da abspielte. Wenn auf meiner alten Erde Menschen gute Laune gehabt hätten, hätten sie beispielsweise gesungen, und andere hätten ihnen zugehört – hier lauschten die Hüttenbewohnern richtig andachtsvoll dem urtümlichen Gesang der Nischenbenutzer. Du braucht deine Geschlechtsgenossinnen übrigens nicht zu beneiden. Die Männer gingen eigentlich sehr brutal mit ihnen um. Waren sie fertig, kamen sie wieder aus der Nische hervor – meist ohne ihre Kleider wieder überzustreifen. Ein paar Spritzer aus dem Familienwaschkessel und gut.

Abends folgte dann ein Ritus, dem ich anfangs mit Schaudern zusah. Ich weiß ja nicht, wie das heute auf der Erde aussieht, aber zu meine Zeit waren intime Berührungen von Kindern durch Erwachsene ein strenges Tabu. Und was musste ich schon am ersten Abend sehen, also noch bevor ich einen Blick auf eine der Nischenbegegnungen geworfen hatte? Männer und Frauen gingen von Liegeplatz zu Liegeplatz, um die Kinder zu streicheln. Sie streichelten sie sehr sanft und ausgiebig und besonders intensiv an ihren Geschlechtern. Die Kinder wiederum schienen darauf gewartet zu haben. Einige schienen es kaum erwarten zu können, und diese Streicheleinheiten endeten erst, wenn die Kinder sich so selig wanden, als hätten sie einen Orgasmus.

Nein, ich hatte das Gefühl, wegsehen zu müssen, und konnte es nicht. Ich wollte losrennen und diesen Kinderschändern zurufen, das macht man nicht. Aber dann … Einmal davon abgesehen, dass sie mich sprachlich nicht verstanden hätten, hätten sie es auch vom Sinn her nicht. Was hieß denn Schänder? Das hätte ja bedeutet, es wären Kinder in Schande zurückgeblieben. Schande aber kannten sie nicht. Sie schliefen offensichtlich schnell zufrieden ein.

An diesem Abend kam ich schweißgebadet wieder zu mir. Was trieb mich nur an? Einen Teil meiner Empfindungen kannst du dir leicht vorstellen. Das letzte Mal, als ich eine Frau als Frau berührt hatte, lag länger als zwei Jahre zurück. Aber so vermisst wie in diesem Augenblick hatte ich das bisher nicht ein einziges Mal.

Wie geht man mit etwas um, das einen …

Ja, was eigentlich? … anwiderte? Hätte ich das jetzt sagen müssen? Für die Welt, aus der ich kam, galt das wohl so. Aber vom folgenden Tag an verfolgte ich das Treiben, wenn ich es denn verfolgte, mit anderen Augen. Wie ging es diesen Kindern?

Ich begann zu wichten. Bei aller Vorsicht, die hier geboten war, diese offenbar nicht als Erotik verstandene Intimität endete bei den Kindern, die schätzungsweise zehn geworden waren. Ältere Kinder existierten aber scheinbar auch nicht in den Hütten. Wieso das? Ich musterte nun auch tagsüber die Alterszusammensetzung der in meinen Aufnahmen auftauchenden Menschen. Tatsächlich gab es dort viele Kinder, besonders viele sehr kleine. Die Erwachsenen im Arbeitsalter brachen früh auf und kamen vor Sonnenuntergang zurück. Die Dämmerungszeit war kurz und es gab zur Beleuchtung nur Fackeln. Im Dorf hockten überall Alte, die neben ihren Verrichtungen die Kinder im Blick behielten, offenbar nicht nur die eigenen. Sie hatten es leicht damit. Die Kleinen tobten scheinbar immer nur innerhalb unsichtbarer Grenzen. Nie entdeckte ich überdrehte Kinder. Und wenn sie es etwas toll trieben, dann zeigten sich die Alten geduldig und nachsichtig. Aber so sehr ich suchte – ich fand nicht einen Teen. Dafür musste es eine Erklärung geben – und ich wurde immer sicherer, dass ich die erst herausfinden würde, wenn ich mich mit den Menschen verständigen konnte. Und noch immer kam die Wiedergabe über ein paar Sätze, die der Translator als wahrscheinliche Übersetzung bezeichnete, nicht hinaus. Ungeduldiger werdend testete ich jeden zweiten Tag, aber es fehlten offenbar ein paar Schlüsselbegriffe, ohne die der Rest keinen meiner Sprache zugänglichen Sinn ergab.

Ich kannte jetzt schon viel. Zum Beispiel bestand die Hauptnahrung dieser Menschen aus einer Frucht, die mich an grüne Tomaten erinnerte. Ich nahm mir vor, beim nächsten Ausflug welche mitzunehmen, um sie zu kosten. Die Menschen aßen sie sowohl roh, dann trieften sie wie besonders saftige Äpfel, oder als Brei – den zerkochten sie so lange, bis sie die gummiartige Schale, die sie sonst ausspuckten, aussieben konnten. Dann kannten sie eine Wurzel, die ich Rübe nannte, und die sie in Scheiben geschnitten in den fast fertigen Brei gaben, und ein paar Früchte. Bisher entdeckte ich nichts, was sich als Mehl hätte eignen können. Also gab es keine Teigwaren als Vorrat für erntefreie Zeiten und … keine Tiere, die sie essen, melken oder von denen sie Eier bekommen konnten. Ein sehr beschränkter Speiseplan.

Schimpf nicht mit mir. Ich brauchte eine Weile, bis ich die einzelnen Personen auseinanderhalten konnte, bis ich wusste, wenn die Karawane vom Feld am Fluss kam, wer in welche Hütte gehen würde. Dann fing ich an, ihnen Namen zu geben, richtiger, ich nummerierte sie. Den Hütten verpasste ich Buchstaben, mit A bei der vordersten Hütte mit Überwachungstechnik beginnend. Der älteste Mann darin bekam die 1, die älteste Frau die 2 usw.. Ich will ganz offen sein: Ich legte ein Verzeichnis an, wer mit wem in die Liebesnische ging, um mir sicher zu sein, wer mit wem zusammengehörte. Das ging zwar nur für die acht innen beobachteten Hütten, aber das Ergebnis war niederschmetternd. Unter den beobachteten Menschen gab es keine Frau, die nicht im Laufe einer Woche mehrmals mit mindestens einem der Männer in einer Nische gewesen wäre, nicht einmal die Greisinnen. Ich erwischte mich dabei, wie ich auf H 3 neidisch wurde, als sich H 12 vor ihm verbeugte – eine der jungen Frauen, die ich mir in meine Nische geträumt hätte.

Ich brauchte einige Tage, um zu begreifen, dass die Hütten also polygame Gemeinschaften waren. Eigentlich verstand ich das erst, nachdem ich das erste Mal den Besuch einer der Frauen aus G, nämlich der G 8, im A-Haus beobachten konnte.

Es war ein für mich wahnsinnig umständliches Verbeugungsritual: Beim Reinkommen hatte sich G 8 vor allen Bewohnern von Hütte A andeutungsweise im Rund verbeugt, dann tief vor A 11, A 11 war verlegen stehen geblieben, hatte sich von einem zum nächsten gedreht, verbeugt, immer weiter, jeweils nachdem er eine Verbeugung als Antwort bekommen hatte, bis er mit allen Hüttengefährten fertig war. Dann verbeugte er sich vor G 8, dann verbeugten sich beide gemeinsam andeutungsweise noch einmal vor allen Hüttenbewohnern und verließen rückwärts die A-Hütte. Und ich ahnte es schon: Dasselbe wiederholte sich ähnlich in der G-Hütte, nur, dass die Beiden dort nicht rückwärts nach draußen, sondern in die dortige Nische entschwanden. Wie gesagt, diesen Verbeugungsfilm von einer halben Stunde Länge verfolgte ich als Stummfilm. Allerdings haben sie nirgendwo viel gesagt.

Mir wollte die ganze rituelle Förmlichkeit so überhaupt nicht zu den sonstigen archaischen Lebensumständen passen. Ich muss wohl nicht betonen, dass der Film nach vollendetem Nischengesang noch einmal rückwärts abgespult wurde? G 8 brachte ihren A 11 ordentlich vor dem Schlafengehen wieder in seine Hütte zurück.

An diesem Abend konnte ich wieder nicht einschlafen – aber vor Lachen. Wenn man akzeptierte, dass alle nur in jener begrenzten Zahl von Nischen ihre Begegnungen zelebrierten, dann musste man schon das allseitige Einverständnis einholen, dass man im entscheidenden Moment jenen Platz für sich beanspruchte.Welch absonderliche Vorstellung für mich.

Nein. Ich lache nicht über die damaligen Sitten deines Volkes … doch, ein bisschen schon … Aber ich nehme an, daran kannst du dich nicht mehr an diese Einzelheiten erinnern. Da warst du noch nicht bewusst bei der Sache. …bei DER Sache sowieso nicht …

Aber im Ernst. Eigentlich ahnte ich schon die Lösung des Geheimnisses. Aber, weißt du, wenn man etwas nicht wahrhaben will … Und im Moment bestärkte absolut nichts meinen Verdacht. Mal dir das aus: Ich gewöhnte mich mehr und mehr an diese Menschen, an „meine Menschen“, wie ich sie immer öfter nannte. Ich merkte verwundert, dass mir ihr Äußeres von Tag zu Tag nicht nur vertrauter, sondern sogar schöner erschien.

Nicht dass du denkst, ich hätte die ganzen Wochen nur spannend an meinen Monitoren gesessen. Das lohnte sich sowieso nur morgens und vor allem abends. Nein, ich suchte weiter nach einem sicheren Unterschlupf. Schließlich fand ich einen Berghang, der mich auf eine, wie ich damals fand, geniale Idee brachte. Mein Hauptkristall war wieder fast völlig aufgeladen. Von wegen Grotte als Versteck! Warum sollte ich nicht eine eigene Festung bauen? Ich würde eine künstliche schaffen! Das forderte schon einiges an Hirnschmalz von mir. Ich musste den ersten Arbeitsroboter erschaffen. Im Raumschiff hätte ich ihn einfach im Ganzen repliziert. Hier konnte ich nur Segment für Segment programmieren und dann replizieren. Zusammenflicken musste ich sie ganz per Hand! Noch schwieriger waren die Baupläne. Der beste Replikator konnte nur etwas replizieren, dessen materielle Struktur er kannte. Ich musste also die Notkopie des Materiespeichers des Raumschiffs entpacken. Plötzlich hatte ich die Speicherkapazität meines Supercomputers fast ausgeschöpft. Ich musste also erst einmal einen hochkapazitativen externen Speicher replizieren und anschließen, bevor ich mit den Robotersegmenten überhaupt beginnen konnte.

So verging die Zeit. Aber wenn ich von allem so viel gehabt hätte wie eben von Zeit … Du kannst dir vielleicht meine Freude ausmalen, als endlich wirklich zwei Roboter begannen, einen Raum aus dem Felsen zu schneiden – an einer Stelle, die nur über einen einen Meter breiten Pfad zugängig war. Dieser Pfad ließ sich leicht sperren. Nun brauchte ich „nur“ noch eine „Einfahrt“ für den Gleiter und ich konnte mir ein unsichtbares Schloss schaffen.

Zeit … Allmählich verstand ich einen Grund für meine Scheu, diesen Menschen gegenüberzutreten. Es gab mehrere, das ahnst du sicherlich. Einer aber lag in Geschichten, die ich als wirklich junger Mensch gelesen hatte. Es gab immer wieder aufgewärmte Erzählungen über Menschen, die auf unnatürliche Weise zu ewiger Jugend gekommen waren. Auf der alten Erde waren sie mit einem Fluch belegt: Alle Partner, für die sie eine tiefe Empfindung entwickelten, alterten und starben neben ihnen her. Je nachdem, was die Autoren daraus machten, mussten die Helden sich ständig auf die Flucht begeben, damit nicht auffiel, dass sie nicht alterten, oder es endete anders tragisch. Auf der neuen Erde hatte jedem die Möglichkeit eines noch unvorstellbar langen Lebens zur Verfügung gestanden. Wer also wollte, konnte Hunderte Jahre mit demselben Partner zusammen leben. Hier aber war ich der einzige meiner Art. „Meine Menschen“ hatten nur eine Lebenserwartung von etwa 50 Jahren. Wie sollte ich damit umgehen?

Es war an einem der Abende, wo ich in einem Gemisch aus schwindender Empörung, unterdrückter Lust und wachsendem Neid zusah, wie in A die Kinder in den Schlaf gestreichelt wurden. A 14 besaß schon erste Ansätze fraulicher Anmut. Sie war mir aber nicht nur deshalb aufgefallen, sondern auch, weil sie die Berührungen besonders stark zu genießen schien. Warum … Da packte mich ein Gedanke mit unbezwingbarer Gewalt. Das war es doch: Ein Mädchen in diesem Alter würde selbst sichtbar reifen und trotzdem noch viele Jahre jung bleiben. Ich würde beobachten, wie sie älter würde. Ihr aber fiele lange nicht auf, dass ihr Partner während all der Zeit unverändert jung bliebe – mit ihr, bei ihr, ihretwegen.

Wann sollte ich einer solchen Idee die Tat folgen lassen? Plötzlich wurde mir die Unschuld jener Berührungen bewusst. Keines der Kinder war in einer Nische gewesen, alle lagen beieinander, glücklich so etwas zu empfangen, was bei meinesgleichen ein Gute-Nacht-Kuss gewesen wäre.

Eigentlich nahm ich ihnen schon mit dem Zusehen eben diese Unschuld – nur dass sie das ja nicht wussten. Ich schämte mich für meinen Gedanken.

Dabei ahnte ich noch nicht, was der folgende Tag meiner A 14 bringen würde …

Obwohl ich mich sehr bemüht hatte, meine fremden Menschen umfassend zu beobachten, so erfasste ich nur ein sehr beschränktes Stück ihres Lebens. Diejenigen zum Beispiel, die zum Arbeiten auf die Felder zogen, bewegten sich meist außerhalb des Blickwinkels der Kameras. Außerdem hatte ich mir sowieso angewöhnt, dort wenig hinzuschauen – und sei es nur, weil die Dörfler zur selben Zeit arbeiteten wie ich – ich also unterwegs war, wenn bei denen die Feldarbeiten liefen. Dass es bei meiner Nischenstatistik Lücken gab, dass also einzelne erwachsene Bewohner mitunter für mehrere Tage überhaupt nicht in ihren Hütten gewesen waren, fiel mir erst später auf. Es gab einfach keinen Grund, darüber nachzudenken. Nachdem ich auf eine solche Idee gekommen war, sichtete ich die bis dahin vergangenen Tage im Schnelldurchlauf. Ich hätte ja auch jemanden einfach übersehen haben können. Schließlich stand aber fest, dass einige „meiner“ Menschen mehrere Tage nacheinander verschwanden, um dann wieder am Leben der Gemeinschaft teilzunehmen, ohne dass die anderen davon Notiz genommen hätten.

An diesem Morgen aber war alles anders. Ein Zug Erwachsener, wie ich feststellte sieben Männer und eine Frau, ordnete eine Reihe Kinder. Und es waren nicht irgendwelche Kinder; es waren die acht ältesten. Meine A 14 war unter ihnen. Ich verstand noch immer nicht, wovon sie redeten, aber unverkennbar herrschte eine nicht alltägliche Stimmung. Einige Kinder waren viel stiller als sonst, andere total überdreht. Eine Mischung aus Angst und … Irgendwie erinnerte mich das an uralte Einschulungsbilder. Zu meiner Kinderzeit kannten sich die Erstklässler eigentlich alle schon von vorher, aber die Erwachsenen machten aus dem Neuen etwas so Besonderes, dass die Kinder früher oder später eine unterschiedlich starke Beklommenheit packte. Jetzt fängt ein neuer Lebensabschnitt an, jetzt wirst du bald erwachsen, jetzt …

Nein, das traf es nicht. Diese Szene hier war ein Abschied. Alle Hüttenbewohner waren draußen, alle sagten etwas zu ihren Sprößlingen, alle … Aber der Zug verließ schon nach wenigen Minuten jenen Bereich, in dem ihn eine meiner Kameras erfassen konnte.

Da geschah etwas völlig Neues und Wichtiges! Da musste ich hin! Ohne weiter nachzudenken stieg ich in den Gleiter und programmierte einen Kurs auf den nächstbesten Punkt, den der Zug passieren musste. Vorausgesetzt natürlich, er behielt die eingeschlagene Richtung bei.

Ich würde ihn in einem Versteck erwarten …

Kannst du dir vorstellen, wie zermürbend solches Lauern sein kann? Wenn ich wenigstens hätte sicher sein können, dass der Trupp wirklich den Weg an mir vorbei nehmen würde! Ich musste sogar in Betracht ziehen, dass mein Landeanflug bemerkt worden war – und die kleine Gruppe gerade deshalb ihre vorgesehene Route geändert hatte. Und was hieß überhaupt Route? Ich wusste ja nicht, wo die achtzehn hin wollten. Wenn sie nun nur zu einem etwas weiter entfernten Feld aufgebrochen waren, so weit weg eben, dass Übernachtungen nötig waren? Nein, das war Blödsinn. Die eingeschlagene Richtung führte eindeutig vom Fluss weg. Die mir bisher aufgefallene Landwirtschaft beruhte aber auf dessen Wasser.

Machten sie vielleicht die erste Rast? Oder waren schon vorbei an meinem Versteck?

Als ich aus der Ferne die ersten Rufe hörte, atmete ich tief durch. Dann tat ich, als könnte ich die Luft anhalten, solange sie in der Nähe waren. Sie durften mich nicht bemerken.

Das Schweigen der kleinen Menschen, die an meinem Versteck vorüber marschierten, wurde nur vereinzelt durch kurze Zurufe unterbrochen. Alle Aufzeichnungsgeräte liefen.

Weg waren sie. Als ich mir sicher war, dass sie mich nicht bemerken würden, trat ich hinaus auf den Weg. Als einsamer Wanderer folgte ich ihrer Fährte. Immer bevor der Pfad durch den Wald die nächste Schleife machte, verharrte ich und lauschte. Die anderen hatten einen kleinen Vorsprung. Das machte nichts, solange ich nicht auf Abzweigungen in andere Richtungen stieß. Im Dickicht wären sie wohl kaum weiter gelaufen. Ich konnte nur auf dem richtigen Weg sein, und noch hatte mich niemand bemerkt. Der Pfad wurde übrigens deutlich oft benutzt.

Und dann war plötzlich der Wald zu Ende.

Mir stockte der Atem. Nicht der von mir verfolgten Menschen wegen. Die trotteten den Weg weiter, ohne sich umzusehen. Wahrscheinlich hätten sie mich nicht einmal beachtet, hätte ich den Wald verlassen. Nein, es war das Bild der Landschaft und das Ziel meiner Gruppe, an dem es nun keinen Zweifel gab.

Die offene Landschaft vor mir war nämlich keine natürliche Savanne. Nein, das war eine Kulturlandschaft mit vielen unterschiedlich ausgedehnten Feldflecken – unterbrochen von mehreren Dörfern und kleinen Städten. Und das Ziel „meiner“ Menschen war eine Burg, die bedrohlich über einem Berg die weite Landschaft überragte. Die Gruppe lief inzwischen auf etwas, was man durchaus Straße nennen konnte. Ein befestigter Weg jedenfalls. Es gab keine Deckung. Mir blieb nur, so lange wie möglich alles Erkennbare mit dem Fernglas zu beobachten und aufzuzeichnen. Viel war das nicht. Die Gruppe lief noch etwa eine halbe Stunde bergauf. Das massive Burgtor blieb ihnen geschlossen. Die 18 Menschen verschwanden nacheinander durch ein kleines Türchen. Ich wartete. Nichts geschah. Ich suchte mit dem Fernglas die Burgmauern ab. Eigentlich erkannte ich nichts wirklich. Aber ich war mir trotzdem sicher, die Spitzen von Hellebarden und Lanzen gesehen zu haben – und die schwarzen Rachen riesiger Kanonen. Noch wusste ich nicht, ob ich mir nur eine Szene aus einer alten Geschichte herbei halluzinierte, in der einer unserer Vorfahren auf einer Kanonenkugel geflogen zu sein behauptete. Aber an einem gab es keinen Zweifel: Auf die Rückkehr der Gruppe zu warten, hatte keinen Zweck.

Ich schleppte mich den Weg zurück zum Gleiter, gab die Aufzeichnungen in den Analysator ein und legte mich hin, obwohl ich wusste, ich würde nicht einschlafen können.

15 Kilometer Luftlinie neben meiner begonnenen Höhlenfestung stand also eine mächtige Burg. Die Umstände meiner blinden Landung hatten verhindert, dass ich bzw. das Analyseprogramm etwas vom Niveau der Besiedlung bemerkt hatte. Und jetzt? Ich würde die Vorstellungen meines gesamten künftigen Lebens ändern müssen, wenn es auf diesem Planeten schon Herrscher gab!

Dass die acht Erwachsenen nach einer Woche zurück kamen, abends wieder in der Siedlung auftauchten, als wären sie wie die anderen nur auf den Feldern gewesen, ahnst du sicher schon. Die Elfjährigen – ich hatte entschieden, dass die zehn Kinder elf Jahre alt gewesen waren – kamen nicht wieder.

Für mein Leben ergaben sich mehrere Änderungen.

Zum einen eine erfreuliche. Als ich am Morgen nach dem Ausflug den Übersetzer zur Wiedergabe zuschaltete, erklangen erstmals mehrere vernünftige Sätze nacheinander. Manchmal bewahrte er den fremden Ausdruck, für den er keine Entsprechung gefunden hatte. Insgesamt aber hatte das analysierte Material endlich für die Übertragung der fremden Grammatik im fremden Begriffsschatz in meine Sprache ausgereicht.

Zum anderen musste ich meine Position völlig neu überdenken. Eine Burg – das hieß so etwas Ähnliches wie ein Adliger, ein Alleinherrscher, der seine Macht auf Abhängigkeiten und Söldnern gründete. Die bisher beobachteten Bauern waren also keine freien Menschen, sondern z. B. zum Frondienst verpflichtete. Die Kinder … Nein, dafür hatte ich noch keine Erklärung. Aber ich würde mich nicht unterwerfen. Es gab nur eine logische Konsequenz. Ich musste eine kleine Truppe Robotersoldaten replizieren, um mich durchsetzen zu können. Zumindest Hieb- und Stichwaffen konnten denen nichts anhaben. Noch konnte ich nicht sagen, wie viele ich brauchen würde, aber für die nächsten vier Wochen würde ich 10 Prozent der Energiereserven für ihre Fertigung einsetzen.

Die Idee war mir zwar schnell gekommen, bei der Umsetzung ergaben sich aber unbedachte Probleme. Kampfroboter und sogar noch äußerlich menschenähnliche waren meiner Gesellschaft so fremd, dass ich keine Vorlagen im Datenspeicher fand. Ich entschied mich für eine Abwandlung der Arbeitsrobbis für den eigenen Burgbau. Einige mussten dahingehend umprogrammiert werden, dass sie ihre Phots gegen organische Ziele einsetzten.

Ich kann dir nicht sagen, warum ich das Problem fast mit Selbstverständlichkeit auf solche Weise anging. Dort, wo ich hergekommen war, hätte man über mich den Kopf geschüttelt. Kriegerische Handlungen, der Einsatz von Gewalt gegen andere denkende Wesen war einfach ausgeschlossen, tabu, undenkbar. Vielleicht war es aber leicht zu erklären: Auf der Erde ging man davon aus, dass die Seite mit dem anderen Ziel genauso selbstverständlich keine Gewalt einsetzen würde. Jede Gewalt der Macht aber produziert Gewalt des Widerstands, erschwert zumindest gewaltfreien Widerstand – und sofort schaukeln sich die Handlungen beider Seiten gegenseitig hoch – und ich hatte wohl bedingungslos unterstellt, dass der ansässige „Fürst“ sowohl seine vorhandene Macht auf Gewalt stützte als auch ebenso bedingungslos bereit sein würde, sie gegen mich einzusetzen. Aber zu diesem Zeitpunkt war das nichts als Vermutung, Theorie.

Noch war ich keinem gewalttätigen Feind begegnet, und ich gedachte alles zu unternehmen, dass sich das nicht so schnell änderte. Bevor ich in das Leben der dörflichen Gemeinschaft eingreifen würde, wollte ich es verstehen. Auf der Erde gab es sehr umfassende Auffassungen über die Nichteinmischung in fremde Entwicklungen. Die Menschen aus Zeiten mit Herrschaftsverhältnissen bei uns hatten dafür zu viel abschreckende Beispiele mit nicht mehr reparierbaren Schäden bei anderen Kulturen hinterlassen.

Also beobachten, sich vor vorschnellen Urteilen hüten und eventuelle Deutungen immer neu an neuen Beobachtungen überprüfen. Aus mir wäre vielleicht ein guter Völkerkundler geworden.

Leider überschlugen sich dann die Ereignisse, und ich wurde zu schnellem Reagieren gezwungen.

Alles fing scheinbar harmlos an. Die Gewalt der Fürstenburg hatte sich während der ganzen Zeit nicht sehen lassen. Wenn ich es nicht aus der Erdgeschichte besser gewusst hätte, hätte ich annehmen können, dass die Dörfler wahrscheinlich auf oder bei der Burg völlig freiwillig ihre Frondienste erbrachten. Wer eben dran war, zog los, ließ die heimischen Feldstücke in der Obhut seiner „Sippe“ und kam nach vollbrachtem Dienst wieder zurück, ohne Aufsehen davon zu machen. Es gab offenbar auch so etwas wie eine Religion, ein höheres Wesen, an dass diese „Menschen“ glaubten, und das alles genau so wollte, wie es war. Auch eine Ernte-Bitt-Prozession hatte ich schon beobachtet. Was ich aber bisher noch nicht gesehen hatte, waren Fremde in der Siedlung.

Die waren offenbar auch wirklich eine Seltenheit, denn als sich ein Gefährt den Hütten näherte, das von einem kuhartigen Tier gezogen wurde, strömten sofort alle Kinder herbei, aber die Erwachsenen zügelten ihre eigene Begierde nach Neuigkeiten und Abwechslung kaum weniger.

An diesem Tag verließ ich den Gleiter nicht. Ich verkniff mir,persönlich die Bauarbeiten zu überwachen. Der Film war einfach zu reizvoll. Ich hätte mir gut vorstellen können, dass in der Mittelalter genannten Erdzeit alles so abgelaufen sein könnte, wenn ein Spielmann auf einem der Dorffeste aufgetaucht war. Vielleicht mit dem Unterschied, dass hier offenbar das Fest ganz spontan begann, weil eben diese Spielfrau das Dorf erreicht hatte. Es gab wirklich derart viele Ähnlichkeiten! Die Frau klimperte und kurbelte an einem Kasten, den ich Leierkasten-Orgel nannte, und dazu sang sie Geschichten, die einen festen Rhythmus hatten. Der half ihr offenbar, sich die langen Texte einzuprägen. Die sie umringenden Dörfler lachten laut, riefen ihr vieles zu, was der Translator nur teilweise verarbeiten konnte und in einer Liedpause tauchte plötzlich ein Topf mit Brei auf und alle begannen zu löffeln.

Das Haar der Frau war lang und verfilzt. Ihr Kleid wich deutlich von dem aller bisher beobachteten „Menschen“ ab. Nicht im Schnitt, aber das Kleidungsstück strotzte nur so von bunten Flicken und aufgenähtem Schmuckzeug, Federn, Zweige, Blüten. Wirr und irgendwie lustig. Die Frau schien überdurchschnittlich alt zu sein. Ihr Gesicht war so sehr von Runzeln beherrscht, dass die vielen verheilten Wunden kaum noch auffielen.

Genau diese Wunden aber beschäftigten mein Interesse. Sie verliefen nicht wie normale Narben in breiter Strichform. Nein, sie sahen aus, als hätte ein Kalmar seine Saugnäpfe an der Gesichtshaut angesetzt, um so den restlichen Körper in seinen Verdauungstrakt zu ziehen. Nicht total gleich groß, aber immer entweder rund oder oval. Mit kam die Idee, dass irgendwann in der menschlichen Entwicklung die Vorgänger heutiger Ärzte Blutegel angesetzt hatten, um angeblich das kranke Blut abzusaugen. Aber die hatten das doch bestimmt nicht im Gesicht gemacht, oder? Was war das nur?

Die Dörfler störte die ungewöhnliche Mischung aus Alter, Hässlichkeit, Gutmütigkeit und zur Schau gestellter guter Laune überhaupt nicht. Sie schien nur die Abwechslung zu interessieren.

Nach einer fast zweistündigen Alleinunterhaltungsschau schlug die „Zigeunerin“ das Verdeck ihres Wägleins hoch, und zum Vorschein kamen die unterschiedlichsten Sachen, deren Sinn ich nicht begriff, die Dorfbewohner allerdings auch nicht, denn nur einer der jüngeren Männer schleppte einen Gegenstand, den die Frau und der Translator Amgakscha genannt hatten, im Austausch gegen einen Zettel in seine Hütte – wieder eine Entdeckung: Es schien also durchaus so etwas wie Papiergeld zu geben. Im Umgang der Dorfbewohner miteinander war das aber in den zurückliegenden Monaten nicht einmal verwendet worden bzw. war mir keines aufgefallen.

Der weibliche Spielmann blieb noch zur Nacht im Dorf und zog am folgenden Morgen weiter. Wie dem auf der Erde berühmten Rattenfänger zu Hameln folgten ihr die Siedlungskinder als tänzelnde Traube über die Dorfgrenze hinaus – im Gegensatz zu jener Sage aber kamen sie alle ungewöhnlich aufgekratzt wieder zurück.

Der Besuch der Fremden hätte eine heitere Episode im Dorfleben bleiben können. Aber vier Tage danach zeigten die meisten Bewohner des Dorfes unverkennbare Symptome einer quälenden Krankheit. Zuerst waren sie in der Hütte aufgetreten, in der die Amgakscha einen mittigen Ehrenplatz eingeräumt bekommen hatte. Die Gesichter der Bewohner waren von braun-violetten Flecken übersät, die Körper schienen innerlich zu glühen – ich hätte geraten, dass sie von hohem Fieber geschüttelt wurden – und die Menschen hielten sich die Bäuche, als würden sie von Krämpfen geschüttelt.

Ich muss zugeben, dass mich die Bilder verwirrten. Krankheiten gehörten nicht zu dem, was ich kannte. Ich wusste, dass es sie auch auf der Erde gegeben hatte, zu meiner Zeit noch kleine bei den Kindern und Jugendlichen ohne Nanniten-Schutz, ich wusste, dass man gegen die meisten immunisiert werden konnte, ich wusste um alte Zeiten, in denen man an einigen von ihnen sterben konnte. Aber beobachtete ich gerade eine solche? Was auch immer das war, war sicher nicht mit irdischen Erkrankungen vergangener Zeiten vergleichbar. Ich fühlte mich irgendwie hilflos. Wieder würde ich nur zusehen können.

Die Krankheit trat schon am nächsten Morgen in eine neue Stufe. Von den Dorfbewohnern verließ keiner mehr den Bereich der Hütten. Ich musste daraus schließen, dass diese Menschen sehr starke Schmerzen hatten oder eine extreme Schwäche oder beides. Die Gesichter hatten sich verändert. Die meisten von ihnen waren aufgedunsen. Die Flecken vom Vortag waren zu hässlichen Beulen aufgequollen. Einige hatten daran gekratzt. Die Haut war aufgeplatzt und eine gelbe Masse schoss hervor, so als ob es sich um Pickel von zwei Zentimeter Durchmesser handelte. Ich hatte keine Ahnung. Nur das Wort Beulenpest fiel mir ein. Ich war mir sicher, dass diese Krankheit auf der Erde nie so schnell vorangeschritten war … Allerdings war sie dort früher oft tödlich verlaufen. Manche Krankheiten verlaufen aber auch schnell, heftig … und vergehen wieder. Ich ahnte schon, dass ich mir die Wirklichkeit gern zurechtträumen wollte. Sie ließ meine Wunschträume nicht an sich heran. Schon am Abend war eines der wenigen Babies gestorben.

Was auch immer ich mir an Strategien überlegt hatte – es war wertlos geworden. Ich musste handeln. Die Frage war nur wie.

Die Antwort auf die Frage kam von den Dörflern selbst. Ich weiß nicht, ob ich sie wegen des folgenden Verhaltens für gefühl-, pietät-, traditionslos halten sollte. Mit Gesten verständigten sich die Bewohner jener Hütte, in der das Baby verstorben war, dass die älteste Frau es aufheben sollte. Drei Männer folgten ihr auf einem Weg raus aus dem Dorf. Sie murmelten etwas von „… wird bei Aschakaalas Würmern träumen …“ Noch vor Einbruch der Dunkelheit waren die vier wieder zurück, schwach, aber ohne Zeichen von Trauer.

Ich hatte keine Wahl. Ich konnte nur darauf setzen, dass die Dorfbewohner von der Krankheit so geschwächt waren, dass sie auf umgehende Geister nicht reagieren würden. Wenn ich nicht viele weitere Tote riskieren wollte, musste ich den Leichnam untersuchen, richtiger: der Analysator musste es. Dazu musste ich den Körper des Babies finden. Ich musste in die Nähe des Dorfes – weit konnten die vier nicht gelaufen sein – und das Grab öffnen.

Klar. Es gab kein Grab. Der nackte Körper war etwa 200 Meter von den Hütten entfernt, aber auf der den Feldern abgewandten Seite, verscharrt worden. Mit einer Lampe fand ich die Stelle. Ich gab mir keine Mühe, beim Suchen und Buddeln unbemerkt zu bleiben. Die Zeit drängte, und bisher hatte nichts darauf hingedeutet, dass die Dörfler einen vermeintlichen Geist – und wofür sonst hätten sie mich halten sollen – bei seinem Wirken stören würden.

Mein Einsatz wurde ein voller Erfolg. Nicht nur, dass ich den Babykörper dem Analysecomputer anvertraute, nein: Noch vor Mitternacht hatte das Med-System eine Art Serum entwickelt, das die Wirkung jenes offenbar nur bakteriellen Krankheitserregers neutralisieren konnte. Dort, wo ich herkam, hätte man den Kopf geschüttelt. Ich replizierte vorzeitliche Spritzen mit einer Pistole dazu – und nach etwa 100 Stück … übermannte mich der Schlaf …

An Horrorträumen hatte ich in dieser Nacht keinen Mangel. Trotzdem oder vielleicht sogar deshalb war ich am nächsten Morgen früh hellwach. Ich schaute kaum die Monitore durch – es war auch nichts Überraschendes zu erkennen; im Wesentlich wälzten sich die Dörfler in ihren Schmerzen. Demnach lebten sie also noch.

Ich hatte mich entschieden. Bei meinem ersten Auftritt konnte ich der Eile wegen nicht auf Gewalt verzichten, wollte ich kein Risiko eingehen. Was wäre gewesen, wenn die Dörfler im Schreck über mein Auftauchen nur kurz ihre Lethargie überwunden hätten, geflüchtet und in irgendwelchen Verstecken krepiert wären – und wäre es auch nur ein Teil von ihnen? Sie durften meiner Behandlung doch auf keinen Fall entgehen.

Meine Kampfroboter stattete ich mit einem an mittelalterliche Ritter erinnernden Äußeren aus; ihre Phots regelte ich auf minimalen Impuls herunter. Normalerweise führte dies nur zu einer kurzzeitigen Lähmung – allerdings war der Zustand meiner Zielpersonen unnormal schlecht. Es war also besser, die Waffen überhaupt nicht wirklich einsetzen zu müssen.

Schließlich postierte ich meine Ritter rund um die Siedlung. Als die Hütten ausreichend dicht umzingelt waren, gab ich den Befehl zum Abmarsch. Jeder rückte gerade auf die Hütten zu.

Als körperlich Schwächster im Kreis machte ich die letzten Schritte auf die Hütten zu. Mich eskortierte einer der Roboter-Ritter auf dem Hauptweg, also jenem Weg, über den „meine Menschen“ ihre Felder erreichten. Den Translator hatte ich mir umgeschnallt und mit einer Art Megafon gekoppelt. Als ich auf dem freien Platz vor den Hütten stand, erschrak ich selbst vor dem Hall der ersten Laute des Gerätes. Aber irgendwie war das Gefühl … so musste früher Rauschgift gewirkt haben. Ich hatte etwas mit normaler menschlicher Stimme gesagt und Sekunden später überschüttete ein Schwall mit einheimischen A-Lauten übersättigter Töne den ganzen Ort.

Macht. Eine unbändige Welle von Macht. Gleichzeitig drangen meine Robbis von allen Seiten in die Hütten und begannen, deren Bewohner nach draußen zu treiben.

Dutzende Verängstigte, Wehrlose, von Schmerz und Müdigkeit Gezeichnete krochen auf den Vorplatz.

„…Ihr werdet jetzt einen kurzen Schmerz im Arm empfinden. Danach wird eure Krankheit verschwinden. Ihr werdet leben können wie zuvor …“

Ich sprach noch so einiges mehr. Wichtig dabei war eigentlich nur, dass die Robbis während dessen die Dörfler zu einer Reihe ordneten. So konnte ich beginnen und schnell vorankommen. Der in die Oberarme geschossene Cocktail enthielt auch ein starkes, schnell wirkendes Schmerzmittel, sodass die ersten bereits Linderung empfanden, als ich erst meinen etwa dreißigsten Patienten passiert hatte. Verwunderte Ausrufe brachten zwar zuerst die Reihe etwas durcheinander, bewirkten aber auch, dass die Hinteren ohne besondere Aufforderung ihre Oberarme frei machten und mir entgegen streckten.

Die Geimpften hieß ich sich hinsetzen. Da der Kessel immer kleiner wurde, konnte ich die ersten Robbis bereits dafür abstellen, die Hütten nach Toten zu durchsuchen und diese zu entsorgen. Ich hatte mich dafür entschieden, die „Beerdigung“ in der ortsüblichen Form durchzuführen. Ich hatte nicht bemerkt, dass eine Schrift die Erinnerung an irgendwelche Namen hätte erhalten können und Särge waren ein unvertretbarer und den Einheimischen ja auch unverständlicher Arbeitsluxus.

Die schwerste Arbeit stand mir allerdings noch bevor. Ich hatte sie zuvor nicht bedacht. Zwar hatte ich ein kurzzeitiges Wohlbefinden hergestellt, und ich wusste, dass die Krankheit bald – wann immer das sein würde – verginge, doch das änderte nichts an den überdimensionalen „Pickeln“. Ihr Inhalt würde sowohl die Blutbahn der Betroffenen mit Giftstoffen übersättigen als auch – und das schien mir fast wichtiger – das Äußere aller Betroffenen dauerhaft entstellen. Also entschloss ich mich spontan, diese „Pickel“ wegzuoperieren.

Im Gegensatz zu der ersten Aktion würde das viel Zeit kosten. Aufschneiden, aufklappen, reinigen, zuklappen, vernähen … so ungefähr. An sich einfache Handgriffe – aber die Körper waren übersät von diesen Riesenpickeln.

Mein einziges Plus: Nach dem ersten Erfolg schienen die Dörfler mit einer unbeschreiblichen Geduld versehen – totale Lethargie hätte genauso ausgesehen. Das betraf selbst die Kinder. Dort, wo ich sie zum Warten hingescheucht hatte, warteten sie fast reglos. Stehend, wo ich vergessen hatte, zu sagen, sie sollten sich setzen, sonst sitzend. Was mochte sie antreiben? Grenzenlose Angst?

Um dieses Gefühl wenigstens ein wenig zu mindern befahl ich den Robbis Abstand und Ruheposition. Nachdem die Impfung vollzogen war, hätte die Flucht Einzelner keinen zu großen Schaden mehr verursacht. Aber da ich die Einkreisung natürlich beibehielt, blieb ein Entwischen sehr unwahrscheinlich. Andererseits wirkten die Robbis als sitzende oder hockende Figuren viel weniger Furcht einflößend als im Stehen, wo bereits ihre überragende Größe einschüchternd wirken musste.

Was mein Kommando für Folgen hatte, konnte ich wirklich nicht ahnen …

Ich hatte mich entschieden, mit den Kindern zu beginnen. Bei denen musste ich damit rechnen, dass ihre Geduld zuerst enden würde. Nach meinem ersten Patienten überschlug ich, dass ich pro Patient 10 bis 15, bei den Erwachsenen vielleicht noch mehr Minuten brauchen würde. Das hieß, allein konnte ich an diesem Tag nicht fertig werden. Aber … das war doch die Idee! Einer der Robbis hatte seine optischen Sensoren auf die Operationsvorgänge gerichtet. Er musste alles genau beobachtet haben. Die Robbis waren geschickt und auf ihre Weise intelligent. Wenn sieben von ihnen ebenfalls operierten, dass wären wir noch am Nachmittag fertig!

Eine Unterrichtsstunde war angesagt. Mein „Assistent“ wurde abgezogen. Er hatte den Replikator zu betreiben und die anderen Robbis zu unterweisen. Da brauchte ich mir keine Sorgen machen: Das Ergebnis solcher Unterweisung würde identische Qualität sein. Für mich war nur wichtig, die Aufmerksamkeit der Dörfler, sofern man bei ihnen überhaupt von Aufmerksamkeit sprechen konnte, auf mich zu richten. Sie durften möglichst nicht bemerken, dass sie kaum noch Wachen umgaben – und wenn, dann wenigstens nicht so, dass sie irgendwelche gemeinsamen Schlussfolgerungen daraus zogen. Zum ersten Mal musste ich meine Schritte daraus ableiten, dass nur begrenzte Zeit zur Verfügung stand. Allerdings wurde ich immer unvorsichtiger, weil die Umzingelten so beängstigend lethargisch blieben. Nur noch fünf Wach-Robbis lungerten scheinbar gelangweilt im Gras.

Was dann folgte, kam für uns alle völlig unerwartet. Plötzlich ein leichtes Sirren. Eher ungehalten über eine lästige Störung blickte ich auf.

Danach folgten einige Bewegungen ohne vernünftige Steuerung, irgendwas instinktiv Tierisches. Ich sah eine Wolke aus Pfeilen auf den Platz zusteuern, stieß irgendeinen wilden Warnlaut aus, griff das Mädchen, dessen Rücken bei meinen Schnitten gelegentlich gezuckt hatte, umarmte es und kugelte mit ihm zur Seite. Die meisten Pfeile trafen die sich als ideales Ziel offen darbietende Dörfler. Nun schwand die allgemeine Lethargie. Aufgescheucht versuchten die, die sich bewegen konnten, irgendwohin zu laufen. Nur einige wenige strebten den Hütten zu, die meisten liefen, einander behindernd durcheinander. Nur runter von dem offenen Platz. Doch schon vernahm ich das nächste Sirren. Die nächste Wolke. Neue Aufschreie.

Und fast gleichzeitig die nächste Wolke – diesmal von der entgegengesetzten Seite her. Ich glaube, ganz spontan, unterbewusst hatte ich Alarm gerufen. Das war das Stichwort für die Robbis. Die rannten von ihren jeweiligen Positionen aus sofort dem bisher verborgenen Feind entgegen. Ihnen waren die Pfeile ja egal.

Zwei Wolken gab es noch. Sie richteten, soweit ich dies erkennen konnte, nur noch wenig Schaden an. Dann waren Schreie anderer Art zu hören. Aber auch das dauerte nur kurz.

Entschuldige, mein Zeitgefühl mag getrogen haben, aber fünf bis zehn Minuten später tauchten die Robbis wieder auf – jeweils mit mehreren Bündeln an Stricken. Und diese Bündel bestanden im Wesentlichen aus gefesselten Soldaten. Solche hatte ich noch nicht gesehen. Sie waren in glänzendes schwarzes Leder gekleidet, Joppen, Miniröcke und über die Knie reichende Stiefel.

Ich fragte den ersten, warum sie uns angegriffen hätten. Seiner Antwort entnahm ich nur, dass Saks mit Saanderkotza nicht in die Nähe der Burg kommen durften, und um zu verhindern, dass ein Infizierter sich unwahrscheinlicherweise doch auf den Weg machte oder zufälligerweise ein noch nicht Infizierter durch die Siedlung gezogen wäre, hatten sie den Auftrag erhalten, alle einzugraben und die Hütten abzubrennen. Daraus schloss ich, dass auf der Burg diese grausige Krankheit bekannt war, sie aber so vollkommen ausrottend wirkte, dass die Dörfler sie nicht kannten – und sei es nur, weil sie wohl nie aus ihrer Umgebung herausgekommen waren.

Was sollte ich mit den Männern anfangen? Ich hatte Wichtigeres zu tun. Mehrere Dutzend Saks mussten vor dem Tod oder einem Fasttod bewahrt werden. Ich wies die Robbis an, die Kämpfer zu entkleiden und zu entlassen. Splitternackt und unbewaffnet wirkten sie recht ungefährlich. So schnell sie ohne den gewohnten Fußschutz konnten, rannten sie in Richtung Burg davon. Nun konnte, musste ich mich daranmachen, die Schar der Kranken, Verletzten und Toten zu sichten.

Ich fühlte mich so was von erbärmlich! Hätte ich wenigstens medizinische Kenntnisse gehabt! Na ja – in gewisser Hinsicht hatte ich ja welche: Nämlich soweit ich Zugang zum Rechner hatte. Dort war fast alles gespeichert, womit ich in Berührung kommen konnte. Allerdings hätte ich die richtigen Fragen stellen und in ausreichender Geschwindigkeit irgendwelche Grafiken in konkrete räumliche Vorstellungen an den Körpern und die wieder in Handlungen übersetzen können müssen. Aber das konnte ich nicht! Ich war ja kein Robbi.

Wenn ich mich später an diese ersten Minuten nach dem überraschenden Angriff erinnerte – und ich erinnerte mich oft daran – trat mir immer wieder der Schweiß auf die Stirn. Ich hatte ein Feld voller Verletzter zu bewerten. Ja, leider zu bewerten. Ich musste also praktisch eine Reihenfolge der Behandlungen festlegen – wohl wissend, dass je später ich jemanden zur Behandlung einteilte, um so wahrscheinlicher war er damit zum Tode verurteilt. Ein Arzt hätte ja nicht nur erkannt, ob und was er zu tun hatte, sondern auch, durch welche Abfolge er möglichst viele Leben retten konnte. Ich sah nur, dass weniger als zwanzig Saks unverletzt geblieben waren. Auf die hetzte ich jene Robbis, die gerade die kosmetische Behandlung der Pickelbeulen gelernt hatten. Ich versuchte die Verletzten aufzuscheuchen. Wer immer sich zur Entpickelung anstellen konnte, wurde behandelt wie ein Unverletzter. Immerhin konnte im Umgang mit den Riesen-Pickeln nicht viel falsch gemacht werden, und ich brauchte unbedingt etwas freie Bahn. Auf die Entscheidungen zum weiteren Vorgehen in diesem Fall war ich nicht vorbereitet. Selbst das Aussortieren leicht Verletzter konnte ein Fehler sein. Durch diese Pickel war vielleicht die Widerstandskraft der Körper so geschwächt, dass ansonsten Harmloses lebensbedrohlich sein konnte. Ich war mir nur sicher, dass wenn ich die Pfeile in den Körpern stecken ließ, dies früher oder später zum Tode führen würde. Ich überzeugte mich davon, dass sie nicht mit Widerhaken versehen waren. Nachdem ich das geklärt hatte, entschloss ich mich zu einer barbarischen Aktion: Ich verschoss Betäubungsladungen und riss, nur mit Handschuhen ausgerüstet, Pfeil um Pfeil aus den Körpern, sofern die Getroffenen noch Leben zeigten. Gelegentlich nutzte ich Robbis zum Fixieren der Patienten. Nein, ich ließ die nicht operieren. Sie waren nicht für Vergleichbares programmiert, und es wäre mir vorgekommen, als wollte ich die Verantwortung für die Folgen abschieben.

Ohne mich um mögliche Folgen zu kümmern, holte ich den Gleiter, um mit dessen Licht wenigstens noch ein Stück der Nacht operieren zu können. Hätte es zum Zeitpunkt meines Abfluges eine Technologie gegeben, Nanniten auf unspektakulärem Weg fremden Körpern zuzuführen, dann hätte ich es jetzt probiert. Aber das einzige, was ich einsetzen konnte, war ein Cocktail, dem eine enorm anregende Wirkung auf die natürlichen Körperfunktionen zugeschrieben wurde – in der Kinder- und Jugendmedizin auf der Erde wurde sie häufig eingesetzt. Herumzulaufen, um mehr oder weniger hilflosen Patienten den Durst zu löschen und dabei zu wissen, dass der eingeflößte Trunk die Heilungschancen wenigstens etwas verbesserte, war viel angenehmer, als mit Blut herumzuspritzen. Aber um ehrlich zu sein, ich wusste allmählich nicht mehr, mit wem ich was gemacht hatte. Dunkel hoffte ich, dass ich keinen lebenden Körper übersehen hatte, in dem noch ein Pfeil steckte. Es war mir egal, was ein gelernter Mediziner zu meiner Aktion sagen würde. Ich hörte einfach auf zu behandeln, als es mir vor den Augen flimmerte. Licht aus und hingelegt.

Wahrscheinlich war ich kaum eingeschlafen, da beherrschte mich schon ein Albtraum: Ich fuchtelte mit einem Organbatzen herum, der wie ein Wimpel an einer Stange steckte. Ich hörte mich fragen, Bist du nun das Herz, eine Niere oder die Lunge? und eine fremde Stimme rief Die Leber, du Trottel, die Leber!

Trotz all dem Stress wachte ich am folgenden Morgen als erster auf. Ich richtete mich auf … und erbrach mich. Auch das half nicht. Es würgte mich weiter, als hätte ich mir den Zeigefinger tief in den Rachen gesteckt. Ich warf einen Blick auf meine Hände. Die zitterten unkontrolliert und die dunklen Flecken darauf waren sicher Blut oder Dreck in angetrocknetem Blut. Nein. Das hatte ich noch nie erlebt. Plötzlich erfasste mich eine panische Angst. Für die Betreuung der hoffentlich teilweise genesenden Bewohner eines ganzen Dorfes besaß ich absolut keine Voraussetzungen. Ich hätte …

In den Ansatz eines Gedankens hinein tauchten erste Saks auf. Ich lächelte zum ersten Mal wieder. Ich nannte meine Menschen jetzt also ganz normal Saks. Und mein Unterbewusstsein gab mir ein paar Worte ein, die der Translator ins einheimische Lalala übersetzte:

„So. Die große Gefahr ist vorüber. Ihr kommt jetzt allein klar. Ihr wisst ja, wie ihr miteinander umgehen müsst. Ich flieg jetzt wieder ab. Alles Gute! Wir sehen uns bestimmt bald wieder.“

Passend, klug oder gar diplomatisch waren die Wörter bestimmt nicht gewählt, aber sie erfüllten ihre Wirkung überraschend gut. In jeder Hütte gab es Gesunde, schwer und weniger schwer Verletzte und Tote – und eben die Gesunden mussten sich um die anderen kümmern.

Ich verwandelte meine Robbis in Gepäckstücke, die ich im Gleiter verstaute, flog zu meiner Felsengrotte und … schlief erneut ein – wie ich danach feststellte bis zum darauf folgenden Morgen. Dann aber konnte ich kaum die Aufzeichnungen meiner Kameras erwarten …

Was ich dort sah, war nicht sonderlich beeindruckend. Irgendwie hatte ich mich schon an die Gefühllosigkeit dieser Wesen im Umgang mit dem Tod gewöhnt. Man hatte unweit der eigenen Felder eine Grube ausgehoben und schaffte alle inzwischen Verstorbenen dort hinein. Zu frühen Erdzeiten hatte man so etwas wohl Massengrab genannt. Wenn es der Translator richtig übersetzt hatte, dann würde im nächsten Jahr Sant auf dem Feld darüber wachsen. Die Toten sollten sich um die Fruchtbarkeit dieses Getreides kümmern. Immerhin eine Art Verbindung mit den Toten …

Dann gingen alle wieder zurück in ihre Hütten. Seltsamerweise verbeugten sie sich nach draußen mit Gruß und Dank an einen Saativas, der ihnen wohl gesonnen bleiben möge. Für diese Bezeichnung hatte der Translator keine Übersetzung angeboten. An einen früheren Gebrauch dieses Namens oder Titels, wenn es denn einer sein sollte, konnte ich mich nicht erinnern.

Neugierig war ich immer und über Mangel an Zeit brauchte ich mich nicht zu beschweren. Ich probierte es mit dem Comparationsprogramm. Das fand als nahe liegendste Bezeichnung in Verbindung mit den Gesten die Übersetzung „Gütiger“ als Umschreibung für Gott. Na, sieh einmal an, dachte ich, bisher hatte es durchaus Belege für religiösen Glauben gegeben – das war bei dem Entwicklungsstand dieser Wesen eigentlich selbstverständlich – aber im alltäglichen Leben hatte das kaum eine Rolle gespielt. Wahrscheinlich würde ich irgendwann ein paar Feste miterleben, Dankfeste, Bittfeste… – nur diesmal wurde erstmalig sozusagen dieses Gotteswesen ohne ersichtlichen Anlass von allen fast gleichzeitig angesprochen. Unabhängig voneinander. Mit Gesten… Moment …

Ich verfolgte die entsprechenden Filmsequenzen noch einmal alle fast parallel. Diese Wesen grüßten in eine bestimmte Richtung. Das war aber nicht irgendeine Himmelsrichtung. Ich versuchte eine holografische Skizze. Ich versuchte, so exakt wie möglich die Hütten mit ihren Eingängen zu erfassen und wie die Wesen bei dem neuen Gruß standen. Ich verlängerte die Blickrichtungen und wurde in meinem Anfangsverdacht immer mehr bestärkt. Die Saks grüßten den Saativas exakt in jene Richtung, in die sie mich hatten entschwinden sehen. Der Saativas war nicht irgendein gütiger Gott, der Saativas war ich!

Kannst du dir vorstellen, was für ein seltsames Gefühl das war? Plötzlich zuzusehen, wie du von einem fremden, dem deinen aber sehr ähnlichen Volk als Gott, Verzeihung, Saativas, angerufen zu werden?

Ich ließ diesen Tag mit ablenkender Arbeit vergehen. Ich konnte einfach nicht mehr zusehen. Aber wenn ich ehrlich bin, auf die Bauarbeiten konnte ich mich auch nicht konzentrieren.Und in mir keimte ein noch sehr vager Gedanke. Ich hatte irgendetwas übersehen. Du wirst es vielleicht nicht glauben, aber dieser unausgeformte Gedanke suggerierte mir, ich würde, wenn ich ihn fertig hätte, meinen Bau gar nicht mehr brauchen. Mit dieser Vision brach ich wirklich alles ab: Mein Engagement bei den bauenden Robbis und die Beobachtung der Saks. Ich legte mich mit der festen Überzeugung hin, wenn ich die zurückliegenden Ereignisse noch einmal sortieren würde, fiele mir etwas Wichtiges ein oder auf. Eben jene Ereignisse hatten meinen Rhythmus von Wachen und Schlafen so durcheinander gebracht, dass ich entgegen meine Erwartung sofort einschlief.

Geträumt habe ich etwas. Wahrscheinlich etwas Wildes, Unangenehmes. Erinnern konnte ich mich aber an nichts, kaum dass ich aus dem Schlaf geschreckt war. Es war mitten in der Nacht. Als ich jedoch versuchte, wieder einzuschlafen, kamen endlich die Halbschlafbilder. Und plötzlich erlebte ich meinen Auftritt bei den Saks als eine Anhäufung von schrecklichen Fehlern. Der Film stoppte immer wieder bei den Szenen mit den Soldaten. Sie waren von der Burg gekommen. Es konnte natürlich sein, dass sie nach ihrer Bloßstellung irgendwo auf der Flucht vor Strafe über diesen Planeten herumzogen, um sich in Frieden anzusiedeln. Wahrscheinlicher jedoch war, dass sie längst zurück auf der Burg waren. Die Bauern „meiner“ Siedlung hatten mich wegen des Gesamtauftritts in den Rang eines Gottes erhoben – was aber würden die Heimkehrer auf der Burg erzählen? Zum einen hatte ich keine Ahnung, was sie tatsächlich alles mitbekommen hatten. Zum anderen aber mussten sie sich eine Erklärung ausdenken, warum sie in einem solch wenig soldatischen Aufzug von ihrem Einsatz zurück kamen. Böser Geist war das Naheliegendste

Sofern ich versuchte, mich in die Rolle des Burgherrn zu versetzen, kam ich zu dem Ergebnis, dass „meine“ Saks in Gefahr waren. Auf irgendeine Weise würde sich jener „Graf“ Gewissheit zu verschaffen suchen. Und im Normalfall ist immer der im Vorteil, der die Initiative übernimmt.

Das hieß für mich, ich sollte selbst die Initiative übernehmen anstatt abzuwarten. Ich war doch der Überlegene. Warum sollte ich meine Robbis nicht die Burg angreifen lassen? Damit rechnete niemand…

Wenn man der Burg nahe genug war, verwandelte sie sich immer mehr in einen bedrohlichen besonderen Felsen. Man stand einer viele Meter hohen Mauer gegenüber, gegen die alle bekannten Lebewesen dieses Planeten keine Chance hatten. Nicht einmal die riesigen Monster, die mit ihrer Masse wahrscheinlich selbst die früher auf der Erde wandelnden Dinosaurier platt gedrückt hätten. Wahrscheinlich war dies auch die Absicht der Erbauer gewesen. Nicht umsonst wurde zum Hereinlassen gewöhnlicher Saks gar nicht das Tor, sondern nur ein kleines Türchen daneben geöffnet. Hätte jemand diese Festung von unten angreifen wollen, wäre er von ungefährdet oben lachenden Verteidigern mit Pfeilen beschossen worden. Ein direkter Angriff wäre selbst mit meinen technischen Mitteln aufwändig gewesen. So entschied ich mich für einen anderen Weg, mit dem keiner der Verteidiger rechnen konnte …

Mein Plan war denkbar einfach. Ich würde sogar die Möglichkeit umgehen, dass die Verteidiger der Burg auf Kriegslisten eingestellt waren. Auf meine Variante konnte niemand vorbereitet sein.

Ich ging davon aus, dass tagsüber immer jemand auf einem Ausguck beobachtete, wer oder was sich der Burg näherte. Dass dies nach der Flucht einiger der ihrigen aus einem von Krankheit heimgesuchten Dorf gründlicher als normal betrieben würde, hielt ich für selbstverständlich. Angriff bei Nacht war jedoch extrem unwahrscheinlich. Vielleicht war nicht einmal das Tor mit Wachen besetzt. Wozu auch? Wenn man es nicht von innen öffnete – wer sollte dann hinein kommen? Die Mauern waren zu hoch, um sie mit irgendeiner hier vorstellbaren Technik zu überwinden. Wahrscheinlich konnten sich die Saks nicht einmal vorstellen, Enterhaken bis nach oben zu schießen, um hochzuklettern. Bestimmt war die Mauer eher als Sicherung gegen Tiere oder herumirrende Strauchdiebe gedacht … also Wesen, bei denen eine solche Angriffstechnik auch wirklich nicht vorstellbar war, unabhängig von ihrer Umsetzung.

Ich verfügte über insgesamt 18 Robbis. Allen verpasste ich als erstes ein Äußeres, dass man sie für große Ritter halten konnte – um das Wunder nicht zu sehr zu übertreiben. Ich kleidete sie sogar in Leder und maskierte die Stelle, an der Saks ein Gesicht hatten, mit bemaltem schwarzem Stoff.

Die Beweglichkeit meiner Kämpfer stand normalen Menschen nur wenig nach. Antigravitatoren einzusetzen hätte der Geräusche wegen den Überraschungsmoment aufheben können. Die Verteidiger sollten überhaupt keinen sich nähernden Feind bemerken, bevor es zu spät war.

Für mein Vorhaben kam mir das Wetter entgegen. Am Abend des fraglichen Tages war der Himmel von einer dichten Wolkendecke überzogen. Weder Monde noch Sterne konnten einem zufälligen Beobachter verdächtige Bewegungen verraten. Am Waldrand hatte ich einen Heliumgenerator aufgebaut. Der blies überdimensionale Luftballons auf. Tagsüber oder eben im Mondlicht wären die weithin sichtbar gewesen. So aber marschierten meine Metallmänner wie glückliche Kinder mit eben jenen Ballons in den Händen in Dunkelheit gehüllt der linken Seitenfront der Burgmauer entgegen. Der Auftrieb der Ballons würde ihnen das Klettern am Seil erleichtern. Es war kurz nach Mitternacht, als wir einen geeigneten Sammelpunkt erreicht hatten. Wir schossen zwei mitgebrachte Enterhaken mit Seil daran nach oben, richtiger: Zwei der Robbis taten dies – selbstverständlich fehlerfrei.

Die zwei Aufprallgeräusche des Metalls auf die Mauersteine oben waren das Einzige, was den bevorstehenden Angriff hätte verraten können. Sie waren aber dank meiner Hakenumwicklung so leise, dass wir sie unten nicht mehr hörten – und wir lauschten ja darauf. Nur, dass die Haken nicht wieder zurückfielen und dem Zug von unten widerstanden, bewies, dass die beiden Schüsse die gewünschte Wirkung erzielt hatten. Nun banden wir einander die Ballonleinen um und Aufstieg um Aufstieg begann.

Frag nicht! Natürlich hätten wir unten genügend große Ballons generieren können, um daran aufwärts zu schweben. Aber man hätte das gehört und wenn nur einer der Soldaten auf gut Glück in die verdächtige Richtung geschossen hätte, hätte er mit einem einfachen Pfeil mein Meisterwerk der Technik zum Absturz bringen können.

So dauerte es vielleicht eine Stunde, bis alle oben waren.

Der Rest ist schnell erzählt. Es gab nirgendwo einen Kampf. Ich hatte alle meine Kampfmaschinen mit auf Minimum eingestellten Phots ausgerüstet und darauf programmiert, bei jeder als Warnung, Alarm oder Angriff interpretierbaren Reaktion sofort zu schießen. Eigentlich konnten die Treffer nur eine etwa eine Stunde anhaltende Nervenlähmungen hervorrufen. Die Programmierung war nicht gerade diplomatisch, aber zweckmäßig. Die Robbis interpretierten eigentlich jede Reaktion im Sinne des Programms. So waren sie lange vor Ablauf einer Stunde bereits dabei, betäubte Saks in einen Saal zu tragen, den ich seiner glänzenden Wandgestaltung, eines am Boden lang gestreckten und auf einen erhöht postierten Sessels zielenden Läufers und eben jenes Sessels wegen den Thronsaal taufte.

Kurz entschlossen schritt ich erhobenen Hauptes an den Massen vorbei und nahm, ohne mich um Reaktionen der Anderen zu kümmern, auf dem Thron Platz.

Dieser Platz hatte einen unbestreitbaren Vorzug: Ich konnte das gesamte Geschehen im Saal überblicken. Die entzündeten Fackeln auf allen Seiten versetzten jede Ecke in ein zwar flackerndes, aber überall ausreichendes Licht. Eine Enttäuschung erlebte ich. Zwischen den fast 100 Saks waren keine Kinder, um genau zu sein, keines jener Kinder aus meinem Dorf, von denen ich ja wusste, dass sie das Burggelände betreten hatten und nicht wieder zurückgekehrt waren.

Nun galt es, Ordnung zu schaffen. Dabei gab es eine Unsicherheit, an die ich bei der Planung der Aktion nicht gedacht hatte.

„Wer von euch meint, dass ihm dieser Platz hier zusteht?“ Erst hallte meine eigene Stimme durch den Saal; dann ergossen sich aus dem Translator jene Laute, deren viele A-Vokale mir von Anfang an aufgefallen waren.

Durch die leichte Zeitverschiebung konnte ich die Wirkung meine Worte, also meiner übersetzten Worte, leichter verfolgen. Hätte diese Versammlung am Tag stattgefunden, wäre Rang und Rolle der einzelnen leicht an ihrer Kleidung abzulesen gewesen. So aber stand ich einem verschüchterten Haufen Nackter und Benachthemdeter gegenüber. Aber die Frage produzierte verstohlene Blicke und es bildete sich allmählich eine Gasse zu dem an einem der hinteren Pfeiler Stehenden.

„Aska!“

Das „Ich!“ des Translators war irgendwie überflüssig. Der Klang dieser Stimme bei dem einzigen Wort klang bereits wie eine seltsame Mischung aus Trotz, Hochmut und einer gehörigen Portion gefährlicher Angst. Der Mann machte kleine Schritte auf meinen Thron zu. Dabei schienen Wellen durch den Körper zu gehen. Der Burgherr versuchte sich gestreckt zu halten, die Eitelkeit zu wahren, der Herr zu sein, doch mit jeder Phase sah man ihm die Bereitschaft an, angesichts der ihm unbegreiflichen plötzlichen Machtlosigkeit sich krumm zu machen, vielleicht vor mir auf die Knie zu fallen. In seinem weißen, mit Goldfäden geschmückten Rüschenhemd, das ihm über die Knie reichte, und aus dessen Brustausschnitt schwarze Kräuselhaare quollen, den bloßen Füßen, den dichten Haaren auf den Waden, dem herrischen Blick aus einem entschieden zu blassen Gesicht und seinem deprimierend mickrigen Körpermaß von vielleicht einem Meter vierzig, nicht zuletzt der etwas schabbeligen Haut wegen wirkte er irgendwie peinlich. Aber man sah ihm selbst in dieser Rolle an, dass er, hätte er jetzt ein Messer in der Hand gehabt und ich ihm den Rücken zugekehrt, mir dieses Messer bedenkenlos in dem Rücken gejagt hätte.

Ich dehnte diesen Augenblick der wortlosen Begegnung noch etwas. Dann ergänzte ich: „Und wer ist deine Familie, die Frau, die dir deine rechtmäßigen Nachfolger gebiert und die Kinder, die deine Nachfolge antreten sollen?“

Ich hoffte, passend formuliert zu haben. Die einheimischen Laute sorgten erst für unverkennbare, aber für mich nicht zu deutende Irritationen. Dann aber sammelten sich tatsächlich eine Frau mittleren Alters und glücklicherweise nur zwei Jungen und ein Mädchen hinter dem Herren.

„Die Anderen treten zur Seite!“

Tatsächlich verbreiterte sich die Gasse. Sofort schien der Burgherr ein Stück seiner Selbstsicherheit zurückzugewinnen. In seiner unterwürfigen Herrischkeit schritt er mir entgegen. Ich musste lächeln. Er hatte bisher ein, ich hatte nur wenige Worte gesagt. Trotzdem schien sich dieser Mann eine Interpretation der gesamten Szene ausgesucht zu haben. Ich musste wohl so etwas wie König, Kaiser, Gott sein, und er würde gleich in einen höheren Adelsstand befördert. Ich konnte mich zwar nicht mehr an den Namen erinnern, aber ich wusste, dass ich einmal auf der Erde einen Witzfilm mit einer solchen Figur gesehen hatte.

Ruhig erhob ich mich zu meine ganzen Größe. „Bleibt stehen!“

Sofort verharrte er.

„Ich brauche deinen Rat.“

Nein, die Masse der widerstreitenden Gedanken, die sich im Gesicht dieses Fürstchens spiegelten, war nicht genau auseinanderzuhalten. Es überwog aber eindeutig die Unsicherheit.

Du sprichst normalerweise hier Recht?“

Die Haltung des Mannes veränderte sich. Er schien ein paar Zentimeter zu wachsen. Auch ohne den Translator hätte ich seine Antwort als „Natürlich!“, vielleicht als „Selbstverständlich!“ übersetzt.

„Stell dir vor, jemand ordnete an, Bauern deines Landes zu töten, ohne dass diese ein Unrecht begangen haben. Was tätest du mit diesem Jemand?“

„Wäre er mir gleich, so forderte ich eine angemessene Entschädigung für den mir entstandenen Schaden, wäre er ein Niederer, ließe ich ihn und seine Spießgesellen hinrichten.“

Etwa drei Meter vor mir stand der nun wieder selbstsichere Mann, in angemessenem Abstand dahinter immer noch seine Familie.

„Du hast ein Saksdorf, das unter meinem besonderen Schutz stand, überfallen lassen. Deine Soldaten hätten keinen am Leben gelassen, hätte ich ihnen nicht Einhalt geboten. Und nun entscheide selbst: Denkst du, du seist mir gleich, oder siehst du, dass du für mich ein Niederer bist?“

Selbst im Flackerlicht ahnte man, dass ihm alles Blut aus dem Gesicht wich. Aufjaulend fiel er auf die Knie. „Bitte nicht …“

„Du hast Zeit bis zum Morgengrauen. Sehe ich dich noch einmal bei Tageslicht, werde ich das von dir gesprochene Urteil an dir vollstrecken. Aus meinen Augen, Unwürdiger!“

Hoffentlich klang das theatralisch genug. Oder hätte ich jetzt erbarmungslos sein müssen? Ich machte noch eine Geste, wie wenn man ein Insekt verscheuchen will. In alberner Angst rannte der Mann los, ohne auf seine Familie zu achten, die ihm hastig folgte.

„Und ihr?“ Ich ließ den Blick schweifen. Alle vermieden, eben diesem Blick zu begegnen. Ausnahmslos. Leider. „Es ist Nacht. Ihr wisst, was morgen zu tun ist. Keine Angst, mit jedem von euch wird gesprochen werden. Aber jetzt schlaft!“

Verunsichert warteten die Saks auf das, was da kommen möge. „Worauf wartet ihr?“ Keine Ahnung mehr, wer zuerst die Flucht ergriff, aber kaum, dass sich der erste weg bewegte, brach die Brandung nach draußen los. Schnell ging es. Wirklich sehr schnell. Plötzlich war ich mit den Robbies allein im Saal.

Du meinst, ich hätte erklären sollen? Gericht halten mit dem verbrecherischen Herrn?

Dafür hätte ich viel mehr der Saks-Gepflogenheiten kennen müssen, ihre Normen, Traditionen. Ich hatte ja nur miterlebt, wie rücksichtslos alles Leben in dem infizierten Dorf hatte ausgelöscht werden sollen. Vielleicht wurde das aber allgemein gebilligt. Wie Saubermachen. Oder weil es die Entscheidung der Herrschaft gewesen war – so wie dann meine Entscheidung als neue Herrschaft gebilligt werden würde.

Sollte ich die Adligen in der Burg behalten? Sie würden eventuell versuchen, mich als Fremdling zu ermorden. Sollte ich sie zu Bauern machen? Dazu waren sie nicht fähig und willens oder umgekehrt. Entweder sie verhungerten dabei oder sie kamen mit Söldnern von Fürsten der Umgebung wieder. Ich musste davon ausgehen, dass sie sich zum Erhalt ihres Standes zusammentun würden. So war vorerst ich unangefochtener Inhaber ihres Standes – was für einer das auch immer sein mochte.

Und es gab Wichtigeres zu klären, zum Beispiel, was aus den Elfjährigen geworden war. Aber das würde ich abarbeiten, wie es Mächtige immer machten, um Erfolg zu haben: Ich würde mir aus der Masse jeweils die herausgreifen, die ich gerade brauchte. Gemeinsam wären sie selbst mir gefährlich gewesen. Genau diesen Gedanken einer solidarischen Gemeinschaft aber hatten sie im Laufe vieler vergangener Generationen verlernt. Plötzlich müde durchfuhr mich die schreckliche Ahnung: Die hier würden es nie lernen. Für mein Projekt der Generationen musste ich sie restlos austauschen …

Hatte ich das gewollt?

Oder … hatte ich nicht eigentlich nur mein Dorf beschützen wollen?

Anstatt dessen hatte ich mich zur Nacht von einer jungen Frau in die herrschaftlichen Schlafgemächer führen lassen, war zwar schnell eingeschlafen – wie seltsamerweise längere Stressbelastung mein Schlafbedürfnis zu steigern schien – aber dann lag ich wach und wusste nicht recht weiter. Ich hatte mich selbst zum Herren dieser Burg erhoben, war ein Graf, Fürst oder womit immer dies mit früheren Verhältnissen auf der Erde vergleichbar war. Ich hätte nun also in meinem Einflussgebiet alle Herrschaftsverhältnisse abschaffen können. Das lag in meine Macht. Und dann? Na, vielleicht bekam ich erst einmal heraus, wie groß mein Machtbereich war.

Macht beruhte darauf, dass der eine etwas besitzt, was der andere zum Leben braucht. Oder wie war das auf der Erde gewesen? Zum Schluss hatten die Besitzer von Kapital, das Geld war, aus dem notwendigerweise mehr Geld gemacht werden musste, dies zu einem so mystischen Verhältnis gemacht, dass die, die ihre Arbeitskraft zur weiteren eigenen Existenz verkauften, selbst dachten, alles habe seine Richtigkeit und man, wer immer das sein mochte, musste Lohn sparen, ihren Lohn … oder so ähnlich …

Nein, eigentlich waren meine Verhältnisse eher denen noch früher ähnlich. Der Herr beschützte vorgeblich die Arbeitenden in seinem Machtbereich vor anderen bewaffneten Banditen und dafür ernährten ihn die Arbeiteten mit einem ihm geschenkten Teil ihrer Arbeitszeit.

So ein Beschützer war ich ohne Zweifel. Aber mir brauchten die Bauern doch nichts zu schenken. Im Gegenteil: Mit meiner Technik hätte ich sie alle verpflegen können! Sie hätten gar nicht mehr auf ihren Feldern arbeiten müssen, so viel gab meine Technik her – aber etwas Anderes konnten sie doch nicht und würden es auch nicht so leicht lernen. Was sollte ich mit ihnen anfangen?

Wenigstens war ich so mächtig, dass wohl niemand an dem, was ich machte, zweifeln würde. Das hatte etwas für sich. Warum sollte ich Gott, Fürst und mein Wesen der Zukunft nicht miteinander verknüpfen? Sozusagen das Angenehme mit dem Nützlichen? Ich könnte Generationen von ihnen unterrichten, schrittweise an neue Technik gewöhnen, ihnen immer neue Kultur beibringen. Neue Gewohnheiten und Beziehungen. Schrittweise.

Ich würde Katastrophen verhindern. Bei Dürre könnte ich Lebensmittel direkt liefern. Ganz unmerklich würde die Landwirtschaft hier zu einer Industrie auf dem Lande, die die Kreativität der Bewohner immer neu anstachelte. Herrlich!

Es war nur nicht gut, wenn die Leute hier auf der Burg die Quelle meines Reichtums erkannten und in Besitz nahmen. Sie würden wahrscheinlich faul verkümmern. Ich musste sie wegschicken. Die Arbeiten, die die Robbis sowieso besser machen konnten als Saks oder Menschen, sollten ruhig auch Robbis machen.

Mich schwindelte, als mir klar wurde, was für die Saks bei mir zu tun übrig blieb. Frauen. Das einzige, wobei richtige menschenartige Wesen besser geeignet waren als Robbis, war überraschender, erfüllender Sex mit gegenseitigen Gefühlen.

Wollte ich Gott sein?

Da war es wieder, das Problem mit den Frauen. Richtiger: Mit den jungen Frauen, die wenigstens einen etwas längeren Lebensabschnitt mit mir teilen konnten. Die umso vorbehaltloser lernfähig sein würden, je weniger sie das Denken dieser alten Welt verinnerlicht hatten. Das hieß …

Nein. Mir war noch nicht klar, was das hieß. Mir war nur klar, dass ich die bestehenden Verhältnisse schnell begreifen musste, um sie zu verändern.

„Ist da wer?“

Ich hatte das kaum gerufen, da eilte schon dienstfertig jenes Weib in den Schlafraum, die mich in der Nacht hierher gebracht hatte. Frau?! Brrr! Die war ja ähnlich schwabbelig wie der abgeurteilte Ex-Herr dieser Burg! Während die Person meine Befehle erwartend stehen blieb, dachte ich daran, dass es auf der Erde auch eine Zeit gegeben hatte, in der Frauen mit unmäßiger Leibesfülle als schön galten, weil das Fett weithin sichtbar davon zeugte, dass sie sich die hemmungslose Fresserei leisten konnten. Später waren die Menschen dann in das gegenteilige Extrem verfallen: Da hatte dann eine reife Frau aussehen sollen wie eine Achtjährige mit Dauerzahnschmerz, Durchfall und Busen.

Ach, doch lieber Gott! Schaff ich mir eben Menschen nach meinem Bilde! Auch wenn es nur Saks sind.

„Anziehen kann ich mich alleine. Aber kannst du mir nacheinander die Leute in den Saal holen, die ich zu sprechen wünsche?“

„Natürlich, Herr!“

Dabei machte sie eine Körperverrenkung aus Knicks mit den Knien und gedrehter Verbeugung. Ihre Stimme dagegen kam mir eingeschnappt vor.

„Und eine Frage beantworten auch?“

„Natürlich, Herr!“

Wie hatte ich die Frage auch stellen können?!

„Aus einem meiner Dörfer wurden vor einigen Sonnenaufgängen einige junge Mädchen hierher gebracht. Die waren gestern nicht im Saal, obwohl meine Robbis alle Saks der Burg zusammengeholt hatten.“

„Ihr meint die Karasa-Teens, Herr?“

Blöder Translator! Mein Gott, was mochten nun wieder Karasa-Teens sein?

„Ja, genau, die meine ich.“

„Die sind doch im Artscha-Mond.“

Die Frau sagte das, als wäre damit alles geklärt. Was nun? Sollte ich meine Ahnungslosigkeit eingestehen? Meinen frischen Ruf als Herr und Gott in einem aufs Spiel setzen?

„Und wie führen sie sich?“ Die Frage konnte eigentlich nicht falsch sein.

„Oh, Herr, sie sind schon alle bereit. Ihr werdet euren Spaß haben. Ist ja klar. Sie haben Angst, die Schlechteste zu sein und geschlachtet zu werden. Also versuchen sie die für sie vorgesehenen Karasa so freundlich wie möglich zu stimmen. Ich habe gehört, eine wird von ihrem Tier schon an sein Masculum gelassen. Sie wird es zum Festtag bestimmt schaffen, es zu empfangen, und euch eine gute Gespielin sein.“

„Sind die Mädchen jetzt bei den Artschas?“

„Natürlich. Im Stall. Wo sonst? Es sind doch Bauern.“

„Ich möchte sie sehen. Hier. Nach dem Frühstück. Hol sie!“

„So wie sie sind, noch unpräpariert?!“

„Natürlich!“

Die Frau stand unschlüssig wartend vor mir. Glücklicherweise verstand ich.

„Jetzt möchte ich niemanden sehen. Geh jetzt!“

Kaum, dass die Frau den Raum verlassen hatte, replizierte ich mir ein köstliches englisches Frühstück. Aber dann sah ich Bilder vor mir, was das mit den Mädchen wohl bedeuten mochte, und es würgte mich so, dass ich kaum einen Happen herunter bekam. Vergeblich versuchte ich mir einzureden, dass ein Karasa bestimmt etwas Anderes als ein irdischer Hengst war. Aber den angedeuteten Festtag würde es so bestimmt nicht geben …

Ich hatte gerade die Reste meine Mahlzeit zur Seite geschoben, da klopfte es an der Tür. Aber irgendwie nicht so, wie wenn jemand klopft, der herein möchte. Ich konnte das Geräusch nicht deuten, sah abwartend hinüber und … es geschah nichts. Ich wollte schon mit dem Kopf schütteln und mich innerlich wieder auf mein Tageskonzept konzentrieren, da klopfte es erneut. Obwohl es eigentlich nicht gefährlich klang, griff ich ein Phot, schlich mich mit gezückter Waffe zur Tür, riss die Verriegelung herunter, die Tür auf und … stand den schreckverzerrten Gesichtern der Dienerin und der sich hinter ihr zusammendrängenden Kinder gegenüber. Die Dienerin hatte einen merkwürdig geformten Gegenstand in der rechten Hand. Später erklärte sie mir, dass es sich um einen autorisierten Klopfer gehandelt hatte. Es war ihr – wie allen anderen Untergebenen – untersagt, mit eigener Kraft oder gar mit eigenen Händen klopfend den Intimbereich des Herren zu stören. Jener „Igel“ war ihr zur Autorisierung verliehen worden. Durch Drehen an der Türfläche erzeugten die herrschaftlichen Stacheln das Klopfgeräusch, sodass sie nicht selbst geklopft hatte.

Die Dienerin verbeugte sich, zog sich seitlich zurück und gab damit für mich den Blick auf die Kinder und für die den Weg in mein Gemach frei.

Nun verstand ich auch den Sinn der letzten Frage der Dienerin. Von den Kindern ging ein durchdringender Gestank aus nach etwas, das ich nicht kannte, vermischt mit stechendem Schweißgeruch. Wahrscheinlich würde der kaum belüftete Schlafraum diesen Gestank tagelang festhalten.

Warum hatte ich die herbestellt? Mist haftete an den Hemdchen, die zehn Zentimeter über den Knien endeten und ihre einzige Kleidung darstellten. Egal was ich jetzt täte – die Begaffpause hatte schon peinliche Länge erreicht – etwas musste ich tun. Da kam mir glücklicherweise eine Idee. Ich blickte an den Kindern vorbei zur halb in den Hintergrund zurück getretenen Dienerin.

„Wie viele Räume in der Burg sind im Augenblick leer?“

„Keiner, Herr!“

„Das kann nicht sein. Wo haben denn die Kinder den geflohenen Herrn geschlafen?“

„Die?! Die an die Gemächer der Herrin angrenzenden fünf Räume waren zum Spielen und Schlafen der Infanten. Das wisst ihr doch. Die zählen doch nicht.“

„Was zählt entscheide ich. … Jeder von ihnen wird für eines der Mädchen hier hergerichtet. Den Jungen gebt kräftig zu essen und lasst sie draußen auf dem Hof warten, bis ein Zug Freier die Burg verlässt.“

Oh, Gott, wie war ich nervös, dass der Translator richtig übersetzte. Wenigstens dadurch sollte es keine Verwicklungen geben. Ganz sicher war ich mir bei den Gestalten nicht, aber ich erinnerte mich, dass fünf der Kinder, die mein Dorf damals verlassen hatten, Mädchen gewesen waren.

„Ach ja, bevor ihr die Mädchen in ihre Räume lasst, wascht sie, gebt ihnen Sauberes zum Anziehen und lasst sie sich satt essen. Und schickt mir jetzt nacheinander die einzelnen Bewohner der Burg in den Thronsaal. Entscheidet selbst über die Reihenfolge. Aber ich will sie einzeln einweisen.“

Obwohl das bestimmt unschicklich war, warf ich die Tür zu, rannte zur kleinen Fensterluke, sog etwas frische Luft in die Lunge und wartete, bis ich mich ruhiger fühlte. Dann schlich ich zurück zur Tür, öffnete sie vorsichtig, stellte fest, dass niemand davor wartete, reckte mich und schritt den Gang entlang in Richtung Thronsaal. Meine Entscheidung stand fest. Wenn ich das bisherige Gesinde übernahm, konnte ich nur Fehler machen. Einen Teil diese Fehler würde ich nicht einmal bemerken, weil niemand sie mir erklären würde. Also mussten alle alten Saks hier raus …

Der Tag verging mit Gesprächen. Nein, der Ausdruck traf es nicht. Ich sprach und Bewohner für Bewohner hörte mir zu.

Ich hatte mir die Sache einfacher vorgestellt. Die Dienerin brachte mir nach ihrer Logik die Bediensteten in absteigender Rangordnung, zuerst also eine Art Vorsteher des Gesindes und den Kommandierenden der Burggarde. Der Vorsteher klärte mich wie gefordert über das Ausmaß meiner Besitzungen auf. Demnach gehörte mir das ganze Gebirge und ein Landstreifen von etwa 100 Kilometern Länge und vielleicht 20 bis 30 Kilometer Breite um jenen Fluss Badaa herum. Eine ansehliche Grafschaft sozusagen. Wenn ich es richtig verstand, waren die weiter vom Flüsschen entfernten Flächen herrenlos.

Ich bot den bisher in der Burg Beschäftigten mehrere Optionen. Die eine war mein Dorf. Dort war die Zahl der Bewohner deutlich dezimiert. Wahrscheinlich waren nun mehrere Felder unbewirtschaftet. Dort wuchs bereits das von den verstorbenen Bauern bewirtschaftete Getreide und sicherlich wuchs es gut. Die zweite war logischerweise die Heimkehr in die Dörfer, aus dem die einzelnen Saks gekommen waren. Die dritte war die Gründung eines neuen Dorfes, weit genug weg von der jeweils nächsten Ansiedlung. Ich bot den Vorstehern der Dienerschaft und der Garde an, eine solche Siedlung zu gründen und zu leiten – ohne Fronleistungen für die Burg.

Die angesprochenen Saks hörten sich meine Vorschläge mit versteinerten Mienen an, versprachen mit tiefen Verbeugungen, sie würden sich meinen Rat durchdenken, und verließen den Thronsaal gewohnt rückwärts gehend. Ich hatte das sichere Gefühl, dass sie sich verletzt und verstoßen fühlten, dass meine Worte die falschen waren, dass ich überhaupt gerade etwas Falsches probierte. Aber ich wusste nichts Besseres – und ich wollte sie unbedingt schnell loswerden.

Erst viel später begriff ich, wie sehr besonders die Soldaten gekränkt waren. Die Bauern draußen kämpften alltäglich in mühevoller Arbeit gegen verschiedenste Naturgewalten mit offenem Ausgang ums Überleben. Auf der Burg hatte es einen gesicherten, vergleichsweise hohen Sold gegeben, den letztlich genau jene Bauern erarbeiten mussten – und zwar auch dann, wenn kaum etwas für sie selbst übrig geblieben war. Ausreichende Dienstzeit und Erfahrung ermöglichte sogar den Aufstieg zu einem Kommandorang. Die von mir geschenkte Freiheit kam für sie einer unterschiedlich starken Degradierung gleich – ganz abgesehen davon, dass sie dass niedere Bauernwerk nicht nur nicht beherrschen wollten, sondern auch wirklich nicht mehr beherrschten.

Der neue Herr schickte sie fort. Also gingen sie – was sollten sie tun. Meine Vorschläge, mit denen ich ihnen die Freiheit zu schenken geglaubt hatte, nahmen die wenigsten an. Im Gegenteil. Hätte ich mir mit der Tötung der ganzen alten Herrscherfamilie wahrscheinlich einen ewigen Gegner meines Zukunftsreiches dauerhaft vom Hals gehalten, gab ich ihm mit dieser Knechtbefreiung wahrscheinlich seine Anhänger zurück.

Das ahnte ich an jenem Tage nur sehr vage. Es war herrliches Wetter. Ich hatte allen ehemaligen Knechten und Dienern erlaubt mitzunehmen, wovon sie meinten, es stünde ihnen zu. Ich hatte ihnen erlaubt, die Tiere des Stalls und Saatgetreide mitzunehmen. So schaute ich geradezu wehmütig jenem imposanten Treck hinterher, der meiner Meinung nach einer Zukunft in Freiheit entgegen davonzog. Wer hat schon die Gelegenheit, unbelastet noch einmal völlig von vorn zu beginnen.

Endlich konnte ich beginnen, mein neues Reich zu ordnen. Beginnen würde ich hier in der Kommandozentrale. Für alle technisch erforderlichen Aufgaben reichten die bereits verfügbaren Robbis aus. Am meisten freute ich mich, dass ich mich nicht an diesen Standard-Getreidebrei würde gewöhnen müssen. Ein Küchenrobbi wurde mit ein paar Zusatzprogrammen und einem der beiden Replikatoren ausgestattet. Damit war die Verpflegung für 100 Menschen oder Saks dauerhaft gesichert – mit abwechslungsreicher Nahrung wohlgemerkt.

Und ich konnte mit den Lehrprogrammen für meine künftigen Gesellschaftsschülerinnen beginnen. Vor mir stand etwas Gigantisches: Ich würde mein Land mit einer Gemeinschaft sicher, frei und glücklich lebender neuer Menschen besiedeln. Es würde Generationen dauern. Aber gerade Zeit besaß ich ja im Überfluss.

Ich wollte nicht absolut bei Null beginnen. Meine ersten Schülerinnen und in gewisser Hinsicht bald ersten Lehrerinnen waren jene fünf Mädchen, die sich wahrscheinlich gruselten so allein in der riesigen Burg …

Die Änderungen würden klein beginnen.Vorbei die Zeiten, da irgendwelche Diener der Herrschaft, also mir, die gewünschten Untergebenen zuführten. Ich würde mich auch selbst bequemen können. Außerdem, gebe ich zu, war ich neugierig darauf, ob und wie die Mädchen sich in ihren Zimmern eingerichtet hatten.

Die nächste Änderung: gewöhnliches Klopfen, diesmal vom Herrn beim Gastkind.

Keine Reaktion. Stärkeres Klopfen. Ein Ruf aus dem Raum. Der Translator übersetzte „Herein!“

Auf den Anblick war ich nicht gefasst. Alles ging erst ganz schnell. Tür auf. Freier Blick auf die Bewohnerin. Erkennen meinerseits. A 14! Erschrecken ihrerseits. Das anfangs halb aufgerichtete, neugierige Mädchen schrumpft zusammen zu einem Klumpen von vielleicht 35 Kilogramm Angst und Schrecken. Meine Netzhaut hat noch ein paar Rehaugen eingefangen, ein Gesicht, von dem ich mir sogar vorstellen konnte, es einmal schön zu finden. Da ist viel Gewöhnung dabei. Die fast kugelförmige Form ihres Kopfes und demzufolge das kreisrunde Gesichtes entsprachen zwar nicht den Idealen der Erde. Das Näschen, das wie bei den meisten Saks aussah, als wäre es durch einen frühkindlichen Boxtreffer ins Gesicht hineingedrückt worden, störte auch ein wenig. Aber sonst?

Nun sah sie verschüchtert nach unten.

„Sieh mich bitte an!“

Ich war selbst erschrocken vom Klang meiner Stimme. Nicht von dem, was ich sagte, sondern wie. Dieses Herrische, das auch von meinem Vorgänger auf der Burg hätte stammen können.

Zögernd hob das Mädchen den Kopf.

„Wie heißt du?“

„L` an` sanja, Herr.“

„Lass das Herr weg. Ich heiße Fred.“

Lansanja schwieg.

„Verstehst du, Lansanja: Fred.“

„Ja, Herr … Frad.“

Es war komisch. Der Kommunikator verstand Frad offenbar nicht als Sanjas Verstümmelung meines Namens und wiederholte den nicht identifizierten Ausdruck. Das bestärkte mich bei meinem Einfall.

„Gefallen euch eure Zimmer?“ Eine Antwort hatte ich nicht wirklich erwartet. So fuhr ich sofort fort. „Sanja, ihr fünf Mädchen werdet in Zukunft hier sehr wichtige Aufgaben erfüllen. Dazu ist es gut, wenn ihr schnell meine Sprache sprecht. Die werdet ihr mit diesen Geräten erlernen.“

Sanja sah mich abwartend an. Ich sah ihr nicht an, ob sie begriff, dass die Laute, die aus dem Translator nach jeder meiner Satzpausen ertönten, Übersetzungen meiner Laute in ihre Sprache waren. Ich musste davon ausgehen, dass sie nicht wusste, dass es überhaupt irgendeine andere als ihre eigene Sprache gab, dass man zu einer Klankla eben auch Baum sagen konnte. Also setzte ich fort: „Du wirst also das, was ich gesagt habe, so wiederholen, wie du es von mir gehört hast.“

Nachdem sie die Übersetzung gehört hatte, sah sie mich fragend an. „Du wirst also das, was ich gasagt haba, so wiedarholan, wie du das von mir gehört hast.“

„Wunderbar“, lobte ich, „und das was du aus dem Gerät hier gehört hast, war dasselbe in deiner Sprache.“

Schön war, dass der Translator ihren Papageienversuch richtig zurück übersetzte – auch dort, wo sie ihr A für mein E gesprochen hatte.

„Ihr werdet fleißig üben. Ihr sagt etwas in eurer Sprache, hört euch dasselbe aus dem Translator an und wiederholt das dann, bis ihr euch gemerkt habt, wie das bei mir heißt. Und dann verwendet ihr hier meine Sprache.“

Ich reichte ihr einen Beutel mit fünf Translatoren. „Für jede von euch einen. Damit ihr auch alleine lernen könnt. Mal sehen, wer von euch am schnellsten lernt. Ich glaube, das wirst du sein.“

Als das Mädchen die Übersetzung hörte, huschte das erste Mal in meiner Nähe ein Lächeln über ihr Gesicht.

„Nun geh! Und da sind auch Uhren für euch drin. Um sieben essen wir zusammen Abendbrot.“

Ihr verständnisloser Blick ließ mich korrigieren: „Ich ruf euch dann zum Abendbrot.“

Das war ein sehr wichtiger Schritt.

Du kannst sagen, ich hätte mich lieber befleißigen sollen, die einheimische Sprache zu lernen. Das stimmt aus mehreren Gründen nicht. Der wichtigste: Für eine lange Zeit hätte ich sie nur fehlerhaft und mit einem seltsamen Akzent beherrscht. Es hätte meine überlegene Position angefochten, wenn sie laufend meine Fehler erlebt hätten. So aber waren sie die, die schrittweise lernen mussten. Der zweite: In der Welt, die sie kennen lernen würden, gab es eine Unzahl von Dingen, für die sie sowieso meine Ausdrücke gebrauchen mussten, weil sie keine eigenen hatten. Dann trainiert das Erlernen einer fremden Sprache die Denkfähigkeit und nicht zuletzt – aber das hätte ich damals nicht so offen zugegeben – war natürlich die permanente Nutzung einer fremden Sprache ein kleiner Schritt, sie ihrer alten Welt zu entfremden.

In den folgenden Stunden gönnte ich mir einige vergnügliche Minuten. Ich hatte zwei der Robbis beauftragt, die Kinderzimmer und schließlich alle Räume der Burg mit Kameras zu versehen.

Meine Hoffnung wurde nicht enttäuscht. Mit verblüffender Ausdauer trieben die Mädchen ihr Spiel mit jenen sprechenden Apparaten. Ich schaltete natürlich den Hauptrechner zu, um das Übersetzungsprogramm zu vervollkommnen, und ich versuchte ein wenig die Saks-Sprache mitzulernen. Ich würde nicht zugeben, wie weit ich sie verstünde – aber es konnte nicht schaden und Zeit vergeuden konnte ich nicht damit.

Ich hatte mir vorgenommen, meine künftige Gemeinde in fast alle Geheimnisse meiner Welt einzuweihen, eines aber auf jeden Fall auszuklammern: die Replikatoren. Zum einen wären die eine ungeheure Verführung. Ich traute mir einfach keinen nachhaltig wirksamen Vortrag zu, wozu man noch irgendeinen Arbeitsvorgang selber machen sollte, wenn man – zumindest in den Augen der ahnungslosen Saks – sich alles Nötige und Unnötige mühelos durch dieses technische Tischlein-deck-dich fertig serviert bekommen konnte. Ich fürchtete die totale Faulheit. Woher sollten Dörfler um das Vergnügen wissen, etwas Kreatives wirklich selbst gemacht zu haben, um Kunst, die nur dem eigenen einzigartigen Kopf entspringen konnte – so wie ja jede Materiestruktur eines zu replizierenden Gegenstandes jemand zu einem in den Replikatoren gespeicherten Programm hatte machen müssen.

Und vergiss nicht: Es gehört zu den Geheimnissen jeder Macht, eben nicht alles vollständig preiszugeben, was sie stützt.

Die Zahl der Räume in der Burg war so groß, die Verbindungen zwischen ihnen teilweise so unübersichtlich, dass manche Räume für Uneingeweihte einfach nicht existierten. Die Robbis halfen da etwas nach. Verbotene Zimmer schienen mir nämlich zu unsicher.

Allerdings hatte ich ein Problem, dass ich umgehend gelöst wissen wollte: das Wasser. Die Burg verfügte über einen guten Tiefbrunnen und ein Sammelbecken. Offenbar waren zuvor mehrere Knechte fast während der gesamten Arbeitszeit damit beschäftigt gewesen, die Eimer zu füllen, hochzuziehen, an die Orte ihrer Bestimmung zu schleppen. So war nicht nur das Baden, sondern auch das Waschen ein seltenes Ereignis. Ich aber wünschte mir keine abschreckend riechenden Mitbewohner, sondern mindestens WCs für alle und Duschen.

Ein elektrisches Pumpwerk war nicht sonderlich kompliziert. Rohre, Zwischenspeicher. Die skeptische Frage meiner Mädchen, was das für ein Monsterkrach sei, wimmelte ich mit einem „Wartet´s nur ab – ihr werdet schon sehen“ ab.

Zuerst war das Bad mit WC und Dusche in meiner Herrensuite fertig. Richtiges natürliches Brunnenwasser, das man als Wasserfall über den Körper prasseln lassen konnte und dabei trinken! Wann hatte ich das das letzte Mal genossen? Mehrere Jahre war das her. Die Zeit im Raumschiff, wo das Wasser aus der Wiederaufbereitung innerhalb eines geschlossenen Kreislaufs gekommen war, zählte nicht. Ich stellte auf warm – so viel Luxus musste sein – und sang. Irgendwas Verrücktes. Schaumbad für die Haare. Abspülen.

Mit nassen Haaren lief ich zu L` an` sanjas Zimmer. Vergnügt packte ich die Verwirrte, schleifte sie in mein Bad. Mein Kommando „Ausziehn!“ führte sie ohne Zögern aus. „Stell dich hierhin und rühr dich nicht!“

Und dann weidete ich mich an der Verwirrung des Mädchens, plötzlich in einem warmen Regen zu stehen. Ich reichte ihr ein duftendes Duschbad, zeigte ihr, wozu es gut war. Der Duft begeisterte sie und ich hatte Mühe, sie davon zu überzeugen, den Schaum wieder abzuspülen. Und ich berührte sie und sie berührte mich und wenn uns Menschen so beobachtet hätten, so hätten sie uns für ein verliebtes Paar gehalten. Doch dann fiel ihr plötzlich etwas ein. Nass, wie sie war, patschte sie durch meinen und ihren Raum, brüllte etwas, was ich nicht verstand, also wirklich nicht verstand. Dann kamen die anderen vier Mädchen angerannt. Plötzlich, während ich ihnen so zusah, schossen mir drei Gedanken gleichzeitig durch den Kopf. Der eine: das da waren noch Kinder, der zweite: ich sollte mich schämen für meinen Voyeurismus und der dritte: es war viel zu lange her, dass ich das letzte Mal mit einer Frau eins gewesen war. Für wie alt die Mädchen anzusehen waren, wären es denn Mädchen gewesen, war schwer einzuschätzen. Damals wusste ich ja nicht einmal, dass ein Jahr auf diesem Planeten eben 16 anstelle der mir vertrauten 12 Monate dauert. Irgendwie wünschte ich trotzdem, für die Mädchen möge dieser unbeschwerte Moment nicht wieder enden ..

Ich erlebte eine erfüllte Zeit. Was machte es mir für einen Spaß, etwas zu tun, wofür ich bewundert wurde. So viele Vorgänge verwirrten die Mädchen. Am meisten zugegebenermaßen die Essenausgabe. Da sie auf keine Fragen in Richtung Replikator-Technik kommen sollten, erlebten sie von der Küche nur die Luke, aus der heraus ein menschenähnliches Robbi-Gesicht die jeweiligen Speisen reichte. Für die Mädchen gab es keinen Grund, die Robbis nicht für Menschen zu halten und bei den gewaltigen Lehrstoffen, die ich allmählich zusammentrug, war auch nichts dabei, was daran Zweifel genährt hätte. Den Mädchen kamen gerade die verschiedenen Geschmacksreize wie ein Wunder vor, das sie aber für die normale feine Herrschaftsküche hielten.

Sie akzeptierten übrigens, dass ich ihre für meine Zunge etwas verdrehten Namen meinem

Sprachgefühl anpasste. Sanja, Kuoala, Ann-Ann, Stanza und Panika konnte ich aussprechen. Sie alle stimmte ich darauf ein, dass wenn sie endlich ausreichend meine Sprache beherrschen würden, noch viele Dinge zu lernen wären, von denen sie in ihrem Dorf noch nie etwas gehört hatten. Ich kündigte ihnen auch an, dass ich die Absicht hatte, alle Kinder, zumindest die Mädchen der Umgebung ebenfalls zu unterrichten. Dazu würden die für lange Zeit in Gruppen hier oben leben und von irgendwem betreut und beaufsichtigt werden müssen – dafür seien die fünf ausersehen.

Ja, die neuen Kinder, die ich in den kommenden Tagen auf die Burg holen würde, würden ihnen dann gehorchen müssen wie mir. Nach dieser Antwort waren meine Mädchen begeistert von der Aussicht – und ich schämte mich: Gehorchen war ein Wort, das nicht in die Erziehungswelt passte, aus der ich kam. Aber was sollte ich tun? Wie lang hätte denn mein Vortrag sein sollten, um wenigstens ansatzweise begreiflich zu machen, was Autorität ist. Und meine Autorität als „Gott“ stand ja nicht zur Debatte.

Bereits in den ersten Tagen verwendete ich jeden Morgen und Abend je eine halbe Stunde für ein Sportprogramm – also richtige Bewegung draußen. Übrigens begriffen die fünf sehr schnell auch die Regeln des Schachspiels, wenn auch ohne mehrere meiner folgenden Züge vorauszudenken, sodass ich keine Angst um eine Niederlage haben musste.

Endlich war es soweit. Alle fünf sprachen nach zwei Monaten ein ausreichendes Erd-Basic. Nun waren wieder meine Robbis dran. Ich hatte es mir leicht gemacht. Aus ein paar Luftbildern hatte ich eine Landkarte meines Herrschaftsgebietes erstellt. Die darauf entdeckten Siedlungen gedachte ich in von meinem Dorf aus gesehen konzentrischen Kreisen nacheinander aufzusuchen.

Als Eskorte plante ich 16 der Robbis ein. Ich teilte sie in vier Züge auf, die sich dem jeweiligen Zielort von verschiedenen Seiten nähern sollten.

Überrascht merkte ich, wie eine zwingende Kette einzelner Entscheidungen entstand, wenn ich mich erst einmal für den ersten Schritt entschieden hatte. So hatte ich überhaupt nicht bedacht, dass ich durch die Ernennung meiner Elfjährigen zu Aufseherinnen das Alter der anderen Kinder festgelegt hatte. Zumindest in diesen Gruppen konnte ich keine älteren Kinder zulassen. Ich konnte meine fünf ja nicht überfordern. Ich bereute es aber nicht. Es würde mir, so hoffte ich, den Lehrplan erleichtern, und je älter die Kinder waren, umso mehr war das Denken in Normen der alten Saks verfestigt. Aber zurück zu meinem Kommandounternehmen..

Von eventuellen Besonderheiten der einzelnen Ortschaften wusste ich nichts. Ich würde die Ziffern als Ortsbezeichnung erst schrittweise durch Namen nach meinem Sprechgefühl ersetzen. Vielleicht erkannten die Einheimischen den ursprünglichen Namen sogar wieder.

Noch aber hieß unser angesteuertes Dorf schlicht Siedlung Nummer zwei.

Ich marschierte mit dem vierten Zug mit. Später sollten die Robbis solche Unternehmungen allein durchführen. Der vierte Zug war für die Geschenklasten zuständig. Ich hoffte, ausreichend Saatgut und wichtige Produkte zum Essen, Trinken und Kleiden dabeizuhaben. In die Produktionsweise wollte ich noch nicht eingreifen, obwohl die Bauern noch nicht einmal über die Zweiflächenwirtschaft hinausgekommen waren.

Die anderen Züge meldeten zum verabredeten Zeitpunkt, dass sie vorgesehenen Einmarschpunkte erreicht und demnach bereit waren. Zumindest beim ersten Einsatz schien mir die späte Abenddämmerung als besonders günstige Zeit. Zwar war denkbar, dass die Annäherung so bemerkt würde, aber in der Dunkelheit danach würden die abergläubischen Dörfler sich kaum aus dem Lichtkreis unserer Strahler herauswagen, also nicht fliehen. So gab ich das Signal zum Stürmen.

Ich kann´s kurz machen. Das, was dann geschah, konnte man schlicht ein Desaster nennen, einen Reinfall oder mit Flüchen belegen. Wichtig war nur eines: Das Dorf war verlassen. Keine Saks weit und breit. Natürlich auch kein Kind. Ich konnte darüber spekulieren, ob durch die Seuche ausgerottet oder vor der Seuche geflohen oder vor mir oder aus einem anderen Grund. Letztlich war es egal. Das Bild, das wir bei diesem Sturmangriff abgaben, war alles Andere als Respekt einflößend. Reichlich vertrottelt standen 17 bedrohlich wirkende Gestalten auf dem Anger und niemand war da, der sich bedroht fühlen wollte. Ich war so was von wütend!

Ohne viel nachzudenken betrachtete ich die Taschenkarte. Bis zur nächsten Siedlung waren es etwa vier Kilometer Marsch. Bis wir dort wären, wäre es zwar finster. Aber sei´s drum. Ich wollte etwas schaffen. Also befahl ich die Wiederholung des Unternehmens mit eine Abwandlung: Die drei anderen Züge würden die Ortschaft nicht weiträumig umgehen, sondern in der Dunkelheit durch die Siedlung schleichen, um die Bewohner überraschend zu wecken.

Immerhin arbeiteten die Robbis exakt. Sie marschierten geräuschlos durch die Siedlung Nummer drei, der vierte, also mein Zug, entzündete ein künstliches Lagerfeuer und dann begann das Geschrei. Nein, ich seh es ein, fein war die Sache nicht, aber nur um die Schlafenszeit herum war wahrscheinlich, dass jeder lebende Dorfbewohner auch daheim war und sich überrumpeln ließ.

 

 Meine Rede war kurz, aber durch die nächtliche Akustik über den Translator eindrucksvoll.

„Ihr habt sicher gehört“, rief ich beschwörerisch, „dass die Burg einen neuen Herrn hat. Das bin ich. Ich stelle euer Dorf für das kommende Jahr von allen Abgaben frei. Eure Kinder müssen dafür zur Schule gehen und dazu auf der Burg wohnen. Pro Kind erhält die Familie einen Sack Saatgetreide. Diese Pflicht betrifft anfangs nur die Mädchen. Bitte verabschieden Sie sich sofort von den Kindern. Wenn sie sich ordentlich aufführen, können sie jeweils an Sonntagen auf der Burg besucht werden.“

Ich war mir nicht sicher, ob die Erwachsenen mein Angebot verstanden hatten. Zumindest zeigten sie keine Feindseligkeiten. Außer dass manche Mutter sich bei der Verabschiedung nicht losreißen konnte, kam es zu keinem erwähnenswerten Zwischenfall. Hätte sich wahrscheinlich anfangs noch eines der Kinder verstecken können, weil wir das womöglich nicht bemerkt hätten, beendete die Dunkelheit alle Fluchtchancen. Die Robbis sahen besser im Dunklen und die Kinder fürchteten sich vorm Dunklen mindestens genauso wie vor den Riesen-Saks, für die sie die Robbis wohl hielten.

Auf das an die Erwachsenen gerichtete „Geht jetzt wieder in eure Hütten!“ folgte ein extrem einschüchterndes Wunder. Plötzlich war das große Licht verschwunden, kein Glimmen, nichts.Von einer Sekunde zur anderen lastete absolute Dunkelheit auf der ganzen Siedlung. Die Bauern waren nun sicher von unserer übernatürlichen Macht überzeugt, wenn wir die Nacht zum Tag machen konnten und umgekehrt.

Das Dorf war recht groß und scheinbar von der Seuche unberührt geblieben. Jedenfalls marschierten nun vierzig Kinder sich an einem dicken Tau festklammernd durch die Dunkelheit Richtung Burg. Total erschöpft, müde, hilflos betraten sie deren Vorhof. Ich wusste mir nicht anders zu helfen, als sie wie zu meines Vorgängers Zeiten erst einmal im Stall unterzubringen. Sie wunderten sich nicht darüber, soffen das angebotene Wasser, als hätten sie tagelang nichts zu trinken bekommen, und sanken ins Stroh zum Schlafen.

Am folgenden Morgen ließ ich drei Suppentröge auf dem Hof aufstellen. Drei Robbis standen dabei mit unzerbrechlichem Geschirr, Kellen, Löffeln …

Doch es geschah nicht das, womit ich gerechnet hatte, dass also die Kinder zum Essen kamen. Das verunsicherte mich. Es konnte einfach nicht sein, dass sie nicht hungrig waren. Für meine Nase rochen die Suppen verführerisch. Zwar war die Auswahl vielleicht etwas seltsam: In einem befand sich eine Abwandlung dessen, was bei uns auf der Erde Soljanka geheißen hätte, im zweiten ein Erbseneintopf und im dritten eine Pampe, halb Milchsuppe, halb Michreis. Aber anstatt, dass die Kinder schnuppernd neugierig näher gekommen wären, drängten sie sich an der Wand des Stalls aneinander. Gelegentlich rührten die Robbis mit ihren Kellen in den Töpfen, aber auf die Kinder schien das eher so zu wirken, als sähen sie sich selbst als die noch fehlende Fleischeinlage in einem der Töpfe.

Ein paar Minuten beobachtete ich die Szene verunsichert. Endlich kam mir eine Idee. Die Robbis mochten alle möglichen Rollen spielen können, die der Verkoster aber nicht. So blieb mir nichts Anderes übrig als Sanja, Kuoala und Ann-Ann zu bitten, obwohl sie gerade mit mir gefrühstückt hatten, nach draußen zu gehen, sich eine Kelle einschütten zu lassen und sichtbar genüsslich ihren Teller leer zu löffeln.

 Die zurückliegenden Wochen hatten auf meine Mädchen bereits eine Veränderung bewirkt, an die ich überhaupt nicht gedacht hatte: Sanja und die anderen empfanden die Kinder am Stall als dreckig. Entschieden wehrten sie sich dagegen, sich einfach unter die Gruppe zu mischen. Und weil ich sie schicken wollte, erinnerten sie mich an die Kuatsi, die sie nicht wieder haben wollten. Ich hielt die Wesen zwar für harmlos, juckende Parasiten ähnlich den Zecken oder irgendwelchen Sandwürmern. Ich erinnerte mich aber auch an die Zickereien, als ich sie bei meinen Mädchen entfernt hatte. Also gab ich nach. Ann-Ann und die anderen setzten sich einzeln etwas abseits, aber in Blick- und Riechrichtung der Neuankömmlinge zum Löffeln.

Endlich löste sich ein vielleicht acht oder neun Jahre altes Mädchen aus dem Pulk. Verschüchtert, aber neugierig schnüffelnd kam es näher. Noch umstrich es die drei Großen in skeptischer Distanz. Die restliche Gruppe schwieg und beobachtete abwartend, was passieren würde. Schließlich näherte sich das Mädchen Ann-Ann mit ihrem Milchreis.

Sehr leise fragte sie etwas, wahrscheinlich, ob man das essen könne. Ann-Ann murmelte etwas, stand aber auf, nahm dem Robbi einfach die Kelle aus der Hand, schüttete den Inhalt einer Kelle auf einen Teller und kräftig Zucker und Zimt darüber. Ich bildete mir ein, bis an mein Fenster oben die Duftwolke zu riechen.

Das Folgende lief dann ab wie ein zu schnell abgespielter Film. Das Mädchen kostete, löffelte einmal voll, sah sich um, als würde ihr der Teller gleich wieder abgenommen, rief den anderen etwas zu, löffelte plötzlich so schnell sie konnte, die anderen quollen aus ihrer Ecke, und dann ging es nur noch darum, sie in eine Schlange zu ordnen, damit nacheinander aufgetragen werden konnte.

Der eine Bottich war schnell leer. Die Zahl der Kinder, die sich danach an einen der anderen beiden Tröge heran

wagten, hielt sich in sehr engen Grenzen. Ich grinste. Wahrscheinlich hatten sich dort schon zwei Gruppen ihre neuen Betreuerinnen gewählt.

 Nein, ich war in keiner Weise pädagogisch vorbelastet. Irgendwie blitzten zwar manchmal dunkle Stücke meiner Schulzeit im Gedächtnis auf – aber eben nur Eindrücke aus der Schülerperspektive. Da ich auf der Erde nicht Vater geworden war, fehlten mir auch die laufenden erziehungsbegleitenden Unterweisungen und Praktika. Unsere vorherrschende Theorie ging davon aus, dass jeder Mensch einen Grundstock an praxisrelevanter Erziehungstheorie benötige. Die wurde aber immer so vermittelt, dass sie kurzfristig mit eigenen Erfahrungen verglichen und durch Praxis gefestigt werden konnte. Für Menschen ohne eigene Kinder war das Studium zum Familienerzieher fakultativ, und mir hatte das Interesse gefehlt. Nun stand ich als Einzelmensch vor der Menschheitsaufgabe, aus dem Wust aller Erkenntnisse der mir bekannten Wissenschaften jene auszuwählen, die diese Sakskinder zu einem Geistessprung aus ihrer bisherigen Gemeinschaft verhelfen konnten … und die Methoden dafür musste ich neu erfinden. Zumindest waren die Schriften, die ich im Speicher fand, so fern der Saks-Wirklichkeit, dass sie mir schwerlich verwendbar schienen. Von Kindern, die sich nicht im geringsten vorstellen konnten, was Computer sind und dass man Informationen auch weiter verbreiten konnte als durch lautes Zurufen, gingen die nicht aus. Als ich versuchte, zeitlich so weit zurückzugehen, fand ich nur Schläge mit dem Stock und andere Strafen. Andersherum erinnerte ich mich der bei mir damals immer wieder neu aufgeblitzten Schülerfrage „Wozu der Mist? Das werde ich nie brauchen.“ Und ich stellte die Frage in vielen Zusammenhängen. Dass ich zum Beispiel sicher war und nachher auch irgendwie bestätigt wurde, dass ich den Inhalt wirklich nicht brauchte. Biologie vor allem ist mir immer fremd geblieben. Wenn mir erklärt wurde, welche Klassen, Familien und Gattungen Verwandtschaften zwischen Pflanzen und Tieren beschreiben, dann grinste ich und stellte mir Tante Lupus zu Besuch bei Neffe Pinscher vor. Und wozu sollte man selbst wissen, ob einem die Niere oder die Leber weh tat? Es war Sache des Arztes, das herauszufinden und zu kurieren.

Mathematisches dagegen hatte mich fasziniert – aber auch da war mir suspekt, dass ich Kopfrechnen üben sollte, wenn ich doch einen Rechner hatte.

Das mit der Biologie kreiste mir wiederum deshalb durch den Kopf, weil wahrscheinlich schon vierjährige Saksmädchen mehr von der einheimischen Flora und Fauna verstanden als ich und mir hier auch meine Speichermedien kaum weiter helfen konnten. Also viele Möglichkeiten für mich zur Blamage.

Lange nach der Schulzeit hatte ich zumindest im Prinzip begriffen, dass es in der Schule weniger darauf ankommt, das zu lernen, was man gerade lernt, sondern das Lernen zu lernen, ohne zu merken, dass man nur das Lernen lernte. Vielleicht war einer in der Klasse, für den genau der Stoff das Wichtigste für sein Leben werden würde. Wir hatten uns erschlossen, wie komplex die Welt war, dass man nie alles begreifen würde, aber lernen musste, uns den Rest dazu anzueignen – und das mit Spaß. Und dass, wenn man mit vielen geschärften Sinnen erfasst, wie viele Farben und Töne die Welt bietet, man eben reicher, also glücksfähiger ist, als wenn man nur hell und dunkel unterscheiden kann.

Ja, das alles wollte ich diesen Saks-Kindern eintrichtern. Und vielleicht war auch das ein Stück vom Schrecklichen: Irgendwie waren diese kleinen Wesen da für mich eine Mischung aus Bemitleidenswertem, Tierischem, zu Bändigendem und Spielzeug. Und schon damals wäre ich in der Lage gewesen, dir ein Zitat herauszusuchen, dass es nicht ausreicht, nichts Böses zu wollen …

 Bemitleidenswert? Heute kann ich es ja eingestehen: Neben der erregenden Aussicht, dass diese Mädchen einmal Frauen werden würden – bei mir und für mich – ekelte ich mich in meinem Innersten war auch ein wenig vor denen, die da so gierig und ungeschickt löffelten. Fraßen. Ich weiß nicht, ob mir das ohne die lautstark vorgetragenen Vorbehalte meiner künftigen Gruppenleiterinnen gleich so bewusst geworden wäre. Wenn nicht, dann hatten sie mich eben darauf gestoßen: Auf dem Hof liefen Parasitennester auf zwei Beinen herum. Nun, wo ich darauf achtete, fielen mir immer die Mädchen ins Auge, die sich ungeniert kratzten. So sollten sie nicht in ihre künftigen Räume auf der Burg kommen. Während die Kleinen auf dem Hof spielten, überprüften die Robbis das Schleusensystem zum künftigen Reich der Burgkinder. Meine Erziehungsmädchen waren sich ihrer Rolle bewusst. Zumindest zwei von ihnen hatten schon ihre Gruppe beisammen. Ich hüllte mich in Leder, setzte eine Gesichtsmaske auf, strich über den Hof und suchte mir eine Gruppe von acht Mädchen zusammen. Die hatten sich in eine Reihe vor der Seitenpforte hinzusetzen und zu warten. Dann wurde für das erste Mädchen jene Pforte geöffnet. Plötzlich stand sie allein in einem schwach beleuchteten Kämmerchen. Hinter ihr war die Tür zugeschlagen, irgendwoher ertönte eine Stimme: „Zieh dich aus und wirf alle deine Sachen durch die Luke neben dem Licht!“

Klar kann ich mir vorstellen, wie sich das Mädchen gefühlt haben mag. Ein kahler Raum mit eben dieser einen Luke, die so ähnlich wie die Essenausgabe funktionierte, nur mit einer beweglichen Klappe dahinter, daneben ein elektrisches Licht, das das Mädchen nicht kannte, und von irgendwoher eine schnarrende Translatorstimme. Hätte ich verlangt, sich die Haare auszureißen, hätte sie zumindest nach oben gegriffen.

Kaum war sie unbekleidet, ging gegenüber der Tür, zu der das Mädchen hereingekommen war, die Wand auf. Eine Schiebetür, die von innen nicht erkennbar war. Panika blieb daneben stehen. Sie hatte sie aufgeschoben und sollte nun durch Beobachtung lernen, was sie später selbst zu machen hatte. Ich hatte mich inzwischen umgezogen und war nur mit einem weißen Kittel bekleidet.

„Na komm!“

Das Mädchen trippelte auf mich zu … ich hätte zu gern „Ich beiß nicht“ gesagt, aber als Scherz wär das nicht angekommen.

„Wie heißt du?“

„Tscham ´ita Ma´an.“

„Tschamita. Ein schöner Name. Und ich werde dich in ein Mädchen verwandeln, zu dem dieser Name passt.“

 Tschamita ahnte natürlich nicht, wie ich das meinte. Sie gehörte zu den größeren Mädchen, schätzungsweise neun Jahre alt, mit einer Figur, wie sie extrem kleine und zierliche Menschenmädchen mit vierzehn gehabt hätten. Unter dem Rasierer schrumpfte sie innerlich zusammen. Ich ließ ihr aber keine Verschnaufpause. Umdrehen, wieder umdrehen … dann folgte die Creme, die fett auf jede Hautpore aufgetragen wurde, antrocknen lassen, umdrehen. Die Wimpern verschonte ich, die Brauen nicht. Aufstehen! Hier in die Ecke! So steh´n bleiben!

Der Schreck war nur kurz. Als ich sie aufforderte, sich zu bewegen, damit das Wasser überall hinkäme, tat sie das nicht unwillig. Ich hatte die Dusche sehr warm eingestellt.

Ich hüllte sie in ein riesiges Frottiertuch, rubbelte, packte sie wieder aus, tastete sie mit dem MFDG ab, ließ sie tief einatmen, Luft anhalten… Am meisten irritierten Tschamita wohl die Piepgeräusche, die das „Multifunktionale Diagnosegerät“ fortwährend von sich gab. Das Problem: Ob irgendein Messwert eine Fehlfunktion der angepeilten Organe bedeutete, konnte ich frühstens nach der letzten Untersuchung sagen. Ich musste ja erst einmal herausbekommen, ob die Saks überhaupt dieselben Organe wie Menschen hatten.

Als das geschafft war, reichte ich ihr einen Bademantel und ähnlich ungewohnt weiche Latschen. Dann führte ich sie über den Flur in ihre künftige Kemenate.

Als sie den Bademantel wieder abgelegt hatte, sichtlich unwillig übrigens, wiederholte ich meine Eingangsfrage: „Also, wie heißt du?“

„Tscham …“

„Richtig: Tschamita. Von heute an nicht mehr anders. Und jetzt schlaf ein bisschen!“

Ich drückte sie auf die weiche Unterlage, und dann folgte das Zeremoniell, das das Saks-Mädchen von ihrer Familie her kannte. Nicht zu Unrecht, glaube ich, bilde ich mir einiges auf mein Fingerspitzengefühl ein. Jeden Augenblick der Anspannung und der nachfolgenden Entspannung ließ ich Tschamita durchleben. Dann deckte ich sie sorgfältig zu und ging wieder zurück in den Empfangs- und Behandlungsraum.

„Du hast gut aufgepasst? Mit deiner Gruppe musst du dieses Ritual durchexerzieren. Soll ich dir bei der Namensgebung helfen? Die Namen in der Sprache von Menschen müssen für Menschen, also für mich, schön klingen. Das ist vielleicht noch zu kompliziert für euch.“

Panika sah mich abwartend an. Sie erwartete wohl weitere Erklärungen, aber ich hatte keine Lust.

„Ruf bitte Ann-Ann rein. Sie ist die nächste, die mir zusehen soll. Keine Angst, bei euren ersten Menschmachungen helf ich euch. Das wird noch ein langer, schwerer Tag heute.“

Menschmachung … Tschamita war jedenfalls auf einem guten Weg weg vom gewöhnlichen Saks-Mädchen … und mit ihrer Glatze war sicher auch ihre Sehnsucht geschrumpft, ihren leiblichen Eltern zu begegnen.

 Fast der ganze nächste Tag verging mit solch intensiver Eroberung der Saks-Mädchen von Siedlung Nummer drei. Ich gebe ja zu, dass mich das Streichen über diese weiche Haut faszinierte, dieses Gefühl, die Mädchen auf eine viel umfassendere Weise zu besitzen, als es eine rein sexuelle gewesen wäre. Ich spürte, dass sich dieses Machtgefühl auch auf meine ersten fünf Mädchen übertrug. Wie weit, hätte ich noch nicht sagen können. Immerhin gingen wir ja erst den allerersten Schritt in Richtung unserer neuen Ordnung. Bevor sie sich aber festigen konnte, kam uns etwas Äußeres dazwischen.

Auf dem Hof draußen warteten nur noch acht kleine Mädchen mit ihren alten Haaren und den Menschenzungen verdrehenden Namen. Kuoala beaufsichtigte sie. Wie verwirrt musste Sanja gewesen sein, als an Stelle der nächsten verängstigten Kleinen sich eben jene Kuoala in den Entkleideraum drängte – und zwar ähnlich verängstigt. Ich war gerade zu einem einem Pausengespräch bei Tschamita. Sie hatte wohl Probleme mit dem Translator. Die ersten Übungen sollten die Mädchen ja allein bewältigen, zumindest die größeren. Deshalb waren sie zuerst eingelassen worden. So war ich sehr ungehalten, als plötzlich Sanja und Kuoala die Tür zu Kemenate 6 aufrissen. „Soldaten …!“ brachten sie nur heraus.

Als ich nachfragte, stellte sich dann heraus, dass an der kleinen Pforte geklopft würde. Ein Kanto Sann app boll Jagos, was wohl so etwas wie ein Graf oder Fürst aus der Nachbarschaft wäre, stände mit einem Trupp Söldner draußen und begehre, von den Mördern eingelassen zu werden.

Eigentlich konnte ich nur aus den Gesten der Mädchen erahnen, dass die sich innerlich nicht entscheiden konnten. Sollten sie bei mir bleiben wollen oder brachte ihnen die Streitmacht draußen ihr gewohntes Leben in ihrem vertrauten Dorf zurück. Ich durfte jetzt alles tun – außer mich beeindruckt zeigen.

„Das schau´n wir uns von oben an!“

Das Bild war imposant. Offenbar hatte der Kanto andere Adlige der Nachbarschaft zusammengetrommelt. Jedenfalls standen draußen zwischen zweihundert und dreihundert für die Verhältnisse dieser Welt bestens Bewaffnete aufgereiht, vor ihnen acht Adlige oder Offiziere auf Reittieren, die ich bisher noch nicht gesehen hatte. Am ähnlichsten für meine Augen waren die wohl früheren irdischen Kampfelefanten.

Als einer der Soldaten mich entdeckt hatte, gingen fürchterlich überheblich wirkende Gesten zu mir hinauf. Der Herr in der Mitte, der wohl jener Kanto sein musste, brüllte, dass es sogar bei mir oben auf der Mauer noch laut ankam: „Öffnet sofort, wenn ihr noch auf freien Abzug hoffen wollt, Verbrecher!“

Das hätte ich natürlich nicht einmal getan, wäre ich ein Saks gewesen. Seine Anrede schien mir deutlich genug, was er mit mir machen wollte, sollte er mich in seine Gewalt bekommen. Ich hätte ihm natürlich ritterlich gegenübertreten können. Entsprechend gekleidet war ich Mann gegen Mann wahrscheinlich allein durch meine Übergröße furchteinflößend. Da er mich aber kaum als seinesgleichen anerkennen würde, musste ich mit einem heimtückischen Angriff rechnen – und ich wollte die Leistungskraft der Nanniten nicht unnötig beanspruchen. So holte ich einen Verstärker und ließ den Translator verkünden: „Verschwindet von meinem Land, wenn euch Leben und Gesundheit lieb sind!“

 Irgendwie hatte ich gehofft, dass eine solche Donnerstimme die Angreifer in panische Flucht versetzen würde. Ich war sicher, dass die Männer so etwas noch nie gehört hatten. Doch der Kanto musste aus einer mir wiederum unbekannten Quelle Kraft für seine Anmaßung schöpfen. Jedenfalls lachte er und rief, wenn auch entschieden leiser als meine Technik: „Was dann? Wollt ihr unbedingt, dass wir euch belagern und stürmen?“

„Versucht es doch!“

Ein sinnloses Wortgeplänkel zweier Großmäuler bahnte sich an. Das aber war nicht in meinem Sinn. Ohne die Erwiderung des Kanto abzuwarten, verließ ich den Mauerplatz. Auch ohne auf die Mädchen zu achten. Ich musste die Robbis aktivieren. Und ich hatte auch schon eine Idee, wie diese Konfrontation beendet werden konnte.

Nicht lange und ich war zurück. Ich stellte mich wieder auf meinem Platz auf und beobachtete gelassen die vier Robbis mit den Tanks, die sie anschleppten.

Nicht, dass ich vor einer Belagerung von dieser Truppe da unten hätte Angst haben müssen. Aber die Belagerer hätten sich selbst versorgen müssen und dies in den Dörfern meines Reiches getan. Es hätte mich gewundert, wenn dies nicht in Plünderungs- und Vergewaltigungsorgien ausgeartet wäre. Und der einzige Sinn eines „Herrn“ in solcher Art Reich war doch, seinen Untertanen Schutz vor anderen Räubern zu geben. Also mussten die Herren einen ausreichenden Schrecken bekommen. Den bekamen sie natürlich nicht von den herabstürzenden Tanks. Im Gegenteil: Da alle rechtzeitig zur Seite gesprungen waren, hätten sie sich wahrscheinlich über mich amüsiert, wenn nicht eine vierteilige Explosion gefolgt wäre. Flüssiges Feuer flog durch die Luft und eine Qualmwolke, deren Substanz die Herren Krieger nicht kannten: Tränengas. Am verrücktesten führten sich die falschen Elefanten auf, die ihre Reiter abgeworfen hatten und den letzten Rest militärischer Ordnung zerstörten. Ganz unauffällig richtete ich meinen Phot auf den Kanto, jenen Anführer, der eben diese Ordnung an ehesten wieder hergestellt hätte. Aus dem Verstärker peitschte ein quälender Pfeifton auf die Männer nieder, die sich so nichts zurufen konnten.

Endlich trat die von mir erhoffte Wirkung ein. In heilloser Flucht, jeder nur auf sich selbst achtend, die Waffen zurücklassend, rannten die Männer aus der Nähe der Burg. Wichtig schien mir nicht eine große Zahl von Toten, sondern eine große Zahl von Legenden. Jeder, der von dieser Belagerung zurück wäre, würde immer mehr ausschmücken, warum er denn geflohen war. So hoffte ich auf Ruhe für meine Pläne.

Gerichtete Schallwellen waren etwas Schönes. Ich hörte zwar selbst auch lästiges Pfeifen, aber es war noch erträglich und wurde hundertfach aufgewogen durch den Anblick der sich in der Ferne zerstreuenden Feinde. Einen der Offiziere musste ich allerdings doch noch zur Strecke bringen, weil der beinahe einen vorzeitigen Stopp der Flucht erreicht hatte.

Endlich konnte ich mir über die Stirn wischen und mich umsehen, welche Mädchen wahrscheinlich welchen Teil dieser „Schlacht“ beobachtet hatte.

Viele Zeugen hatte ich nicht. Meine Gruppenleiterinnen und die Kahlköpfigen hatten sich im Saal versammelt. Ich habe nie erfahren, ob sie da gemeinsam gebetet hatten und, wenn ja, für wen. Da sie es nicht von sich aus erzählten, nehme ich an, sie hielten sich eher für zu rettende Prinzessinnen als für meine Familie. Ihre Kemenaten hätten das gerechtfertigt, aber die hatten sie doch von mir!

Kuoala und die acht Kleinen hockten völlig verstört in einer Hofecke, und sie kamen auch nicht, als sie gerufen wurden. Ich musste den Küchenrobbi beauftragen, draußen ein Festessen zu servieren, bevor die Mädchen ihren Schrecken ablegten. Die Aufnahmeuntersuchung machte ich dann bei den meisten selbst. Kuoala assistierte mir nur. Erst allmählich wurde sie selbst aktiv.

Eigentlich hatte der ganze Kampf nur wenige Stunden gedauert. Trotzdem warf er mich in den Aktivitäten zum Aufbau meines Reichs des geistigen Reichtums weit zurück. Zwar nahm ich an, für die nächste Zeit vor unerwünschten Besuchen feindlicher Nachbarn sicher zu sein, aber irgendwie zwang mich die Unruhe zu Vorbereitungen auf neue Angriffe. Ich programmierte zehn der Robbis auf den Bau von Grenzsicherungsanlagen. Entlang der gesamten Grenze arbeiteten sie in den folgenden Wochen an der Vervollkommnung eines Abwehrsystems. Ob zwischen den Angreifern der ursprüngliche Herr der Burg gewesen war, habe ich nie herausbekommen. Vielleicht war es sogar dieser Kanto selbst. Es war aber eigentlich nicht wichtig.

Wo künftig kein Saks durchkommen sollte, entstand ein Streifen aus Stacheldrahtzaun nach außen und innen mit autonomen Elektrozaunabschnitten dazwischen. Dort bekam jeder Zaun einen eigenen Stromgenerator, der den jeweiligen Stromkreis speiste. Dazwischen wurden Postenhäuschen mit Schrankenanlagen und Kontrollgeräten aufgebaut. Nicht, dass ich die Häuschen mit Wachen besetzt hätte. Der Aufwand wäre zu groß gewesen. Aber in der Burg entstand eine Kontrollzentrale. Dort wachte einer der Robbis beständig über die Bilder aller Kontrollpunkte. Er litt an keinen Ermüdungserscheinungen, konnte viele Bilder gleichzeitig analysieren, erkannte jeden Saks, der einmal die Grenze passiert hatte, wieder … und er würde jede ungewöhnliche Situation sofort melden. Einzig etwas von der verfügbaren Gesamtenergiekapazität ging damit verloren.

… Wozu die Stacheldrahtzäune um den Elektrozaun? Na, nur sie konnten sichern, dass weder Saks noch Tiere zufällig durch einen Stromschlag umkamen. Ich hatte meine Mädchen befragt. Sie bestätigten mir die Bannwirkung großer Totenkopfschilder. Verbunden mit ein paar Horrorgeschichten übermütiger Jugendlicher, die vielleicht ausprobieren würden, in die Spukzone einzudringen, würde bald ein Abschnitt entstehen, der nur noch Kleinstlebewesen und Pflanzen Lebensraum böte. Selbst ein kleines Heer konnte den Sperrstreifen nicht überwinden – und wenn ein Trupp einen der Grenzübergänge benutzen wollte, ließen sich die dortigen Schrankensysteme unter Strom setzen. Auf jeden Fall würden eventuelle Angreifer ausreichend lange aufgehalten, bis ich geeignete Abwehr organisiert hatte. Zumindest war das Ganze so gedacht.

Wie sehnte ich mich nach Ruhe! So viel hätte ich gründlich durchdenken müssen … und danach entscheiden. Natürlich auch und sicher zuerst, was und wie die Kinder lernen sollten. Aber das hing ja von der Antwort auf eine andere Frage ab: Was sollten die einmal als Erwachsene tun? Wenigstens hatte ich mich innerlich entschieden, dass sie überhaupt etwas tun mussten, dass sie deshalb also nicht wissen sollten, dass es Replikatoren gab, die ihnen alle materiellen Bedürfnisse befriedigt hätten. Wahrscheinlich hätten dann die Frauen im Harem Schlange gestanden, sexuell befriedigt zu werden, indem sie einen Mann befriedigten oder umgekehrt. Und in der Restzeit sinnarm gewartet …

Nein, das war nicht wünschenswert. Ich hatte einmal ein perverses Machwerk gelesen, in dem sich ein frühzeitlicher Mensch die am höchsten entwickelten Intelligenzwesen vorstellt. Die lässt er sich in eine Blase hineinversetzen, in der ihnen ewige, ununterbrochene Orgasmen injiziert werden. Das schien ihm die endgültig höchste Vollendung aller Entwicklung. Ich hielt das für Früchte, die verfault waren, bevor sie reifen konnten, weil sie eben nicht mehr reifen konnten.

Meinen Mädchen konnte ich die Welt aller Künste öffnen, sie mit dem Schönen in jeder Gestalt vertraut machen. Aber würde das allen reichen?

Wie ich so für mich nachdachte, kam mir der rettende Einfall. Im Prinzip war mein Planet eine zweite Erde. Natürlich hatte er eine andere Geschichte hinter sich. Vielleicht gehörte dazu irgendein Meteorit, der auf der Erde eingeschlagen war, aber hier nicht … oder es war umgekehrt. Auf jeden Fall waren die Abweichungen in der chemischen Zusammensetzung der Atmosphäre, wenn man die Dauerschäden aus der industriellen Explosion ausklammerte, die klimatischen Verhältnisse – unter derselben Bedingung – Gravitation, Rotation, Strahlung usw. so gering, dass eigentlich alles das, was sich auf der Erde an Menschenfreundlichem entfaltet hatte, sich hier für die Saks und mich entfalten konnte. Ich würde die Lebensverhältnisse der Erde hier optimieren, Pflanzen und Tiere, deren Bedingungen in den Speichern aufgezeichnet waren, hier kultivieren. Die, die es zur Zeit meines Abfluges gegeben hatte, und sogar die, die auf der Erde ausgestorben waren und deren Wiederbelebung sich nicht gelohnt hatte. Natürlich würden Relikte der einheimischen Flora und Fauna erhalten bleiben und sich eingliedern. Aber die Erfahrungen der Erde bewiesen, dass neu eingeführte Lebewesen den angestammten überlegen waren, weil sich ihre natürlichen Feinde noch nicht entwickelt hatten, es also noch kein Gleichgewicht gab. Ich musste nur herausfinden, welche Pflanzen besonders geeignet waren, ob Kartoffeln, Reis, Mais, Bananen, Rüben, Zuckerrohr … Probleme sah ich dabei auf Anhieb nur bei den Bananen, für die es wahrscheinlich nicht warm genug war, und Reis wegen der notwendigen Feuchtigkeit.

Die Kunst der Landwirtschaft konnte den Einheimischen nicht völlig fern sein. Wenn sie neu dazulernten, wie abwechslungsreich man sich ernähren konnte und sollte, würde das einen gewaltigen Entwicklungssprung bedeuten. Noch mehr Abwechslung brächten die verschiedenen Zubereitungsarten der Gerichte und die Arten der Haltbarmachung, die auch für die Eingeborenen anwendbar waren.

Wie glücklich würde das ganze Volk werden. Die Saks konnten mehrere traurige Entwicklungsepochen der Menschheit schlicht überspringen. Dies vor allem, weil sie die Probleme einer Mangelwirtschaft überspringen konnten. Dafür würde ich sorgen. Bald verschwände das Wort Hunger aus ihrer Sprache. Keine Not, keine Angst vor Katastrophen. Unmerklich würden sie in eine Gesellschaft ohne Unterordnung hinübergleiten.

Schwieriger würde es mit der Medizin sein. Anatomisch schienen die Saks zwar wie eine Menschenabart sein, aber das hinderte bestimmt keine fremden Krankheitserreger daran, mich vor noch ungelöste Probleme zu stellen. Ich würde also sehr viele künftige Ärzte und medizinische Betreuungskräfte ausbilden müssen.

Also viele Untersuchungen, Daten speichern, auswerten … Das hieß Computertechnik. Da würde also bald auch auf mich die Frage zukommen, wozu man rechnen können sollte, wenn man doch Geräte hatte, die dies viel schneller und fehlerfrei schafften.

Aber bis dahin war noch viel Zeit. Ich freute mich auf die verwunderten Gesichter staunender mit Geräten kommunizierender Kinder. Kommunizieren, ja. Das wäre wichtig. Das war überhaupt eine tolle Idee. Eine Art Internet. Die Zentrale wäre hier auf der Burg, und in den Hütten würden wir Kommunikationsplätze einrichten, über die die Mädchen hier erreichbar wären. Ob es gut war, wenn bewegte Bilder in den Hütten zu sehen waren, wollte ich noch nicht entscheiden, aber die Stimmen der Kinder waren leicht zu übertragen.

Die Sprache, verdammt! Ich wollte doch, dass die Mädchen nur meine Sprache benutzten. Davon wieder abweichen? Nein. Erst einmal würde gelernt, was ich wollte.

Also rechnen. Ein Computerprogramm, das die Mädchen selbst bedienen lernen würden. Immer eine begrenzte Zahl von Fragen, per Zufallsgenerator auf einer Ebene so lange zu wiederholen hätten, bis nur noch richtige Antworten kamen. Damit war ich entlastet von Paukerei. Das passte auch gut zu den Räumlichkeiten der Burg. Viele kleine aufeinander folgende Zimmer. Da konnten sich die Mädchen in Kleingruppen vorkämpfen, um zum Beispiel zum Mittag zu kommen.

Ich strotzte vor Ideen. Ach, wäre das schön gewesen, hätte ich einen Freund gehabt, dem ich hätte vertrauen können und der mich vielleicht etwas gebremst hätte …

Vertrauen, das wurde auch in anderer Hinsicht zum Problem. Du weißt ja … das Einschlafritual. Eigentlich hätte es aus einem einfachen Grund geändert werden können: Auf die Mädchen wirkten in diesen Tagen so viele neue Eindrücke ein, dass sie früh am Abend müde waren, also vielleicht gar kein Einschlafritual gebraucht hätten. Es war ungewohnt für sie – von den ganz Kleinen einmal abgesehen – ein Zimmer mit einem riesigen Bett für sich alleine zu haben. Warum sollte ich die Mädchen daran hindern, bei der Freundin oder Schwester zu schlafen. Platz war da in den Betten. Niemand musste auf die Geräusche Anderer achten oder aufpassen, dass er störende verursachte. Alle konnten nach ausgiebig zelebrierter Dusche sich in ihr Kissen verkrallen und einschlummern.

Es kam anders. Auslöser war wohl Sanja. Sie war ein besonders einfühlsames Mädchen. Sie hatte mich schon einmal geschockt. Das war, nachdem allen neuen Mädchen die Haare restlos geschoren worden waren. Da kam sie zu mir und hielt mir eine kleine Rede. Sie, die fünf ersten Angekommenen seien Kinder wie all die folgenden auch. Sie hätten Parasiten wie all die anderen, die jucken und sich weiter verbreiten konnten. Jetzt sähen sie aber als einzige aus wie die Kinder außerhalb der Burg, so als ob sie nicht dazu gehörten. Ob ich denn Mädchen mit Krauseln und welche ohne haben wollte. Ich versuchte zwar zu erklären, dass in ihrer Duschcreme eine Desinfektion enthalten gewesen war, aber das erklärte natürlich wirklich nicht, warum nicht auch bei den Neuen das Duschen ausgereicht hätte. Als ich es dann mit dem schöneren Anblick versuchte, die sie, die Großen, mit ihren Haaren auf dem Kopf böten, fragte sie sogar, ob ich sie denn nur deshalb ansehen wollte, weil sie Krauseln hätten.

Irgendwann musste ich aufgeben. Sanja, dieses Biest, hatte offenbar alle meine Hintergedanken erraten. Mit einer geradezu feierlichen Innigkeit verlangte sie alle Untersuchungen und Berührungen von mir, die sie vom Empfang ihrer Gruppe kannte. Ich musste sie eincremen und massieren und als sie halb schlafend von ihrer Höhe herabstieg, flüsterte sie, ob ich sie wirklich ohne Krauseln weniger gern sähe. Da blieb mir nichts Anderes übrig, als sie in den Arm zu nehmen, und aneinander geschmiegt schliefen wir ein.

Sanja musste das am nächsten Morgen wohl als erstes den Anderen erzählt haben. Klar. Die Veränderung ihres Äußeren schrie ja nach Erklärung. So musste ich auch die restlichen vier Gruppenleiterinnen in den Kreis „meiner“ Mädchen aufnehmen.

Das ursprüngliche Ritual entwickelte sich weiter: Zum in-den-Schlaf-Streicheln kam jetzt als besondere Belohnung das Einschlafen im selben Bett. Bevor ich dessen bewusst geworden war, hatte sich durchgesetzt, dass fast alle Mädchen darauf achteten, von ihren Gruppenleiterinnen bzw. mir nicht vernachlässigt zu werden, regelmäßig dran zu sein.

Für mich veränderte sich die Länge einer Woche. So etwas wie Samstag war dann, wenn Sanja dran war, Als Sonntage aber galten für mich jene Feierabende, an denen meine Familienrunde bei Tschamita enden durfte. Das aber war eine andere Geschichte.

Das Abendritual entwickelte sich zur wichtigsten Form aktiver Belobigung. Egal, ob ich das war oder eine meiner Gruppenleiterinnen – wir brauchten nur in Aussicht zu stellen, dass die, die eine geforderte Aufgabe am besten erfüllte, als letzte den Schlafgruß erhalten würde, also für die Nacht das Bett mit uns teilen durfte, schon wurde alles mit dem größten Elan erfüllt. Problematisch war höchstens, dass ich sowohl eine eigene Gruppe als auch eben die fünf Gruppies betreuen musste, die dann ja für den Abschluss ihrer eigenen Gruppe ausfielen. Und voll begeistert war ich auch nicht. Eigentlich sollten die Mädchen ja kritisch denken lernen. Sie vergaßen aber bei ihrer Anbetung total, nach dem Sinn der Aufgaben zu fragen. Woher sollte ich dann aber wissen, was sie wirklich verstanden hatten? Noch dazu, wo ich unsicher blieb, welche Aufgaben für die Mädchen wirklich sinnvoll waren.

Inzwischen war mir auch klar geworden, welche Rolle den meisten im Moment auf der Burg versammelten Mädchen in der Zukunft zufallen konnte. Am besten war, sie würden selbst Ausbilderinnen und Projektleiterinnen, meine fünf Gruppies wären dann also die ersten Ausbilderinnen der Ausbilderinnen. Mein Gesamtprojekt hing davon ab, dass die künftige Gemeinschaft als geschlossener neuer Kreislauf funktionierte. Ich konnte den Mädchen nicht zumuten, nach einer absehbar kurzen Zeit wieder in ihre Siedlungen zurück zu gehen. Sollten sie extremes Glück haben, würden sie als einem Gott besonders nahe stehende Schamaninnen anerkannt werden. Wahrscheinlich jedoch war, dass ihnen das auf der Burg erworbene Wissen für ihr folgendes Leben sogar hinderlich wäre. Auf sich selbst gestellt gegen Traditionen von Jahrtausenden würden sie gebrochen werden, für verrückt erklärt, partnerschaftsunfähig, was auch immer.

Ausgerechnet die Idee mit den Kartoffeln war dann der Funke der Lösung: Was, wenn die Mädchen meiner Zivilisation eigene Dörfer gründeten? Erstmal eines, jedenfalls? Die bisher gegründeten Siedlungen mit ihrem Ackerbau waren eng an die Flüsse gebunden. Deren Wasser schenkte Leben. Nun stellten gerade Kartoffeln keine allzu hohen Anforderungen an die Qualität des Bodens. Und Methoden zum Aufspüren von Grundwasser hatte ich.

Nun hatte ich die Chance auf ein Unterrichtsfach „Wunder“. Die Mädchen würden lernen, Maschinen zu bedienen, mit denen sie zuerst feststellen konnten, wo unter der Oberfläche Grundwasser zu finden war, und sie würden mit weiteren Maschinen Brunnen bauen, mit denen sie sich solches Wasser nutzbar machen konnten. Mit einem Helikopter suchte ich allein die Quelle jenes Flüsschens, an dem das Leben der einheimischen Saks sich entwickelt hatte. Jenes Wasser kam aus der Erde. Das mussten die Mädchen gesehen haben …

Ich weiß nicht, ob du so etwas für spannend halten kannst. Vielleicht musst du dir das aber auch aus der Sicht eines zehnjährigen Mädchens der früheren Saks-Zeit vorstellen. Versuch dich, in ein solches Kind hineinzuversetzen. Gelegentlich siehst du einen dröhnenden Riesenvogel an einer Stelle des Burggeländes aufsteigen und später wieder zurückkommen. Vor allem natürlich hörst du ihn. Geräusche, wie du sie in deinem ganzen Leben nicht gehört hast, und du suchst nach Bildern aus den Geschichten der Alten, wo solche Glitzervögel beschrieben sein könnten. Dann aber kommen jene Wesen, die richtigen Saks so ähnlich sehen, aber viel größer sind und noch viel stärker, und tragen glänzende Brocken zu den Vögeln, stopfen sie denen in den Bauch. Und dann packen diese Wesen auch dich, tragen dich in einen der Vögelbäuche und dann kannst du zusehen – von innen! – wie du über Bäumen bist. Bis du aus dem Bauch aussteigen darfst, weit von der Burg entfernt. Du siehst zu, wie Bäume, die den Himmel über dir gekitzelt haben, von Tieren aus dem Boden herausgerissen werden. Du aber hast Teile dieser Tiere neben dir im Vogelbauch gesehen und die Riesen-Saks haben dir die Hände geführt bei Bewegungen … du hast etwas mit den Brocken gemacht, da waren sie vorher einzeln und nachher waren sie zusammen und zum Schluss … Maschinen hießen die Dinger, wurde dir nachher erklärt. Und solche Maschinen vergruben sich in deiner Erde und die ließ das zu. Tiefe Löcher. Bis irgendwann darin Wasser war. Dann wurden andere Maschinen in das Loch heruntergelassen und die tranken das Wasser und oben spuckten sie es wieder aus. Und diese Maschinen hießen nicht Maschinen, sondern Pumpen und angeblich gaben die flachen Scheiben daneben ihnen die Kraft zum Saugen und Spucken.

Dass die Samen, die du dann eingraben durftest, größer waren als deine Faust, wunderte dich schon nicht mehr. Und dass du sofort ein Stück Boden zugeteilt bekamst, auf den du aufpassen solltest, und den anderen helfen und nur die Pflänzchen, die so aussähen wie auf dem Bild, das du von dem Riesen-Saks bekamst, sollten wachsen und die anderen solltest du ausreißen und auf einen Haufen werfen. Endlich etwas, was gar nicht so viel anders war als das, was deine Eltern auf den Komanfeldern machten.

Ich sehe es ja ein. An manchen Tagen überforderte ich die Aufnahmefähigkeit der Kinder um ein Vielfaches. Aber ich wusste, was ich wollte, und im Wesentlichen erreichte ich es auch. Gelegentlich belauschte ich die Mädchen bei ihren Treffen mit ihren ursprünglichen Eltern. Eigentlich hätte ich begeistert von der Geduld und der Güte, mit der die Alten die Märchen ihrer Kinder anhörten. Plötzlich verkehrten sich dabei die Rollen. Die Alten konnten einfach keine Geschichten erzählen, die so voller Unbegreiflichem war.

Ich konnte sogar darüber hinwegsehen, dass die Kinder in die Sprache der Saks verfielen. Aber schon bei den ersten Treffen mit ihren Verwandten mischten sich viele Begriffe aus meiner Sprache dazwischen. Mit denen konnten die Alten nichts anfangen, die Sprache der Saks aber war überfordert durch den Wunsch zur Umschreibung, zumindest für die Kinder, die dann die Ausdrücke verwendeten, die sie von den Robbies und mir gehört hatten. Für die Metalle, die die Kinder nun in ihre Welt aufgenommen hatten, gab es keine Umschreibungen. In den ersten Wochen benutzte ich die Erzählungen als Grundlage für meinen Technik-Lehrplan. Sobald die Kinder die Reihenfolge von Arbeitsgängen verwechselten oder manche einfach wegließen, wusste ich, was sie nicht verstanden hatten. Bei vielen Vorgängen ging ich nun rückwärts. Ich begann mit dem Unbegreiflichen, das die Kinder gesehen hatten, und suchte dann das Einfache, das darin verborgen lag. Bis zurück zum kleinen Einmaleins und dass es Buchstaben gab, mit denen man etwas bezeichnen konnte, von dem ein Anderer erfuhr, ohne dass er den Erzählenden oder das Ding sah … wenn er denn auch diese Buchstaben zu Namen für das Unbekannte zu fügen vermochte. Was war das für ein Gefühl für die Kinder, „Generator“ geschrieben zu haben, und eine andere Gruppe las dies, beschrieb das Ding und hatte eine Nachricht empfangen. Und natürlich versuchten die Kinder das ihren Eltern zu erklären. Sie stießen auf immer größeres Unverständnis. In den ersten Monaten fand sich zwar kein Kind, das nicht Ganarator sagte, aber auch das konnten die Erwachsenen nicht deuten. Ich ahnte, dass langsam eine Entscheidung heranreifte. Bald wären die Kinder ihren Eltern so entfremdet, dass sie einander nichts mehr zu sagen hatten, weil sie sich nicht verstanden. Dann würden sich die Alten nicht mehr melden … oder versuchen, ihre Kinder vor meiner Welt zu retten. Das Problem löste sich schließlich auf eine unerwartete Weise.

Eigentlich beruhten viele meiner Vorstellungen über diese Lebenswelt auf Vermutungen. Über eines hatte ich mir dabei allerdings wenig Gedanken gemacht. Ich deutete die Natur einfach als Ergebnis eines Wetters, wie es in Mitteleuropa vor dem großen Kipppunkt geherrscht hatte. Demnach war ich in einem besonders früh warmem Frühjahr gelandet und die Rotationsverhältnisse um die hiesige Sonne dehnten das Jahr auf 16 irdische Monate. Das änderte aber nichts daran, dass ein Winter zu erwarten war. Für eine wirklich kalte Jahreszeit waren die Hütten jedoch absolut ungeeignet. Nicht verschließbar, nicht abgedichtet. Flechtwerk mit einem Wasser abweisenden Blätterdach. Es hätte also entweder keinen irdischen Winter geben dürfen oder … Tja. Genau über dieses Aber hatte ich nicht nachgedacht.

Ich feierte mit den Mädchen gerade den ersten gemeinsamen Erfolg: Die Kartoffelernte. Unsere „Erdäpfel“ waren hervorragend geraten. Ein Teil war so „klein“ wie die größten Kinderfäuste, es waren aber auch richtige Kindsköpfe dabei. Diesmal ließ ich die Mädchen alle Arbeitsgänge ausprobieren. Sie sollten erleben, wie aus diesen dreckigen Erd-Knollen verschiedene leckere Gerichte wurden. Und sie sollten begreifen, wie sinnvoll manche erfundene Maschine doch war. Allerdings ging die Lektion beinahe nach hinten los. Vier der Mädchen fanden nämlich am Kartoffelschälen besonderes Vergnügen. Bevor ich mich versah, war ein Wettbewerb entbrannt, wer die längste Schale schaffte. Über einen Meter kamen die meisten. Wir einigten uns darauf, dass wir die Ergebnisse als „Girlandan“ aufhängten.

Eigentlich ging also eine besonders heitere Woche zu Ende. Ausgerechnet der Abend, der ihr krönender Höhepunkt hätte werden sollen mit einem riesigen Lagerfeuer auf dem Hof, Stockkartoffeln, Geschichten von fremden Welten, die ich gesehen hatte, und so, brachte fast den Zusammenbruch.

Es war ein sternklarer Abend. Ich erzählte gerade von den mir vertrauten Sternbildern und dass der Himmel hier ganz anders aussähe, als bei mir zu Hause, aber der Blick an den Sternenhimmel habe immer einen besonderen Reiz. Wandern zwischen den Welten … Ich hätte wahrscheinlich einen furchtbar romantischen, für die meisten hier unverständlichen Vortrag gehalten, der nur so von meinem Heimweh triefte. Aber natürlich sahen auch die Kinder nach oben. Und dann geschah es. Plötzlich rief Sanja „Kalaspuk! Dang na pataan!“ Es war, als hätte jemand einen Zauberstab bewegt. Alle sahen in dieselbe Richtung. Und trotz des tröstenden Dämmerlichts des heruntergebrannten Lagerfeuers war deutlich zu erkennen, dass die Mädchen ausnahmslos traurig geworden waren. Schlagartig.

Vorsichtig legte ich einen Arm um die links neben mir hockende Tschamita. „Was ist denn los? Was bedeutet das?“

„Unsara Familian ziehan jatzt los. Wir wardan sie viele Monate nicht wiedasahan.“

Kalaspuk, so erfuhr ich später, war ein Himmelsauge. Im letzten Teil des Herbstes rückte ein „Stern“, der in Wirklichkeit der stark reflektierende Nachbarplanet Caross war, bei seiner relativen Bewegung am Himmel ins Zentrum dieses Auges. Und wenn er diesen Punkt erreicht hatte, dann wussten die Alten, es ging los. Eine lange Wanderung stand vor ihnen. Ihr Ziel seien gewaltige Höhlen. Dort brodelte warmes Wasser und dort würden die Familien die Kälte überstehen.

„…Und haben sie sich nicht von euch verabschiedet oder versucht, euch mitzunehmen?“

„Wann langa in Grottan, viel Hungar. Viela Kinda starban. Wir abgagaban auf sichara Burg. Hier viel zu assan. Hier nicht kalt.“

Mir fehlte die Kraft, Tschamita zu verbessern. In den kommenden Monaten wären wir also vollständig miteinander allein. Aber nein. Ich nahm mir vor, die Höhlen zu finden, und den Hungernden mit dem Heli Nahrung zu bringen …

Wenn ich die folgende Zeit von heute aus betrachte, dann brachten die Wintermonate keine einschneidenden Ereignisse. Zuerst lernte ich die Bedeutung des Wortes „einschneien“ kennen. So etwas hatte ich noch nicht erlebt. Der Übergang vom Herbst zum Winter erfolgte über Nacht. Hatte am Abend das Thermometer noch neun Grad Celsius angezeigt, waren es am folgenden Morgen zwei Grad minus. Das war aber nicht das Wichtigste. Wesentlich unangenehmer war der Schneesturm. Es war, als wären Kilometer hohe Wolkenwirbel mit Orkankraft dabei, ein ganzes Meer aus Schnee über mein Land zu schleifen. Es war ausgeschlossen, sich auf dem Burghof zu bewegen. Alle Kameras waren ausgefallen. Vielleicht auch nicht. Vielleicht hielt die dicke Schneeschicht nur alle elektronischen Augen zu. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass irgendetwas von den früheren Siedlungen der Saks noch vorhanden sein könnte. Dieses weiße Inferno dauerte drei Tage. Auf dem Burghof lagen danach 140 Zentimeter Schnee, ein Höhenmaß, das die meisten meiner Mädchen noch nicht erreicht hatten. Die Robbies hatte ganz schön zu tun, um draußen Wege anzulegen.

In den folgenden Monaten wuchs das Vertrauen der Mädchen zu einander und zu mir immer weiter. Es gab kein Problem, das wir nicht gemeinsam gelöst hätten. Wenn man einmal von dem E absah, bei dem ich mich so ziemlich abgefunden hatte, dass es die meisten als a aussprachen, sprachen nun alle das Erdbasic perfekt. Auch sonst machte das Lernen enorme Fortschritte. Ich entdeckte keine störende Beziehung, kein Mobbing. Die Großen entwickelten einen enormen Ehrgeiz, den Kleinen möglichst viel beizubringen. Ich kann nicht ausschließen, dass manches, was die Vierjährigen hier lernten, sie auf der Erde noch nicht gehabt hatten. Obwohl noch alle gemeinsam lernten, hatte ich heimlich neue Gruppen zusammengestellt. Sorgfältig wählte ich unter den Größeren die künftigen Erzieherinnen aus. Es fanden sich aber auch besonders an der Medizin, den Künsten, der Technik und der Landwirtschaft Interessierte. Ohne dass den Mädchen das bewusst war, wurden sie verschiedensten Tests unterzogen.

Die Zeit verging wie im Raumfluge. Der Umschlag zum Frühling erfolgte dann ebenso abrupt wie der Wintereinbruch. Die meisten Wintertage waren kalt und trocken gewesen. Nur drei Wochen hatten Schnee gebracht – dafür aber so viel, dass er für 10 Winter gereicht hätte. Und so wie ein Unwetter den ersten Schnee gebracht hatte, so kam urplötzlich ein Sturm auf, der vorübergehend 15 Grad Celsius brachte. Die hielten sich zwar nicht, aber die Wirkung war verheerend. So schnell konnte kein Schnee tauen und als Wasser abfließen.Das könnte nur Lawinen, Sturzfluten und Ähnliches bringen. Der Standort der Burg war ideal gewählt. Uns erreichte das Wetter nicht. Aber sollte von den Vorjahreshütten noch irgendein Rest den Winter überstanden haben, dann wurde er nun fortgespült, ja geradezu von den Fluten weggerissen.

Was hättest denn du getan? Ich hielt dieses Wetter für eine Katastrophe und überlegte nur, wie das Leben möglichst vieler Saks zu retten sein könnte. Dabei dachte ich gar nicht daran, dass Ähnliches hier in den meisten Jahren ablief. Deshalb diese „Zweitwohnungen“ in den Berghöhlen. Die Saks gingen einfach davon aus, dass ihre Sommerhütten zerstört werden würden. Neue zu errichten war für sie keine große Mühe. Und in den Höhlen konnten ihnen die schlimmsten Stürme nichts anhaben. Ganz abgesehen davon, dass sie sich längst mit dem Tod der schwächsten Mitglieder ihrer Gemeinschaft abgefunden hatten. Sonst hätten sie mir wohl auch nicht so demütig ihre Mädchen überlassen.

Aber wie gesagt: Ich hielt die Situation für die Grundlage eines umfassenden Katastropheneinsatzes. Fast ununterbrochen hetzte ich die Robbies hin und her. Manche flogen Heli-Einsätze, manche waren zu Fuß unterwegs. Alle aber versuchten, die Ausgänge der Höhlen freizulegen, die verängstigten Saks darin mit Lebensmitteln zu versorgen, Plätze zu beräumen, auf denen die neuen Siedlungen entstehen sollten. Wenigstens kam ich nicht auf die Idee, gleich irdische Häuser bauen zu lassen, die wahrscheinlich allesamt beim nächsten Wintersturm genauso zerstört worden wären wie die leichten Eingeborenenhütten. Auch die Mädchen bekamen viel zu tun. Immer wieder führten sie den anderen Saks vor, dass das, was meine Robbies anschleppten, wirklich essbar war.

Absurderweise rettete mich mein Leichtsinn davor, eine echte Gefahr zu übersehen. Wie gesagt, der Robbie, der die Überwachungskameras an den Grenzanlagen betreut hatte, war durch den Schnee bei Wintereinbruch sinnlos geworden. Da hatte ich ihn einfach in den Standby-Modus versetzt. Wenn die Lage in diesen ersten Frühlingstagen nicht so angespannt gewesen wäre, hätte ich mich dieses einen Robbies sicher nicht sofort erinnert. So dachte ich mir aber, ich könnte ihn ja einem der Katastrophenteams zuordnen. So eilte ich in den Kommandobunker Grenze und erstarrte.

Ein Teil der elektronischen Augen war wieder betriebsfähig. Der größere Teil der Anlagen war wirklich ausgefallen. Ein geschlossenes Bild war also unmöglich. Aber zumindest war zu erkennen, dass dort Truppen in verschiedenen Uniformen an den Augen vorbeizogen, dass die ersten Trupps längst mein Gebiet erreicht hatten und dass es verschiedene Waffengattungen gab. Auf einem der Bildschirme paradierten die mir schon bekannten „Kampfelefanten“.Die meisten Soldaten trugen Hieb- und Stichwaffen, einige Trupps verfügten über lange Bogen, andere über etwas, was ich für Armbrüste hielt.

Das hatte ich also völlig vergessen: Die hinter uns liegenden Unwetter hatten die meisten Stromanlagen unbrauchbar gemacht. Meine wunderbare automatische Verteidigung war längst überwunden. Hätte ich nicht jenen Wachrobbie zu einem der Trupps schicken wollen, wären mir diese Gegner erst an der Burgmauer aufgefallen.

Was war zu tun?

Zumindest die Kommunikation funktionierte. Ich ließ alle gerade frei gelegten Höhleneingänge verschließen.Was an Ess- und Trinkbarem draußen war, wurde dort verborgen. Der Heli sammelte meine Robbies ein. Die großen Mädchen bekamen Posten auf der Burgmauer. Ich wagte keine Schätzung, wie viele Soldaten dort anrückten, aber die Überwachungskameras zeigten bereits einige Tausend. Mir kam das so widersinnig vor. Erst allmählich dämmerte mir eine Erklärung: Mein Reich als Ganzes war ein überdimensionales Tal in Nord-Süd-Richtung. Die Nachbarn hatten unter Umständen ganz andere Jahreszeiten. Sie hatten den Feldzug also in Herbst und Winter vorbereiten können – und sie dürften von der Frühjahrswehrlosigkeit meines Tales wissen. Aber ein Krieg?

Ich hatte mir nie Gedanken gemacht, ab wann solche Mittelalterkrieger meinen Robbies gefährlich werden konnten. Ich war immer davon ausgegangen, da bestünde keine Gefahr. Und mittels Belagerung uns aushungern konnten sie nicht. Aber mein Gefühl sagte mir, dass ich diesmal vor einer härteren Prüfung stand.

Eine Burg ist etwas Wunderbares. Immer hat sie Punkte, von denen aus das Land ringsum Weite bekommt, man so weit in die Ferne sehen kann wie sonst nur beim Fliegen. Ein Flüsschen, das vorübergehend zum reißenden Strom geworden ist, ist von hier aus zum graublauen Strich in einem opulenten Landschaftsgemälde zusammengeschrumpft. Bäume, zu denen man sonst ehrfurchtsvoll aufblicken musste, sind von einer solchen Position aus Farbtupfer im Waldland. Im konkreten Fall waren die Farbtupfer allerdings noch sehr zart. Die Vegetation des Tals war voll an die wilden Winter angepasst. Es gab kaum ein Gewächs, dass sich den Luxus von überwinterndem Bewuchs geleistet hätte. Aber obwohl erst ein paar Tage Tauwetter herrschte, waren schon erste Triebe erkennbar. In meiner Heimat gibt es einen Baum. Der heißt Birke. Er fällt auch durch seine scheinbar weiß bemalte Rinde auf, aber vor allem begrüßen diese mädchenhaften Bäume die warme Jahreszeit mit ganz zartem Grün. So etwa stellte ich mir den Bewuchs der Bäume hier vor. Durchs Fernglas erschienen die Triebe noch zarter. Wie ganz junge Ranken hingen sie von den Ästen herab. Die Luft im weiten Umkreis schien von einem „grünen“ Duft erfüllt. Ich hätte mich einem euphorischen Rausch hingegeben, wäre da nicht in der Ferne ein ganz anderer Fluss aufgetaucht.

Mit meinem Handfeldstecher, der es auf maximal 16fache Vergrößerung brachte, waren noch nicht allzu viele Einzelheiten zu erkennen, aber schon aus einer Entfernung von mehreren Kilometern war klar, dass dort mehr als 10000 Krieger meiner Burg entgegen zogen.

Mich grauste vor der Vorstellung, eine Photonenkanone zu installieren, einen Strahl in die Masse zu halten und in Sekundenschnelle Tausende Leben auszulöschen. Die armen Saks ahnten ja nicht einmal die Gefahr, in der ihr Leben schwebte. Und solch eine Photonenkanone war natürlich Verschwendung. Es gab kaum eine sinnvolle Verwendung für eine solche geballte Energiemaschine. Und ich musste sie erst montieren, denn mein Replikator war nicht groß genug. Aber dann hatte ich den rettenden Einfall. Der Heli! Als Kampfvogel musste er den Eingeborenen doch unheimlich sein, und er bot die Möglichkeit, gezielt Offiziere herauszugreifen.

Eine Kleinigkeit hatte ich allerdings übersehen. Die Ausstattung unserer irdischen Weltraumexpeditionen wurde immer so gestaltet, dass sie eine unbekannte fremde Intelligenz nicht als militärische Bedrohung auffassen konnte. Es gab also keine Bordgeschütze. Kampfdrohnen waren seit langem verboten. Waffen starrende Kriegsmaschinen gab es im Fundus des Replikationsspeichers überhaupt nicht. So startete ich mit drei Robbies zwar tatsächlich zu einem Aufklärungsflug, doch zum Handstreichangriff mussten wir aussteigen.

Die ganze Aktion hatte etwas kindlich Verspieltes. Der Gewaltmarsch des fremden Heeres pausierte noch immer nicht. Allerdings hatte sich die Formation etwa drei Kilometer von der Burg entfernt geteilt. Anfangs begriff ich überhaupt nichts. Gut. Dass sie eine zu belagernde Burg gern in die Zange genommen hätten, erschien mir noch nachvollziehbar. Dafür aber hätte doch eine Aufteilung in einen Trupp, der westlich, einen, der östlich und einen, der frontal gegen die Burg angerannt wäre, gereicht. Wozu schlug ein nicht unerheblicher Teil des Heeres sein Lager an dieser zum Angriff viel zu weit entfernten Stelle auf? Und wozu ausgerechnet jene Teile der Armee, die ich für Eliteeinheiten gehalten hätte, nämlich die mit den „Elefanten“?

Ich fand nur eine Erklärung: Zu dem Heer mussten Soldaten gehören, die bei der ersten militärischen Blamage dabei gewesen waren, und die sich gut daran erinnerten, wie leicht unerklärliche Geräusche gerade die wuchtigen Tiere zur wilden Waffe gegen sie selbst machen konnten. Wenn aber der vorige Kampf so analysiert worden war, dann konnte es sein, dass die anmarschierenden Helden etwas Dämpfendes in den Ohren hatten. Dann konnte es auch sein, dass die da unten sich etwas einfallen ließen, worauf ich noch nicht vorbereitet war.

Am besten störte ich sie schon frühzeitig. Ich programmierte den Heli, lud die Robbies ein und ließ sie starten. In aller Ruhe konnte ich dem folgenden Kommandounternehmen zusehen. Überrascht war ich, dass sich die meisten Soldaten von meinem Kampfvogel wenig beeindruckt zeigten. Sie liefen nicht auseinander, sondern bildeten eine dreireihige Schützenkette. Auf ein Kommando hin, das ich logischerweise nicht verstand, schoss die erste mit jenen Handwaffen, die tatsächlich Armbrüste waren. Die meisten Pfeile trafen die Außenhaut des Helis, prallten ab, fielen herunter. Da hatten sich die Schützen schon hingehockt, um den Langbogenschützen das Schussfeld frei zu machen. Etwa 100 Pfeile fanden ihren Weg. Inzwischen war ich mir nicht mehr absolut sicher, ob es nicht vielleicht doch einen Punkt an meinem Vogel gab, an dem eine Pfeilspitze Schaden anrichten konnte. Den ganzen Vorgang, also dass die Söldner so wenig Panik zeigten, konnte ich mir nur auf eine Art erklären: Die Saks mussten einen für meine Verhältnisse überdimensionalen Raubvogel kennen, den sie im gemeinschaftlichen Wirken besiegen konnten. Die dritte Schützenreihe hielt ihre Wurfspeere nur bereit. Die Armbrustreihe war mit dem nächsten Schuss an der Reihe.Ich ließ den Heli mit etwas größerem Abstand landen.

„Uuuund los!“

Die Luke flog auf und die Robbies sprangen aus dem Vogelbauch. Kurze Orientierung. Phots gerichtet. „Energie!“ Den Schützen der Saks fehlten die Kommandeure. Die Robbies suchten weiter. „Energie!“ Mehrere Männer, die ich von der Burg aus für den Generalstab gehalten hatte, sackten zusammen.

Ich hatte mich verschätzt. Es erschien mir absolut logisch, dass mit dem Verschwinden der Kommandos die Schützen hilflos nach Deckung suchen würden. Mag sein, dass sie die Gefahr für sich nicht begriffen, möglich auch, dass sie langer Drill in Kampfmaschinen verwandet hatte. Auf jeden Fall veränderte die Schützenkette nur ihr Ziel. Erst trafen meine Robbies 100 Armbrustpfeile, dann 100 Langbogenpfeile, dann 100 Speere … und nun stürmten wild und führerlos unzählige Kampfelefantenreiter auf sie zu.

Die Robbies sahen plötzlich überhaupt nicht mehr gut aus. Natürlich war keiner verletzt oder getötet worden, aber sie bildeten keine Formation mehr, und von weitem sah es so aus, als wäre einer von ihnen durch einen der Speere fixiert worden.

„Rundumfeuer!“

Glücklicherweise kam das Kommando an. Die Phots arbeiteten ziellos. Viele Angreifer sackten zusammen. Allerdings überrannte die zweite Reihe der „Elefanten“ sofort die erste. Wahrscheinlich waren sie außerstande abzubremsen.

„Abbruch! Sofort zurück in den Heli und zur Burg!“

Obwohl nie eine echte Gefahr bestanden hatte, atmete ich doch auf, als der Heli in der Luft war. Du kannst sagen, was du willst. Die Robbies waren eben keine denkenden Soldaten. Sie setzten Kommandos um – und ich wusste nicht, welches Kommando das richtige gewesen wäre.

Die Saks-Krieger konnten mit ihrem Erfolg nichts Richtiges anfangen. Sinnlos schossen sie noch zwei Salven hinterher. Und mir wurde bewusst, dass ich nicht der einzige war, der von der Burgmauer aus das Gefecht beobachtet hatte. Ich sollte also möglichst schnell klar machen, wer hier die entscheidenden Kräfte besaß …

Inzwischen waren die drei großen gegnerischen Stoßkeile gut vorangekommen. Ich weiß nicht, was sie von meinen technischen Möglichkeiten ahnten. Für eine vergleichsweise „mittelalterliche“ Armee gingen sie auf jeden Fall sehr vorsichtig vor. Die Formationen marschierten langsam. Die Körper der Soldaten der ersten Reihe waren fast überhaupt nicht zu erkennen. Sie wurden verdeckt von sehr hohen und wahrscheinlich schweren Schilden. Sie schienen meinen „Schüssen“ eine große Reichweite zuzubilligen. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass selbst von der hohen Burgmauer aus eine Salve Armbrustpfeile über mehr als 500 Meter getroffen hätte. Ganz davon abgesehen, hätten die Soldaten die anfliegenden Pfeile sehen und sich dann noch rechtzeitig hinter den Schilden verbergen können.

Ich zielte auf einen der Schilde, nur als Test, drückte ab …

Es gab einen Funken und der Schildträger sackte zusammen. Auf die Kolonne machte das keinen Eindruck. Mehr als viertausend Kämpfer rückten weiter vor, als wäre nichts. Die entstandene Lücke wurde sofort geschlossen.

Zwei Robbies auf anderen Seiten der Burgmauer berichteten mir, dass dort die Angreifer in langer Reihe Stellung bezogen hatten. Aber wofür? Ich war nicht bewandert in der Taktik von Burgbelagerungen. Also auch nicht auf der Erde. Und selbst wenn, konnten sich hier ganz andere Taktiken entwickelt haben, ja nachdem welche Waffe über längere Zeit besonders viel Wirkung gezeigt hatte. Das, was sich bisher abzeichnete, schien aber überhaupt keinen Sinn zu ergeben. Im Wesentlichen umstand eine circa 10 Krieger tiefe Linie aus Fußvolk die Burgmauer im Halbkreis. Einmal von meiner technischen Überlegenheit abgesehen – was hätte die gegen normale Verteidiger ausgerichtet? Und nun geschah nichts mehr. Oder richtiger: Nachdem die vordere Reihe einen kleinen Zaun aus Schilden errichtet hatte, machte es sich die Masse der Söldner dahinter bequem. Wenn das irgend einen Zweck erfüllen sollte, konnte es nur ein psychologischer sein. Der zahlenmäßig unterlegenen Burgbesatzung wurde signalisiert, dass sie umzingelt war.

Je länger ich nachdachte, umso vernünftiger erschien mir der Schritt aus Sicht der Angreifer dann doch. Gerade hatte der Frühling begonnen. Soweit die belagerten Burgen über Nahrungsreserven verfügten, wären die in den Wintermonaten natürlich weitgehend verbraucht worden. Ein Sturmangriff wäre verlustreich und aufwändig gewesen. Gerüste waren heranzuschaffen. Leitern konnten umgekippt werden – und normalerweise war die Zahl der Verteidiger größer als bei mir.

Und diese Belagerungsform störte ja auch mich schon: Ich hatte kein Hinterland mehr. Das Heer konnte ungestört meine Dörfer plündern.

Meine Dörfer?! Es gab doch noch gar keine Dörfer! Den Bauern konnte auch keine Ernte geraubt werden, sondern nur das aufgesparte Saatgetreide. Für wie lange war eine solche Kriegführung angelegt? Wann mussten die normalen Verteidiger fast kampflos aufgeben?

Moment! Immer noch hatte mein Denken einen Fehler: Es gab auf dem Burggelände Parzellen, wo Pflanzen angebaut werden konnten, und der Vorrat an schlachtbaren Tieren war … nein, er war nur deshalb beachtlich, weil ich im Winter keine Tiere geschlachtet hatte. Das konnten die Angreifer nicht ahnen.

Wie sollte ich diesen Kampf beenden … möglichst, bevor er richtig anfinge?

Ich entschied mich für Abwarten. Sollten doch die Angreifer handeln! Sie hatten mich ja nicht einmal für würdig befunden, eine formale Kriegserklärung oder etwas in diesen Sinne zukommen zu lassen.

Die Fernbeobachtung machte nur wenige Veränderungen aus: Die Kommandeursposten waren inzwischen neu besetzt. Mein Kommandounternehmen Heli war damit zur vollständigen Nullnummer geworden. Auf der Straße zum Haupttor wurde ein Gestell aufgebaut, das von weitem wie ein Wachturm auf altrömischen Grenzanlagen wirkte. Anfangs dachte ich, das wäre die erste Sturmkonstruktion. Aber es stellte sich heraus, dass das hölzerne Bauwerk nur einer Flaggeninstallation diente. Später erfuhr ich deren Sinn. Wäre ich hiesiger Burgherr gewesen, hätte ich ablesen können, welche Reiche hier die Übergabe der Burg forderten und dass man uns sicheren Abzug zusicherte, sofern wir innerhalb von drei Tagen das Tor öffneten. Eine komplizierte Angelegenheit – alles mit von unten in sich wiederholender Abfolge bewegten Flaggen ausgedrückt. Aber wie gesagt, ich verstand es nicht. Ich hatte ja nicht einmal eine Ahnung, dass die Saks ein solches Signalsystem entwickelt hatten. Bei den ersten Belagerungen auf dem Kontinent waren die Unterhändler getötet worden. Da war man auf eine solche Kommunikation verfallen.

Während mich noch so unsinniges militärisches Zeug beschäftigte, kam mir endlich ein Erfolg versprechender verrückter Einfall. Ja, vielleicht brauchte ich nicht eine Unmenge Energie sinnlos darauf zu vergeuden, möglichst viele vernünftige Wesen zu töten, um mich dann nachher über nutzlos herumstehende Waffen zu ärgern. Ich gebe allerdings zu, dass das nicht das einzige Problem war. Unangenehmer war der Gedanke, dass im virtuellen Speicher weder große Waffen noch Baupläne für ihre Montage existierten.

Doch nun überlegte ich, dass die Saks ja meine Waffen nicht kannten und alles für eine Waffe halten mussten, was ausreichend bedrohlich auf sie zukäme. So begann ich Bauteile für Maschinen für Land- und Forstwirtschaft zu replizieren. Bulldozer würde ich bei der Urbarmachung meines Landes später sicher brauchen. Ob sich ein vorzeitlicher Mähdrescher rentieren würde, müsste ich erst prüfen. Eigentlich wollte ich keine so großen Flächen mit gleichem Getreide bewirtschaften. Aber verschiedene Rodungsgeräte, riesige Technik zum Auflockern des Bodens … das war schon sinnvoll. Oh, nicht alles war sofort einsetzbar wie der Mähdrescher. Der hatte seine rotierenden „Zähne“ sowieso vorn. Aber die Bodenauflockerung wurde normalerweise gezogen. Das sah zumindest für mich nicht sonderlich bedrohlich aus. Glücklicherweise waren die Änderungen einfach.

Ideen für gewaltige Kampfmaschinen, die die Landwirtschaft künftig mechanisieren konnten, hatte ich mehrere. Das Problem war dann aber, dass mir nur 19 Robbies zur Verfügung standen, und der Erfolg hing erheblich daran, dass plötzlich ganze Untiermassen die unvorbereiteten Belagerer bedrängten.

Ich entschied mich für ein großes Wagnis. Eigentlich ist die Bedienung moderner Technik wirklich ein Kinderspiel. Man muss sie eigentlich nur anschalten können, vorwärts, rechts, links fahren, die Schaufeln bewegen. Eigentlich … war es nur nötig, die erste Schülerin hoch ins Herz eine Maschine zu locken. Dann würden auch die anderen folgen … eigentlich …

Ich wollte auf jeden Fall mit allen großen Mädchen sprechen, die zumindest schon im Heli die Wirkung meiner Technik erlebt hatten und zwar von außen und innen.

Inzwischen hatten selbst die Traktoren breite Vorbauten mit „Stacheln“ erhalten. Nun sahen alle Maschinen richtig gefährlich aus.

Die Montage der Maschinen auf dem Hof war kein Problem gewesen. So etwas erledigten die eingesetzten fünf Robbies schnell und fehlerfrei – sofern die Montagepläne einwandfrei waren. Nun hielt ich den Mädchen eine pathetische Ansprache. Was sie für ein freies, modernes Leben führen konnten.

Stimmt. Ich konnte froh sein, dass mich da keine fragte, was denn „modern“ sei. Ich erklärte ihnen noch, dass das Heer da draußen uns vergeblich zu vernichten versuchen würde, und sie, Mädchen, wie es sie bisher bei den Saks noch keine gäbe, bei der erfolgreichen Verteidigung mitwirken konnten. Ich ließ sie zuerst auf der Burgmauer patrouillieren. Was sie dabei mehr beeindruckte: der Anblick des imposanten feindlichen Heeres oder die Möglichkeiten ihrer Ferngläser? Schwer zu sagen.

Ihr Einsatz als Superkriegerinnen aber durfte nicht fehlschlagen. So entschied ich mich, sie lieber nacheinander zu gewinnen.

Sanja war die älteste von allen. Ich schlug ihr einen gemeinsamen Spaziergang vor, denn ich wolle ihr etwas zeigen. Als wir auf den Hof kamen, registrierte Sanja meinen inzwischen vollständigen Maschinenpark eher gelangweilt. Metallene Konstruktionen hatte sie schon einige gesehen. Sie interessierten sie nicht. Wir schlenderten zwischen den Fahrzeugen hindurch. Dann kletterte ich auf einen der Traktoren und reichte ihr die Hand, mit hochzukommen. Nichtsahnend ließ sie sich ziehen.

„Weißt du was? Mit diesem Traktor können wir auf dem Hof entlangfahren.“

Sanja sah mich mit einem Blick an, der wohl so etwa bedeutete, na, wenn du es sagst, wird das wohl stimmen.

Aber dann zeigte ich ihr den Starter. „Pass mal auf!“

Der Effekt war absolut nicht der erhoffte. Sanja erstarrte und diese starre Haltung löste sich nicht, solange der Motor an war und der Sitz vibrierte. Sie sah, welche Schalter ich wie bewegte, sie hörte meine Erklärung, dass sich dieser Schalterbewegung wegen das ganze Fahrzeug bewegte, sie ließ sich ihre Hände an die Schalter führen, die Schalter bewegen … aber selbst bewegte sie kein bisschen. Als wir schließlich wieder auf dem Boden des Hofs standen, krallte sie sich an mich, betrachtete argwöhnisch den schweigenden Traktor und sagte nichts.

Was hätte ich tun sollen? Mit dieser Angst würde sie sich vielleicht zwingen lassen, noch einmal auf den Traktor zu steigen, aber den in absehbarer Zeit selbst fahren als Kampfpanzer gegen jene Saks da draußen, dazu wäre sie mit Sicherheit nicht zu bringen.

Die Geschlechterrollen werden sehr früh geprägt. Die Kinder hatten in ihrer Saks-Gemeinschaft schon sehr viel verinnerlicht. Mir war das von Anfang an klar, Ich war deshalb sicher gewesen, dass nur, wenn ich die Ausbildung der Kinder mit den Mädchen begänne – und zwar mit den Mädchen unter sich – sie die Chance hätten, technisches und fortschrittliches Denken unbeeinflusst auszuprägen. Es später auch an die Jungen weiterzugeben, würde ihnen leicht fallen.

Das war bestimmt nicht falsch. Aber die größeren Mädchen hatten ihre Prägung eben schon weg. Und ich war ausgerechnet an ein so richtig „typisches“ Mädchen geraten.

War das schon ganz das Ende meiner Idee? Viel kleinere Kinder konnte ich ja beim besten Willen nicht einsetzen.

Für einen Kämpfer war ich mehr als angeschlagen. Ich glaube fast, ich wollte verlieren bzw. mir beweisen, dass ich verlieren musste. Anders kann ich mir heute nicht erklären, warum ich als nächste ausgerechnet Tschamita auswählte. Sie war jedenfalls aus meiner Sicht die Weiblichste von allen Mädchen auf der Burg. Und weil ich nicht recht wusste, was ich ihr zuerst erzählen sollte, sprach ich von Sanja, also was mir mit Sanja passiert war. Dass ich ihr hatte zeigen wollen, wie ein Traktor funktioniert und dass sie damit selbst hätte fahren sollen, aber dass Sanja solche Angst gehabt habe und …

„Ich habe keine Angst.“

Ich hätte beinahe gelacht. Das Mädchen hielt meine Hand und sah zu dem Fahrzeug hoch, als würde es sie gleich verschlucken. Aber dazu sagte sie: „Wie kommt man da drauf?“

Ich hob sie an den Hüften hoch, kletterte selbst hinterher, nahm sie auf meinen Schoß ….

Was soll ich sagen? Es konnte nicht viel Zeit vergangen sein, da lag Tschamitas Hand am Hebel, die meine schwebte zum Sichern darüber; Ruckeln, noch ein Ruckeln, noch ein Ruckeln … Tschamita erfasste, dass sie das gerade selbst ausgelöst hatte. Mir standen Schweißperlen auf der Stirn, aber allein durch Tschamitas Griffe bewegte sich der Traktor vorwärts, nach rechts …. „Haaaalt!“

Kaum, dass das Mädchen die ersten Erfolge auf den Traktor erzielt hatte, wollte es sogar vergleichen: Gaht das auf dam … wie heißt das? … also dam Mahdraschar genauso?

Einige Stunden beschäftigte ich mich nur mit dem einen Mädchen. Ihr schien das Prinzip eine Maschine keine Probleme zu bereiten. Keine Ahnung, woran das lag. Auch sie hatte bis vor einem Jahr nichts Anderes erlebt, als dass sich etwas nur dann bewegt, wenn es selbst lebt oder direkt angefasst wird. Was ich ihr theoretisch von „Kraftübertragung“ erklärt hatte, schien sie trotzdem als „natürlich“ hinzunehmen.

Die folgenden Einweisungen der anderen Mädchen machte ich mit Tschamita zusammen. Nun trauten sich auch viele von ihnen. Nach drei Tagen hatte ich eine „Landwirtschaftsflotte“. Alle konnten nun Los!, Vorwärts!, Rechts!, Links!, Stoppen! … Sie übten in Linien zu fahren, die ich ihnen aufgemalt hatte. Es machte ihnen von Stunde zu Stunde mehr Spaß. Während ich ihnen zusah, dachte ich schon über das nächste Problem nach, von dem ich nicht recht wusste, ob es wirklich ein Problem war.

Meine Landwirtschaftsflotte sollte die Krieger da draußen jagen. Die mussten also über den ersten Schreck hinaus ihre Angst vor den Monsterwesen bewahren. Die Motoren ließen sich dafür künstlich lauter stellen. Was aber wäre, wenn jemand, der weiter von der herankommenden Maschine entfernt stand, in ihr ein lebendes Mädchen sitzen sähe? Selbst, wenn er nicht auf die Idee käme, dass es allein dieses Mädchen war, dass das „Monster“ bewegte? Er konnte genauso gut annehmen, das Monster habe das Mädchen im Ganzen verschlungen und das müsse befreit werden.

Schließlich schilderte ich den Mädchen mein Problem. Sofort kamen die ersten Vorschläge, wie sie sich maskieren könnten, um richtig gefährlich auszusehen. Was gab das für ein Gelächter.

An diesem Abend tobten wir gemeinsam unter der Dusche herum. Fast schien der Krieg ein Kinderspiel …

Ich ahnte schon, dass der Einsatz nicht ganz so einfach sein würde. Inzwischen übten die Mädchen im Schwarm zu fahren. Auf dem Hof klappte das schon recht gut. Aber irgendetwas stimmte noch nicht. Immer wieder besichtigte ich mit meinem vierzigköpfigen „Heer“ die feindlichen Linien. Jetzt wäre es mir lieber gewesen, wenn wir eine richtige Feldschlacht hätten führen können, also einem geballten Gegner entgegentreten, dessen hintere Reihen allein durch das Zurückweichen der vorderen aufgelöst worden wären. Aber nichts deutete darauf hin, wann die Belagerer einen richtigen Angriff starten wollten. Es war auch nicht zu erkennen, wie sie sich versorgten. Eigentlich war gerade dieses geballte Nichtstun das, was am stärksten an den Nerven nagte.

Inzwischen war mir etwas Anderes klar geworden. Ich verfügte über 40 Monster, die eine Spannbreite von etwa 250 Metern abdecken konnten. Sie konnten sich auch teilen. Es blieb aber immer noch mindestens eine gegnerische Formation, die mein Heer von hinten zu Gesicht bekommen konnte, und diese verrückte Belagerungslinie war so lang, dass ein kluger Offizier genug Zeit hatte für Ausweich- und Umklammerungsmanöver. Dadurch konnte sich die Pleite des Helis wiederholen – nur, dass ich diesmal alle meine Kräfte eingesetzt hatte.

Für einen Moment erwog ich schon eine Ermüdungsstrategie mit alltäglichen Phots-Angriffen. Ich dachte ernsthaft darüber nach, leichte Strahler auszugeben und einfach immer wieder ein paar Gegner zu töten. Früher oder später mussten sie doch reagieren. Glücklicherweise kam mir endlich ein Einfall, mit dem garantiert niemand rechnen konnte …

Als erstes replizierte ich Scheinwerfer. Das hätte ich schon längst tun sollen. Es war unabhängig von allem anderen eindrucksvoll, mich als Beherrscher des Lichts in der Nacht zu zeigen. Und es konnte nicht schaden, welches einsetzen zu können. Ich baute die Strahler auf der Burgmauer auf, schloss sie an die allgemeine Stromversorgung an, richtete sie auf die Linie der Belagerer, gliederte die „Lichtwerfer“ in Einheiten, die sich gesondert an- und ausschalten ließen. In der folgenden Nacht testete ich sie. Ich ließ sie kurz aufblitzen und korrigierte einige Einstellungen. Mir war klar, dass das Legenden zur Folge haben würde. Die meisten gegnerischen Soldaten verschliefen natürlich meine Blitze und die, die sie bemerkten, vermissten bestimmt das Donnern aber sie konnten sich auf die Lichtquelle keinen Reim machen. Im Höchstfall blieb für einen Moment ein wenig Blendlicht auf ihren Netzhäuten zurück. Einzig den Stab der Belagerer musste ich bei meinen Lichtspielereien aussparen. Dessen Truppen waren zu weit entfernt für konzentriertes Licht.

Endlich war es soweit. Das Wetter stellte sich auf meine Seite. Nach Mitternacht verdeckten Wolken die Sterne. Ich hatte 12 Grad Celsius gemessen. Es war trocken und ruhig, als meine „Panzerfahrer“ ihre Fahrzeuge bestiegen. Noch tauchte nur eine einzelne Hoflaterne die Szenerie in gespenstisches Dämmerlicht. Vierzehn meist Dreierreihen standen auf das Haupttor gerichtet bereit. Die vorderen waren die mit den Mädchen als Fahrer. Ich ging davon aus, dass sie weniger komplizierte Steuermanöver vor sich hatten. Sie sollten nur ein Stück vorfahren und dann nach rechts und links schwenken. Die hinteren Reihen mussten sich anpassen, Abstand halten und eine breite Reihe bilden.

Der brenzlichste Moment war der der Toröffnung. Ich hatte das große Tor noch nie offen gesehen. Vier Robbies, und zwar die, die dann die beiden letzten Ausfahrreihen bilden sollten, hatten sich intensiv mit der Mechanik der Toröffnung beschäftigt und herausgefunden, dass es sich um eine gewaltige, über Ketten bewegte Doppelschiebetür auf Walzen handelte.

Als alle Fahrer bis auf die vier ihre Plätze eingenommen hatten, löschte ich auch die Laterne. Durch die Dunkelheit schepperte und quietschte es. Die vier Robbies drehten ihre beiden Kurbeln. Nur die Augen, die erwartungsvoll auf die richtigen Punkte starrten, ahnten, dass sich dort die hohen Tore ganz langsam öffneten. Endlos krochen die Sekunden. Wenn die Postenreihe in Tornähe erwachte, Signale gerufen wurden, vielleicht gegnerische Soldaten hin und her rannten, so wurden deren Aktivitäten vom quälend lauten Geräusch des sich öffnenden Tores übertönt. Wäre ein gegnerischer Zug auf den Burghof gestürmt, wir hätten ihn nicht bemerkt. Nichts als Scheppern und Quietschen erfüllte die Dunkelheit.

Plötzlich rastete eine Halterung ein. Dann herrschte für einen Moment gespenstische Stille.

In diese Stille hinein schallte meine Megafonstimme: „Drei – zwei – eins – ab!“

Sechsunddreißig Motoren heulten fast gleichzeitig auf, alle zusätzlich geräuschverstärkt. Eine Schallwelle bahnte sich ihren Weg durchs offene Tor. Zum einen direkt vorwärts, und noch einmal als Reflektion der Burg. Und genau in diesen Moment hinein leuchteten die Scheinwerfer auf. Meine Landwirtschaftsflotte sah nun, wohin sie zu fahren hatte. Die einzelnen Fahrzeuge fuhren wie geplant als „Fontäne“ zum Tor hinaus.Die ersten recht weit gerade vor und dann links bzw. rechts abbiegend, die folgenden schwärmten schon etwas früher zu Seite aus.

Die Scheinwerfer beleuchten die heillose Flucht verschlafener Saks. Dabei hatte ich die hinteren Leuchter vorübergehend wieder abgeschaltet. Leicht geblendet hatten die Söldner dort Gelegenheit, die Jagd der Monster im Schein der Lichtstrahlen aus dem Schutz der Dunkelheit heraus zu verfolgen.

Ich hatte die Mädchen instruieren müssen, Soldaten, die ihnen nicht entflohen, zu überfahren. Diese wenigen Toten waren der Preis für das Überleben der Massen. Egal, was die Söldner tun würden, sie durften es nicht geordnet tun. Auf einen der Meinen kämen dann über fünfhundert Gegner. Beabsichtigt war, den Schilderzaun regelrecht zu zermalmen. Von ihm durfte bis Tagesanbruch nichts mehr übrig bleiben. Alle Fahrzeuge sollten bis zum Ende der Belagererkette fahren, dann wenden, sich vor dem Tor zu einer breiteren Kette vereinen, die geradeaus das Stabslager anzusteuern hatte.

Soweit ich es erkennen konnte, funktionierte das wunderbar. Das mit dem Erkennen war allerdings so eine Sache: Ich beleuchtete nur jeweils die Fläche, auf die die beiden Maschinenflügel gerade zusteuerten. Damit gab ich den Belagerungssoldaten ein Fluchtziel. Tatsächlich dauere es nicht lange, da strebte, wer noch rennen konnte, in die Dunkelheit.

Nun aber wich das Verhalten der Gegner wegen eines physikalischen Denkfehlers meinerseits vom Plan ab. Anstatt eines sinnlosen Umherirrens fanden sich einige Offiziere, die Kommandos brüllten. Zumindest ein paar der nach Orientierung Suchenden bemerkte sie. Ich hatte nämlich vernachlässigt, dass Streulichtreste der Scheinwerfer in die Dunkelheit leuchteten, wenigstens so viel, dass die Flüchtenden nicht gegeneinander prallten. Es war also nicht restlos dunkel bzw. nur für die, die gerade im Scheinwerferkegel standen oder aus ihm kamen. Nun fiel mir ein Risiko ein, dass ich auf keinen Fall eingehen durfte. Das Tor stand noch weit auf. Es war zwar wahrscheinlich, dass der Schock über den Angriff der Nachtgespenster den Stab vom Eingreifen abhalten würde, aber was war, wenn ein militärisch relevanter Trupp in die ungesicherte Burg vorrückte?

Die Robbies waren über Funksignale erreichbar. Ihnen gab ich das Kommando zum vorzeitigen Wenden. Ich erwartete, dass die Mädchen das Manöver ihrer Nachbarn bemerken und, wenn auch verzögert, mitmachen würden. Entsetzt musste ich aber mit ansehen, dass die eine Hälfte der Angriffsflotte einen Bogen fuhr und sich dann auf ihren Startpunkt zu bewegte, während die andere stur weiter fuhr. Was sollte ich tun?

Als erstes schaltete ich die Scheinwerfer wieder ein, die auf dem neuen Kurs der Robbie-Fahrzeuge lagen. Dann entdeckte ich, dass das Heer, das direkt um den Stab der Armee herum gelagert hatte, sich zu militärischen Formationen geordnet hatte. Soweit ich es erkennen konnte, war aber noch niemand losmarschiert. Ich gab also die Weisung an die beiden Robbie-Flügel sofort in diese Richtung zu fahren.

Was dann passierte, war eigentlich erheiternd. Kaum begriffen die Offiziere, dass sich die beleuchteten Monster auf sie zu bewegten, befahlen sie – wenn sie denn wirklich noch etwas befahlen – den Rückzug. Die gerade erreichte Ordnung löste sich in Sekundenschnelle auf. Die sowieso unruhigen Tiere trampelten ungezügelt davon, die Saks-Krieger rannten ihnen hinterher.

Da kaum jemand gezielt herauszugreifen gewesen wäre, der als Gefangener die Kapitulation hätte befehlen können, ließ ich den Vormarsch stoppen. Nun konzentrierte ich mich auf die beiden Mädchenflügel. Meine Fahrerinnen hatten offenbar ihren abgesprochenen Auftrag weiter verfolgt. Inzwischen waren auch sie auf dem Rückweg. Es bestand kein Grund zur Beunruhigung. Ich ließ also die Robbies ihre Plätze auf dem Burghof wieder einnehmen und warten. Die Mädchen trafen rechtzeitig vor der ersten Dämmerung ein. Kaum waren sie durchs Tor, setzten die vier Robbies den Schließmechanismus in Gang.

„Ihr wart wunderbar!“ Besser war einfach nicht zusammenzufassen, was passiert war. Allerdings hatte nicht nur Tschamita bemerkt, dass etwas anders gelaufen war als abgesprochen. Nein, richtig wahrgenommen hatten sie nicht, dass Fahrzeuge aus der Kollonne nicht in die geplante Richtung weiter gefahren seien. Aber zum einen hatten sie Angst gehabt, unterwegs zu manövrieren, zum anderen aber waren sie wie berauscht gewesen, Hunderte zumindest anfangs Bewaffnete vor sich her zu treiben. Wie hätten sie sich da mitten im erfolgreichen Angriff zurückziehen sollen?

„So. Nachdem wir diese Nacht zum Tag gemacht haben, werdet ihr nun den Tag zur Nacht machen. Noch ist offen, ob wir in der nächsten Nacht das Ganze wiederholen müssen.“

Die Mädchen stimmten unter einer Bedingung zu: Sie wollten wenigstens bei Tagesanbruch sehen, was sie angerichtet hatten.

Hellhörig machte mich das schon. Das waren ganz neue selbstbewusste Töne, auch wenn sie als Betteln vorgetragen wurden. Da hatte sich etwas dauerhaft verändert.

 Die Bilder bei Tagesanbruch gaben den Mädchen Recht. Der frühere Belagerungsring war beseitigt. Fast alle Waffen der Belagerer lagen weggeworfen und plattgewalzt am Boden. Verstreut über das weite Feld versuchten Offiziere vereinzelt, ihre Truppen zu sammeln. Der Anblick veranlasste mich zu einer spontanen Entscheidung.

„Ihr wollt also noch nicht schlafen? Bitte! Dann beenden wir die Belagerung eben schon heute.“

Was ich nun vorschlug, war ziemlich tollkühn. Aber das Bild draußen legte es förmlich nahe. Sicher wäre innerhalb der nächsten drei Stunden noch keine militärische Ordnung bei unseren Gegnern eingezogen. Es war aber zu befürchten, dass bis zum Abend wieder ein – wenn auch dezimiertes – Heer die Belagerung fortsetzen würde.

„… Wenn ihr aber in einer solchen Formation wegräumt, kommen sie nicht mehr zur Ruhe.“

Die Mädchen sollten mit den Fahrzeugen schnellstmöglich die äußerste Position am linken Ende des Burgbergs erreichen – und zwar unmittelbar an der Burgmauer am weitesten vorgeschoben und wie beim Abheben eines Spans in einem spitzen Winkel mit der Mauer. Die am weitesten Vorgefahrenen würden dann wenden und eine breite Front bilden, die ununterbrochen alle, die noch laufen konnten, vor sich her treiben sollten, bis sie ungeordnet in Richtung Grenze flohen. Sechs von Robbies gesteuerte „Monster“ sollten wild durchs Hinterland fahren und jede Neuformierung im Ansatz stören. Natürlich dachte ich auch an das offene Tor. Ich ging allerdings davon aus, dass zu dessen Sicherung ein einzelner Mähdrescher reichte.

Die Mädchen waren begeistert. Ich schaffte es gerade noch, sie von einem kleinen Frühstück zu überzeugen. Schon ging das Tor ein zweites Mal auf.

Die Mädchen ahnten nicht, dass die Aufteilung der Fahrzeuge eine zusätzliche Funktion hatte. Ihnen hatte ich erklärt, dass wenn die Robbies zwischen ihnen verteilt waren, operative Korrekturen der Formation leichter waren. In Wirklichkeit hatte ich an die Robbies Phots ausgegeben. Ich hoffte zwar, dass die Söldner vor der Monsterkette her laufen würden. Aber was war, wenn welche zwischen die Fahrzeuge und damit hinter die Fahrzeugkette gerieten? Wenn dies mehreren Söldnern gelang? Die würden erschossen werden müssen.

Als das Tor offen war, zeigte sich der größte Erfolg des nächtlichen Angriffs. Tausende Söldner irrten über das Feld, weil die ordnenden Standarten fehlten. Es liefen Saks durcheinander, aber keine Zeichen war weithin sichtbar, wo sich wer hätte sammeln sollen. So erreichten die Fahrzeuge relativ schnell und ungestört die Position, von der aus sie wie ein Besen allen feindlichen Dreck vor sich her treiben konnten.

Ich hätte mir nicht träumen lassen, wie komplikationslos die folgenden Stunden verliefen. Wahrscheinlich wirkte jener Rausch bei den Mädchen weiter. Begeistert jagten sie hinter den flüchtenden Soldaten her. Gelegentlich reagierten sie dabei auf die von den Robbies gesteuerten Fahrzeuge. Die achteten geschickter auf den Abstand zwischen den Monstern und darauf, dass die Flüchtenden vor der Fahrzeugflotte blieben. Da hieß es häufig, das allgemeine Tempo drosseln. Mitunter mussten mehrere Pausen eingelegt werden, in denen nur gelegentlich drohend Motoren aufheulten.

Ich hatte nichts Wichtiges mehr zu tun. Die Frontlinie entfernte sich immer mehr von der Burg. Aber nun wurde ein neues Problem deutlich: Die Grenze war zu weit entfernt, um sie bei dem insgesamt zögerlichen Tempo bis zum Abend zu erreichen. Was dann? Das Zusammentreiben der ehemaligen Belagerer war ja gerade deshalb so kompliziert, weil es so viele waren. Sie behinderten sich inzwischen gegenseitig, stolperten nicht mehr nur im übertragenen Sinn übereinander – und das, obwohl die meisten sich inzwischen ihrer Waffen und jedes anderen beim Laufen hinderlichen Ballastes entledigt hatten.

Endlich fasste ich einem Entschluss. Ich ließ die ganze Front bedingungslos stoppen. Das Konzept ging auf. Die ehemaligen Soldaten setzten ihre Flucht fort, wenn auch nun vielleicht nicht mehr ganz so atemberaubend schnell rennend. Vorsorglich ließ ich mehrmals die Motoren aufheulen. Eigentlich konnte nicht viel passieren. Zwar waren noch viele Tausend zum Kämpfen ausgebildete Männer in ein paar Kilometern Entfernung vorhanden mit ausreichend Offizieren dazwischen. Aber sie waren demoralisiert und kaum bewaffnet.

Meine Mädchen waren zwar noch im Erfolgsrausch, aber sicher bereits übermüdet. So wartete ich nur noch bis zur Dämmerung. Dann holte ich die kleinen Saks schubweise mit dem Heli ab. Die meisten Roboter beließ ich in ihren Positionen. Sollte wider Erwarten am nächsten Morgen so etwas Ähnliches wie eine Kampfordnung gegen meine Monstertruppe entstanden sein, würden die Fahrzeuge der Robbies ausreichen, um den Gegner in Schach zu halten.

 Die Demobilisierung meiner Saks-Mädchen-Armee verlief nicht ganz so reibungslos. In ihrem Zustand wollte ich sie nicht auf ihre Zimmer lassen. Nicht nur, dass sie noch ihre wuchtigen Faschings-Untier-Kostüme trugen und grauenvoll geschminkt waren, sie stanken auch so penetrant, dass die Räume der Burg den Geruch tagelang nicht los geworden wären. Letztlich hoffte ich aber vor allem, dass ihr noch frischer Eindruck vom erfolgreichen Soldatsein möglichst schnell überdeckt würde.

In gewisser Hinsicht nahmen mir die meisten Mädchen die Entscheidung ab, mit wem ich mich zuerst beschäftigen sollte. So, wie ich sie aus dem Heli geladen und auf Matten zum Warten platziert hatte, so waren sie augenblicklich zusammengesunken und eingeschlafen. Sie merkten gar nicht mehr, dass ich mehrere Male neu Starten und Landen musste. Übrig bliebt die letzte Fuhre. Da wurde der Hof nur noch von meiner Notbeleuchtung erhellt – also nicht vom Tageslicht und von den Scheinwerfern natürlich auch nicht. Zwei Mädchen krabbelten aus dem Heli und warfen sich nur noch zwischen die schlafenden anderen, nachdem ich ihnen erklärt hatte, dass sie nicht ungewaschen in ihre Zimmer kämen. Übrig blieben Sanja, Tschamita und ein besonders sportliches und für Saks-Verhältnisse großes Mädchen, dessen Namen ich auf Jankanna verkürzt hatte.

Hätten Menschen diese Szene von weitem beobachtet, so hätten sie vermutet, ich schleppte drei stark angetrunkene kleine Mädchen ab. Vor allem Tschamita hing mir am linken Arm und lallte lachend vor sich her: „Die ham wir aba gutt gajagt. …Wir sind Siega. … Harr Ganaral muss uns … bafödan. … Und als arstas abschminkan und … einseifan und … einschmieran und … ooooh tut das gutt …“

Das Ausziehen hatte sie bei ihrer Aufzählung vergessen. Gerade das war aber eine sehr anstrengende Tätigkeit, denn alle drei versuchten sich gegenseitig und mich mit ihren Masken zu erschrecken. Dagegen zeigten sie wenig Eigeninitiative beim Ablegen ihrer Hüllen. Schließlich duschte ich sie alle drei zusammen in einer Kabine, trug sie in ihre Betten, verabschiedete sie in den Schlaf. Dabei hauchte Tschamita: „Ich bin doch gar kein Madchan mahr. Ich bin ein siegreicha Soldat. Ich kann Waffan …“ Es war schön, dass sie endlich mitten im Satz eingeschlafen war.

  Was willst du von mir hören? Dass ich bekenne zu bereuen?

Ich sage dir, es richtet sich leicht über Menschen in einer Lage, in der man nicht war. Ich sage dir, es gibt Lagen, da solltest du dem Schicksal danken, wenn du nicht hineingerätst. Diese Frage hatte mich auf der Erde viel beschäftigt. Theoretisch, verstehst du? Da hatte ich immer an unangenehme Lagen gedacht, die es zu meiner Zeit längst nicht mehr gab. Zum Beispiel im Krieg einen Befehl zum Töten zu bekommen und bei Verweigerung den eigenen Tod zu riskieren. Oder nur ein Egoist sein müssen, weil rund um dich herum ein ewiger Konkurrenzkampf tobt, bei dem du untergehst, wenn du deinen Ellenbogen nicht besser einsetzen kannst als die anderen Tier-Menschen um dich herum. Und nun musste ich feststellen, dass es auch positiv erscheinende Situationen gibt, in die man besser nicht gerät. In einer solchen Situation fand ich mich gerade wieder. Und mein zweifelhaftes Glück bestand darin, dass es keine Norm gab, an die ich mich zu halten hatte, richtiger: dass ich völlig nach eigenem Gutdünken meine Normen an die Stelle der überkommenen setzen konnte. Vielleicht war es noch nicht einmal das. Vielleicht war es das Gefühl, aus dieser Lage selbst verschuldet schon wieder herauszufallen. Also bevor ich dieses ungewöhnliche Gefühl auskosten konnte, aber eben, als ich seinen Reiz gekostet hatte. Ich hatte diesen Mädchen allmählich ein Selbstbewusstsein formen wollen, sie von hinterwäldlerischen Saks-Kindern zu menschenartig bewusst schöpfenden Wesen befördern. Natürlich mit mir selbst als gottartigem Überwesen. Und nun deutete sich ihr Selbstbewusstsein viel zu früh an – und auf einem animalischen Siegrausch fußend. Wie hatte ich nur riskieren können, dass diese Mädchen, die noch nicht einmal auf der Schwelle zur Frau standen, sich als mächtige Krieger und Beherrscher einer Welt fremder Technik fühlten? Welche Rolle blieb mir da? Vor allem: Sollte ich die Folgen dieses Schrittes meine Ewigkeit lang ausbaden?

Diesmal kam mir zugute, dass ich über die Wesen auf der Burg sorgsam Aufzeichnungen führte. Ich habe ja schon erwähnt, dass alles, was mit Medizin zusammenhing, mein heimliches Sorgenkind war, weil mir über die Saks eben keine fast unendlich überlegenen Kenntnisspeicher zur Verfügung standen. Ich konnte nur auf einen Umweg hoffen.

  Die menschlichen Funktionsmechanismen waren mir, also meinem kleinen Supercomputer, vertraut. Wenn ich einfach die Daten unserer Physiologie ins Verhältnis setzte zu den Werten, die ich bei den Saks ermittelt hatte und noch ermitteln würde?

Ein typischer Ablauf war zum Beispiel der Zyklus der Frau. Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ließ sich aus statistischen Erfahrungen die natürliche Empfängnisphase von Menschenfrauen ermitteln. Ich hatte jetzt schon seit Monaten Daten bei den Saks-Mädchen gesammelt, konnte ableiten, was bei ihnen normal sein könnte. Besonderes Augenmerk hatte ich dabei natürlich auf die sieben Mädchen gelegt, die in der Vorbereitungszeit zum Fest des neunten Tropfens standen, die also etwas der Monatsblutung Vergleichbares hinter sich hatten. Ein Zyklus war nach meinen Beobachtungen normal 49 einheimische Tage lang. Sollten die Belastungen der zurückliegenden drei Tage nicht alles durcheinander gebracht haben, dann war Tschamita den vierten von neun Tagen „warm“. Genau darauf baute mein Plan auf. Tschamita hatte mir Einiges von „der Sache“ erzählt, obwohl sie wahrscheinlich selbst nicht alles wusste. Zumindest wusste sie aber, dass Saks-Mädchen wie Frauen so eine Art Fruchtbarkeitszyklus hatten und der neunte in ihrem Leben eine besondere Rolle für die jeweilige Gemeinschaft spielte. Sie hatte dadurch, dass ich sie verschleppt hatte, das Fest des neunten Tropfens, so hieß das, verpasst. Sie würde deshalb nie eine Frau werden können, wie sie mir erklärte.

Jenes Fest gehörte nicht zu dem, was ich in meinem Dorf hatte beobachten können. Ich versuche mich einfach daran zu erinnern, was mir Tschamita erzählt hatte und wie.

„… Die jüngaran Kinder sind daran nicht bateiligt. Vor ihnan spricht man auch nicht darüba. Ich weiß salbst nur ein bisschan von meina altaran Freundin Manat-kar-alaanjach. Das ist ganz toll. Die Arwachsanan und Anwartar zweia Dörfa treffan sich auf einam Fastplatz in dar Mitta. Das Madchan, für das das Fast gafeiart wird, wahlt sich aus dan Reihan seina Vartrautan einan Mann, dar ihr die innigstan Gaheimnissa dar Lieba macht. Das ist ihr Meista. Alla Jungan, die gut larnan wollan, stahan danaban, um alla harum dann die Saks dar zwei Dörfa. Wann das Madchan gut varstandan hat, holt sie dan arstan Jungan, ob ar allas richtig nachmachen kann. Wann sie ainan gefundan hat, dan sie bahaltan will, freuan sich alla und nach dam Fast kommt dar Junga mit ins Dorf das Madchens.“

So hat sie es wirklich erzählt.

 Am nächsten Morgen weckte ich Tschamita vor allen anderen.

„…Weißt du, Tschami, worüber ich lange nachgedacht habe?“

Das Mädchen sah noch sehr müde aus, aber sie sah mich sofort so neugierig an, als ahnte sie, dass gleich etwas sehr Wichtiges gesagt werden würde.

„Es tut mir Leid, dass ich dir dein Fest des neunten Tropfens verdorben habe. Irgendwie bist du … also du wirst bestimmt die tollste Frau, die je hier auf der Burg herumgelaufen ist. Aber …nein warte! … Also vielleicht können wir unser eigenes Fest feiern?“

„Wir allein?“

„Nein. Natürlich die Burg als Dorf. Darf ich nicht dein Meister sein und nachher dein Junge? Die Robbies als Jungen … also das geht leider nicht.“

„Als dar Meista, das varstah ich. Aba als mein Junga?“

„Ich stell mich immer wieder neu hin. Und ich stell mir vor, ich habe mir genau zugesehen.“

Es wurde immer deutlicher, dass Tschamita der Gedanke gefiel. Ich musste sie richtig bremsen: „Aber erstmal müssen wir dafür sorgen, dass wieder alles friedlich geregelte Wege geht.“

Soweit dies die fremden Söldner betraf, war das einfach. Ich funkte die Robbies an. Ein Programm zum Wiederaufbau der Grenzanlagen hatten sie bereits. Später konnte ich darüber nachdenken, wie die Grenze verstärkt werden konnte. Problematischer war, Tschamita davon zu überzeugen, dass es wichtiger war, erst alle Mädchen auf dem Hof wieder burggerecht herzurichten als ihr Fest auszugestalten. Ein klein wenig entschädigte mich schon Tschamitas offensichtliche Eifersucht bei jeder Berührung anderer Mädchen für den Schrecken, mit selbstbewusst gewordenen Mädchen zu tun zu haben. Offenbar besänftigte sie aber die Aussicht, dass ich zwar viele verwöhnte, sie aber die einzige sein würde, deren Meister ich sein würde. Und ich gebe es offen zu. Die Aussicht, der Meister dieses Mädchens zu werden, faszinierte mich.

 Wann ist ein Mensch erwachsen? Jeder Augenblick, den man wählt, um zu sagen, von heute an, ist willkürlich. Da ist die biologische Fähigkeit eines Mädchens, selbst Kinder bekommen zu können, noch das greifbarste Zeichen – auch wenn dann noch genug Gründe bleiben, dass es eigentlich selbst noch ein Kind ist. In der Welt, aus der ich gekommen war, wurde deshalb abgelehnt, sie als Frau zu betrachten. Auf diesem Planeten bei diesem Volk waren die Regeln anders. Warum sollte ich mich nicht der hier üblichen Gepflogenheiten bedienen?

Was soll ich sagen? Wie es die Regeln des Festes vorschrieben, wurden die Mädchen, die erst später in den Kreis der Frauen aufgenommen werden würden, nicht auf den Hof, unseren Festplatz gelassen. Natürlich wussten wir, dass sie an den Burgfenstern lauerten, um sich nichts von dem Geschehen entgehen zu lassen. Die Robbies bildeten aber den einzigen offiziellen Festkreis. Ich weiß nicht mehr genau, zu was ich sie erklärt hatte. Ich bin mir nur sicher, dass es mir zu kompliziert gewesen war, sie als Maschinen zu definieren, denen das Äußere von Menschen gegeben war – schon allein, weil ja die Saks nur einen Menschen kannten – mich … Aber ich erlaubte mir einen Gag: Ich verkleidete je eine Hälfte als Frauen und die andere als Männer der Saks. Der neunzehnte hatte Wache. So war die Illusion fast perfekt.

Ich war ein gesunder Mann. Wie es mir in den zurückliegenden Monaten gelungen war, die Regungen zwischen meinen Beinen zu überspielen, wenn ich den Mädchen zu ihrer Einschlafentspannung verholfen hatte, wenn so offen vor mir gelegen hatte, wie ähnlich ihre Physis der von Menschenmädchen war, kann ich kaum noch erklären. Nun also sollte ich mit ähnlichen Handgriffen Tschamita, ausgerechnet meine Tschamita, auf den lebendigsten Augenblick ihres Lebens einstimmen. Ein wenig musste ich dabei improvisieren. Tschami wusste schließlich nur vom Hörensagen, dass das Mädchen das, was sie zum Jubeln brächte, zuvor betrachten und begreifen sollte, aber für die Möglichkeit des Rollenspiels war ich den Saks und dem Zufall dankbar.

 Während ich mich kaum an meine Rolle als Meister erinnere, sehe ich mich immer noch als der Junge, der sich darum bemüht, die geweihte Frau von sich zu überzeugen. Ich spürte sagenhafte Kräfte in mir aufsteigen. Alle richteten sich auf das eine: In dem Augenblick höchster Entrückung sollte eine Saat aufgehen und die übermütige Tschamita der biologischen Verpflichtung der Frauen unterworfen werden. Dabei hatte ich bei aller brachialer Macht nicht die geringste Ahnung, ob dies überhaupt möglich war, ob die Unterschiedlichkeit der Arten Mensch und Saks dies zuließ.

Trotzdem. Als die Frau Tschamita sich aufrichtete, mich vorbehaltlos glücklich ansah, an der Hand nahm und unter dem Jubel der Roboter-Claqueure die Formel sprach: „Ja, das sei mein Glück!“, da fühlte ich die Freude eines auserwählten Saks-Jungen, zu dem sich gerade das schönste Mädchen des Nachbardorfes öffentlich bekannt hatte.

Die folgenden Tage erlebten wir so etwas wie eine Flitterwoche. In meiner Schule hatte ich Selbststudium und Abarbeiten von Lernprogrammen angeordnet. Gerade künftige Lehrerinnen mussten die Programme ja selbst auf ihren Erfolg hin ausprobieren. Abends zum Einschlafen ließen wir uns bei den anderen sehen. Ich hatte den Eindruck, Tschamita stand jetzt den Stimulationen der Mädchen ganz anders gegenüber. Sie waren wohl so eine Art Schule des Lebens – nur dass sie plötzlich dabei als Lehrerin auftreten durfte, als eine geweihte Frau. Sollte sie bei einem der Mädchen eifersüchtig gewesen sein, so zeigte sie mir das zumindest nicht. Außer ihr waren da ja nur Kinder, Mädchen eben. Und sofern es um meine Erregung ging, so sorgte sie hinlänglich dafür, dass es keinen Grund zur Eifersucht gab. Etwas drastisch ausgedrückt: In meinen ganzen Erdenjahren hatte ich keine Frau getroffen, die mich innerhalb einer Woche dermaßen oft und begierig forderte wie diese Saks-Elfe. Am zweiten Tag bereitete es mir noch Vergnügen, dieses fordernde Gefühl. Es war ein Wettkampf mit der Natur. Erst mochte Tschami es nicht wahrhaben, dass auch ein Meister, ihr großer Meister, nicht unbegrenzt für die Befreudung einer Frau zur Verfügung stand. Dann lernte sie mit verblüffender Leichtigkeit die körperlichen Künste, die männlichen Erholungsphasen zu verkürzen. Als ich ihr endlich eingestehen musste, dass einfach nicht mehr ging, was sie noch immer oder schon wieder verlangte, schmunzelte sie nur verdächtig: „Aba wann dir deina Frau einn Tah macht, dann trinkst du ihn doch?“

 Diesmal war ich der Unwissende. Du wirst es wohl ahnen. Dieses Luder hatte sich schon früh das Geheimnis der Karanassl angeeignet, zu Zeiten, als sie damit noch überhaupt nichts anfangen konnte. Eines allerdings war ihr entgangen, ein Detail, weshalb ich bei meinen Dorfstudien das Zeug nicht Ernst genommen hatte: Die normalen Dorffrauen dosierten das Mittel vorsichtig. Unschuldige Stimulanzen der Mannbarkeit kannte die Menschheit auch schon vor der Entdeckung des Sildenafil. Warum sollte es so etwas bei diesem Naturvolk nicht auch geben?

Tschamita aber hatte die im Burggarten wuchernde Pflanze

Es dauerte vier Tage, bis ich keine direkten Nachwirkungen mehr spürte und wieder schmunzeln konnte: Dieser Planet besaß noch so einige unenthüllte Kräfte, die mich zum Straucheln bringen konnten, wenn ich nicht aufpasste. „Aba da hast du ja mich“ antwortete Tschamita, als ich etwas in dieser Art tatsächlich laut sagte …

Du erlaubst, dass ich etwas vorgreife? Dass ich alles, was mit Tschamitas Schwangerschaft zusammenhängt, zuerst erzähle? … Du ahnst sicher, dass nur die Tage meiner eigenen Unpässlichkeit das gespannte Beobachten jeder Veränderung ihres Gesundheitszustandes unterbrochen hatten. Ich bangte doch so sehr jenem Tag entgegen, an dem das Mädchen zeigen musste, ob ihr Körper immer noch unerfüllt die nächste Gelegenheit für eine Empfängnis vorbereiten würde … oder ob sie, wie man früher auf der Erde sagte, guter Hoffnung war.

Meine körperliche Panne prägte weiter unser Liebesleben und nicht nur das. Solange noch nicht tatsächlich eine Schwangerschaft angesprochen wurde – und ich hütete mich davor – war eher ich derjenige, der wie hochschwanger überwacht wurde. Vielleicht lag das generell in Tschamitas Naturell, aber ich fühlte mich herabgesetzt, genervt. Obwohl sie es nie direkt aussprach, war ich in ihren Augen tief gestürzt. Ich hatte alle Göttlichkeit verloren und war selbst als Mann offenbar nur eingeschränkt verwendbar. Und ich hätte so gern ihr Gott, vor allem und allen Anderen ihr Gott sein wollen.

Du verstehst sicher, dass während meiner Erdenzeit jede Schwangerschaft etwas Besonderes war, weil es aus vielen Gründen nicht so viele gab. Und wer sie verpasst hatte, … Ich hatte sie verpasst. In der Zeit, in der eine Partnerschaft mit einem gebärfähigen Mädchen wahrscheinlich war, hatte ich Anderes im Sinn gehabt, später … Also einfach gesagt: Außer im Film hatte ich nie so etwas beobachtet, und ich kannte nur die üblichen Geschichten, von wegen, dass der Schwangeren anfangs jeden Morgen schlecht sei, sie skurrile Essgewohnheiten entwickelte und solche Sachen.

Andererseits hätte ich mir noch nicht zu wissen angemaßt, was wirklich für Saks übliche Essgewohnheiten wären. Dafür war das, was sie bei mir speisten, noch zu sehr tägliche Überraschung. Und Übelkeit zeigte Tschamita nicht. Aber mein heimlicher Kalender hatte bereits die nächsten wahrscheinlich fruchtbaren Tage erreicht, ohne dass es eine Temperaturveränderung und die nächsten Tropfen gegeben hätte. Weil ja aber zumindest bei jungen Menschenmädchen der Zyklus mitunter noch sehr unregelmäßig war, wartete ich weitere 30 Tage, bis ich Tschami darauf ansprach. Da veränderte sich vielleicht in ihr etwas sehr Wesentliches …

Oh weia! Die nötige Untersuchungstechnik zu replizieren und mir anzueignen, wie damit umzugehen war, war ein Kinderspiel im Vergleich zu der Aufgabe, Tschamita zu überzeugen, dass das, was sich dann auf dem Bildschirm bewegte, das Abbild unseres möglichen Nachwuchses war.

Gut, es war auch schon ein großer Schritt, anzunehmen, dass eine solche interstellare biologische Vereinigung fruchtbar gewesen war – und das gleich beim ersten Mal.

Aber eines kann ich dir versichern: Der Gedanke, dass ich mir dieses Mädchen besser unterordnen konnte, weil es als Weib Naturzwängen direkter unterworfen war, spielte keine Rolle mehr. Eigentlich erlebten wir traumhafte Woche einer unbeschwerten Vorfreude. Entgegen meinen Erwartungen traten bei Tschami keinerlei Beeinträchtigungen auf. Außer ihrem ständigen guten Appetit und leichter Gewichtszunahme und außer dass sich in unserem Reden jeder dritte Satz um das Würmchen drehte, war alles normal. Vielleicht … ja vielleicht bestimmte Tschami noch etwas mehr als zuvor über mein Leben. Selbst beim Liebesleben. Sie erklärte mir eine angebliche Tradition, der alle Saks-Männer entsprechend handeln müssten. Bei ihrem Volk heiße es, das Heranwachsende brauche die Kraft eines Kannibalen und es müsse oft genug hoffende künftige Schwestern und Brüder verspeisen, um selbst groß und stark zu werden. Also müssten die künftigen Väter für solchen Nachschub sorgen … und ich sorgte.

Die Länge einer gewöhnlichen Saks-Schwangerschaft setzte ich nach allen mir zugänglichen Daten mit 180 der einheimischen Tage an. Ich hatte mich schon zu Beginn der „Tragzeit“ mit den Mitteln einer technisch gestützten Entbindung beschäftigt. Weder traute ich irgendwelchen einheimischen Geburtshelferinnen im Prinzip noch erwartete ich eine normale Entbindung. Tschamita war 147 Zentimeter groß, wog 35 Kilogramm und ich maß 185 Zentimeter und brachte dazu durchtrainierte 85 Kilogramm auf die Waage. Von denkbaren Komplikationen unserer besonderen Beziehung ganz abgesehen. Ich erzähl dir das nur, damit du verstehst, dass in meinem Denken das Wort Komplikationen und schwierige Geburt eine bestimmende Rolle spielte.

Mit einem aber rechnete ich nicht: Nach meiner Statistik war es genau der 89. Tag von Tschamis Schwangerschaft. Meine kleine Herrin konnte inzwischen den anderen Mädchen eitel vorführen, dass sie eine Kaschara war. In unserer Beziehung war dagegen eine gewisse Routine eingetreten. Es passierte einfach nichts Besonderes. So fiel es mir nicht sonderlich auf, dass ich sie an dem ganzen Tag nicht sah. Erst abends vermisste ich sie ernsthaft.

  Gerade das In-Träume-Schicken der anderen Mädchen ließ sie sich doch sonst nicht entgehen – sei es aus uneingestandener Eifersucht, dass ich so viele ihrer Kameradinnen intim berührte, sei es aus erwähnter Eitelkeit, weil sie bei dieser Gelegenheit mit ihrer körperlichen Entwicklung posieren konnte. Ich absolvierte die Zeremonie so unkonzentriert wie noch nie zuvor. Schließlich trat Sanja zu mir und forderte mich auf, abzubrechen. Besser, wir suchten erst einmal unsere Kaschara.

Ich machs kurz. In der Burg fanden wir niemanden. Mit Taschenlampen herumfuchteln und rufend irrten wir über den Hof und an der Mauer entlang. Wir mussten abbrechen. Am nächsten Morgen suchten wir gründlich überall und fanden sie zwischen Büschen im Burggarten. Sie hatte die Haltung eines Embryos und war erstarrt.

Ich bin ein sachlicher Mensch. Irgendwie war da durchaus der Gedanke, ich müsste genau untersuchen, warum eigentlich was passiert war, ja, was denn überhaupt passiert war. Es war eindeutig keine Frühgeburt. Aber vielleicht doch? Vielleicht gab es uralte Traditionen, sich bei sich andeutenden Wehen zu verbergen? Ich hatte nicht die Kraft, mich an ihr als Pathologe zu vergreifen. Ob sie mir eben einfach auftretende Schmerzen nicht hatte zeigen wollen, mir also nicht vertraut hatte, oder ob ihr etwas Plötzliches passiert war, ich habe es nie erfahren.

Ich belebte frühe menschliche Traditionen. Einen Sarg. Das Versenken des Sarges mit dem Körper darin. Eine Erinnerung darauf. Sanja machte den Vorschlag, die Edle Krausula in Namensform auf das Erinnerungsbeet zu säen.

Vielleicht wäre mit Tschamita vieles anders geworden. Ich vor allem. Aber wir verstecken uns einfach zu gern hinter dem, wäre …, wenn …, denn dann sind immer Andere oder der Zufall schuld.

  Irgendwie musste ich den Spießgesellen des alten Burgherren sogar dankbar sein, dass sie ihren Invasionsversuch gewagt hatten. Klar blieb irgendwie Tschamitas Schwangerschaft mit allem, was sich damit verband, das Ereignis, das mein Gefühlsleben in jenem Jahr bestimmte. Aber die Belagerung forderte von mir monatelang immer wieder neu Entscheidungen und Eingreifen. Sie lenkte mich auf alltägliche Notwendigkeiten.

Nachdem die Truppen geflüchtet waren, wurde erst der von ihnen verursachte Schaden deutlich. Sie hatten wie Blastis rücksichtslos alles Verzehrbare, was sie gefunden hatten, vertilgt. Leider hatten sie auch die Höhlen gefunden. Es schien ihnen ein Spaß gewesen zu sein, nicht nur die wenigen Haustiere, sondern vor allem alles Saatgetreide zu rauben und zu verzehren. Seltsamerweise sind die Söldner dabei sehr diszipliniert vorgegangen. Zumindest drang kein Bericht bis zu mir durch, dass es irgendwelche Massengewalt gegen Frauen gegeben habe.

Aber es war einfach eine lebensbedrohliche Situation. Zu sagen, es herrschte jetzt schon Hunger, war noch eine grobe Untertreibung – dabei standen noch viele Wochen ohne Reserven oder Ernte bevor. Mir blieb unbegreiflich, was geschehen wäre, wenn die Belagerung weitergegangen oder erfolgreich gewesen wäre. Vielleicht war das mit dem Kannibalismus doch nicht eine reine Erfindung.

Eine Wahnsinnsarbeit! Erst einmal musste Zeug repliziert werden, was … nein, schon bei der Begleitung des ersten Einsatzes bekam ich mit, dass nicht unterschieden werden konnte zwischen Saatgetreide und der Masse, die in die üblichen Breis kam. Immerhin schafften wir es, irdisches Getreide zu replizieren und bei den Ausflügen auch Brote dabei zu haben. Das Brot schmeckte ihnen. Wir versprachen also, später zu erklären, wie aus den Körnern Backwaren würden. Das war ein wichtiger Schritt, um sie von ihrem eigenen Getreide abzubringen, denn sie nahmen natürlich an, dass nur mein Getreide gebacken werden konnte.

Mit Suppen waren die Einheimischen wenigstens im Prinzip vertraut. Da schleppten wir nur verschiedene Zutaten heran und warfen sie dann gemeinsam in die Kochtröge.

Ursprünglich hatte ich ja vorgehabt, allmählich die Lebensgrundlagen der Bauern durch meine neuen zu ergänzen und zu verbreitern. Warum aber sollte ich nun Replikatoren-Programme für Cumucu oder Transas schreiben, wenn ich die Versorgung sowieso auf Weizen, Roggen und Kartoffeln umstellen wollte? Und das schönste Wunder, von dessen Charakter nur ich wusste: Die beiden Replikatoren hatten gerade so die Größe für kleine lebende Schweine. Keine ausgewachsenen zwar, aber noch etwas größere als Spanferkel. Und das waren besonders leicht einführbare Tiere: Sie akzeptierten jegliche Nahrung und waren sofort selbst als Nahrung geeignet, eine Speise, die lebend am leichtesten haltbar war.

Für das irdische Getreide sprach, dass es mit herkömmlichen Bearbeitungsmethoden in den Boden eingebracht werden konnte, sich auf der anderen Seite noch keine spezialisierten Parasiten hatten entwickeln können.

Primitive Fragen der Versorgung zogen sich bis in den Herbst hin, mit anderen Worten bis zur Ernte und in Zeiten hinein, in denen ich mich anderenfalls in Trauer eingeigelt hätte.

Für die Mädchen war das alles eine Entwicklung, die ihnen eine eigentümliche Reife aufzwang. Zum einen stellte sich heraus, dass sie bis auf zwei Waisen geworden waren. Selbst wenn sie gewollt hätten, war ihnen also der Weg zurück in ihr gewohntes Dorf versperrt. Andererseits verfügten sie bereits über die ersten Fähigkeiten, die sie von ihren ehemaligen Gemeinschaften entfremdet, sie sogar in den Augen der meisten Dörfler in Dämonen verwandelt hatte, wenn auch in solche mit anscheinend positiven Gaben.

Denjenigen unter meinen Mädchen, die schon Touren als Monsterfahrerinnen hinter sich hatten, leuchtete ein, dass einige dieser Fahrzeuge eigentlich Maschinen waren, zum Beispiel welche, die den Boden auflockern konnten. Und ein derart aufgelockerter Boden würde die Getreidesaat leichter aufnehmen. Ihr Verständnis reichte bis zu den Mähdreschern. Dass sich daran etwas drehte, was Pflanzenköpfe abriss, leuchtete ihnen ein. Sie hatten keine Hemmungen, das auch selbst praktisch auszuprobieren. Sie hatten ja schon drauf gesessen, ohne Schaden zu nehmen.

Kontakt mit anderen Dörflern kam so nicht zustande. Wir trieben unheimlichen Spuk, und es war wohl gar nicht einmal selbstverständlich, dass unsere Nahrungsmittel angenommen wurden. In gewisser Hinsicht war das Misstrauen ja nicht unberechtigt: Im weitesten Sinne erhoffte ich mir durchaus Gegenleistungen für die im wahrsten Sinne aus dem Boden (oder ehrlicher: aus dem Replikator) gestampfte Landwirtschaft …

Zum anderen blieben die Mädchen in vielerlei Weise noch Kinder.

  Die Zeit raste und es liegt bestimmt nicht an den Jahren, die seitdem vergangen sind, dass ich mich nicht genau erinnern kann, was wirklich noch in diesem Jahr passiert ist. Es war in gewisser Hinsicht das ereignisreichste meines Lebens und wird das wohl auch bleiben.

Alle begonnenen Traditionen führte ich weiter. Irgendwie versuchte ich meinen Unterricht zu halten. Ich versuchte dabei, Methodik-Lehrbücher zu den Fächern der Schule auf der Erde zumindest mit zu verwenden. Meist aber kam ich mir wie ein autodidakter Neulehrer vor, der um neun Uhr abends darüber nachdenkt, was er um neun Uhr morgens danach unterrichten will. Keines der Mädchen musste deshalb aber abends ohne seine Streicheleinheiten einschlafen. Natürlich hatte ich auch meine Gruppenleiterinnen für die Jüngsten, aber anstrengend war es schon. Ich entschied also aus ganz praktischen Gründen, beginnend mit eben den Gruppis, zum Meister und Partner der großen Mädchen aufzusteigen. Damit konnte dieses tägliche Ritual entfallen und an seine Stelle ein intimeres Zusammenleben treten. Vielleicht verstehst du, dass ich mich absolut noch nicht entscheiden konnte, ob ich dabei erneut eine Schwangerschaft erreichen wollte oder sollte. Eine Beziehung wie mit Tschamita erwartete ich sowieso nicht so schnell wieder. Ich hatte bei den Saks keine bewusste Vielweiberei erlebt, wusste aber um kein Tabu, das sie ausgeschlossen hätte. Sanja bestärkte mich, dass die Dörfler Partnerschaften zuerst einmal als etwas sehr Pragmatisches ansahen, das eben gemeinsame Nutzung von Lebensbedingungen bedeutete. Offenbar gab es auch relativ einfache Scheidungen, wenn einer der Partner die Beziehung nicht fortsetzen wollte und der andere dem zustimmte.

Über künftige Partnerschaften meines angestrebten Frauenhaushaltes wollte ich mir noch keine Gedanken machen. Dagegen war viel wichtiger, dass meine künftigen Frauen fähig sein würden, mich in so viel Fällen wie möglich praktisch zu vertreten. Das aber war wiederum eine Schule für sich.

  Es gab aber noch etwas ganz Anderes, was mich während der ganzen Zeit beschäftigte. Ich hatte ein beachtliches Heer von Gefährten des alten Burgherren in die Flucht geschlagen. Für einen gewissen Zeitraum dürfte den Beteiligten weiter der Schrecken in den Gliedern stecken. Andererseits hatte ich mich in meiner Erdenzeit mit der Geschichte meine Art beschäftigt. Dabei hatten mich die sogenannten Kreuzzüge besonders fasziniert. Praktisch mischten sich da mindestens zwei Interessen. Obwohl, zum Teil aber gerade weil vernünftige Informationen sich fast überhaupt nicht hatten ausbreiten können, sprach sich über Tausende Kilometer Entfernung herum, für etwas angeblich unwahrscheinlich Wichtiges und Gutes kämpfen zu können und zu müssen. Und die Aussicht, auf der einen Seite Gutes zu tun, indem man Andersartige vertreibt und tötet, auf der anderen Seite aber dabei auch auf verschiedene Weise reich zu werden, sammelte beachtliche Kriegerzahlen aus vieler Sprachen Länder. Welche Gerüchte bald über unsere Macht in den Ländern der anderen Saks umgehen mochten, wagte ich mir nicht auszumalen. Sollte es in den Mythen dieser Völker bisher noch nichts mit Teufeln Vergleichbares gegeben haben, so wäre dies wohl nun vorbei. Nichts sprach dagegen, dass nicht in absehbarer Zeit – wenn auch wahrscheinlich noch nicht im selben Jahr – ein wesentlich gewaltigeres Heer als das letzte mein kleines Reich angreifen würde. Das würde auf irgendeine Weise für Kämpfe mit meinen dämonischen Kräften gewappnet sein. Vielleicht nur mit Beschwörungen, vielleicht aber auch mit etwas Praktischem, wahrscheinlich mit beidem. Die Landesgrenze aber war einfach zu lang, um sie vernünftig zu sichern. Ich hatte ja erlebt, dass einfache Wetterunbilden mein technisches Meisterwerk außer Betrieb gesetzt hatten.

Auch musste ich eines bisher völlig ausklammern: Die Art meiner Landung auf diesem Planeten hatte mir keinen Gesamteindruck seiner Oberfläche ermöglicht. Auf meiner Erde hatte es verschieden große Inseln gegeben, die zu Sakswelt-ähnlichen Zeiten, teilweise Verbindungen, teilweise noch gar keine Verbindungen hatten, obwohl technische Mittel dazu, wenn auch schlechte, vorhanden waren. Es gab drei riesige Landmassive, von denen zwei eigentlich gut miteinander verbunden waren, das dritte nur an einer engen Stelle, die aber war viel genutzt worden. Ja, es gab sogar ein Landmassiv, zu dessen Durchquerung man Jahrzehnte gebraucht hätte. Einmal angenommen, auch hier gab es so etwas wie Inseln und Kontinente, an welcher Stelle befand sich dann der kleine mir bekannte Landstreifen? Ich war mir bisher eigentlich nur sicher, dass ich auf keiner kleinen Insel lebte und relativ wenig Menschen beieinander wohnten.

Auf eben diesem letzten Punkt baute meine Idee auf …

 Das Land in der Umgebung der Burg schien mir sehr fruchtbar. Als ich darüber näher nachdachte, schwindelte es mir richtig. Das ganze Reich, das die Saks Saaksijaan nannten, kannte noch keine Städte. Die bisherigen Eindrücke von meinen Streifzügen ins Landesinnere begründeten die Annahme, dass alle Einwohner in einer einzigen Stadt Platz haben könnten. Mehr als 20000 Menschen lebten in Saaksijaan auf keinen Fall. Insofern erinnerte es am ehesten an die lächerlichen Fürstentümer und Grafschaften im frühen Zentraleuropa auf der Erde. Es gab damals allerdings auch größere Reiche und verschiedene Zentralgewalten. Vielleicht war das Reich meiner Burg nur Teil eines mächtigen Reiches? In dieser Hinsicht wusste ich nichts und es gab keinen Grund, weshalb ich jemanden innerhalb meiner Grenzen finden sollte, der mir mehr als Mythen dazu erzählen konnte.

Also eine Stadt …

Der Gedanke ließ mich einfach nicht los. Eine Stadtmauer war kontrollierbar. Dank der Replikatoren waren ihre Bewohner auch über ausreichend lange Zeit mit allem Erforderlichen zu versorgen. Ich gebe zu, die Idee weckte auch meinen Spieltrieb. So etwas hatte es bestimmt noch nie gegeben und würde es wohl auch nirgendwo wieder geben. Wie stampfte man eine solche Stadt aus dem Boden und was war dabei zu beachten? Eine wahrhaft große Aufgabe.

Ein klein wenig ähnelten die Startgedanken denen bei bekannten Städten der Erde. Militärische Gesichtspunkte hatten dort auch oft eine Rolle gespielt. Während sich ringsum das Alltagsleben wieder normalisierte, begannen meine praktischen Konzepte der großen Saks-Stadt zu reifen. Vor dem ersten Problem stand ich, weil innerhalb des Umkreises meiner künftigen Stadt zwei traditionelle Siedlungen auferstanden waren. Ich stand also vor der Frage, diese Saks zu vertreiben oder in die Bauarbeiten einzubeziehen. Letzlich gab den Ausschlag, dass beide Siedlungen nicht direkt auf der projektierten Stadtmauer standen.

Ich änderte also meine Vorstellungen über das, was die Replikatoren leisten sollten. Ich brauchte nun doch und vor allem mehr und anderen Maschinen und Fahrzeuge als die, über die ich bisher verfügte. Und weitere Robbis würde ich wohl auch brauchen.

 Das größte Problem dabei waren gute Planierraupen. Walzen oder Schaufeln in der benötigten Größe gaben die Replikatoren nicht in einem Stück her. Über Techniken zur Produktion von großen Maschinen, Metallverarbeitung, -verhüttung oder einen vergleichbaren Arbeitsgang verfügte ich nicht beziehungsweise ich hätte erst nach mehreren langen Zwischenprozessen darüber verfügen können. Um solch eine Aufgabe in der Art von altägyptischen Pyramidenbauern auf meiner Erde bewältigen zu können, fehlten mir sowohl die Menschenmassen als auch die Zeit, die die in ihr Produkt gesteckt hatten. Einzig Spezialisten konnte ich erschaffen. Robbis.

Womit also anfangen?

Das Ergebnis war ernüchternd: Ich rüstete zehn der vorhandenen Robbis mit hochwertigen Motorsägen aus und ließ sie einen etwa 150 Meter breiten Kreis in der Landschaft ziehen. Also genauer: Ich ließ sie Arbeiten beginnen, damit am Ende solch ein Kreis die Stadtmauer in seiner Mitte aufnehmen konnte. Zehn meiner Mädchen machten vorübergehend Zuarbeiten dafür. Währenddessen beschäftigte ich die Replikatoren mit der Herstellung weiterer dreißig Robbis. Das musste reichen, wollte ich nicht später einmal in Edelschrott umkommen.

Dann hatte ich mich endgültig entschlossen. Jene Saks, die der Zufall auf dem künftigen Stadtgelände hatte siedeln lassen, wurden genötigt, ihre bisherige Landbewirtschaftung zurückzustellen. Ich garantierte ihnen durch alle Jahreszeiten gehende gute Versorgung mit Lebensmitteln. Dafür sollten sie unumgänglicher Hilfsarbeiten leisten.

Im Umgang mit ihnen erwies es sich als entscheidender Vorzug, was meine Mädchen vorführen konnten. Dass sie diejenigen waren, die den Geist der Monster beherrschten, faszinierte diese Bauern zumindest soweit, dass sie ihre Angst vor den großen Maschinen in ihrer Nähe verbargen. Natürlich wandelten sie meine großen Stadtkonzepte sehr eigenständig ökologisch ab. Nach einigen Wochen hatten sie ihre eigenen Hütten zum Beispiel durch Bauabfälle befestigt. Wenigstens verstanden sie das Ziel große Mauern. Ich gebe zu, dass ich nicht wusste, welches Ingenieurwissen ich mir allein schon für die Berechnung notwendiger Fundamente hätte aneignen müssen. Es erschien mir aber unbedenklich, zumindest die Stadtmauer ganz ohne zu errichten. Ich konzipierte sie mit vier Meter Höhe. Nach draußen glatt im rechten Winkel, nach innen schräg mit Platz für Verteidiger, die geschützt von der Außenmauer auf einem Absatz laufen und an einigen Stellen sicher auf- und absteigen konnten. Die in dem Grenzstreifen wachsenden Bäume waren bedingt nutzbar. Günstig war, dass sie sehr gerade hochgewachsen waren. Unsicher machte mich ihre geringe Härte und innere Feuchte. Ich musste fürchten, dass sie sich beim Trocknen verformen würden. Andererseits machte es den Saks großen Spaß, auf Leitern zu balancieren, um die Mauerflächen mit Mörtelmasse zu glätten, abzudichten und haltbarer zu machen. Wie ich erfuhr, dachten sie dabei bereits an die bevorstehenden Herbst- und Frühjahrsstürme.

  So vieles musste von Anfang an bedacht werden. Fredville musste tatsächlich funktionieren, selbst, wenn es die bisher einzige Stadt der Welt bleiben sollte, in der die meisten ihrer Bewohner nicht dauerhaft wohnen würden. Trotzdem sah ich als Horrorvision die mittelalterlichen Menschenstädte vor mir, wo Ausscheidungen und Unrat einfach auf die Straßen und Gehsteige geschüttet worden waren. Nein! Bei mir sollte es nicht nur fließend Wasser, sondern auch eine Abwasserentsorgung geben.

Die bisherige Wasserversorgung der Burg würde dafür nicht reichen. Oder doch? Ein paar Pumpen, Leitungen … Weitere Brunnen konnten immer noch gebohrt und angeschlossen werden. Aber die Abflüsse? Das einzige, was ich bisher in diesem Sinn kannte, war ein Tastendruck auf eine Spülung … In der Burg selbst hatte ich für die Mädchen und mich einen natürlichen Vorteil genutzt: Alles lag hoch. Sobald man etwas zum Nachspülen hatte, floss alles den Berg runter.

Endlich kam mir eine machbare Idee. Ich würde ein Fahrzeug durch die Straßen fahren lassen, dass aus Sammelbehältern die Gülle absaugte. Bei einer Belagerung konnte die dann ja über die Stadtmauer gepumpt, sonst nach draußen abgefahren werden.

Wie aber sollten Straßen und Häuser für die Saks aussehen? Ich entschied mich für zweigeschossige Reihenhäuser, bei denen es am wenigsten Außenwände gab.

Andererseits … Von Belagerungen mittelalterlicher Städte hatte ich einiges gelesen. Gefährlich – nicht nur da – waren die Brände. Bei Belagerungen wurde vorsätzlich mit Brandmitteln geschossen. Ein natürliches Feuer war weniger wahrscheinlich. Im Gegensatz zu den frühen Menschen kannte ich Dinge wie Blitzableiter. Schließlich entschied ich, dass ich in meinem Fall auf besondere Brandschutzmaßnahmen verzichten musste. Notfalls musste eben wieder neu aufgebaut werden. Aber wichtiger war, wirklich alle Leute unterzubringen und ihnen andererseits noch Bewegungsräume zu erhalten. Meine Stadt bekam also eine Einteilung in zehn Straßen mit jeweils fünfzig Häusern, in denen bis zu vierzig Saks leben können sollten. Beim ersten Testhaus zeigte sich, dass ich meine Möglichkeiten überschätzt hatte. Ich musste es bei eingeschossigen Häusern belassen. Die Flächenverhältnisse wollte ich aber nicht verändern. Irgendwie musste es möglich sein, die vierzig Bewohner auch auf der halben Fläche unterzubringen. Im Vergleich zu ihren üblichen bisherigen Hütten waren 100 Quadratmeter Grundfläche doch gewaltig …

  Ich brach hier mit allen Gepflogenheiten, die ich von der Erde her kannte. Dort war es selbstverständlich, dass jeder Mensch seine Wohnraumgestaltung unter extrem individuellen Formen auswählte. Einzig das abgetrennte Verbauen von Landflächen war schon vor einigen Generationen gestoppt worden.

Aber das wird dich wohl kaum interessieren. Mich nahm die Aufgabe, eine Stadt mit allem Drum und Dran zu entwerfen und diesen Entwurf in extrem kurzer Zeit umzusetzen total gefangen. Das war das Wichtige. Ich stieß jetzt auch an die Grenzen meiner Energietechnik. Ich war sicher, fast sicher, dass irdische Methoden der Energieerzeugung sich prinzipiell nicht nachahmen ließen, während andere vielleicht von Fachleuten hätten bewältigt werden können. Ich sah also in Wind, Kernenergien, Geothermik keine Möglichkeiten. Außer meinen Sammlern von Sonnenenergie war nur noch in alberne Menge Wasserkraft gewinnbar. Auf allen Häuserdächern konnte ich Sammler und Einspeiser installieren. Deren Sinn brauchte ich nicht einmal erklären. Trotzdem musste ich die Toleranzmenge Energie auf 10 Prozent absenken, also dass was für Notfälle in den Speichern blieb. Trotzdem verzichtete ich aus Prinzip nicht auf fließend warmes Wasser in allen Häusern.

Erzähl ich durcheinander? Das würde meinen damaligen Zustand wahrscheinlich besonders gut illustrieren. Ich sprang geistig von einem zum anderen. Die Abende waren dabei die einzigen Ruhepunkte. Sanja hatte ich als erste bemeistert und sie wurde mir eine gute Frau. Nicht nur, dass sie mich an vielen Stellen überzeugend vertrat, unsere Ansichten ähnelten sich auch verblüffend – ich konnte sie mitunter sogar um Rat fragen – vor allem aber …

Gemocht hatten wir uns von Anfang an. Sanja aber war … wie soll ich das erklären … sie besaß eigentümliche Fähigkeiten. Sie sah sofort meine Schwächen und dann massierte sie mich. Versteh mich richtig: Sie massierte den Rücken, den Nacken, den Kopf … Anderes auch … aber nie so, als wollte sie etwas von mir. Wahrscheinlich hätte ich sie so kurz nach Tschamita auch nicht so akzeptiert. Sie war es dann sogar, die mich darauf hinwies, dass Ann-shi-Moon bemeistert werden müsste, weil ihr Tropfenfest anstand. Sanja hatte also in diesen Monaten immer dann den Überblick, wenn ich allein ihn verloren hätte.

  Als die kalten Winde einsetzten, hatten fünf Mädchen die Zimmer mit Doppelbetten neben mir. Ich war ihr Meister und Gefährte geworden. Wenn ich zwischen ihnen nie einen Streit bemerkte, war das sicher zuerst Sanjas Werk.

Von Sanja stammte aber auch der eigentlich so logische Vorschlag für den großen Versuch.

Ich hatte mir nie so extrem viel Gedanken gemacht, unter welchen Bedingungen die Saks überwinterten. Ich ahnte allerdings, dass die sechs Höhlen, von denen ich wusste, nicht ausreichen konnten. Sanja erklärte mir schlicht, es sei egal, wie weit der Ausbau der Häuser sei. Sie seien auf jeden Fall besser, als das was die Dörfler bisher kannten. Ich könnte doch ausprobieren, ob alle Saks des Reiches in meiner Stadt unterzubringen waren, wie lange ich brauchte, um sie zu alarmieren und dazu zu bewegen, ihren sicheren Platz hinter der Stadtmauer einzunehmen.

Irgendwie kam mir das Ganze wie ein Witz vor. Die Stadtmauer war überall dort, wo sie nur Mauer war, im Wesentlichen fertig. Es fehlte noch das Tor und ein paar Annehmlichkeiten, mit denen man sich auf der Maueranlage hätte bewegen können. Nach meinen Vorstellungen gab es aber die Häuser nur als Rohbau. Wände, Dächer, Rohre ja, aber noch nicht einmal Fenster gab es, von Möbeln nicht zu reden. Aber eben fließend warmes Wasser – im Prinzip – und Heizkörper, die durch einen Wasserkreislauf erwärmt werden sollten – auch im Prinzip. Wenn alles fertig gewesen wäre, hätte die Wärmeversorgung einen sehr hohen Wirkungsgrad gehabt … Hätte …

Als ich nämlich über die praktische Umsetzung der Idee nachdachte, kamen mir verwirrende Zweifel: Die meisten meiner Mädchen waren richtige Kinder. Sollte ich die ins Land zerstreuen, um ganze Dorfgemeinschaften von einer Dauerwinterwanderung zu überzeugen? Ich entschied mich dagegen und für die Robbis. Immerhin besaß ich jetzt 49 Stück. Vierzig davon schwärmten aufs Land aus. Sie sollten sozusagen testen und den Siedlungen auch diesen Testcharakter erklären. Im Wesentlichen war die Ernte vorbei. Im Moment konnte mitgenommen werden, was eben geschleppt werden konnte. Wäre es ein Ernstfall, also der Überfall eines mächtigen Gegners oder der vorzeitige Wintereinbruch, müssten sie dann alles stehen und liegen lassen, um ihr Leben zu retten.

Heute kann ich nicht mehr sagen, warum ich selbst auf der Burg blieb. Aber an dieses einer Prüfungsangst ähnelnde Gefühl, als die Robbis meinem Blick entschwunden waren, kann ich mich noch erinnern …

  Nach drei Tagen war der letzte Robbi zurück.

Da stand ich nun im Kreise meiner Automaten und meiner Mädchen und mühte mich um optimistische Eindrücke.

Es war nicht ein einziger Saks mitgekommen. Was die Robbis aus ihren Erinnerungsspeichern ausspuckten, klang teilweise etwas wirr. Insgesamt aber war die Angst der Bauern vor der Burg an sich und vor den unbegreiflichen Monstern, die dort neuerdings hausten, auf jeden Fall größer als die Bereitschaft, vor einem nur gedachten Feind davonzulaufen und angeblich Sättigung ohne eigene Verpflichtungen zu erhalten.

Ich musste einfach einsehen, einen Fehler gemacht zu haben.

Aber dabei wollte ich es nicht bewenden lassen. Zumindest wollte ich mit der Umgestaltung meines Landes beginnen. Ich hatte einfach zu viel erwartet, als ich annahm, dass sich die Dörfler doch positiv an mich erinnern müssten,weil genau genommen ihre ganze Saat, also auch die Ernte mein Geschenk gewesen war. Nun aber hätten sie sich freiwillig selbst ausliefern müssen.

Freiwillig. Das war das Schlüsselwort. Wenn nicht freiwillig, denn eben nicht freiwillig. So bereitete ich die nächste Exkursion vor. Das Prinzip war dasselbe wie damals, als ich meine ersten Mädchen zur Ausbildung auf die Burg entführt hatte. Allerdings befand ich mich in gewisser Weise in eine schlechteren Position: Die Siedlungen befanden sich in bester Stimmung wegen der Höchsternte. Also die Ernte war gerade eingefahren und sie war so gut ausgefallen, wie ich es gehofft hatte. Dazu kamen die Schweine, an die sich die meisten Dörfer gewöhnt hatten. Es gab also gerade keinen Hunger. Warum hätten sie da ihre Kinder vermieten sollen?

Aber ich hatte mehr Robbis. Die reichten nun aus, um einzelne Siedlungen sicher zu umzingeln. Diesmal entschieden wir uns dafür, in den frühen Morgenstunden aufzutauchen. Nacht war für die Bauern etwas Angst Erregendes. Irgendetwas in der Atmosphäre des Planeten sorgte dafür, dass es kaum Dämmerung gab. Mit nur einem kurzen Übergang wechselte Nachtfinsternis in Taghelle. Und in dieser Taghelle fand sich das erste Dorf einem Kessel von allen Seiten einrückender Bewaffneter wieder …

  Nervenkitzel? Eigentlich nicht. Die Bauern hatten absolut keine Chance. Ehe sie sich versahen, waren sie zusammengetrieben. Und dann folgte ein böses Spiel. Diesmal mussten alle Kinder mitkommen. Als alle gefangenen Kinder unter Kontrolle eines Robbis standen, verkündete ich, dass jeder mitkommen könnte, der wollte.

Wieder schätzte ich die Situation falsch ein. Ich hatte damit gerechnet, dass nun dass ganze Dorf freiwillig die Kinder begleiten würde. Es fanden sich aber nur drei Erwachsene. Zwei junge Männer und zu meinem stillen Entsetzen eine junge Schwangere. Die hatte sich extra vergewissert, dass es oben warm und trocken sei und dass sie zu essen und zu trinken, auch extra für das Baby, bekäme. Nachdem sie sich entschlossen hatte, sich unserem Treck anzuschließen, war auch ihr Lebenspartner dazugekommen. Später erfuhren wir, dass die Frau bereits zwei Entbindungen hinter sich hatte. Ein vierjähriges Mädchen war ihr geblieben. Das war beim Tross.

Ohne viel Aufhebens schafften wir unseren Teil des Dorfes zur Stadt. Wie gesagt drei Erwachsene und siebzehn Kinder. Wir haben ihnen die Häuser gezeigt. Sie wollten zusammen bleiben. Wir zeigten ihnen den Speiseraum, erklärten ihnen, was so alles innerhalb der Stadtmauern passierte. Wir haben einen Rundgang mit ihnen gemacht.

Abends zog ich dann mich zu meinen Mädchen zurück und die Robbis, die morgens dabei gewesen waren, marschierten los in Richtung der nächsten Siedlung.

Natürlich war mir klar, was passieren würde. Gerade der dritte Erwachsene hatte sich beim Rundgang mehrmals auffällig unauffällig umgesehen. Zweifelnd natürlich. Aber es schien so eindeutig: Das Stadttor war ein Loch in der Mauer und niemand bewachte es. Und alle wussten, dass die Robbis, die sie gefangen hatten, unterwegs waren. Also startete am frühen Morgen die Flucht der Gruppe.

Zugegeben. Es war gemein von mir. Aber es kommt ja immer darauf an, was man für eine Absicht hat und ob man sie erreicht. Und meine Absicht war, die Saks davon zu überzeugen, dass sie keine Fluchtchance hätten.

Du ahnst es sicher: Kaum stand der erste Saks an der Stelle, an der das Torloch war, erschallte eine eindringliche Stimme aus nicht erkennbarer Richtung. „In eurem eigenen Interesse bleibt hier! …“

Die Dörfler zogen sich in eine Ecke zurück, warteten ab. Nichts geschah. Es war niemand zu erkennen, der von ihrer Fluchtabsicht Notiz genommen hätte. Gelegentliche Passanten auf den nächsten Straßen ignorierten die sich auffällig unsicher bewegende Gruppe. Kaum aber versuchte ein zweiter von ihnen durch das offene Tor zu gehen, dröhnte wieder eine Stimme: „Ich wiederhole mich nicht gerne: In eurem eigenen Interesse: Bleibt hier! Ich möchte euch nicht bestrafen.“

Nein, das war kein Robbi, obwohl ich auch an diese Möglichkeit gedacht hatte. Es war eine Lichtschranke. In dem Moment, in dem sie die passierten, aktivierte sich ein besprochenes Band.

Das verstand nicht nur niemand, es verbreitete sich unter den Saks die Nachricht, dass sie ein unsichtbarer Geist bewache, der sie nicht rauslässt.

Ich hatte erwartet, es würden noch einige andere prüfen, was an dem Gerücht dran wäre. Offenbar war die Angst vor dem unerklärlichen Zauber größer. Und die Kommunikation zwischen den Saks verschiedener Dörfer funktionierte in der Hinsicht blendend. Meines Wissens nach hat kein Saks mehr versucht zu fliehen. Später kam allerdings dazu, dass die Festgehaltenen ja ihre Sicherheit und Sattheit genossen.

 Du, vielleicht komme ich noch einmal auf die Ereignisse dieses Winters und des folgenden Jahres zurück. Keine Sorge: Für mich waren fast alle Tage vollgepfropft mit kleinen und großen Dingen. Vielleicht nur so viel, dass im nächsten Herbst etwa 7000 Saks nach Fredville kamen und die meisten von ihnen aus eigenem Antrieb. Wenige wegen Intrigen. Da bekamen wir Tipps von Minderheiten, die ihr Dorf nicht hatten verlassen dürfen. Da es dabei besonders um die Kinder ging, schreckte ich nicht vor hartem Durchgreifen zurück. Ich sah das als sinnvoll für alle Seiten an. Wenn die Kinder während der warmen Zeiten in ihren Dörfern leben durften, so waren wenigstens die Wintermonate für sie Schulzeit in meiner Stadt.

Inzwischen waren die meisten Provisorien überwunden. Also die Häuser waren vollständige Häuser, wenn ich auch die Fenster nun auf die Größe eines in einem Stück replizierbaren Teile vermindert hatte. Das Tor war fertig. Es gab eine extra Pforte in der Art, wie sie die Burg früher gehabt hatte. Auf der Stadtmauer konnte man entlang spazieren, ohne von draußen beobachtet oder gar beschossen zu werden.

Nicht, dass es keine ungelösten Probleme gegeben hätte. Dafür sorgte schon die sehr vergrößerte Bewohnerzahl. So hatten eigentlich nur die ersten 100 Häuser wirklich fließend warmes Wasser … und gelegentlich wurde auch das fließende Wasser generell zum Problem, weil einige Gruppen nicht begreifen wollten, dass sie unbedingt den Hahn zudrehen mussten, wenn sie nicht gerade Wasser zum Waschen und Trinken nutzten. Aber man stellt doch eine Quelle auch nicht einfach ab, argumentierten sie. Wenn sie da ist, ist sie eben da. Na, und solche Kleinigkeiten eben.

Nach den zwei schwersten Schneestürmen, die ich je auf diesem Planeten erlebt hatte, sehnte ich mich allerdings schon sehr nach etwas Ruhe und danach, die Bildung meiner Mädchen und der Neuen zu heben. Allmählich sollte das Allgemeinwissen, also das, was ich dafür hielt, durch verschiedene Fachschulen ergänzt werden. Ich hatte schon je eine Klasse für Agrarwissenschaft, für Technik und für Medizin zusammen. Meine künftigen Studentinnen und Studenten experimentierten fleißig mit eigenen Wegen der Wissensaneignung herum – und zur Prüfungsabnahme konnte ich die Robbis ja einsetzen. Aber noch stand der Schulunterricht an erster Stelle.

Ich gebe zu, es beunruhigte mich schon ein wenig, als der für die Überwachung der Grenzanlagen zuständige Robbi meldete, dass seine Kommunikation ausgefallen sei. Aber bei aller Angriffslust möglicher Nachbarn … Bei dem Wetter würden noch Monate vergehen, bevor sich ein Heer sammeln und zum Angriff führen ließ. Und ein solches Heer hatte ja unter den Bedingungen der Saks ein fast unlösbares Problem: Wie sollte es versorgt werden?

Ich fühlte mich also sehr sicher.

In dem Monat, den ich den Spätmärz getauft hatte, um ihn in meine Vorstellungen eines Kalenderjahres einzubauen, störte Sanja völlig unangekündigt meine Mittagsruhe. Spaziergänger auf der Stadtmauer hätten in der Ferne etwas beobachtet, was sie für Soldaten hielten. Das Wetter war gerade wunderbar. Bald würden die ersten Winterstädter aufs Land hinaus ziehen. Noch war das Stadttor aber verschlossen. Nun stürmte ich mit zwei Robbis in die Überwachungszentrale. Dort ließen sich einige Überlandkameras zoomen. Entsetzt stellte ich fest, dass die Saks-Spaziergänger extrem scharfe Augen gehabt haben mussten. Da war tatsächlich ein Heer im Anmarsch.

Ich aktivierte die Zählanalyse. Die bestätigte, dass es sich um insgesamt 24316 Männer handelte, die verschiedenartige Geräte mit sich führten, wahrscheinlich mechanische Waffen. Das waren wenig mehr als bei der letzten Belagerung. Spannend, wenn das Wort eine Berechtigung haben sollte, war nur, was den neuen Truppen gegen die ihnen doch sehr wahrscheinlich bekannte Überlegenheit meiner Technik eingefallen sein könnte. In jener Stunde erheiterte mich das noch. Da stellte ich mir irgendeinen Militär-Voodoo-Meister vor, der um die Truppen Luftkreise zog, um ihnen einzureden, ihnen könne überhaupt nichts passieren. Ich war mir sicher, den neuen Soldaten genug Angst machen zu können, dass auch sie ohne allzu viel Blutvergießen erfolglos wieder abziehen würden.

Fredville lag im Sinne mittelalterlicher Technologien ideal. Leicht aus der Landschaft herausgehoben, über sich, weithin sichtbar die Burg. Ein besonderer Clou war mir gelungen, als ich die Quelle des Kalattka-Flüsschens in den Schutzring der Stadtmauer einbezogen hatte. Für einen Neuankömmling draußen sah es so aus, als entspränge das Flüsschen aus der Stadtmauer. Aber es flossen noch zwei Abwasserbäche unter der Mauer hindurch. Wegen der natürlichen Neigung bedurfte es weniger Pumpenenergie.

Wie ein weites Fell lag ein total freigelegter Wiesenstreifen von 150 Metern Breite auf allen Seiten vor der Stadtmauer. Dahinter sah man eine schmale Flusslandschaft, die seit Generationen bewirtschaftet war, dann halboffenes Gelände; schließlich reichten an einigen Stellen Zungen unberührten Urwalds bis an unseres Schutzstreifen

Als das Heer in etwa 1200 Meter Entfernung von der Stadtmauer stoppte dachte ich mir noch nichts Böses.

Noch immer meiner Überlegenheit sicher sah ich gelassen zu, wie der Troß sich ausbreitete. Mir fiel auf, dass niemand Anstalten machte, den vertrauten geschlossenen Belagerungsring aus Soldaten in die Landschaft zu stellen.

Ein System mit Bildschirmen verbundener Fern-Sicht-Geräte hat so seine Vorteile. Nachdem ich noch lockerer, als ich tatsächlich war, allen eingeschärft hatte, innerhalb des Schutzes der Stadtmauern zu bleiben, dort seien wir sicher, zog ich mich in einen meine Überwachungsräume zurück. Dort erlebte ich eine erste Überraschung.

Mehr als 5000 der Soldaten waren mit etwas für ihr wahrscheinliches Selbstverständnis sehr Unsoldatischem beschäftigt. Sie buddelten in der Erde. Und dann entdeckte ich etwas, das mich langsam zu beunruhigen begann: Dem weiten mit Wagen und Soldaten übersäten Feld näherten sich offenbar aus mehreren Richtungen Menschenkarawanen. Das waren Bauern! Meine Bauern als Gefangene! Und sobald die ersten an einer noch kaum erkennbaren halbrunden Linie ankamen, wurden sie zum Graben gezwungen.

Endlich begriff ich. Ich hatte doch in den ersten Tagen auf diesem Planeten einige Tiere von überdimensionalen Ausmaßen bemerkt. Tonnen an Fleisch! Wie mussten die intelligente Wesen wie die Saks doch herausgefordert haben. Auch für sie gab es vorstellbare Jagdmethoden. Welche aber lag näher, als gewaltige Gruben auszuheben?! Sollte eines der Fleischkolosse in eine solche Falle geraten, waren seine empfindlichen Punkte selbst für so kleine Wesen wie die Saks erreichbar! Wie auch immer die Ereignisse der Flüchtlinge aufgebauscht worden sein mögen, meine Monster mit den Riesentieren zu vergleichen, lag auf der Hand. Und was das Schlimmste war: Dieser Gegner hatte Recht! Eigentlich waren meine Monster ja landwirtschaftliche Maschinen, die beim Sturz in eine nicht einmal überdimensional große Grube sofort nutzlos waren!

 Für den spontan ins Auge gefassten Ausfall klammerte ich meine Mädchen, die Saks überhaupt aus. Sollten besser dreißig Robbis die Grubenbauer in die Flucht schlagen.

Hätte ich doch nur auf diese überstürzte Aktion verzichtet!

Wie gewohnt ließ ich die Robbis eine breite Reihe bilden und direkt auf das Zentrum des gegnerischen Heeres zu rasen. Natürlich waren die Geräuschverstärker aktiviert. Wenn die auf einen zukamen, konnte einem schon das kalte Grausen ankommen. Leider war aber auch eine lange Wegstrecke zu überwinden und damit Zeit genug für die Soldaten, sich zu formieren. Und ihre Formation gefiel mir absolut nicht. Von meinem sicheren Beobachtungspunkt aus hatte ich schon ein paar Flammen bemerkt. Nun aber …

Das neue Heer floh nicht. Als meine Kampffahrzeuge nahe genug waren, spannte die erste Reihe imposante Langbögen. Ein Hagel von Hunderten Pfeilen ging über meinen Monstern nieder. Einige der Mädchen, hätten sie drauf gesessen, wären tot herabgestürzt. Den Robbis machte es nicht so viel aus, aber … Die vordere Reihe der Gegner ging in die Knie zum Auflegen und Spannen … und die nachfolgende schoss ihre Pfeile ab. Die aber waren in etwas Brennendes getaucht worden.

Verstehst du meinen Schreck? Das Schlimmste, was mir passieren konnte, war, dass die Angreifer das Prinzip der Fahrzeuge durch Zufall begriffen. Brandpfeile konnten durchaus Schaden anrichten. Bevor dies passierte, musste der Stoßtrupp aus der Gefahrenzone! Ich riskierte den psychologischen Sieg der Belagerer. So schnell, wie sie gestartet waren, ließ ich meine Robbis flüchten. Als alle unversehrt hinter der Stadtmauer in Sicherheit waren, atmete ich auf und … ahnte, dass mich hier eine andere Situation als bei der ersten Belagerung erwartete. Aber es sollte noch schlimmer kommen.

  Ich erinnerte mich natürlich der kleinen Parallelität zur letztlich so glücklich beendeten vorigen Belagerung. Letztlich war die Zahl der Opfer gering geblieben, obwohl auch dort mein erster Versuch fehlgeschlagen war, den Angriff zu beenden, bevor er richtig begonnen hatte. Insofern bestand noch kein Grund zur Verzweiflung.

Allerdings beobachtete ich mit wachsendem Unbehagen, was die feindliche Armee in alle Ruhe trieb. An Angriff oder einen Ring um die Stadt schien überhaupt niemand zu denken. Etwa 5000 Männer schufteten bei Ausschachtarbeiten. Allmählich nahmen ihre Bemühungen Gestalt an. Zum einen waren die meisten Ausschachter nicht mehr zu sehen. Zum zweiten wuchsen die Erdmassen hinter den Gruben zu einem kleinen Wall an, der mir bald die Sicht auf das Geschehen dahinter genommen haben würden. Zum dritten blieben zwischen den Gruben Wege, auf denen schätzungsweise je drei Männer nebeneinander laufen konnten.

Ich verstand zu wenig vom Brunnenbau. Es schien mir nicht ausgeschlossen, dass die Gruben so tief lagen, dass sie sich bald mit Wasser füllen würden. Sicher war jedenfalls schon eines: Keines meiner Fahrzeuge war zum Überwinden dieses Hindernisses geeignet. Und mir wurde etwas Anderes bewusst: Unser voriger ruhmvoller Sieg beruhte auf der heillosen Flucht der überrumpelten Belagerer. Konnte zwar ein geordnetes Heer durch die Grubenlinie vor die Stadtmauer ziehen, war jedem klar, dass es keine ungeordnete Flucht geben konnte. Das musste jeder Soldat dort selbst sehen. Er konnte fürs eigene Überleben nur mit dem Mut der Verzweiflung kämpfen.

Die Arbeiten an den Gruben liefen schon fünf Tage, dann klärte sich die Frage, warum sich noch kein Belagerungsring geschlossen hatte. Wo bisher noch offene Flanken gewesen waren, näherten sich weitere Truppen. Ich hatte es also in gewisser Hinsicht bisher nur mit einer Vorhut zu tun gehabt. Der Hauptcomputer arbeitete wie wild. Immer wieder korrigierte er die Zahlen. Das Ergebnis verdichtete sich aber immer mehr. Bald würde sich der Ring um meine Stadt geschlossen haben, ein Ring von mehr als 100000 Soldaten. Von wie weit her die zusammengetrommelt sein mochten, wie freiwillig oder unfreiwillig, war letztlich egal. Wer einen solchen überdimensionalen Aufwand getrieben hatte, hatte sich nicht nur gut vorbereitet, er rechnete mit einem Gewaltakt gegen das totale Böse, das trotz ungeheurer Opfer unbedingt vernichtet werden musste.

Eigentlich kurz gefasst: Was die da draußen nicht wussten. Das totale Böse, das sie meinten, war allein ich.

  Weißt du, heute überlege ich, was passiert wäre, hätte ich damals abgebrochen. Ich hätte sicher einen Ort für mich gefunden neu anzufangen. Außerdem reichte mein Zeithorizont ja weit über die zwei-drei Generationen der auf diesem Planeten Lebenden hinaus. Vielleicht hätte ich sogar Sanja und einige besonders vertraute Mädchen in Helis mitnehmen können. In den anderen Kindern wären Denkspuren einer weit von ihrer Gegenwart entfernten Welt zu Mythen geworden, die sie ihren Kindern erzählt hätten. Mit so etwas wie wissenschaftlichem Denken war ihr Gehirn erst ganz frisch infiziert worden. Da war noch nichts nachhaltig neu gestaltet. Sie hätten sich ohne große geistige Verrenkungen neuen Herren gefügt. Alle. Irgendwie. Wahrscheinlich wäre alles als Monsterzeug Erscheinende vernichtet worden. Also die replizierten Maschinen. Na und?

Ich aber wollte unbedingt das gerade Entstandene bewahren und erweitern. Mit mir ganz oben und um einen Preis, von dem ich in diesem frühen Moment der Belagerung nur wusste, dass er aus sehr vielen Leichen bestehen würde. Denn egal, wie die Entscheidungsschlacht ausgehen sollte … dass die Belagerer eine so astronomische Zahl an Kriegern einsetzen und einen großen Teil von ihnen verlieren würden, war mir klar.

Inzwischen hatten die verschiedenen Armeen ihre Ausgangspositionen bezogen. Die Vorhut verlieh nun meine Bauern zur Unterstützung beim Grubenausheben an die noch offenen Flanken. Wie kompliziert sich das auch an manchen Stellen gestaltete, war es doch nur eine Frage der Zeit.

Nerven aufreibend war in gewisser Weise, dass alle gegnerischen Truppen sich überhaupt nicht um meine Stadt zu scheren schienen. Nicht der kleinste Ansatz eines Angriffs, nichts. Genauso gut hätten sie an einer beliebigen Stelle des Festlandes Gräben oder Grenzen ziehen können.

Unter den Saks in der Stadt gingen die verschiedensten Gerüchte um. Viele erfuhr ich über den Umweg über die Kinder mit ihren Lehrerinnen. Bisher herrschte wohl ein gewisser Fatalismus vor. „Herrscher ist Herrscher. Wenigstens haben wir noch zu essen. Vielleicht bekommen wir das auch, wenn wir keine Saat und dann keine Ernte einbringen können.“ Dann aber sprach sich herum, dass Mitglieder der eigenen Siedlungen beim Ausheben der Gräben mitarbeiteten. Sollte ich mich etwa auf kindliche Zuträger, auf Infos in Form von stiller Post verlassen? Am Ende rebellierten die Saks, ehe ich begriffen hatte, was los war. Ich entschied mich zur Offensive.

Alle Bewohner ließ ich auf dem Burghof antreten. Da er nicht ausreichte, sollten sie eben auch die angrenzenden Areale nutzen. Schon das hatte natürlich seinen Sinn. Zum ersten Mal erlebten sich die Saks hier als Masse. Dicht an dicht standen sie. Auf dem Hof, auf den Wegen. Der Blick überall durch Nebenleute versperrt. Das minderte natürlich die Wirkung des Ausblicks nach draußen. Sich selbst hatten sie noch nie als Masse erfahren. Und plötzlich erschallte dann von verschiedenen Stellen her eine ungeheuer laute Stimme: „Brüder! Wir werden belagert. Es ist möglich, dass unsere Feinde da draußen keinen von uns am Leben lassen wollen. Es ist möglich, dass sie zuvor unser Leben schrecklich erschweren werden. Unser ganzes Land haben sie besetzt. Wahrscheinlich wird in diesem Jahr keine Ernte eingebracht werden. Wahrscheinlich werden Brüder von uns, die noch da draußen sind, sich durch Dienste an den Soldaten ihr Leben erhalten müssen. Niemand weiß, wovon sich die vielen Soldaten ernähren werden, wenn sie zu einer längeren Belagerung hier bleiben. Vielleicht werden sie das Fleisch ihrer Diener brauchen. Vielleicht auch unseres, sollten sie unsere Stadt stürmen. Aber noch hat der Kampf nicht begonnen. Noch steht jedem die Entscheidung offen, die Stadt zu verlassen. Ihr könnt gehen, wenn ihr wollt. Wenn die feindlichen Soldaten sich nicht dem Tor nähern, wird es bis kurz vor Sonnenuntergang geöffnet bleiben. Diejenigen, die dann noch innerhalb der Stadtmauern geblieben sind, rufe ich auf, alles in ihrer Macht stehende zu unserer Verteidigung beizutragen! Brüder, ich werde so viel zu einem sicheren und guten Leben für euch beitragen, wie ich kann.“

Ein wenig pathetisch vielleicht und irgendwie hatte ich dabei weggelassen, dass es vielleicht nur um mich gehen könnte, aber plötzlich breitete sich ein Geräusch aus, das an Stampfen, Hoho-Gebrüll und Gesang zugleich erinnerte. Wenn ich das richtig deutete, ein Mikro vom Mund und mehrere Bildschirme vor Augen, die das Geschehen auf dem Platz weitgehend einfingen, dann sah ich gerade so etwas wie einen spontanen Kriegstanz.

 Tatsächlich stand danach das Stadttor drei Stunden lang breit offen. Etwa 300 Bewohner verließen uns. Darunter waren viele der Kinder, die wir aus unwillig gebliebenen Siedlungen gewaltsam entführt hatten und die zu ihren Familien zurück wollten. Aber selbst ein Teil der Entführten blieb. Wer die anderen waren, habe ich nicht herauszubekommen versucht. Ich freute mich riesig über dieses Ergebnis – sowohl darüber, dass die Masse blieb, als auch, dass ich die los war , die sonst bestimmt als erstes gemault hätten.

Amüsant war die Reaktion des Belagerungsringes. Die Offiziere brauchten etwa eine halbe Stunde, um zu begreifen, dass sie wirklich einem offenen Tor gegenüberstanden, in das sie offenbar nur hätten einziehen müssen. Dann baute sich ein feierlicher Zug auf. Der bestand aus so etwas wie einer traditionellen Garde. Voran zehn Männer auf Kalaks, monströsen Reittieren, die sich behäbig schwer vorwärts bewegten und Sänften auf ihren Rücken trugen. Darin saßen so übertrieben geputzte Würdenträger, dass sie in meinen Augen eher lächerlich wirkten. Leider sollte sich meine Vermutung bestätigen, dass im Stab dieser Riesenarmee keine einheitliche Entscheidung zustandegekommen war. Es hatten sich die eitelsten Fürsten zusammengefunden, die, die meinten, einen leichten Sieg zur Schau stellen zu müssen. Vor allem der Erste Tributan war nicht unter ihnen.

Gerade ihre gemessene Art des Anrückens kam aber meinen Absichten entgegen. Natürlich war das auch mit ein Schattenprodukt der praktizierten Belagerungstaktik. Zwischen den Gruben kam beim besten Willen und nur mit sehr großer Vorsicht je eines der bereitbaren Fleischballen nach dem anderen hindurch.

Die Saks, die sich aus der Stadt abgesetzt hatten, waren längst nicht mehr zu sehen. Kurz bevor die feierliche Prozession sich dem Tor auf Rufweite genähert hatte, begann ich sie zu beschließen. Es war die größtmögliche Demütigung, den hohen Herren fast vor der Nase die Tür zuzuschlagen. Aber auf sie wartete noch eine schlimmere Schlappe …

  Ich hatte mir eine speziell ausgestattete Schießscharte bauen lassen. Dort erwarteten mich unter anderem mehrere Phots. Unsere Photonenstrahler waren mit Stufenreglern und stufenlos regelbar ausgestattet. Im Normalfall wurde die engste Stufe verwendet. Der Strahl war dann punktförmig konzentriert. Die Stufenregler waren dagegen für die Energiemenge zuständig. So konnte man ein lebendes Ziel betäuben, anstatt es zu töten. Stufenlos war dagegen die Streuweite einstellbar. Voll hatte ich die Weitenstreuung noch nie ausgelastet, im Höchstfall hatte ich, wenn ich Angst hatte, ein Ziel zu verfehlen, eine Streuung auf einen großen Punkt zugelassen. Diesmal stellte ich die absolut weiteste Streuung ein.

Ich begann mit niedrigster Leistung, aber schneller Stoßfolge. Die Garde bestand aus etwa 1000 ausgesucht großen Saks, überwiegend auf Reittieren. Zumindest denen in den ersten drei Reihen sah ich auf Anhieb das Gefühl an, direkt in Feuer zu laufen. Die Herrschaften oben hätten ja bestimmt versucht, wenigsten Haltung zu bewahren. Die Tiere aber wurden sofort von Entsetzen gepackt und scheuten.

In Sekundenschnelle war alle Eleganz verschwunden. Der tierische Fluchtreflex fand kein Ziel. Die Kalaks rannten wild durcheinander, nach rechts, links oder rückwärts. Damit brachten sie natürlich auch den Rest durcheinander.

Nun begann ich Zielübungen. Die zehn höchsten Würdenträger und diejenigen, die Ordnung in die Truppe zu bringen versuchten, tötete ich. Den anderen Offizieren und Gardesoldaten verpasste ich Betäubungen oder demütigende Verletzungen, bevorzugt solche, die sie für eine Weile am Hinsetzen hindern würden. Das hatte mich das Ende der vorigen Belagerung gelehrt.

Ich erlaubte mir nicht den Luxus, die Zeit zu messen, aber schon nach gefühlten fünf Minuten stellte ich meinen Beschuss wieder ein. Zufrieden lächelnd trat ich nach draußen. Die meisten meiner Stadtbewohner hatten zugesehen – die meisten Soldaten des Belagerungsrings auch. Meine Stadtbewohner glaubten fast schon an ein Scheitern der Belagerung …

 Ich war da nicht so optimistisch. Erst recht nicht, nachdem die Belagerungssoldaten einen automatisch eingerichteten Testalarm ausgelöst hatten. Trotz der sicher allgemein bekannten Horrorgeschichten hatten sich unter ihnen genug Mutige gefunden, die in der Dunkelheit aufs Feld gegangen waren, um die Leichen zu bergen. Das hatten die mit Kameras verbundenen optischen Bewegungsmelder registriert und Scheinwerfer in Betrieb gesetzt. Aber selbst unter der für sie sicher zutiefst schockierenden Beleuchtung setzte die Truppen ihren Einsatz fort. Am nächsten Morgen lagen keine Saks mehr auf dem Feld. Dafür begann ein für meine Seite gespenstisches Schauspiel:

Zwischen den Lücken zwischen den Gruben tauchten an allen dem Stadttor gegenüberliegende Abschnitten Hochschilde auf. Ein Spukbild. Die Männer, die sie trugen, blieben dahinter vollständig verborgen. Die Schilde wurden sehr langsam bewegt. Sie mussten sehr schwer sein. Immer wieder verharrte alles am gerade erreichten Punkt. Eigentlich konnten solche Waffen nur extra für diese Belagerung gefertigt worden sein,dachte ich, denn für Kämpfe Mann gegen Mann erschienen sie völlig ungeeignet. Wenige Schritte hinter, also aus meiner Warte vor den Gruben rückten sie zur Seite, um Nachrückenden Platz zu machen. Inzwischen näherten sich etwa 100 Schilde nebeneinander. Wie eine gewellte Wand. Und hinter ihnen kamen immer neue Schildträger aufs Schlachtfeld. Begann nun die eigentliche Belagerungsschlacht? Dagegen sprach, dass sich mittlerweile die Schildfront nicht mehr zu verbreitern schien. Gleichmäßig und gerade rückte sie auf das Tor zu. Dahinter bildeten sich weitere Reihen und langsam blitzen auch Soldatenkörper durch. Dort marschierten offenbar Männer ohne Schilde. Ich schloss nicht aus, dass das Ersatzschildträger waren.

Ich beobachtete das Treiben von meinem Monitorraum aus. Als sich der beeindruckende Trupp dem Stadttor auf ungefähr 500 Meter genähert hatte, ging ich wieder zu meiner Schießscharte hinaus. Das Einfachste wäre, so dachte ich zumindest, das Spiel mit den Phots wie am Vortag zu wiederholen. Ich stellte die breiteste Streuung ein, grinste. Erst als nichts passierte, wurde ich unruhig. Sollten die Schilde etwa Photonenstrahlen gewachsen sein? Ich fixierte den Streuungswinkel genau auf die Breite der anrückenden Front. Auslöser und … nichts!

 Einer vernünftigen Einschätzung stand natürlich entgegen, dass ich die Männer hinter den Schilden nicht sah. Vielleicht waren die Getroffenen längst tot oder kämpften gegen unerträgliche Schmerzen an. Oder ihre Vertreter waren für sie eingesprungen. Zumindest wenn diese seltsamen Hochschilde aufrecht standen, verbargen sie alles, was sich hinter ihnen tat … oder eben nicht tat. Später erfuhr ich, dass diese Erfindung einst die Macht des ersten Ersten Tributans begründet hatte. Mit ihr hatten seine Truppen den natürlichen Vorteil von Belagerten gegenüber Belagerern ausgeglichen.

Ich griff wütend zu einem der Arbeitsphots. Die waren als Handschweißgeräte entwickelt worden. Sie sandten keine Impulsladungen aus sondern Dauerstrahlen, solange wie der Auslöser gedrückt blieb. Allerdings reichte dabei der Energiespeicher nur für 50 Sekunden. In meinem Wutanfall schnitt ich so drei der Schilde auf halber Höhe einfach durch und mit ihnen die Oberkörper der dahinter marschierenden Soldaten. Doch die nächsten Sekunden bewiesen, dass das diesmal kein großer Erfolg war. Die Schilderfront als Ganzes rückte weiter vor und schloss dabei die entstandene Lücke.

Ich versuchte eine weniger verschwenderische Methode. Mit gering gestreutem Photonenstrahl mussten die Schilde doch auch zu überwältigen sein. Wahrscheinlich tötete ich mehrere Schildträger nacheinander. Allerdings war das ein wenig befriedigendes Tun. Die in die Schilde gebrannten Löcher, wenn es denn welche gab, konnte ich auf die Entfernung nicht sehen; wenn ein Soldat getroffen zusammengesunken sein sollte, auch nicht. Dass einige zusammensackten, konnte ich nur ahnen, weil ich Störungen in der glatten Linie erreichte, die aber immer schnell ausgeglichen wurden. Sollten die Nachbarn der Getroffenen gar nicht merken, dass sie ihr riesiger Schild nicht schützte? Waren sie auf einen Kamikaze-Einsatz gedrillt, also darauf, ihren eigenen Tod als etwas fast Wünschenswertes einzukalkulieren? Oder waren die Schilde so schwer, dass Zusammenbrüche etwas Selbstverständliches waren, weshalb immer Ersatz für die vorderen Träger bereit stand? Was auch immer es sein mochte – ich ahnte, wie die Szene auf die auf dem Wall zuschauenden Bauern wirken musste. Für die erschien der Vormarsch als ungestörter Erfolg. Dabei wussten wir noch nicht einmal, wozu die Aktion gut sein sollte. Denn selbst bei hoch gegriffener Schätzung waren kaum mehr als 5000 Soldaten von 100000 vorm Tor. Das konnte doch nicht der große Angriff sein.

Allerdings hatte ich nicht darauf geachtet, dass sich inzwischen am Ring etwas verändert hatte.

  Während ich mich mit sehr mäßigem Erfolg mit den Schildträgern beschäftigt hatte, war ein weiterer Trupp auf das Feld zwischen Ring und Stadtmauer gedrängt worden. Mit Entsetzen stellte ich fest, dass sich dort vielleicht 3000 Saks als Gefangenenzug dem Stadttor näherten. Die Bauern meines Landes! Also die Männer, die schon vorher beim Grabenausheben eingesetzt worden waren. Sie waren an den Beinen aneinander gebunden und wurden, soweit ich es erkennen konnte, nur von wenigen Wachleuten begleitet. Dafür schleppten sie verschiedene Werkzeuge, vor allem Geräte, die an Hacken und Schaufeln erinnerten.

Spontan versuchte ich, auf die Wärter zu schießen. Aber ich bekam kein freies Schussfeld. Die kleine Wachmannschaft lief im Schutz der Bauern auf die Stadtmauer zu. Auf die eigenen Männer konnte ich doch nicht schießen! Und sei es nur, um es mir nicht mit der Masse der Stadtbewohner zu verderben.

Letztlich musste ich tatenlos zusehen, wie die gefangenen Bauern ihr Werk vollbrachten. Sie hoben unmittelbar vor dem Tor eine riesige Grube aus.

Ich brauchte lange, um zu begreifen, wozu das gut sein sollte. Klar, damit war ausgeschlossen, dass meine Monster auf das große Belagerungsschlachtfeld vor der Stadtmauer ausrückten. Klar, damit konnte das Heer der Belagerer auf das Feld vorrücken. Aber so, wie die Verteidiger der Stadt keinen Ausbruch unternehmen konnten, war doch nunmehr auch dem Sturm auf die Stadt das Tor verbaut. Aber, wie gesagt, allmählich wurde mir die Verschiebung der strategischen Positionen bewusst. Wahrscheinlich war mein Denken zu sehr in menschlichen Geschichten befangen. Da gab es nämlich jene, wo die Belagerer den Belagerten ein riesiges Holzpferd geschenkt hatten, aus dem dann nachts ein paar versteckte Soldaten gestiegen waren, die nur das Tor zu öffnen brauchten. Die belagernden Saks gingen natürlich anders an die Sache heran. Sie wussten zwar nicht genau, wie vielen Verteidigern sie gegenüberstanden, dass wir schon zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen waren, dürfte ihnen aber klar gewesen sein. Also lohnte eine Belagerung an breiter Front. Jeden Mauerabschnitt würde ich nicht gleich gut verteidigen können. Und die der Belagerer wussten ja, dass die Masse der Stadtbürger Bauern ohne die geringste Kampferfahrung waren.

  In den Momenten solcher Grübeleien reifte der Gedanke, dass ich genau daran etwas ändern musste. Ich konnte bei aller technischen Überlegenheit mit meinen wenigen Robbis nicht einer 100000-Mann-Armee standhalten. Ich hatte ja nicht einmal eine Vorstellung, wie sich die Saks den Sturm auf die Stadt praktisch vorstellten. Sie zeigten auch wenig Eifer, mir das zu zeigen. Alle Soldaten und Arbeiter verließen ihre Positionen unmittelbar vor dem Tor wieder. Sollte es Tote gegeben haben, so schleppten sie die mit. Vielleicht einhundert Meter vor dem Grabenring errichteten sie eine Art Zaun aus diesen Hochschilden. Wie viele Männer sich dahinter verbargen und ob überhaupt, war von der Stadtmauer aus nicht zu erkennen.

Von nun an geschah nichts. Zumindest nichts, was ich hätte beobachten können.

Dass es am folgenden Tag ruhig blieb, wunderte mich nicht. Irgendwie war ich darauf eingestellt, dass es zur Taktik meines Gegners gehörte, auf Zeit zu setzen. Obwohl mich dies eigentlich wunderte. Ich konnte mir schwerlich vorstellen, dass die Belagerer zu so einem riesiges Reich gehörten, dass dort dauerhaft eine Berufsarmee von 100000 Söldner für eine Belagerung abgestellt werden konnte. Das kannte ich aus der Erdgeschichte nur aus Sklavereizeiten und später als die Bevölkerungsdichte insgesamt größer war. Andererseits hatte der Wall hinter den Gruben einen einschneidenden Nachteil für mich: Wenn dahinter nur 20000 Söldner lauerten und 80000 waren auf der Jagd oder bei der Ernte oder womit auch immer für dieses Riesenheer die Versorgung gesichert werden könnte … ich würde es nicht einmal bemerken. Da andererseits die da draußen nichts von Replikatoren ahnen konnten, aber wussten, dass mehrere Tausend Bauern zu versorgen waren, die schon den Winter zuvor ihre Reserven hätten verbraucht haben müssen – was sonst? – durften sie erwarten, dass die belagerte Stadt früher oder später wegen Hungers aufgeben musste. Ein Kampf war dann gar nicht nötig …

Wenn auch die Belagerer in dieser Hinsicht von irrigen Voraussetzungen ausgingen, so unterlagen in der Stadt mehrere Tausend Männer einer anderen, noch nie erlebten Folter, wenn das so weiterging. Was konnte es Schlimmeres für einen Bauern geben, als keine Saat einbringen zu dürfen und stattdessen hilflos auf fruchtbares, aber brach bleibendes Feld hinausschauen zu müssen.

Glücklicherweise hatte ich dann zwei Ideen, mit denen ich ernstlich Hoffnung fasste.

 Die erste war schon alt. Es gab ja bereits in der ursprünglichen Planung der Stadt Flächen für Parks, Gärten und Getreideanbau. Nun verzichtete ich nur auf die Ästhetik der Parkanlagen, wo dies ohne totaler Dauerverwüstung möglich war, also fast überall, und richtete eine Kleinfeldwirtschaft ein. Außerdem riskierte ich die Umwandlung einiger noch leer stehender Häuser in Ställe. Vor allem an die jungen Schweine hatten sich die meisten Bauern bereits gewöhnt. Ich ließ die Bauern etwas gründen, was man auf der Erde Genossenschaften genannt hätte. Feste Gruppen waren für bestimmte Wirtschaftseinheiten zuständig. Im Prinzip eine echte Landwirtschaft – allerdings würde ich genau planen müssen, wie die Bewirtschaftung im Folgejahr aussehen könnte, damit die Bodenqualität nicht absackte. Zwar war das, was innerhalb der Stadt durch die Bauern auf diese Art geerntet werden konnte, im Höchstfall ein Drittel der benötigten Lebensmittel, aber das überblickten ja die Bauern nicht. Sie wären beschäftigt und erlebten sich mit Vertrautem als nützlich. Ganz nebenbei konnten die ersten Kindergruppen vorführen, was sie an wissenschaftlicher Landwirtschaft erlernt hatten. Sie hatten eigene Felder neben denen der erfahrenen Bauern und waren in Erwartung einer kleinen Sensation sofort mit Feuereifer bei der Sache.

Die zweite Idee war eine echte technische Erfindung. Mein Ausgangsproblem war die Leistungskraft der Replikatoren. Sie waren einfach zu klein für große Objekte. Und eine Großmontage hätte mehr Fertigkeiten bei mir und den Saks, aber auch Korrekturen in den replizierbaren Bauzeichnungen und -teilen erfordert. Dann aber fiel mir eine Möglichkeit ein, selbst aus ungeübten Bauern akzeptable Soldaten zu machen. Die Waffe war so simpel, dass ich selbst fast an ihrer Einsatzmöglichkeit zweifelte und erwarten musste, dass die meisten erst an sie glauben würden, wenn sie ihre Wirkung im Einsatz erlebt hatten.

Im Prinzip sah das Ganze für die Saks vertraut und fast verspielt aus. Jeder Bauer hatte schon Soldaten gesehen mit Schwertern und Schilden. Die Schwerter und Schilde, die ich meine Replikatoren ausspucken ließ, waren allerdings des Ausgabebereiches wegen deutlich kleiner als normal. Mit 45 Zentimeter Länge bzw. Durchmesser schienen sie für Kinder gemacht.

 Die Schwerter waren von höchster Qualität, scharf und recht leicht. Aber im Prinzip waren es trotzdem wirklich nur besonders gute Minischwerter. Anders sah das bei den Schilden aus. Sie sahen eher aus wie Schmuck. Grundmaterial war hartes Holz. Das war außen mit kleinen Pyramiden bedeckt. Jede dieser Pyramiden aber barg eine starke elektrische Ladung – gleich viele positive wie negative. Sie waren sozusagen dafür gemacht, sich bei Berührung durch Metall zu entladen. Wahrscheinlich würde der Träger der Schlagwaffe zwar diese Entladung überleben, aber der elektrische Strom musste ausreichen, um ihm elektroschockartig seine Waffe zu entreißen. Die Stärke des Impulses hing natürlich von der Menge der sich entladenden Pyramiden ab. Insgesamt bedeckte allerdings eine ausreichende Zahl die Schildfläche, um mehrere Angreifer unschädlich zu machen, die dann durch das Kurzschwert ihr gewaltsames Ende fänden.

Wie lange diese Schilde gelagert werden konnten, ohne ihre Wirksamkeit durch Mikroentladungen durch die Luftfeuchtigkeit zu verlieren, verriet mir der Computer nicht mit überzeugender Genauigkeit. Es stand nur fest, dass meine Schildwaffe keinem Regen ausgesetzt werden durfte … und natürlich durfte man die Außenflächen von zwei solchen Schilden nicht aneinanderlehnen.

Jetzt begann die Zeit, in der ich mich über die vermeintliche Aushungerungstaktik der Belagerer freute. Meine Soldaten brauchten eine gewisse Routine im Umgang mit ihrer Bewaffnung. Sie brauchten Training. An Rekruten mangelte es mir nicht. Die einzelnen Genossenschaften konnten ohne Mangel bei ihrer Landbewirtschaftung erst ein und schließlich zwei Drittel ihrer Männer abstellen. Schwieriger war die Ausbildung der Ausbilder.

Die Robbis führten die Griffe exakt wie in einem sich wiederholenden Film vor. Bei ihnen litten ja auch nur die Übungsholzwaffen. Aber so, wie sie miteinander umgingen, durften das die Bauern nicht nachmachen. Richtiger: Einige versuchten es, was für meine Medizin-Mädchen eine große Herausforderung war. Das brachte aber wieder den erhofften großen Trainingssprung. Die im Waffenumgang ungeübten und zum Teil ungeschickten Bauern achteten nun wenigstens auf Eines: Den Schild immer mit der breiten Fläche zwischen sich und dem zuschlagenden Gegner zu halten. Das war eine plumpe, einseitige Kampfweise, aber eine, die genau auf die besondere Qualität meiner Bewaffnung ausgerichtet war, und wahrscheinlich die einzige, die man ohne Fechtmeister vermitteln konnte.

 Meine Überwachungsräume verheimlichte ich weiter. Die einzige Möglichkeit, das Nahen des gegnerischen Heeres zu bemerken, schienen also die Augen der auf der Stadtmauer Patrouillierenden zu sein. Aber so sehr wir auch gespannt waren … die Erntezeit kam heran, ohne dass sich etwas getan hätte.

Die Saks lasen die Wetterentwicklung damals an Farbnuancen des Himmels am Abend ab. Der Sprecher der Gemeinschaft der Genossenschaften war am Abend zu mir gekommen. Seiner Erwartung nach war einerseits für mindestens die nächsten zehn Tage gleichmäßig warmes trockenes Wetter zu erwarten und andererseits war der Weizen derart golden, der müsse doch „knusprig reif“ sein. Er bat darum, mit dem Training zu pausieren und erst einmal ernten zu dürfen.

Was sollte ich tun? Damit die Ernte mit den vorhandenen Kräften ablaufen konnte, hatte ich Sicheln replizieren lassen. Das war ein Rückschritt im Vergleich zu den Sensen, die die Bauern gewohnt waren. Ich konnte ihnen doch aber nicht erklären, dass mir deren Stiele zu lang waren! Die Mädchen, die das kannten und wollten, also richtiger kennen lernen wollten, durften dagegen drei der Mähdrescher verwenden, auch wenn sich bei den Handtuchfeldern der Einsatz großer Technik nicht lohnte. Aber irgendwie waren alle gespannt auf den nächsten Morgen.

Die erste Dämmerung sah fast alle Stadtbewohner auf den Beinen. Doch nach den ersten Meldungen wollten die meisten mit eigenen Augen sehen, was dort am Belagerungsring geschah.

Dieses Bild werde ich nie vergessen. Diesmal drängten an allen Abschnitten Soldaten auf das Feld. Sie sammelten sich zwar mit der gewohnten Bedächtigkeit wie bisher immer, aber diesmal waren es so viele, dass der Hochschildzaun sie nicht verdeckte. Dies, obwohl jetzt auch an den Flanken Hochschilde aufs Feld getragen wurden. Es waren mindestens zehn Soldatenreihen in der ganzen Länge des Ringes, die nun schon vor den Gruben Position bezogen hatten. Langsam, aber unerbittlich rückten sie näher. Nie zuvor hatte ich eine solche Wand der Bedrohung gesehen.

Immer näher kamen sie, immer näher.

  An diesem Morgen entschied ich etwas, was wohl die meisten anderen für eine Verrücktheit gehalten hätten: Ich schickte die, die am Vortag zum Ernteeinsatz eingeteilt worden waren, tatsächlich auf ihre kleinen Felder.

Einige schauten irritiert. Letztlich gingen sie aber. Lange habe ich nicht derart geschwindelt. Ich tat ja so, als beeindruckte mich der gegnerische Aufmarsch überhaupt nicht. Und es konnte nur einen vernünftigen Grund für dafür geben: Wenn mir die Ernte wichtiger war als 100000 anrückende Soldaten, dann konnten die Soldaten ja doch keine so große Bedrohung sein. Das beruhigte …

Natürlich war die Gefahr wirklich noch nicht akut. In dem bisher erkennbaren Tempo würden die Söldner bis zum Abend brauchen, um die Stadtmauer zu erreichen. Bisher war noch nicht zu erahnen, wie sie die dann bezwingen wollten. Also hatte ich zumindest wirklich einige Stunden Zeit.

Mittags hatte die vordere Linie der Belagerer gerade einmal die halbe Strecke zurückgelegt. Und dann schien es nicht mehr weiterzugehen. Ich zog mich also in den vorderen Überwachungraum zurück – Kraft schöpfen, wie ich das nannte. Aber auch, als ich dort die vordere Linie sehr nahe heran zoomte, war nichts Anderes zu erkennen: Die Soldaten mit den Hochschilden machten Pause. Ihre Bemühungen, den Belagerten jeden Blick auf das unmöglich zu machen, was sich hinter ihnen tat, waren jedoch erfolgreich. Ich konnte nichts erkennen. Das änderte sich auch bis zum Abend nicht.

So leid mir das eigentlich tat … in der folgenden Nacht besetzte ich die Stadtmauer mit 200 Bauern unter dem Kommando von 20 Robbis. Ich wollte doch den Bauern gegenüber den Eindruck aufrecht erhalten, die Robbis seien Lebewesen wie Saks oder Menschen wie ich mit Schlafbedürfnis und so und sie selbst seien unverzichtbar für die Verteidigung. Ich sah seltsamerweise noch nicht voraus, wie schnell sie das wirklich sein würden.

Morgens hätte ich dann fast geknurrt, dass ich mir den Aufwand hätte sparen können. Wahrscheinlich hatten die Belagerer nämlich alle geschlafen. Aber natürlich war das mit dem umsonst Unsinn. Die Bauern fühlten sich als wichtige Wachen und gewöhnten sich an militärische Disziplin. Für den Fall der Fälle hatte natürlich auch ein Robbi an den Überwachungsmonitoren gesessen.

Am nächsten Morgen verkürzten die Belagerer den Abstand zur Stadtmauer noch einmal um die Hälfte. Drei Tage später erhoben sich die ersten Hölzer schnell wachsender Gerüste über den Schilderzaun. Oder was das war. Gestelle? Wofür? Nun wurde es wohl langsam ernst.

 Die folgende Nacht war die erste, in der auf dem großen Feld draußen gearbeitet wurde. Während sich die Belagerer um flackernde Beleuchtung ihrer Aktivitäten bemühten, tat ich ihnen nicht den Gefallen sie mit Scheinwerfern zu unterstützen. Wir würden früh genug den Sinn ihrer Werkelei erfahren.

Am Morgen entstand dann die erste Lücke im Zaun. Dahinter wurde ein für Saks-Verhältnisse monströses Gebilde sichtbar. Ich ahnte sofort, was das sein sollte, obwohl irdische frühzeitliche Versuche wenig Erfolg gebracht hatten. Mit scheinbarem Genuss bedienten mehrere Saks ein Gewinde. Eine Art Riesenholzlöffel wurde nach hinten gebogen. Als er die geplante Position erreicht hatte, hievten vier Saks einen Felsbrocken hinein. Ich war beeindruckt. So etwas hätte ich Gigantismus genannt. Eine Sperre wurde gelöst und der Brocken flog tatsächlich bis an den Fuß der Stadtmauer. Einige Soldaten griffen nach vorbereiteten Seilen. Kalaks wurden nach vorn getrieben. Wie übergroße Büffel

Dunkel erinnerte ich mich der Mauerbauweise. Zumindest mehrere aufeinander folgende Treffer an einer Stelle würden mein wunderschönes Schutzbauwerk zum Einsturz bringen. Daran gab es kaum einen Zweifel. Mir blieb also wenig Zeit.

Ich schoss auf eine sich krümmende Bohle. Das sah richtig echt nach Materialschaden aus. Knacks und … nix war mit Löffel belegen. Bei dem Katapult in der Mitte, also dem, das schon den ersten Testschuss abgegeben hatte, konnte ich mir natürlich nicht verkneifen, einem der Salaks den Kopf zu erhitzen. Es brach brüllend wild aus. In gewisser Hinsicht hatten die Soldaten in seiner Nähe noch Glück. Es riss nämlich eines der Seile, sodass das ganze Gestell sich nur drehte und nicht umkippte.

Weiter! Irgendwie hatte ich kindliches Vergnügen bei der Sache. Über vierzig Katapulte hatte ich bereits außer Betrieb gesetzt, ohne dass mein Beschuss als solcher erkennbar gewesen wäre. Das machte mich übermütig. Wie schwerwiegend die folgende Veränderung sein sollte, begriff ich erst am nächsten Tag. Abends feierten wir noch unseren leichten Teilsieg. Mich amüsierte die Vorstellung, dass in der Nacht die Katapulte wieder repariert werden würden, und sich dann das Spiel wiederholte.

Am nächsten Morgen sahen wir aber von der Stadtmauer aus nur eine geschlossene Linie mit Hochschilden. Sie war ein paar Meter dichter herangerückt. Dahinter standen, soweit erkennbar, noch immer die kaputten Katapulte. Ich hätte es ahnen müssen. Es folgte ein Tag, in dem nichts geschah, zumindest keine Kampfhandlungen.

 Am darauf folgenden Morgen flogen 70 Felsbrocken in Richtung Stadtmauer. Also 70 in einer Salve, fast gleichzeitig. Sie flogen diesmal über den Hochschildzaun hinweg. Die Wachen auf der Mauer meldeten mir eine Erschütterung. Das hieß, es war mindestens ein Brocken eingeschlagen. Und wahrscheinlich war er nicht ohne Wirkung geblieben.

Diesmal verstärkte ich die Bauernwache durch zwanzig Robbis. Wir mussten noch drei schwächere, aber besser gezielte Salven über uns ergehen lassen, bevor wir bei jedem Katapult das Gestänge oben so getroffen hatten, dass es vorerst unbrauchbar war. Wir konnten es selbst nicht sehen, aber wir ahnten es: Die Stadtmauer hatte erste sichtbare Wunden davongetragen. Das musste den Eifer der Angreifer anstacheln – selbst, wo sie offenbar bemerkt haben mussten, dass eine ihnen unbekannte unheimliche Waffe bei ihnen Schaden anrichtete.

In der folgenden Nacht nahm ich alle Scheinwerfer in Betrieb. Wo immer sich Holz über dem Schilderzaun zeigte, wurde er so lange beschossen, bis er nicht mehr zu sehen war. Am nächsten Tag legten die Belagerer wieder eine Pause ein.

Später habe ich mir den Kopf zermartert, wann ich anders hätte handeln sollen und ob. Ich war dann überzeugt, mir mehrere taktische Fehler geleistet zu haben, ohne alle benennen zu können. Einer war sicher die falsche Bewertung der Hochschilde. Es war doch so was von offensichtlich, dass die mit normalen Schilden nichts zu tun hatten. Davon konnte es doch nicht unendlich viele geben. Hätte ich also alle Energiereserven für das Zerschneiden dieser Waffe eingesetzte, wäre das alles Andere als Verschwendung gewesen. Dabei hätten mir die Robbis helfen können. Selbst, wenn die Schilde notdürftig mit Stützstangen hinten geflickt worden wären, hätte ich wenigstens das Gefühl der Sicherheit für die Angreifer beseitigt. Ich hätte auch Phots an die Bauern ausgeben können. Aus sicherer Position heraus hätten wir Tausende hilflose Belagerer getötet, dass vielleicht der Rest die Belagerung aufgegeben hätte.

So viel hätte … und wäre … Aber ich habe eben nicht.

  Ich sah so unendlich viele Gründe dagegen! Der aus heutiger Sicht verrückteste war sicher, dass dieser Beschluss ein wüstes Schlachten Wehrloser gewesen wäre. Irgendwelche Reste meiner Ethik aus Erdzeiten ließen mich davor zurückschrecken, obwohl ich mit einer Schlacht und einem Gemetzel dabei rechnen musste. Der peinlichste war natürlich, dass es mir vor den 7000 primitiven Saks auf meiner Seite graute, die ein so verblüffend einfaches Tötungswerkzeug in die Hände bekämen. Was würden sie mit den Geräten machen, nachdem im Mordrausch zehntausende fremde Feinde ihrer kaum merklichen Fingerbewegung zum Opfer gefallen waren?

Und dann begannen die kleinen Gründe. Zum Beispiel, dass eine Replikation von Phots in solcher Masse die Energieversorgung der Stadt tagelang unmöglich gemacht hätte. Es war ja nicht nur der Strahlerkörper zu replizieren, sondern auch die gespeicherten Ladungen. Energie entstand doch nicht aus dem Nichts.

Ich kann es auch kurz so sagen: Photonenstrahler zu verteilen hätte meine Gott gleiche Macht beendet. Jeder beliebige Bauer hätte mit einem Fingerkrümmen nicht nur jeden Saks, der etwas ihm Missfallendes sagen würde, auslöschen können, sondern auch mich. Ich hätte die Saks in jene Erdzeit versetzt, in der die Menschheit voller Selbstzerstörungsmöglichkeiten vor sich hin lebte – ohne jede Reife im Umgang mit der Natur.

Aber war das wirklich das, was mich antrieb? Steckte nicht in mir eine völlig irrationale Hoffnung, dass sich im entscheidenden Augenblick noch eine bisher übersehende Lösung zeigen würde, nach der ich Herrscher meiner Teilwelt bliebe und diese Belagerer, von deren Herkunft und Handlungsgründen ich fast nichts wusste, zogen sich zurück, um nicht mehr wiederzukommen? Nachher sind mir so viele Entschuldigungen eingefallen, dass ich jetzt nicht mehr weiß, was mich tatsächlich zu dem letztlich so folgenschweren Handeln getrieben hat. Vielleicht hatte ich mich in meiner Überheblichkeit nur einfach überhoben, meinen Gegner unterschätzt und ich war mit eine solchen Situation schlicht überfordert …

Auf jeden Fall leisteten die Belagerer während der Kampfpause Gewaltiges. Im Schutz ihres tragbaren Zaunes bauten sie ihre Katapulte um oder bauten neue. Die am Morgen des nächsten Kampftages eingesetzten schossen weiter über den eigenen Zaun hinweg. Stell dir das vor: Obwohl sie die Art meiner Waffentechnik nicht ahnen konnten, hatten sie erfasst, dass sie beschossen worden waren, und eine Lösung des Problems gefunden: Kleinere Steinschleudern. So viel kleinere, dass ich nicht mehr direkt auf sie zielen konnte.

Es dauerte eine Weile, bis sie sich eingeschossen hatten. Die Wirkung, die die nun verwendeten wesentlich kleineren Brocken erzielten, war im Einzelnen bescheiden. Aber jede Beschädigung der äußeren Stadtmauerfläche war von meiner Seite aus nicht zu reparieren. Die Angreifer konnten sie erkennen und feiern – schon die ersten drei Salven blieben offensichtlich nicht total ohne. Auch, wenn ich die wesentlichen Truppenbewegungen hinter dem Schilderzaun nicht sah, konnte ich einige erahnen. Offensichtlich hatten sich die unsichtbaren Kanoniere für vier Stellen entschieden, an denen sie die Masse der Katapulte zusammengezogen. Dort flogen deutlich mehr Brocken gegen die Mauer als anderswo. Sollte die Munition der Angreifer ausreichen – und warum sollte sie das nicht – konnte es nicht lange dauern, dann würde mein Mauerwerk nicht mehr standhalten.

Nun versuchte ich nachzuholen, was ich bisher – zumindest in der Konsequenz – versäumt hatte. Ich versuchte die Deckungen zu zerstören. Nach zwei Stunden gab es keinen verwendbaren Phot mit Dauerstrahl mehr. Das kostete die Belagerer 14 Hochschilde, die Saks, die sich dahinter verborgen hatten, und viele Katapulte auch. Bei der Masse an Belagerern war das aber nicht einmal ein Teilerfolg, weil offenbar genügend Reserveschilde vorhanden waren, um die Lücken schnell wieder zu schließen.

Ich probierte verschiedene Einstellungen an den normalen Phots aus … und ich fand eine relativ günstige. Wenn ich bei dieser Fixierung in Höchstleistung dreimal hintereinander abdrückte, brannte das aus den Schilden Löcher von 15 bis 20 Zentimetern Durchmesser heraus. Klar, dass dies nicht nur ein paar dahinter verborgene Saks tötete, sondern auch für Verwirrung sorgte, da nun die Robbis sich nach meinen Vorgaben an dem Beschuss beteiligten.

Am Abend waren die Speicher aller Phots leer, aber nur noch knapp ein Drittel aller Schilde hatten kein Guckloch. Glücklicherweise ahnten die Belagerer nichts von meiner Schwäche. Wer weiß, was sie dann unternommen hätten. Mir reichte schon, dass sie offenbar eine Katapultnachtschicht einlegten. Es war ja nicht zu kompliziert, im Dunklen eine Mauer zu beschießen.

Das Schicksal meinte es nicht gut mir mir in dieser Nacht. Ausgerechnet in einer so wesentlichen Situation fiel einer der Replikatoren aus. Sollte ich zugeben müssen, woher im Wesentlichen das Abendbrot und Frühstück der Bewohner stammte?

In einer Überschlagsrechnung stellte ich fest, dass die aktuelle Replikationskapazität für etwas mehr als Phots für alle Robbis reichen würde. Dieses etwas Mehr brachte mich auf den alles entscheidenden Einfall.

Auf der Stadtmauer wachten diesmal nur Bauern. Ich hatte eine Zeichnung angefertigt, an welchen Stellen die Belagerer hofften, die Stadtmauer sturmreif zu schießen. Ich fand drei Stellen, die besonders weit von diesen Punkten entfernt lagen. Ich nahm an, dass die gegnerischen Truppen bereits auf einen Sturm hin konzentriert und formiert wurden. Entweder kannten sie dabei keine Enterhakentechnik, oder – war mir inzwischen als das Wahrscheinlichere erschien – ihre Offiziere hatten zurecht beobachtet, dass wir dagegen eine überlegene Verteidigungstechnik besaßen.

Nun aber arbeiteten die Robbis die Nacht durch. Mir war eingefallen, dass der Mauer das solide Fundament fehlte. Das, was normalerweise ein tödlicher Mangel war, sollte mir nun zum Vorteil gereichen. Die Robbis gruben nämlich einen Tunnel unter der Stadtmauer hindurch. Mein Computersystem hatte die Machbarkeit des Projekts genau berechnet. Jeder Punkt war bestimmt. Ein Robbi musste sich opfern. Der sogenannte Tunnel war ja ein Witz, eigentlich gerade einmal ein Gang, durch den eben dieser Robbi sich schlängeln konnte. Seine Aufgabe war so absurd wie verblüffend: Er baute auf der anderen Seite der Stadtmauer zwei Sprengkreise auf. Der eine würde die Belagerer beschäftigen, der andere, wichtigere, würde die Stadtmauer zum Einsturz bringen … und zwar mit der Sturzrichtung nach draußen. Nachdem dies gelungen war, ohne dass es von den Belagerern bemerkt worden wäre, wiederholte mein Maulwurf-Robbi seinen Einsatz noch an den beiden anderen berechneten Punkten.

  Nein, unwichtig war der erste Sprengring nicht. Sollte er den Zaun der Belagerer nicht beseitigen, dann war der Kampf wahrscheinlich verloren, bevor er richtig begonnen hatte.

Eigentlich war das alles grob gesagt eine verrückte Konstellation: Auf einer Seite etwa 100000 ausgebildete Söldner mit der Bewaffnung ihrer Zeit und Erfahrung im Kampf. Auf der anderen Seite etwa 5000 Bauern ohne Kampferfahrung, aber hoffentlich überlegener Technik, unterstützt von 50 Robotern mit kleinen handlichen Photonenstrahlern und dem Vorteil der totalen Überraschung.

Am nächsten Morgen geschah unsererseits nichts. Wir bangten natürlich, dass die Sprengsätze bemerkt werden könnten. Diese Sorge war aber überflüssig. Man achtet fast nur auf etwas, was man kennt und erwartet. An den Monitoren gab ich zu, dass selbst ich nur etwas bemerkte, weil ich wusste, was ich wo suchen sollte.

Wir ließen die Bauern in Ruhe frühstücken und sich dann in Hundertschaften aufstellen. Alle Hundertschaften wurden von einem aus ihren Reihen kommandiert. Sie unterstanden allerdings an den drei vorgesehenen Ausbruchsfronten je einem Robbi. Die restlichen Robbis hielt ich in Reserve.

Draußen schossen sich die Belagerer offenbar gerade ein. An der linken Flanke hörte man in kurzen Pausen gelegentlichen Freudenrufe. Wahrscheinlich bröckelte dort etwas ab. Ich setzte gerade auf diese Begeisterung. Eigentlich hätten sie doch stutzen müssen, warum wir uns nicht irgendwie aktiv verteidigten.

Beim Betrachten der gegnerischen Reihen gestand ich übrigens meinen Anfangsfehler ein. Nur ungefähr die Hälfte der Schilde war unversehrt. Die anderen wirkten irgendwie erheiternd provisorisch. Notdürftig waren kurze Bretter über und wahrscheinlich unter die großen Löcher montiert. Immerhin funktionierten sie noch als Sichtschutz …

Der Countdown begann. Ich kontrollierte die Bereitschaft meiner Amateursoldaten. Immerhin sollten die gleich über Geröll durch eine Staubwolke stürmen und dabei Ordnung halten. Sie wirkten aber wie begeisterte Jungen vor einem Wettrennen. Also drückte ich den ersten Auslöser.

  Ich hatte auf einen Plastiksprengstoff zurückgegriffen, wie er in grauer Vorzeit verwendet worden war. Er war aber so montiert, dass er seine Wirkung gerichtet entfaltete, logischerweise in Richtung der Belagerer. Die Hälfte aller Hochschilde fegte er dann wirklich mit einer Druckwelle wie Papier in die Luft. Die Hauptkraft des Sprengsatzes an der Mauer richtete sich wie die kleinere gegen die Soldatenmassen auf dem Feld. Trotzdem wurde ein großes Mauerstück regelrecht zerrissen, ja zerstäubt. Der Rest stürzte in sich zusammen. Eine undurchdringlich scheinende Wand aus Staub ersetzte an der Flanke vorübergehend die ehemalige Stadtmauer.

Unmittelbar nach der Explosion folgte das Geheul meines Robbi-Offiziers. 1000 Soldaten stürmten hinter ihm her durch die aufgewirbelten Teilchen. Sie trugen einen Gesichtsschutz, den ich frühzeitlicher Imkerkleidung abgeguckt hatte. Imker hatten auf der Erde ein Insekt bewirtschaftet, das eine zuckerartige Masse produzierte, aber unangenehm stechen konnte – vor allem, wenn mehrere zusammenkamen.

Unser Angriff hatte etwas in vielerlei Hinsicht Gespenstisches. Die Explosion für sich genommen reichte schon, um den Überraschten einen gewaltigen Schrecken einzujagen, und Tote hatte es eine Menge gegeben. Die Belagerer bekamen keine Bedenkzeit, zu verstehen, was überhaupt passiert war. Noch in das vorübergehende Chaos hinein spuckte die Mauer wild brüllende Kämpfer aus. Es gab keine feste Linie, durch Mauerstücke Verletzte versperrten Unversehrten die Sicht. Ehe die Belagerer, die ursprünglich an diesem Mauerabschnitt eingesetzt worden waren, sich neu formieren konnten, hatten sich meine Bauern in einen regelrechten Blutrausch gesenst. Anders konnte man das nicht sagen. Wie mit Sensen mähten die wirklich superscharfen Schwerter alles nieder, was sie erwischten. Die ersten Versuche zurückzuschlagen verstärkten die Verwirrung noch. Nun stoben Funken durch die Luft. Gegen die, die gerade ihre Schwerter benutzt hatten, schien ein Bann gesprochen. Sie regten sich nicht und ließen sich widerstandslos die Köpfe abschlagen.

Das, wovor ich ursprünglich zurückgeschreckt war, trat nun ein: Ein Massaker. Ausgeführt von meinen Bauern im Kampf. Auf jeden Fall waren mehr als 5000 der Belagerer gefallen, bevor es Opfer auf meiner Seite gegeben hätte. Dummerweise machte das leichte Siegen meine Bauern unvorsichtig. Sie fingen an, die Schwerter zu schwingen, als wollten sie Getreideähren köpfen. Und anstatt dazu überzugehen, den Gegnern den ersten Schlag auf die kleinen, aber aufgeladenen Schilde aufzuzwingen, ermöglichten sie es den erfahreneren Soldaten, sich mit ihren Waffen gegen die eigentlich im Kampf Mann gegen Mann auf engem Raum gut geeigneten Kurzschwerter zu wehren. Und so traten die ersten Katastrophen auf. Beim Zusammenprall von Schwertern, bei denen die der geübten Belagerer die deutlich schwereren waren, verloren meine Männer ihre Kurzschwerter einfach aus den Händen. Ein Bild, über das sich jeder Witzfilmer gefreut hätte. Nur das es hier wirklich um Leben und Tod ging. Einige Bauern waren wenigstens so gewandt, sich hinter ihren kleinen Schilden zu verbergen. Immer mehr gaben jedoch Körperfläche frei. Sie fielen beim nächsten Schlag.

Vom mittleren Abschnitt des Belagerungsringes aus formierten die feindlichen Offiziere ihre Truppen neu. Von meiner erhöhten Position aus beobachtete ich mehrere Einheiten, die dazu ins weite Feld auswichen. Es war nur eine Frage der Zeit, dass sie die Front meiner Bauern von der Seite her umschlangen.

Es wurde Zeit für den zweiten Ausbruch. Zuvor beorderte ich zehn der Reserverobbis mit Phots aufs Feld. Mit einer gnadenlosen ununterbrochenen Ballerei sollten sie jede Umgehung meiner Bauern verhindern. Kaum waren die durch die Öffnung in der Stadtmauer gestürmt, löste ich die zweite Zündung auf der gegenüberliegenden Seite aus.

Im Prinzip wiederholte sich all das, was bei der ersten Explosion passiert war. Leider gab es doch Unterschiede. Die lagen einmal in der Grundhaltung. Bei der ersten Sprengung erwarteten die Belagerer nichts. Diesmal waren sie konzentrierter. Wichtiger aber war, dass eine Umformierung der Kräfte begonnen wurde. Das hieß praktisch, dass mehr kampfbereite Soldaten weiter von der Stadtmauer entfernt gestanden hatten. Deren Formationen aber hatten die Explosionen nicht aufgelöst. Nur ein paar Tausend Soldaten, die sich plötzlich ihres Schildschutzes beraubt sahen, wurden von der Welle meiner vordringenden Bauernsoldaten ungeordnet überrannt.

  Die gegnerischen Offiziere sorgten für eine bessere Verteidigungsposition. Mein Robbi ließ stoppen. Das sich ihm bietende Bild entsprach nicht meinem Programm. Darin war nirgends vorgesehen, mehrere Tausend Söldner anzugreifen, die Schild an Schild kampfbereit standen. In dieses Zögern hinein flogen plötzlich die ersten Steinbrocken. Die kleineren Katapulte waren leichter zu bewegen und hatten in der Ballung von Angreifern ein gutes Ziel. Und es gab Treffer und Verwirrung unter meinen ursprünglich 1500 Bauernsoldaten. Das Schlimmste aber war, dass ein Stein den Robbi traf und außer Betrieb setzte.

Eigentlich hätte die dritte Explosion mit dem ihr folgenden Ausbruch dem Gegner den Rest geben sollen, wenn kein dritter Ausbruch mehr erwartet werden konnte. In der Lage, wie sie sich im Augenblick darbot, musste ich aber sofort alle Reserven aufbieten, um meine Truppen nicht hoffnungslos flüchten zu sehen.

Der dritte Krach stoppte dann auch wirklich erst einmal die Formierung der gegnerischen Truppen an den Flanken. Am meisten verwirrt über die Situation waren die Katapult-Kanoniere. In welche Richtung sollten sie schießen? Über der Stelle neben dem mit der Grube blockierten Stadttor erhob sich eine undurchdringliche Staubwolke. Sie hörten Gebrüll. Sie vermuteten sicher, Opfer eines Ablenkungsmanövers geworden zu sein. Was auch immer sie letztlich bewegt haben mochte – sie schossen nicht in den nächsten Augenblicken.

Inzwischen kämpften alle Bauernsoldaten. Der Frontalangriff funktionierte zumindest in dieser Anfangsphase. Ich hatte den Bauern die Fehler der ersten Ausbrecher erklären können, ich hatte sie an die Bewegungen erinnert, die sie doch reichlich trainiert hatten, und sie hielten sich daran.

Leider nicht nur das. Die offensichtlich erfolgversprechende Offensive verführte die Hundertschaftsführer des zweiten Ausbruchs, sich praktisch der Hauptfront seitlich anzuschließen. Was sie aber nicht berücksichtigten: Mehrere tausend geordnet aufgestellte Söldner warteten in der ursprünglichen Stoßrichtung meiner Front zwei auf ihren Einsatzbefehl. Deren Unteroffiziere waren zum Stab geschickt worden. Ich nahm jedenfalls an, dass sich in dem sichtgeschützten Gestell so etwas wie ein Stab befand. Mehrere Söldner, wahrscheinlich Unteroffiziere oder Boten, rannten plötzlich von dort in Richtung ihrer Frontabschnitte. Die meisten erwischte ich mit meinem Phot, bevor sie ankamen. Aber nicht alle.

Ein Teil dessen, was sie als Botschaft mitbrachten, war sofort zu erkennen. In der Mitte der Belagerungstruppen setzte eine Rückzugsbewegung ein. In Anbetracht der Gesamtlage war aber ein echter Rückzug unwahrscheinlich. Es konnte sich nur um ein taktisches Manöver handeln. Aus dem insgesamt noch immer ungeordnet zurückweichenden Soldatenhaufen, den meine Bauern immer fester umschlangen, sollten so viel Kampffähige wie möglich neu formiert werden. Außerhalb des Getümmels. Im schlimmsten Fall fielen diese Soldaten dann von der Seite und hinten gleichzeitig über die ihnen zahlenmäßig unterlegenen Angreifer her.

Ich sah mich um. In der Stadt hatte ich noch zwanzig einsatzbereite Robbis mit Phots und die Kinder.

Die Kinder?

Meine Mädchen!

Noch einmal versuchte ich mir ein Bild vom Stand der Schlacht zu machen. In der nächsten Stunde würde wahrscheinlich die erste Front zusammenbrechen. Die Robbis hatten ihre Phots leergeschossen. Einige spielten noch die Recken. Sie schwangen Schwerter und hatten bisher noch das Schlimmste verhindert. Aber auch solche Maschinen war verletzlich, gerade, weil sie in menschenähnlicher Gestalt konstruiert waren.

Die zweite und die Hauptfront rückten noch vor, hatten allerdings den Schildbonus verloren. Die ersten waren bereits gefallen. Wenn ich der zweiten Front nicht umgehend den Rückzug befahl, boten meine Bauernsoldaten in Kürze den geordneten Reserven des Gegners den Rücken zum Dreinschlagen.

Es blieb nur wenig Zeit bis zur Entscheidung.

Hast du schon einmal am Abgrund gestanden und dir ganz plötzlich an die Stirn geschlagen, warum du das Nächstliegendste hattest übersehen können? Dies war für mich ein solcher Moment. Und es schien gerade noch möglich, schnell rettend einzugreifen. Als erstes schickte ich zehn der Robbis vor. Sie sollten die Phots so einsetzten, dass wenigstens kurzfristig die gegnerischen Truppenreserven nicht in den Zangenkampf eingreifen konnten.

Wenig mehr als fünf Minuten später heulten Motoren auf.

Ich dirigierte die drei Bulldozer nach vorn. Sie waren hochwertig, stark. Nun musste sich zeigen, ob auch stark genug. Denn bevor ich meine landwirtschaftliche Monsterflotte einsetzen konnte, musste zwischen den Schuttresten der Stadtmauer ein Weg frei geschoben werden.

  Aber irgendwie hatte ich Vertrauen zur Qualität meiner Explosionen …

Natürlich lag in dem, was ich mir vorstellte, ein gewaltiges Risiko. Die Bauern, die seit Monaten in der Stadt gelebt hatten, hatten die Fahrzeuge zwar schon in Aktion gesehen, viele hatten sie bei der Ernte erlebt. Dabei hatten sie sie im Prinzip auch gehört. So hoffte ich, dass sie die auftauchenden „Monster“ als zu ihnen gehörig erkennen und sich nicht von ihnen beirren lassen würden. Für meine Absichten mussten die Motoren aber einen ohrenbetäubenden Krach von sich geben. Den aber hatte noch niemand erlebt.

Gleich im ersten Einsatz zeigte meine Technik eine tolle Leistung. Der gesamte Schutt wurde zur Seite gedrückt wie trockener Sand. Die Bulldozer glätteten den Weg so, dass es für die Nachfolgenden zu keiner Stockung kam. Mit voller Kraft fuhren die Mädchen auf die bis dahin noch oder sollte ich eher sagen schon ordentlich formierten Truppenteile des Gegners zu. Die Geräuschverstärker waren auf Maximum eingestellt. Die Mädchen hätten das nicht ohne Ohrschützer ausgehalten. Die Kolonne schwärmte sofort aus. Auf den wenigen Mähdreschern hockten Robbis, die die Strahlen ihren Phots in die Soldatenmassen hineinhielten. Es musste ja garantiert sein, dass die Haspeln nicht versagten. Die Messerbalken waren höchstmöglich über dem Boden eingestellt. Robust waren die Maschinen auf jeden Fall. Soldaten zu überfahren war technisch unkompliziert. Hier ging es aber um Soldatenmassen, die niedergemäht werden sollten. Irgendwie hatte ich auch noch die Hoffnung, dass das Bild der auf den Monstern sitzenden zarten Mädchen den Spukeffekt sogar noch verstärken würde. Die Zeit, die den Bedrängten blieb, um sich zu einer Handlung zu entscheiden, war minimal, längst verstrichen, bevor sie handeln konnten.

Der Krach erfüllt schließlich auch seine praktische Aufgabe: Er verhinderte jede Kommunikation der Soldaten. Selbst bei größter Anstrengung konnten sich die Offiziere nichts zurufen, von Kommandos ganz abgesehen. Mir blieben noch die Funksignale über die Kopfhörer beziehungsweise direkt in die Datenbahnen der Robbis.

Nur dort, wo noch mit Schwertern gekämpft wurde, ging es auch für meine Truppen um die Verständigung über Sichtkontakt. Wahrscheinlich wurde selten so selbstvergessen gekämpft.

Es war eine Sache von Minuten, da war jede militärische Struktur aufgelöst. Die Formationen, die bisher die größte Bedrohung für meine kleine Truppe bedeutet hatten, behinderten sich gegenseitig. Eine chaotische Flucht, bei der der Tod reiche Ernte fand.

 Problematischer war die Situation ausgerechnet dort, wo die Belagerungssoldaten von meinen Bauernkämpfern in die Zange genommen worden waren. Hier hatten die Gegner eine solche zahlenmäßige Übermacht, dass die Erschöpfung meiner wenigen Kämpfer immer mehr zum entscheidenden Faktor wurde.

Ich war aber nicht untätig. Zum einen konnte ich an meinen Monitoren die Situation auf dem gesamten Schlachtfeld so gut beobachten wie sonst niemand. Ich war also gewarnt, konnte meine Landwirtschaftsflotte immer an die wichtigsten Punkte dirigieren. Sie hörten meine Stimme in ihren Kopfhörern. Ich hatte noch vier Robbis in Reserve. Einen nach dem anderen schickte ich nun an dramatische Kampfpunkte. Dabei ließ ich eine Linie ohne Nachschub. Tatsächlich brach dort ein Haufen wie irr kämpfender Soldaten durch den dünnen Ring. Darauf hatte ich nur gewartet. Ich hätte ja die Fahrzeuge nicht direkt in die eigenen Reihen fahren lassen können. Nun steuerten nicht nur die Messerbalken mitten in geballte feindliche Massen.

Die folgende halbe Stunde war die verrückteste meines Lebens. Einen organisierten Gegner gab es nicht mehr. Es lebten aber noch etwa 30000 feindliche Soldaten, die sich nun einer Lautsprecherbeschallung ausgesetzt sahen. Immer wieder hörten sie nichts anderes als sie sollten ihre Waffen wegwerfen und die Aufforderung an die bewaffneten Bauernkämpfer, sie möchten sofort zurückweichen und die, die ihre Waffen weggeworfen hatten, am Leben lassen. Allerdings waren auf meine Seite nur noch ungefähr eintausend Bauern kampffähig. Es existierte keine Front und außer meinen Monitoren und Sprechverbindungen keine Kommunikationsmöglichkeit. Die überlegene, aber kopflose Übermacht gegnerischer Soldaten sah jeweils um sich herum viele der noch kämpfenden eigenen Männer, hörte aber nichts als die Beschallung eines im Wesentlichen unsichtbaren Gegners, vermutete also, dass wahrscheinlich meine Truppen an eine anderen Stelle des Schlachtfeldes versammelt waren, sah gelegentlich dröhnende Monster auf sich zukommen … Und so warfen immer mehr Saksmänner ihre Waffen weg und sahen sich abwartend um. Irgendwoher musste ja das Heer kommen, das sie besiegt hatte. Oder richtiger: Irgendwo musste es sein, obwohl man nur recht wenige Gegner sehen konnte. Sollte man sein Leben retten, indem man die Waffen streckte?

  Wenn ich die verfügbaren Energiereserven der Phots und die Kampfkraft der überlebenden Bauern zusammenrechne, wäre meine Restarmee von der gegnerischen sogar allein mit Muskelkraft zu vernichten gewesen. Mir blieb nur ein einziges Plus: Das Chaos und mein Überblick.

Wenigstens Teile meiner Bauernarmee erfasste die Gefahr, in der sie schwebten. Sie sammelten sich, wenn der Ausdruck bei den mageren Resten der ursprünglichen Massen überhaupt verwendet werden kann, hinter den Fahrzeugen.

Die wichtigste Aufgabe hatten die Bulldozer. Ich hatte sie bereits völlig aus dem Kampfgeschehen ausgeklinkt. Sie taten nichts anderes mehr als Massen zusammenzudrücken. Massen von liegenden Saks und Waffen. Mal pressten sie Haufen, mal drückten sie alles, was sich schieben ließ, in die Gräben am Rande des riesigen Schlachtfeldes. Schwer zu sagen, wie viel Tausend verletzte Saks dem zum Opfer fielen. Aber die Zeit raste. Es kämpften nur noch unbedeutende Reste. Hätte irgendein Offizier des Gegners die tatsächliche Lage begriffen, wären wir verloren gewesen. Zumindest musste verhindert werden, dass die in ausreichender Zahl herumliegenden Waffen aufgehoben werden konnten. In dieser Situation scheuchte ich die Robbis durch die Massen auf Jagd nach Saks, die wie Offiziere wirkten. So viele wie möglich mussten sterben.

Immer mehr flauten die tatsächlichen Kämpfe ab. Immer näher kam der Moment, an dem ich entscheiden musste, was mit den gegnerischen Massen geschehen sollte. Immer mehr entstand eine unheimliche Situation: Zig Tausend nun unbewaffnete Männer auf einem Haufen. Umkreist von dröhnenden Kolossen. Eine Stelle war schon vorbereitet. Dort war der Graben zugeschüttet, der vor der Schlacht ausgehoben worden war, um eine panische Fluchtbewegung unmöglich zu machen. Obwohl viele diese Stelle sahen, wagten sie nicht, loszulaufen. Und ich konnte sie nur panisch davonrennend an dieses Feldstück heranlassen. Dort lagen genug Waffen, um meine Verteidigung zu überrumpeln.

Plötzlich fasste ich einen Entschluss. Ich ließ die Fahrzeuge halten und schaltete die Beschallung ab. Eine gespenstische Ruhe trat ein.

Nichts geschah. Ich wartete erst einmal jene Augenblicke ab, in denen die Ohren der Kämpfer noch vom Restlärm verstopft waren. Dann schaltete ich die Lautsprecher ein. Ihre technische Kraft reichte aus, um dreimal Zehntausend Männer zu erreichen. Eine Rede …

 „Saks, die ihr gewagt habt, gegen mich in den Kampf zu ziehen: Ihr steht jetzt vor der wichtigsten Entscheidung eures Lebens. Jeder, der bereit ist, sich in meinen Dienst zu stellen, kann dies jetzt tun. Er bleibt einfach stehen und wartet ab. Besonders mutige Soldaten, die künftig Kommandeure werden wollen, gehen zu den einzeln stehenden Monsterbrüller am ehemaligen Stadttor. Zuvor treten alle vor, die bisher Offiziere und Unteroffiziere waren. Sie sammeln sich am linken Ende der ehemaligen Stadtmauer. Wer abziehen will, verlässt das Schlachtfeld über den zugeschütteten Graben, bevor die schiebenden Brüller ihren nächsten Ton von sich geben … Diejenigen, die anderen ein Kommando geben, egal welches. werden sofort erschossen. Gesprochen wird nicht.“

Wie zur Untermalung heult der Geräuschverstärker der Bulldozer kurz auf, um wieder wie abwartend zu schweigen.

Sekunden des Zitterns begannen. Hatte ich Falsches vorgeschlagen? Hätte ich diejenigen, die auf meine Seite übertreten sollten, zum Vortreten, zur Seite Treten oder überhaupt zu einem Schritt auffordern sollen? Meine Ankündigung würde ich beim besten Willen nicht einhalten können. Aber ahnten das die jetzt fast durchgängig Unbewaffneten?

Die Soldaten sahen mich nicht. Ich sah die meisten von ihnen. Für die Soldaten unsichtbare Phots waren auf sie gerichtet. Einer der Offiziere trat einen Schritt vor, hob eine Hand … Schon sank er, geräuschlos getroffen zusammen. Die Lautsprecherstimme verkündete: „Auch Gesten sind Kommandos.“

Weitere Sekunden vergingen. Abwarten. Die einzigen, die sich bewegten, waren einige meiner Robbis. Die versuchten die Bauern dazu zu bewegen, das Schlachtfeld zu verlassen. Dort blieben nur Leichen, Verwundete und Belagerungssoldaten. Kleine Trupps meiner Anhänger sammelten sich hinter den Maschinen, die anderen zogen sich in die Deckung der Stadtmauerreste zurück.

Der einzige positive Unterschied zum Beginn der Schlacht war aus meiner Warte, dass es für die bisherigen Belagerer keinerlei Deckungen gab außer einem eventuellen Vorder- oder Hintermann. Auch in der trügerischen Stille war auf ihrer Seite keine Kommunikation möglich. Hoffte ich zumindest.

Noch immer tat sich nichts.

„Diejenigen Offiziere, die nicht bei fünf auf dem Weg zum Sammelplatz der Offiziere sind, sind von diesem Augenblick an zu einfachen Strafarbeitern degradiert. Eins … Zwei …“ Der Schall des Lautsprechers übertönte alles. „Drei …“

„… Vier …“

Ich machte von Zahl zu Zahl eine längere Pause. Jetzt, nach der Vier, traten drei Männer vor. Obwohl sie verunsichert fast nur trippelten und jede Geste vermieden, die als Kommando hätte gedeutet werden können, wirkten ihre Schritte als Signal. Bedrohlich drängten immer mehr Männer aus dem dichten Pulk hervor. Immer mehr …

Die Zahl der Saks-Männer, die sich als Offiziere outeten, reichte schnell aus, um einen Überraschungsangriff auf die lächerlichen Reste meine Armee zu unternehmen. Zu Anfang hätten sogar die bloßen Hände gereicht. Ein Schlachtruf und die Massen hätten sich in Bewegung gesetzt. Ich hätte keine Chance gehabt.

Die letzten des mehrere Hundert umfassenden Offizierskorps waren etwa 50 Meter von ihren Soldaten entfernt.

Meine Gedanke jagten sich in rasendem Tempo. Dasselbe fürchtete ich bei den gegnerischen Offizieren. Mindestens bei denen. Sollten sich noch weitere zwischen den Massen verbergen, so waren dies sicher Feiglinge ohne Bedrohungspotential für mich.

Sollte ich aber diesen Männern trauen, die eben noch die Belagerung geführt hatten? Vor allem: Sollte ich diesen Männern trauen MÜSSEN? Warum hatte niemand das Rückzugsangebot angenommen? Das konnte nur die Angst vor strengster Bestrafung sein. Vielleicht mit dem Tod. Aber was würde geschehen, wenn diese Offiziere die tatsächlichen Kräfteverhältnisse begriffen? Zur Loyalität mir gegenüber hatten sie keinen Grund.

Und noch während mir solche Überlegungen durchs Hirn rasten, immer wieder im Kreis, formulierte mein Mund bereits Kommandos in die Kopfhörer.

„Und … Feuer!“

Es war das kürzeste und erbarmungsloseste Massaker der Schlacht. Alle nutzbaren Phots feuerten mit maximaler Kraft auf jede Bewegung des kleinen Offizierstrupps.

Eines hatte ich richtig eingeschätzt: Die Liebe der Soldaten zu ihren Offizieren war nicht groß genug, um sie zu deren Schutz losrennen zu lassen. Entsetzen herrschte vor, bannte jede Regung.

Es war keine halbe Minute vergangen, da stand keiner der Offiziere mehr.

Ein paar Phots waren nun auf die Soldaten gerichtet.

Die Lautsprecherstimme ertönte: „Soldaten! Euch wird nichts geschehen! Habt Geduld! Ihr werdet noch heute zu essen bekommen!“

  Eine gewagte Ankündigung: Würden die noch etwa vier Stunden Tageslicht ausreichen, 30000 Mann zu versorgen? Die Replikatoren waren hoffnungslos überfordert.

In gewisser Weise war die Schlacht also noch längst nicht beendet.

Ein logistisches Abenteuer begann. Im Hinterraum der Küche standen vier Robbis an den Replikatoren. Der Einfachheit halber wurden gleich mit heißer Kartoffelsuppe gefüllte Tröge repliziert. Zwei Robbis schleppten sie vor in die Küche, dazu Teller und Löffel. Immer wieder neue. Und was sollte ich anderes tun? Immerhin lebten noch ungefähr dreitausend Frauen in der Stadt. Sie verfügten über gleichfalls replizierte elektrische Rollwagen, von denen sie die Tröge draußen nur herunterheben brauchten bzw. dies Soldaten machen lassen. Ich hoffte, auf solche Weise fünfzig Tröge aufs Feld zu schaffen. Es gehörte einiger Mut bei den Frauen dazu, vor allem bei den ersten. Da begleiteten dreißig Frauen einen Trog. Eine kellte bis zur Erschöpfung in Teller, die andere erhielten. Allmählich begriffen die Soldaten, dass die Suppe wirklich für sie war. Die Überraschung war doppelt, als sie bemerkten, wie viel Fleisch sie enthielt.

Die Sorge, die ausgehungerten Männer könnten einfach über die Frauen herfallen, erwies sich als unbegründet – zumindest in dieser Situation. Den ganzen Abend lang lief die ungewöhnliche Speisung. Das Einzige, was mir wachsende Sorgen bereitete, war die Anzeige der Energiereserven. Die Fütterung verhinderte den Ersatz der Waffen. Dieses Risiko ging ich aber bewusst ein. Einen Sturmangriff hätten wir wahrscheinlich auch mit einsatzbereiten Waffen nicht überstanden. Wir mussten also darauf setzen, dass die Soldaten uns für überlegen hielten – und sei es aus unbegreiflichen Gründen. Je mehr Tröge angefahren worden waren, umso mehr beruhigte sich die Lage. In Ermangelung der gewohnten Befehle gehorchten die Soldaten meinen Marketenderinnen.

Aber um ehrlich zu sein: Am liebsten hätte ich was ins Essen gegeben. Es war schon ein grausiger Anblick, als die Soldatenmassen sich dann in der Dunkelheit einfach auf den Boden legten, teilweise aneinander, vielleicht neben Leichen, bestimmt nicht weit von ihren eigenen Ausscheidungen.

 Im Schutz der Dunkelheit, teilweise begleitet von demonstrativ das Feld bestreichenden Scheinwerferkegeln, zogen sich alle meine Reste, vor allem die Fahrzeuge, hinter die Stadtmauerlinie zurück. Ich gab Aufputschpillen aus. Männer, Frauen und Kinder mussten ein Wunderwerk vollbringen. Mit den letzten Energiereserven wurden Mauerstecksteine repliziert. Meine Saks schleppten, was das Zeug hielt. An der Mauerlinie leisteten sie sich ein Kinderspiel: Sie bauten die Mauer wieder auf aus eben ineinandergefügten Leichtbausteinen. Nicht verfugt und so, logisch. Bereits mit einem Vorschlaghammer durch einen einzelnen Mann zu Einsturz zu bringen … Aber das würde man dem Bauwerk nicht ansehen. Wichtig war nur eines: Wenn die Soldaten am Morgen aufwachten, mussten sie das Gefühl haben, ein Wunder zu erleben. Den anderen Teil Wunder vollbrachten die Bulldozer. Sie trieben die Haufen von Waffenmüll und Leichen während der Nacht zusammen und bedeckten sie mit Erde. Natürlich nächtens ohne Geräuschverstärkung. An der Stelle, an der sich die Offiziere hätten sammeln sollen, entstand notdürftig ein Schuttberg.

Morgens begrüßte die Soldaten draußen Musik und dann eine Lautsprecheransage. Wieder die Aufforderung, Geduld zu haben.

Dabei war diese Aufforderung für mich und meine Städter mindestens genauso schwer einzuhalten. Natürlich konnten wir nicht sagen, ob einige der Soldaten draußen im Schutz der Nacht geflohen waren. Natürlich wäre es die einfachste Variante gewesen, wenn möglichst viele dies noch schnell getan hätten. Selbst wenn sich ein Großteil von ihnen zu marodierenden Räuberbanden zusammengeschlossen hätte – weil ihnen die Heimkehr nicht möglich war.

Das Wetter war erträgliches, trockenes Herbstwetter. Aber etwa 30000 Männer auf einem Haufen im wahrsten Sinne des Wortes, wie lange sollte das gut gehen? Ich forderte sie also auf, auf die Nebenleute zu achten. Sollte es zwischen ihnen noch Tote und Waffen geben, so wären diese sofort zu dem Berg zu schaffen. Sofern diese Aufgabe erledigt wäre, würde die nächste Versorgung erfolgen.

Dies war die letzte unmittelbare Gefahrensituation. Auf jeden Fall lagen zwischen den Männern noch mehr als tausend Schwerter und Schilde offen herum. Das wäre der Neuanfang einer eigenen Bewaffnung gewesen. Aber ich musste sie extrem beeindruckt haben. Manche hielten die Schwerter, die sie zum Haufen trugen, demonstrativ wie eine Last, um nicht von einem strafenden Todesstrahl getroffen zu werden.

  Diesmal hieß es für sie Schlange stehen am Tor. Das hatte ich öffnen lassen und dort wurden Wurstsemmeln ausgegeben. Fünfzigtausend Stück. Diesmal war vom Feld aus nicht zu erkennen, wie viele in Reserve standen, wer alles mitwirkte und was überhaupt auf meiner Stadtseite vor sich ging. Es war eine große Ausgabestelle, an der man lange zu warten hatte, und an der die nächsten Hungrigen einen weg drängten.

Sofern überhaupt Soldaten geflohen waren, konnten das nicht viele gewesen sein. Noch immer waren es ungefähr 30000, die die Stadt nun unbewaffnet belagerten.

Mehrmals musste der Lautsprecher den Andrang bremsen, darauf hinweisen, dass für jeden genug Essen vorhanden sei.

Das Wetter meinte es gut mit mir. Wäre es nur wenige Grade kälter gewesen oder hätte es gar geregnet, so hätte ich die Massen da draußen nicht in der offenen Landschaft lassen können. Aber lange war das auch so nicht zumutbar. Und ich musste herausbekommen, warum die Soldaten nicht einfach heimwärts zogen. Dafür aber gab es nur eine Möglichkeit. Ich musste so schnell es ging so viele Soldaten direkt befragen, wie die äußeren Bedingungen es zuließen.

Immerhin boten mir die Monitore die Chance das Geschehen auf dem gesamten ehemaligen Schlachtfeld zu überwachen. Ich war dabei nicht allein. Zwei Robbis waren damit beschäftigt, überall im Auge zu haben, ob Belagerer auf die Idee kämen, sich wieder zu bewaffnen. Kompliziert wäre es nicht gewesen. Es gab aber keine Versuche.

Ich konzentrierte mich auf Anderes. Schon früh war mir die unterschiedliche Uniformierung aufgefallen. Die war mit Waffengattung oder Rangordnung nicht erklärbar. Fest stand, dass unterschiedlich Gekleidete jeweils eigene Gruppen bildeten, streng unter sich blieben und einander sogar misstrauisch zu beäugen schienen.

Ich holte drei weitere Robbis in die Überwachungszentrale. Waren die den Menschen wie den Saks in allen komplexen Denkaufgaben unterlegen, so konnte man ihnen auf dem Monitor einmal 60 Männer zwischen 30000 zeigen, sie würden alle an der Essenausgabe wiedererkennen.

Inzwischen hatte ich zwischen den Soldatenmassen genügend Saks ausgemacht, die in der für sie belastenden Situation Umsicht zeigten und im Kreis der anderen auch ohne Offiziersrang Autorität besaßen. Die waren meine ersten Ziele.

Den an der Schlange Wartenden fielen die drei Robbis zuerst nicht sonderlich auf. Die lungerten draußen an der Stadtmauer herum, als warteten sie auf etwas. Erst in dem Moment, in dem sie auf eine Gruppe zukamen und den ersten baten, mitzukommen und ihm dabei eine Art schwarzen Sack über den Kopf zogen, kam Unruhe auf. Für die folgenden Aktionen schickte ich mehr Robbis nach draußen. Ich sorgte mich wenig um sie. Sie waren nicht nur bewaffnet, sie waren auch den Saks körperlich haushoch überlegen. Andererseits war für die Kriegsgefangenen … ich nenne die Saks einmal so, auch wenn das natürlich ziemlich albern ist … war es also für die nicht nachvollziehbar, warum da wer herausgegriffen wurde. Ihnen mussten die Aktionen willkürlich erscheinen – und ich hoffte, sie genau der Köpfe zu berauben, die einen geordneten Angriff der Massen hätten anführen können.

Was die Säcke sollten? Na, keiner der Männer sollte etwas zu Gesicht bekommen, was Schlussfolgerungen über die Stärke der Stadt erlaubt hätte. Jeder einzelne wurde ich einen Raum gebracht, dessen Fenster zugehängt waren. Jeweils einer in den Thronsaal. Dort hatte ich die Beleuchtung so eingerichtet, dass allein der Gefangene im Licht stand, während er kaum erkennen konnte, wer sich außer ihm im Raum befand.

Aber ich will dich nicht mit Kleinigkeiten langweilen. Du musst dir nur ausmalen, dass drei Tage lang fast ununterbrochen Befragungen stattfanden. Dabei schälte sich das Bild der Welt, in die ich geraten war, immer klarer heraus. Viel von dem, was sich erfuhr, erinnerte mich dabei an die Frühgeschichte der Menschheit.

Was war wichtig? Nur 15 Tagesmärsche entfernt befand sich die Hauptstadt eines mächtigen Weltreiches. Dieses Reich schien fast alle Gebiete erfasst zu haben, die auf dem Landweg erreichbar waren. Die Chrustani, wie sich die im Zentrum Chrust Beheimateten nannten, hatten ein ausgeklügeltes System der gegenseitigen Abhängigkeiten geschaffen.

 Jedes tributpflichtige Vasallenreich musste zum einen den Chrustani eine feste Zahl von Soldaten stellen. Die wurden üblicherweise weit von ihrer jeweiligen Heimat entfernt zum Kriegsdienst eingesetzt. Die Fürsten der Provinzen durften und mussten alle ihre männlichen Nachkommen an eine Art Reichsbildungsakademie in Chrust schicken – und zwar vom vierten bis zum 23. Lebensjahr. Dafür erhielten sie alle Chrustani-Rechte und die Verwaltungsgewalt über ihre Heimatprovinz.

In der Zwischenzeit mochte es wohl etwa 100000 echte Chrustani geben. Sie verfügten aber allein über eine Berufsarmee von etwa 300000 Soldaten der Vasallen in fremden Distrikten. Darüber hinaus bestand aber eine Art Wehrpflicht für die abhängigen Reiche. So vermochte Chrust gegen gelegentliche Widerstände in Teilen des Reiches notfalls bis zu einer halben Million Soldaten aus den anderen Regionen in Marsch zu setzen. Im Wesentlichen beherrschten sich die Beherrschten zugunsten Chrusts gegenseitig. Dabei wurde immer darauf geachtet, dass kein Heer ganz durch eines der Vasallenreiche gestellt wurde, sondern es wurden gemischte Heere gebaut. In ihnen gab es selbstverständlich einen Kern an Chrustani und ihnen hörigen Offizieren. Dann dienten darin Söldner fast aller Vasallenreiche. Aufgefüllt wurden dieser Stamm durch Männer, die normalerweise als Bauern oder zumindest in Bauernfamilienfamilien lebten, aber sich auf Weisung ihrer jeweiligen Herrschaft zum Kriegsdienst zu stellen hatten. Da diese für die niedrigsten und gefährlichsten Dienste eingeteilt wurden, hatte das Leben als fester Söldner einen herausgehobenen Reiz.

Herrschte irgendwo Krieg, waren die Offiziere uneingeschränkt für das Leben ihrer Männer verantwortlich. Streng hierarchisch wurden sie von der Armee übernommen und genauso hierarchisch wurden sie im Reich wieder abgegeben. Hier aber hatte ich eine Katastrophe ausgelöst. Das Reich der Chrustani akzeptierte keine verlierbaren Kriege. Wären also Soldaten aus solchen heimgekehrt, so wären die Offiziere ausnahmslos degradiert, von den Mannschaften aber jeder zehnte Soldat wegen Feigheit vor dem Feind hingerichtet worden. Die Offiziere schlugen zuerst Feiglinge und ihnen Missliebige vor, dann hätte das Los entschieden. Soldaten ohne Offizier hatten sich sofort einer anderen Einheit anzuschließen gehabt. Nun gab es aber keine Offiziere, die ihre Soldaten dem Chrustani-Reich hätten zurückgeben können. Eine Rückkehr unter diesen Bedingungen hätte die Verurteilung wegen Meuterei bedeutet. Für die bäuerlichen Dienstsoldaten bedeutete eine Bestrafung zugleich die Katastrophe für ihre Familie, die ihre bescheidenen Besitzansprüche verloren hätte. Solange sie sich aber innerhalb des Schlachtfeldes befanden, waren sie noch im Krieg.

  Je mehr sich dieses Dilemma abzeichnete, um so unwohler wurde mir. Nun lag nicht nur das Schicksal von ein paar Mädchen oder den Bauern meines kleinen Fürstentums in meiner Hand, sondern auch noch das Leben jener 30000 Soldaten einschließlich ihrer Familien.

Du hast ja Recht. Irgendwie reizte mich natürlich auch die mit dieser Situation verbundene Möglichkeit. Aber war sie real?

Ich versuchte also, einen Überblick über die Truppenstärke meiner Gefangenen zu bekommen. Die Chrustani waren besonders stark dezimiert. Es mochten noch etwa zweieinhalb Tausend sein. Ansonsten waren im Wesentlichen sechs Völkerschaften mit bis zu sechstausend Überlebenden vertreten.

Der letzte Tag der Befragung war wieder mindestens so schwierig wie der erste. Genau genommen galt es zu erkunden, inwieweit diese selbstbewussten Männer zum Überlaufen bereit wären, nein, schlimmer, wie weit sie bereit waren, die Anderen da draußen zum Seitenwechsel zu bewegen. Ich würde dann ja alles an den Monitoren verfolgen. Aber ob ich die Situationen würde richtig deuten können? Verrat ist so eine Sache für sich: Wer sagte mir, wie schnell sie mich verraten würden? Ich stand zwar in dem für mich günstigen Ruf eines mächtigen, wahrscheinlich des mächtigsten lebenden Zauberers. Würde das aber alle davon abhalten, die eigene Karriere im mächtigen Reich gerade dadurch zu beflügeln, diesen mächtigen Zauberer überrumpelt zu haben?

Mir graut es mitunter vor mir selbst. Auf der Erde waren Gedankengänge eines solchen totalen Misstrauens völlig fremd. Wenn unsere Gemeinschaft etwas an den Menschen verändert hatte, dann Nebenmenschen vertrauen zu können. Jedenfalls soweit, dass sie keinen Hinterhalt schufen, um einen zu vernichten. Nun erlebte ich, dass ich Mensch dies fast restlos abgelegt hatte. Um mich herum sah ich nichts als potentielle Meuchelmörder, und was ich vorhatte, passte dazu. Ich war bereits ernsthaft dabei zu erwägen, wie ich Chrust erobern und demzufolge das Reich der Chrustani in meine Gewalt bekommen konnte. Nicht mehr ob, sondern schon wie. Und mit den Soldaten, die mich gerade hatten vernichten wollen. Oder zumindest sollen.

Denn an einem zweifelte ich nun nicht mehr: Jenes Reich, an das mein kleines auf allen Seiten grenzte, würde meine Unabhängigkeit auf keinen Fall dulden. Und sei es der Legenden wegen, die die Unfehlbarkeit des 18. Chrustino in Frage stellte.

Wie hasste ich die Logik: Aus eine Welt des Krieges kommt man nur durch Krieg heraus. Selbst auf der Erde soll das so gewesen sein, wo sich einst die Mehrheit der Völker eine friedliche Gesellschaft gewählt hatte.

Aber jede Macht steht auf tönernen Füßen. Immer beruht sie darauf, dass eine Minderheit den großen Rest gegen seine eigenen Interessen handeln lässt. Warum sollte es mir nicht gelingen, das für mich zu nutzen?

  Das Weitere lief dann verdächtig glatt. Ich konnte mir natürlich einreden, dass ein unterforderter Soldat wohl nicht nein sagt, wenn man ihm einen Offiziersrang anbietet. Dass aber alle reagierten, als hätten sie genau darauf gewartet, war natürlich verdächtig. Auf solche Weise hatte ich bereits am Abend des dritten Tages Kommandeure und Stellvertreter für 30 Regimenter von je Tausend Soldaten. Allerdings war ich noch nicht damit herausgerückt, welche Leistung ihnen bevorstand. Und, was ähnlich überraschend kommen würde … ich hatte noch nicht durchblicken lassen, wie schnell alles losgehen sollte.

Noch immer richtete ich es so ein, dass das künftige Offizierskorps nichts vom Innenleben meiner Stadt zu sehen bekam. Ich schickte sie nachts zurück aufs Feld mit der Aufgabe, sich Bataillonskommandeure für ihre Hundertschaften, Zug- und Zehnerführer auszusuchen und zu melden, wann ihre Mannstärke erreicht war.

Während der Zeit gab es ein Positives: Das defekte Teil am zweiten Replikator konnte ersetzt werden und das Gerät erbrachte volle Leistung. Dort wurde nun zum Beispiel Uniformen repliziert: Uniformen. Die funkelnden Fantasiedinger kamen mir eigentlich albern vor, aber sie gehörten eben dazu. Repliziert wurde aber noch etwas Anderes: Steckbretter. Außer, dass es mir gelang, die Männer satt zu halten, was denen schon unheimlich vorkommen musste, standen auf dem ehemaligen Schlachtfeld zwei Tage später Gebäude mit dem eigentümlichen Reiz von Blockhütten, nur aus leichterem Material. Sie waren von niedrigster Qualität, wenn man einmal davon absieht, dass ihr Aufbau unter Anleitung der Robbis so extrem leicht möglich war. Dass aber ausgerechnet, nachdem das ehemalige Schlachtfeld in etwas Stadtartiges verwandelt worden war, ein erste schwerer Herbstregen niederging, verschaffte dem Glauben an meine Über-Macht den letzten Stützpfeiler.

Es mochte seltsam wirken, aber erschien doch denkbar, was ich als Information unter die Offiziere streute: Ich beabsichtigte noch im Herbst das gesamte Tlaiantios meiner Herrschaft anzugliedern. Dazu würden mehrere voneinander getrennt marschierende und handelnde Heere gleichzeitig die drei wesentlichen Garnisonen der Chrustani angreifen. Wichtig wäre, dass die Belagerung der Hauptstadt bereits begonnen habe, wenn das erste Nachschubheer das meinem Valitum abgewandte Stadttor angriffe.

  Ich brauchte eine Woche, um dieses kleine Heer mit Waffen, Material und Proviant auszustatten. Die einzige Einschränkung, die sie – allerdings ohne es zu wissen – verkraften mussten, war, dass der Schmuck ihrer Schilde zwar genauso wie bei den bekannten aussah, aber keine elektrischen Ladungen enthielt.

Ich musste mit mehreren Varianten rechnen. Vorstellbar war, dass die neuen Heerführer, kaum, dass sie unter sich waren und gegen ihre eigenen Landsleute kämpfen sollten, wieder die Seiten wechseln würden. Dann stärkten sie also die Garnison in ihrer aktuellen Verteidigungskraft, aber sie setzten auch das Alarmsystem des großen Reiches in Gang. Wahrscheinlich würden starke Truppenreserven den Bedrohten aus mehreren Reichsteilen zur Hilfe eilen.

Die zweite Variante war, dass die Garnison sich der Belagerung stellen musste. Sicher war, dass sich der Angriff schnell bis Chrust herumsprechen würde. Weniger sicher war, ob dort ein Entsatzheer geschickt würde, wenn die Zahl der Angreifenden so besiegbar wirkte. Allerdings mussten allein die frisch ausgestatteten Soldaten einen tiefen Eindruck hinterlassen.

Es gab noch eine Reihe von Abwandlungen dieser Grundvarianten. Sie hatten aber eines gemeinsam: In Chrust würde man bald hören, dass das Valitum, dass von einem Reichsheer von 100000 Mann nicht besiegt worden war, nun den Chrust abgewandten Teil des Reiches angriff. Und man würde annehmen, es sollte dort eine vom Chrustani-Reich unabhängige Macht aufgebaut werden. Eigentlich durfte ich davon ausgehen, dass die beweglichsten Truppen nach Tlaiantios eilen würden.

Was ich aber wirklich vorhatte, würden weder die Verräter preis geben können, noch war etwas so Wahnwitziges zu erwarten.

Selbstverständlich merkte ich meinen neuen Offizieren die Unruhe an, als eine Woche nach dem Abmarsch der Vorhut noch immer keine Bereitschaft zu Abmarsch erreicht war. Allerdings waren die privilegierten Bürger Chrusts unbeliebt genug, um ihnen eine verlustreiche Vorbelagerung zu gönnen, deren Früchte dann die später Nachrückenden ernten würden. Sogar auf die Möglichkeit des Verrats wiesen mich meine Offiziere hin. Aber als Soldaten waren sie verroht genug, um meine Bemerkung, dass den Gegnern keine echten Waffen in die Hände fallen würden, nur mit Hohngelächter zu quittieren. Dass wir einen Feldzug im Winter wagen konnten, überraschte sie nicht. Sie hatten so etwas nur noch nie mitgemacht. Die übereinstimmende Meinung war eindeutig: Sollte nicht in den nächsten vier Wochen ein Entsatzheer eintreffen, würden wir Tlaiantios überrennen und uns einverleiben.

  Im Trubel der allerersten Woche war nur wenigen aufgefallen, dass etwa 150 Soldaten draußen verschwunden waren. Räuberleben? Nein, meine Robbis hatten sie unauffällig eingesammelt. Sie alle hatten Spezialkenntnisse aus Chrust, ohne Chrustani zu sein, ja, sie waren voll unterdrücktem Hass gegen sie. Ihre Identitäten waren ein Nebenprodukt der umfangreichen Befragungen. Ihr Wissen ging allmählich auf die inzwischen fünfzig für Kampfeinsätze programmierte Robbis über.

Allmählich verwandelte sich meine Stadt in einen riesigen Speicher. Das Gewaltigste aber war ein riesiger Jeep. Er war bereits mit Sprengladungen überladen. In dieser Zeit kreiste mein Blick von der Anzeige meiner mangelnden Energiereserven zu den unermüdlichen Robbis, die eben auch nachts ihr pausenloses Programm absolvierten. Sehnsüchtig wartete ich auf den ersten Schnee. Die Herbstregen leisteten das ihre. Kalter Wind. Schlechte Stimmung. Keine Nachrichten von der Vorhut, die alle heimlich abgeschrieben hatten. Mitunter viele Stunden lang Wasserfälle. Kaum ein Weg war noch militärisch gangbar. Schlamm. Es näherte sich die Zeit des Ausharrens. Für meine Bauern war das bisher die Zeit der Höhlen. Diesmal stand ihnen ein Überschuss an festen Häusern zur Verfügung. Wie sahen außerhalb meines Validums Städte aus? Das Bild von Menschenstädten vor denen der sogenannten klassischen Staaten war Gegenstand von Computeranimationen – aber auch über 1000 Jahre danach sind manche Lücken im Wissen geblieben, wie da die Menschen gelebt hatten. Ich aber rechnete mit Dingen, die in die eine wie die andere Zeit gepasst hätten – vielleicht aber darüber hinaus.

Endlich war es soweit. Schneetreiben. Drei Tage lang. Dann plötzlicher Frost. Mein Thermometer zeigte morgens 15 Grad minus. Die Bretterhütten schützten nicht mehr. Aber der erste sonnige Tag seit langem brachte für die Männer eine unbegreifliche Überraschung. Stundenlang wurden Feuerplätze vorbereitet. Dann stürmten etwa 500 Bauern aus der Stadt nach draußen. Sie alle schleppten Spieße mit jungen Schweinen nach draußen. Bald war die Winterluft mit Bratenduft gesättigt. Und dann ging ein Gerücht wie heißer Grog um in den Reihen: Es geht los. Und noch am Nachmittag folgte eine unendlich scheinende Schlange den vorausfahrenden drei Geländefahrzeugen. Sehr militärisch sah der Zug nicht aus. Das Gelände zwang die Soldaten, sich den Platz für den nächsten Tritt sorgsam auszuwählen. Immer länger wurde der Zug. Und noch immer kannten viele nicht sein Ziel: Chrust.

Die Verwandlung des Heeres in Glieder und Organe eines gewaltigen Wesens, das langsam durch die Landschaft stampfte, war mitunter sehr schwer. Mindestens 20000 Mann mussten dabei Arbeiten vollbringen, die ihnen unsoldatisch vorkamen. Das Treiben einer Schweineherde war darunter noch etwas Lustiges. Immerhin war es mit dem Reiz verbunden, dass der Proviant relativ freiwillig mitlief. Aber die meisten Sachen mussten geschleppt werden. Die einheimischen Tiere, die die Soldaten am Anfang der Belagerung noch mit sich geführt hatten, waren damals entflohen. Große Tiere konnte ich nicht als lebende Strukturen replizieren, und die meisten Wege waren schon unter günstigen Bedingungen schlecht für moderne Technik geeignet. Einzig die Helis waren beständig im Einsatz. Die Mädchen, die sie begeistert flogen, waren mit einem schwarzen Ganzkörperüberzug verhüllt. Sie war nicht leicht zu überzeugen gewesen, dass körperliche Annäherungen von Tausenden der Liebe entwöhnten Männer mit einiger Sicherheit nicht nur schmerzhaft und entwürdigend, sondern auch tödlich enden konnte. Sie durften auch nicht sprechen – aber sie genossen doch den Reiz einer unvorstellbaren Rolle. Fliegende Geister sein …

Die Mühen dieser Tour brauche ich wohl nicht auszubreiten. Die kann du dir ausmalen, wenn du bedenkst, dass bis dahin der Winter eine feldzugfreie Zeit darstellte. Nur die Qualität der replizierten Kleidung begeisterte die Männer.

Als wir geschätzte drei normale Tagesmärsche vom Rand Chrusts entfernt waren, jeden Augenblick irgendwelche Spitzen der Stadt auftauchen konnten, und wir damit rechnen mussten, von dort entdeckt zu werden, kam ein Schneesturm auf. Vielleicht wäre es vernünftig gewesen, zu halten und alle zusammenzudrängen. Aber bedenke, der Zug erstreckte sich sowieso über mehrere Kilometer Länge. Wie lange das Unwetter andauern würde, war nicht abzusehen. Zehn zusammenhängende Tage waren keine Seltenheit. Wir wären nicht vorwärts gekommen. Nie mehr. Und der Jeep hätte vielleicht bis ins Frühjahr fest gesteckt … wo niemand mehr etwas hätte mit ihm anfangen können.

Ich gab also den Befehl weiterzugehen. Immer weiter in der bisherigen Richtung. Wer hatte, sollte sich mit Neben- oder Vordermann zusammenbinden. Egal wie, nur vorwärts.

Wer wie diesen Befehl ausführte, ja, wer ihn überhaupt weitergab, war nicht zu sehen. Mein Jeep war zwar mit einem Lautsprecher ausgerüstet, der bei gutem Wetter von fast allen Soldaten zu hören gewesen wäre. Diesmal aber hörte man wahrscheinlich nur unwesentlich weiter, als man sehen konnte. Die Helis waren … ich weiß nicht wo. Mindestens drei Tage Hunger.

  Ein Unwetter ohne Erbarmen und sehr unpassend. Allerdings hatten die Soldaten andere Sorgen, als sich über meinen Einfluss aufs Wetter Gedanken zu machen. Nicht stehen bleiben, nicht einschlafen … nicht sterben.

Die vordersten konnten sich wenigstens am Geräusch der führenden beiden Fahrzeuge orientieren. Wo die waren, war wahrscheinlich vorn.

Verstehst du? Drei normale Tagesmärsche … und schon am Morgen des dritten meldete der Sender des Sprengjeeps, er habe eine Mauer vor sich. Über 50 Stunden im Wesentlichen ohne Schlaf. Noch immer keine Sicht. Noch immer keine Ahnung, wo welcher Teil meines Heeres noch existierte. Einzig die Sender der Robbis meldeten noch ihre Existenz und dass es in ihrer jeweiligen Umgebung wohl noch lebende Saks gäbe.

Es mag gekalauert sein, wenn ich sage, in Windeseile erwog ich den sinnvollsten nächste Schritt. Ausschlag gebend war letztlich, dass wahrscheinlich die nächsten drei Tage den Kältetod der meisten meiner Männer und das Ende dieses Feldzuges bedeutet hätte. Also war jede Handlung besser als Abwarten. Ich stimmte mich mit dem Robbi im Sprengjeep ab. Er konnte noch vorwärts und rückwärts fahren. Wann er steckenbliebe, war wohl eine Sache von Stunden, vielleicht schon der nächsten Minuten. Also gab ich ihm den Befehl, entsprechend dem ursprünglichen Plan zu verfahren. Also etwas zurück, alles auf Automatik einstellen, direkt in Richtung Mauer abfahren, raus springen …

Für einen Moment schien die allgegenwärtige Schneemasse zu zittern. Wellen durchdrangen meinen ganzen Körper, mehr noch, als dass ich den Krach hörte.

Ja, wer jetzt noch lebte, musste das auch gespürt haben, Er musste das Gefühl haben für die Richtung, in die er laufen musste. Er würde noch einmal alle Kraft zusammen nehmen. Ja, da passierte wohl genau das vor ihm, was ihm vorher erklärt worden war. Die Stadt war zum Greifen nahe. Unsere Stadt. Chrust, das wir erobern wollten. Wenn denn noch ein Neben- und Hintermann da sein sollte, der auch diese Stadt erobern wollte. Wenn …

Und mein Jeep spürte Trümmer unter sich. Und er überfuhr sie. Irgendwo neben mir im Weißen standen die Mauern Chrusts. Irgendwo neben und hinter mir liefen Soldaten, die noch nicht recht zu glauben wagten, dass sie lebendig durch eine Mauer schritten.

 Nun stand das nächste Problem bevor: Wir mussten uns schnellstens in der fremden Stadt orientieren, möglichst ohne auf überlegene Verteidiger zu stoßen. Meine Soldaten ahnten ja nicht, wie gering unsere technische Überlegenheit im Moment war. Aus den Beschreibungen der Vasallensoldaten hatte ich die Robbis Stadtpläne fertigen lassen. Ich musste schnellstens den Palast finden. Solange ich draußen nichts sah, sahen die Männer des Chrustino auch nichts. Aber auf meine Seite stand dann nicht nur die Überlegenheit meiner Handwaffen im Kampf Mann gegen Mann, sondern auch die Überraschung.

Du musst dir das vorstellen: Ich hatte nur die grobe Vorstellung von den Verhältnissen in Chrust, die mir die übergelaufenen Soldaten vermittelt hatten. Und nun das: Eine große Stadt. Ein Schneesturm, der alles normale Leben zum Erliegen gebracht haben musste. Ein Explosionsgeräusch, über dessen Quelle eigentlich nur absurde Vermutungen möglich waren. Es war nicht einmal sicher, ob man sie in der Stadt bewusst bemerkt hatte. Außerdem wusste ich nicht, ob vor dem Schneesturm irgendwelche Meldungen über meinen Vormarsch zum Oberkommando durchgedrungen waren.

Die Situation war noch in anderer Beziehung eine unerwartete. Ich hatte mit einer Belagerung und einem Sturm gerechnet, in dessen Folge ich eventuell Partner für eine Kompromiss gefunden hätte. Jetzt eilte ein loser Trupp Soldaten hinter mir her. Links und rechts gab es Häuschen, aber eigentlich hatte ich keine Blick dafür. Es war auch kaum etwas zu erkennen. Als wir dann plötzlich vor dem Palast des Herrschers standen, beeindruckte auch der nicht. Wir erkannten nur, dass das Gebäude gewaltige Ausmaße haben musste. Aber das war uns egal. Wir wollten hinein.

Wieder eine dieser spontanen Entscheidungen. Von draußen gab es nichts als einen mächtigen Türklopfer. Dazu so etwas wie ein Fenster, durch das uns ein müdes Pförtnerlein hätte nach unserem Begehr fragen und mustern können. Das dann sicher Verstärkung geholt hätte. Doch die Berichterstatter hatten mir erklärt, auf der Innenseite gäbe es nur einen mächtigen Riegel. Es wagte sich ja niemand unaufgefordert in die Nähe des Palastes. So befahl ich einen Robbi, mit dem Phot an der Stelle, hinter der das Metall des Riegels sein musste, langsam auf und ab zu strahlen. Inzwischen hatte sich eine Vorhut von schätzungsweise etwas mehr als zwölfhundert Soldaten hinter mir gesammelt. Mit einem dumpfen Plopp sprang das Tor auf. Es weit zu öffnen und hineinzustürmen war eins.

Eigentlich stießen wir auf keinen echten Widerstand. Die Saks-Männer, die uns kommen sahen, wurden im wahrsten Sinne des Wortes über den Haufen gerannt.

  Nun ging es um den Plan der Räume. Ich erinnerte mich noch gut an das verwirrte Staunen des Soldaten, der miterlebte, wie ein Robbi seine Erzählung in ein Computerbild verwandelte. Er schien ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen zu besitzen und seine Bemerkungen veränderten unmittelbar das dreidimensionale Bild auf der Projektionsfläche. Ich hatte ihm so einen schockierenden Blick auf meine Möglichkeiten gegönnt, die er phantasievoll ausgeschmückt seinen Kameraden hatte weitergeben sollen. Jedenfalls hatte ich nun eben jenes Bild als Hilfe im Kopf, um zum Thronsaal zu gelangen. Es vergingen nur wenige Minuten, dann saß ich auf dem Thron. Als drei Robbis den machtlosen Herrscher in einem albernen Rüschennachthemd anschleppten, hatte ich bereits dessen Amtskette umgelegt. Für jedes tributpflichtige Vasallenreich ein funkelnder Edelstein darauf – ein schweres Stück. Der Chrustino musste aus tiefem Schlaf gerissen worden sein. Er sah sich mit einem flackernden Blick um, als wollte er begreifen, wie ein Albtraum derart lebhafte Illusionen zu Stande brachte.

„Ihr wart der wievielte Chrustino? Na, egal. Jetzt seid Ihr es nicht mehr. Meine Männer werden euch einen Platz im Kerker frei machen. Danach sehen wir weiter.“

Nachdem der Mann heraus geschafft worden war, sagte ich laut zu den Umstehenden: „So. Ihr habt heute noch zwei Aufgaben: Verfrachtet alle Anhänger des alten Herrschers runter in den Kerker und sucht euch Plätze zum Übernachten.“

Ich kann wirklich nicht mehr sagen, ob mir klar war, was ich damit anrichtete, ob ich wirklich nur daran dachte, dass uns allen der Frost der vergangenen Tage in den Knochen steckte. Auf jeden Fall schwärmten die Saks meiner Söldnerarmee im Palast aus. Mit überwältigten Edelfrauen vertrieben sie die Gedanken an Vergangenes, mehr als die Hälfte der Höflinge schaffte es nicht lebendig bis in den Kerker.

Draußen wollte der Schneesturm nicht enden.

  Den Verlauf der folgenden Tage verstand ich erst später. Ich hatte mit schweren Kämpfen gerechnet, hatte erwartet, einem der vorigen Belagerung vergleichbaren Ansturm von kampfstarken Feinden standhalten zu müssen. Bei dieser Gelegenheit, so hatte ich gehofft, würden sich, so hatte ich mir das vorgestellt, Teile der bisher unterdrückten Völker auf meine Seite stellen und, wenn ich denn die damit verbundenen Kämpfe gewonnen hätte, danach die Fundamente sein, auf denen ich meine Macht und meine neue Gesellschaft aufbauen konnte. Es kam aber anders.

Schon, dass es im Palast eine Gewaltorgie gegeben hatte, hätte ich wahrscheinlich ohne die Robbis nicht einmal erfahren. Warum ich nicht gegen diesen Terror vorging? Ich hielt meine persönliche Position für zu schwach, um groß darauf einzugehen. Sollte ich ausgerechnet die, die sich durch ihren ausgelebten Hass der Rückkehrmöglichkeit in den Schoß der alten Macht beraubt hatten, verprellen? Die würden mich doch aus eigenem Interesse am verbissensten verteidigen. Dachte ich. Außerdem hätten sich die Soldaten gegenseitig gedeckt.

Um Wiederholungen und anderes Unerwünschte künftig unwahrscheinlicher zu machen, ließ ich aber Überwachungstechnik in allen Räumen des Palastes installieren und übertrug einem Robbi die Dauerbetreuung der dazugehörenden Monitore.

Dass es in den nächsten drei Tagen außer unbedeutenden Geplänkeln keine bewaffneten Auseinandersetzungen gab, schob ich anfangs auf die durch die durch den langsam abflauenden Schneesturm gestoppte Kommunikation meiner möglichen Gegner.

Aber die Zahl der sofort beantragten Audienzen verwirrte mich schon. Vor allem ersuchten überwiegend Chrustani um eine Gelegenheit, bei mir vorzusprechen. Später erfuhr ich sogar, dass es alle wesentlichen gewesen waren, die nach der Nacht der Gewalt noch gelebt hatten. Keiner von ihnen machte auch nur die Andeutung einer Beschwerde über das, was in jener Nacht passiert war. Auch das wäre allerdings noch einfach erklärbar gewesen. Schließlich hatten diese Männer sich ihren Weg in die Nähe des neuen Throninhabers bei denen erkauft, die da zuvor gewütet hatten. Aber …

Innerhalb der drei Tage schwoll meine Heeresstärke in Chrust auf etwa 17000 Mann an. Ob die fehlenden 10000 unterwegs umgekommen waren oder das Weite gesucht hatten, habe ich nie herausbekommen. Uns hätte also eine Garnison mit sechsfacher Stärke gegenübergestanden. Und selbst, wenn große Teile von ihr durch einem Feldzug gegen mein Ablenkungsmanöver ausgefallen wären, mussten ich noch auf einen starken Gegner gefasst sein.

Doch es zeigte sich kein Gegner. Im Gegenteil: Es meldeten sich immer mehr hohe Offiziere, die eine Bestätigung ihres Ranges in meiner Armee erbaten. Eine Falle?

Die Auflösung fand ich, wie gesagt, erst allmählich. Sie war denkbar einfach. Die Saks brachten Schneesturm, die Zerstörung ihrer Stadtmauer und mein Erscheinen in Zusammenhang. Ich musste also die Macht einer Gottheit besitzen. Da ich noch dazu so komplikationslos den Chrustino abgesetzt hatte, schien ich der naturgegebene neue zu sein. Wer hätte denn dann eine Bewegung gegen mich anführen sollen und mit welchem Recht?

Ich will dem Schneesturm nicht alle Schuld geben, aber er förderte zumindest auch mein Abwarten. Dieses Abwarten aber weckte wiederum die Erwartung, es würde alles so weitergehen wie bisher. Diese Erwartung aber ließ die bisherige Führungselite des Reiches aus ihren Startlöchern kommen. Man dienerte sich mir an. Ich würde doch ihre Erfahrung in Staatsapparat und Verwaltung benötigen. Das war leider auch nicht verkehrt. In den Schulen, die die Kinder meiner Mädchen hätten durchlaufen sollen, wäre eine moderne Generation herangewachsen, die das ganze System in die Tiefe hinein hätte verändern können. Aber diese Generation gab es noch nicht. Kontakt zu vertrauenswürdigen Saks hatte ich nicht. Ein Großteil derer, die die Mordnacht überstanden hatte, war sogar dankbar dafür, potentielle Konkurrenten um angestrebte einträgliche Posten so einfach losgeworden zu sein. Es war eine lange Kette von weil-dann, hinter der ich mich verschanzen konnte.

Es herrschte außerdem noch die kriegsfreie Winterzeit. Niemand erwartete große Feldzüge oder Auseinandersetzungen irgendwelcher Art. Und du kannst mich verdammen. Ich wusste keine Lösung. Hätte ich jetzt die Soldaten abhängiger Staaten zu meinen totalen Anhängern machen wollen, ich glaube es wäre dasselbe System herausgekommen – nur mit veränderten Völkern als Herrschende und Beherrschte. Diesmal eben mit den Chrustani als Vasallen, allerdings mit besserer Organisation des nächsten Widerstandes. Ich fand mich damals sogar noch besonders weise, als ich wesentliche Machtpositionen „paritätisch“ besetzte und den Kommandoapparat vergrößerte. Ich ließ also nicht die alte Garde verjagen, sondern stellte ihr die fähigsten Kämpfer meiner Armee zur Seite. In gleichem Rang. Ob ich denen vertrauen konnte, hätte ich nicht sagen können. Sie waren ja erst vor nicht zu langer Zeit zu mir übergelaufen und hatten vorher alle Normen des Reichs der Chrustani verinnerlicht.

  Von meinen Segnungen hatten diese Soldaten eigentlich nur eine kennen gelernt: Sie waren eine Weile gefüttert worden mit den Möglichkeiten der Replikatoren. Gerade die aber würden eine Schwachstelle werden. In den ersten Tagen konnte es noch nicht auffallen. Im Wesentlichen hatten die Truppen die vor dem Abmarsch replizierten Lebensmittel gerettet. Die würden noch etwas reichen. Aber ich hatte nur einen Replikator mit. Was noch schwerer wog: Außer einem kleinen Notstromaggregat auf Fotozellenbasis hatte ich keine Stromversorgung dabei. Es reichte kaum fürs Füttern der Robbis, für die Überwachung und etwas Eigenbedarf. Früher oder später würde ich Wünschen gegenüber stehen, die außerhalb meiner Möglichkeiten standen. Hatte ich in der Größenordnung meines unbedeutenden Fürstentums die Lebensbedingungen aller Bewohner wesentlich verbessern können, würde ich – wenn überhaupt – nur ganz allmählich in die Verhältnisse des großen Reiches eingreifen können. Anders ausgedrückt: Ich musste alles belassen, wie es war. Ja, selbst kleine Schritte zur Verminderung der an manchen Stellen schwer erträglichen Ausbeutung würden auf mich als Schaden zurückfallen. Dass es überhaupt eine Verwaltung gab, war ja nur deshalb möglich, weil für diese paar Saks von der Masse mitgearbeitet wurde. Dass andere deren freie Zeit erarbeiteten, ermöglichte wenigstens ihnen so etwas wie Bildung und Kunst und der ganzen Gemeinschaft vielleicht die ersten eigenen Erfindungen. Damit die am schwersten Arbeitenden dies zuließen, bedurfte wiederum der Soldaten, für die ebenfalls andere arbeiten mussten. Sollte ich die aufs Feld zum Arbeiten schicken? Das hatten sie nicht gelernt. Sie waren gute Soldaten und würden jeden, der ihre persönliche Freiheit in die Mühsal auf irgendwelchen Feldern umzuwandeln versuchte, bekämpfen.

Das einzige, was ich machen konnte, wäre die Einsetzung von Robbis als oberste Verwalter, als Gouverneure. Die konnten verhindern, dass die Bauern über die allgemeine Ausbeutung hinaus an der zusätzlichen Bereicherung irgendwelcher kleiner Unterherrscher für sinnlosen Luxus litten. Aber selbst das konnte nur teilweise funktionieren. Ich konnte ja nicht alle Bonzen ersetzen. Ich hatte insgesamt 50 Robbis zur Verfügung und das Reich bestand unter anderem schon aus 126 solchen Fürstentümern, wie es meines gewesen war.

Alles so lassen, wie es war? Entließe ich das stehende Heer, so würde sich ein Teil bei einem der kleinen und möchtegern-großen Fürsten verdingen, der andere würde sich in Räuberbanden verwandeln.

  Es war furchtbar. Während ich ekelhafte Audienzen über mich ergehen ließ, in denen sich irgendwelche würdelosen Würdenträger zuerst vor mir auf den Boden warfen, dann ein Loblied sangen auf die gewaltige Macht, die ich über Schnee, Sturm und Steine hätte, dann meine Weisheit priesen, deren Unermesslichkeit sie zu begreifen nicht mächtig wären, um dann langsam mit ihren kleinen, lächerlichen Bitten vorzutreten, konnte ich mich oft kaum beherrschen. Ob es etwas geholfen hätte, wenn ich die ersten alle achtkantig hinausgeworfen hätte, anstatt der Erhöhung der Besteuerung der Tuchmacher um diesmal nur sieben Prozent zuzustimmen? Das System einer Zentralgewalt machte es zumindest theoretisch möglich, die klugen Köpfe dieses Reiches zu entdecken und zu fördern.

Egal. Schon nach wenigen Tagen im Palast ging das Leben im Reich weiter, wie es seit Generationen gelaufen war. Die Überlebenden meines Heeres genossen kleine Beförderungen. Der einzige, dem die neue Situation absolut nicht behagte, war ich selbst. Abgesehen davon, dass meine Macht wesentlich kleiner war, als sie auf den ersten Blick schien, weil ich eigentlich kein echtes eigenes Machtmittel besaß, von den Robbis abgesehen, musste ich mich mit dem Großkonfutor abstimmen, der anscheinend auch vorher die Fäden der Macht geknüpft hatte. Marutos hieß er und er war eine Mischung aus Geisterbeschwörer, Zeremonienmeister und Generalslenker. Lange verstand ich nicht, worauf sein Einfluss auf die Armeeführung beruhte. Bis ich die einfache Antwort fand. Drogen. Er verfügte offenbar über Kenntnisse zur Verarbeitung einer Pflanze, die den Trinkern des Sudes ein vorübergehendes Glücksgefühl suggerierte. Ob diese Pflanze Ähnlichkeiten mit eine früher auf der Erde bekannten hatte, weiß ich nicht. Allerdings machte auch sie nach wiederholtem Genuss abhängig. Sie wurde bei allen Feierlichkeiten in niedriger Dosierung eingesetzt. Die Armeeführung war ausnahmslos abhängig. Leider traf das auch bald auf die durch mich beförderten Offiziere zu.

Die Erkenntnis stärkte nur meine Überzeugung, dass eine Überwachung des Palastes keine Verschwendung technischer Reserven war.

Was sollte ich tun?

Immerhin hatte ich eines erreicht: Jenes Fürstentum, das ich zuerst erobert hatte, würde in absehbarer Zeit nicht angegriffen werden. Darauf baute schließlich mein neuer Plan auf.

Die einzigen Wesen, über die ich wirklich uneingeschränkte Macht verfügte, waren die Robbis. Es gab verschiedene Arten, ihnen Anweisungen zu geben. Normalerweise wurden sie akustisch gesteuert. Ihnen waren Programme eingegeben, die sie geradlinig abarbeiteten. Die konnte man direkt modifizieren, indem man den Robbi vorübergehend ausschaltete, man konnte aber auch durch eindeutige akustische Weisungen Veränderungen vornehmen, sofern man im Programm als dazu befugt eingeschrieben war. Man musste sich aber auch darauf einstellen, dass die Robbis lernten. Viele der eingegebenen Programme waren auf ein Ziel orientiert. Man gab ihnen also das definierte Ziel und einen Primärweg, um es zu erreichen, ein. Die Robbis testeten dann auch andere Wege selbständig. Je nach Erfolg bestätigen oder verwarfen sie den eigenen Weg. Man konnte ihnen auch einen Fernimpulsempfänger ins System integrieren. Dieser war in der Lage, wie ein Computer Signale von einem kompatiblen Sender als überschreibende Befehle entgegenzunehmen. Um allerdings Missbrauch auszuschließen, musste die Abstimmung vor Inbetriebnahme erfolgen.

Darauf baute ich auf. Ich setzte drei Robbis ein, die zusammen mit Marutos die Amtsgeschäfte in einem Vorraum des Thronsaales führen sollten. Es entsprach den gängigen Sitten, dass der Chrustino seine Handlungsweise nicht begründete. Die einzige Gefahr lag in der Zeit. Je mehr davon verging, umso misstrauischer würde zumindest Marutos werden, wenn er seinen Gott nicht zu Gesicht bekam. Für einen schwer abzuschätzenden Zeitraum würde er aber zufrieden sein, ungestört die Macht im Reich auskosten zu können – in meinem Namen.

In Begleitung dreier Robbis verließ ich nachts Chrust. Die Robbis hatten dabei zwei eindeutige Befehle. Sollte uns jemand bemerken, durfte er das nicht überleben. Und sie sollten mir die Nachtwanderungen ermöglichen. Das Risiko von Gerüchten, die sich aus ein paar Spuren im Schnee ergeben konnte, musste ich eingehen. Entscheidend war, schnellstens meine halb oder ganz verlassene Stadt unbemerkt zu erreichen.

Die Robbis erledigten beide Aufgaben hervorragend. Allerdings wagte sich auch kaum ein Saks nachts vor die Tür.

 Für mich war diese Wanderung mehr als ungewöhnlich. Das einzig Positive war, dass es in den Schneenächten nicht absolut dunkel wurde und obwohl an allen Tagen tagsüber kaum die Sonne schien, mir auch Unwetter erspart blieben. Wir kamen in der zwölften Nacht vor Morgengrauen unbehelligt an. Kannst du dir meine Gefühle vorstellen, als sich die Umrisse meiner Stadtmauer vor mir abzeichneten? Dieses innere Aufatmen, wieder nach Hause zu kommen? Zugleich die Angst, es könnte sich etwas Wesentliches verändert haben? Ich war zwar keine fünf Monate weg gewesen, aber … Nein, dieses Aber vermochte ich nicht genau zu fassen. Mich durchfuhr nur plötzlich ein Schreck: Welchen Eindruck machte es, wenn wir da zu viert vor den Toren der Stadt auftauchten! Mit fast 30000 Männern waren wir losgezogen!

Dann der beruhigende Gedanke: Das Schlachtfeld wurde doch von einem Robbi überwacht. Er würde uns ohne vorpreschende Gedanken erkennen und ohne Aufheben einlassen.

Und so geschah es. Wie heimliche Banditen wurde uns die Pforte im Stadttor halb geöffnet, hinter uns sofort wieder geschlossen. Wir schlüpften hinein, schlichen uns erst über den Burghof, runter zum Monitorraum, ließen uns berichten, was es Neues gäbe. Die Antwort war ein „Nichts!“

Ich bohrte nach und erfuhr so, dass ich den Zeitpunkt meiner Invasion auch in dieser Hinsicht gut gewählt hatte. Für die Saks-Bauern war der Winter eine Jahreszeit … also auf der Erde gab es Tiere, die schliefen den Winter durch. Hier war es seit Generationen üblich, so wenig wie möglich zu unternehmen, um so wenig wie möglich Hunger zu bekommen. In relativer Apathie empfingen meine Städter ihre Mahlzeiten von den dafür eingesetzten Robbis. Ansonsten genossen sie die anheimelnden Temperaturen in ihren Häusern und hockten beieinander. Sie schienen tatsächlich fast nichts zu tun.

Meine Mädchen arbeiteten ihre Lernprogramme ab. Anscheinend aber absolut lustlos. Es habe zwar keine Auflehnung gegeben, aber auch die Hauptbeschäftigung der Mädchen hatte im Schlafen bestanden. Das einzige, was sie wohl als Wunder in Anspruch nahmen, waren die Duschen. Es schien sie unwahrscheinlich zu beeindrucken, dass trotz der Kälte draußen und ohne meine Anwesenheit warmes Wasser aus den gewohnten Löchern schoss, wenn sie den Bedienhebel drückten. Über Zeichen der Trauer konnte der Robbi nichts zu berichten. Es waren eben nur etwas mehr Männer gestorben als sonst üblich.

Den Rest des Tages schlief ich aus. Als es wieder dunkel geworden war, schlich ich hinter die Küche zu den beiden Replikatoren. Ja, ich habe dir nicht alles erzählt. Ich hatte natürlich versucht, mit einem meiner beiden ursprünglichen Replikatoren neue zu replizieren. Logischerweise ging das nicht im Ganzen. Leider kam ich mit dem Verbinden der Module nicht zurecht. Im Wesentlichen besaß ich also einen echten Replikator und ein Gerät, das so aussah. Ich fand einfach den Fehler nicht, der auch im Programm der Robbis blieb.

Nun folgte eine mühsame Puzzlearbeit. Es war immer schon etwas Besonderes, Robbis zu fertigen und ihnen dann Merkmale zu geben, anhand derer man sie unterscheiden konnte. Diesmal aber kam es darauf an, dass niemand den neuen Robbi unterscheiden konnte – und zwar von mir. Eine dafür erforderliche Oberflächenmatrix war weder vorhanden noch vorgesehen. Ich musste also erst eine Matrix meines Kopfes anfertigen, sie dann im Programm aushöhlen wie einen Kürbis – ach, entschuldige, das ist eine riesige gelbe Frucht mit dicker Schale, aus der man Gesichter schneiden kann – und diese Restmatrix einem Robbigerüst überstülpen. Dieser Robbi hatte da schon seinen Fernimpulsempfänger eingebaut bekommen und sein Datenspeicher war mit Informationen gefüllt, die ich ihm aus meinem Gehirn überspielt hatte. Er würde sich also zum Beispiel an das Meiste erinnern, an das ich mich auch hätte erinnern konnte. Eigentlich noch an mehr. Er vermochte nur die Daten nicht zu aktivieren, die das Gehirn aus dem Kurzzeitgedächtnis gelöscht hatte. Da er also noch mehr Daten aktiv nutzen konnte als ich, war er sozusagen ein Super-Ich.

Auf der Erde hatte es eine ganze Reihe von Abenteuerromanen gegeben, in denen solche Super-Ichs ihre Fernimpulsempfänger außer Betrieb gesetzt hatten oder diese durch technischen Verschleiß ausgefallen waren. Damit wären diese unbeeinflussbaren Super-Ichs überlegene Androiden, die dann dank der auch mit überschriebenen tierhaften menschlichen Eigenheiten zu überlegenen Feinden wurden. Praktisch war solch ein Fall zwar nie aufgetreten, die Produktion eines solchen Subjekts gehörte aber zu den Tabu-Bereichen. Wer es gewollt hätte, konnte es trotzdem schaffen, selbst, wenn er dazu erst einen Minimatrizenpräger replizieren musste.

Im nächsten Morgengrauen stand ich mir gegenüber. Wieder so ein ungewöhnliches Gefühl: Ich unterhielt mich mit mir. Ich antwortete mir. Ich hörte mich mit meiner Stimme sprechen. Ich testete mich. Über den Fernimpuls sperrte ich die Information, wo sich der Ausschalter befand. Dann befahl ich mir, mich auszuschalten. Ich sah meine Verwirrung, ich hörte mich mir antworten, das ginge nicht, meine Nanniten ermöglichten ein unbegrenztes Leben. Ich schaltete mich aus. Ich stand vor mir als starre Maschine. Ich schaltete mich an und erkannte mich wieder. Ich vermied natürlich, mir Gelegenheit zur Beobachtung des Schaltens zu geben. Ich war zufrieden. Einmal noch ruhen und in der Nacht floh mein zweites Ich in Richtung Chrust. Zusammen mit den drei Robbis, die mich zuvor heim begleitet hatten. Ein Monitor im Monitorraum zeigte von nun an an, was mein zweites Ich sah, ein Kristall speicherte meine Erfahrungen in Chrust. Ich aber schief mich, diesmal völlig entspannt, aus. Nun, so war ich überzeugt, würde mein Leben ungestört an der Stelle weitergehen, an der es durch die Belagerung unterbrochen worden war … Vielleicht mit dem Unterschied, dass ich nun nur über einen wirklich funktionierenden Replikator verfügte. Ich konnte meine Kopie in der Reichshauptstadt ja nicht ohne Machtmittel lassen.

  Am nächsten Morgen erfasste mich eine vage Unruhe. Irgendwelche Albträume vor dem Aufwachen. Dann allmählich reifte der Gedanke. Angst. Es waren nicht nur die vier Monate, die ich überhaupt nicht mit meinen Saks hier zusammen gewesen war. Davor lag noch die Zeit, die durch die Belagerung und dann durch die fremden Saks-Soldaten nach der Belagerung bestimmt gewesen war. Eine unwirklich scheinende lange Zeit, in der meine Mädchen eben nicht mehr meine Mädchen gewesen waren. Die Ruhe, die man braucht für Zärtlichkeiten, die eigentlich so viel Harmonie bedeuten sollten wie für ein geliebtes Kind und den geliebten Lebenspartner in einem, fernab der Normen aus früheren Zeiten, ich hatte sie in der ganzen Zeit nicht mehr aufbringen können. Anstatt dessen hatte ich diese Kinder zu Soldaten gemacht, hatte sie eingesetzt, um ihresgleichen zu töten. Ich hatte das für unumgänglich gehalten, aber nun kam mir urplötzlich die Idee, dass sie das verändert haben könnte, nein musste. Ist ein Mensch, ein so junger noch dazu, … entschuldige, ein Saks, … aber das ist hierfür wohl egal, … ist also ein Saks danach noch in der Lage, empfindsam neue Beziehungen zu entwickeln? Welche Rolle hatte das Schicksal diesen weiblichen Kindern auf den Leib geschrieben? Unter meiner alles überragenden Führung hätte ich sie zu einem neuen Rollenbild geleiten wollen. Sie, die in ihrer Gemeinschaft an hinterster und trotzdem verhätschelter Stelle gestanden hatten, hatten bereits Dinge getan, die die ersten Männer ihres Volkes nicht nur noch nicht getan hatten, sondern vor denen sie sich gefürchtet hatten. Wie würden sie mir gegenübertreten? Die einzige Chance, sie als mich anerkennende Kinder zu erhalten, hatte ich verschenkt. Ich kam nicht an der Spitze eines mächtigen siegreichen Heeres zurück. Ich hätte an ihrer Stelle meiner Erzählung, dass ich nunmehr der Herrscher aller Lande war, nicht geglaubt und mich für einen gescheiterten Flüchtling gehalten. Selbst äußerlich konnten sich meine Mädchen verändert haben.

An dieser Stelle meine Überlegungen hatte ich bereits mein Vorhaben aufgegeben, mich normal sehen zu lassen, als wäre die Zeit dazwischen überhaupt nicht gewesen. Wie ein gejagter Dieb hockte ich im Monitorraum. Wenigstens diese Macht war mir geblieben, viel zu sehen, ohne gesehen zu werden. Für einen Augenblick dachte ich daran, einen Neuanfang von jener Stelle aus zu versuchen, als ich auf diesem Planeten gelandet war. Zugleich wusste ich, das war einfach nicht möglich. Und dann sah ich sie …

 

Das Mädchen gehörte zu den wenigen, die zwar schon mindestens zehn Jahre alt waren, aber nicht zu meinen Dauerschülerinnen gehört hatten. Sie war im letzten Herbst mit ihren Eltern aus einer der entfernten Siedlungen gekommen. Sie war der Pflicht zum Unterricht in der Schule nachgekommen, sie war mir sogar aufgefallen dabei, aber eher durch ihre Zurückhaltung. Ihre Haut war noch einen Hauch dunkler als die der anderen, ihre Nase im Verhältnis zum länglichen, zarten Gesicht und dem schmächtigen Körper massiv dominant. Eigentlich waren nur ihre Augen noch auffälliger – fast riesig unter den buschigen Brauen. Und Locken hatte sie, Locken … also … Aber lassen wir das. Ich bestaunte sie, wie sie zusammen mit einer jüngeren Schwester über den Hof schritt, wie sie Essensberge schleppte, unter denen sie eigentlich im Boden hätte einsinken müssen. Den ganzen Tag beobachtete ich sie. Ich bedauerte, dass ich nicht in allen Wohnhäusern Kameras installiert hatte. Aber sie kam mehrmals heraus und aus dem, was ich dabei beobachtete, reimte ich mir ihre Geschichte zusammen. Zumindest ihr Vater war wohl während der Belagerung umgekommen. Entweder war ihre Mutter krank oder auch nicht da oder ein Geschwisterteil war krank. Jedenfalls lief sie oft draußen herum, um etwas zu besorgen.

Endlich, im abendlichen Dämmerlicht, stand sie allein draußen. Ich sah sie Luft holen, malte mir aus, dass sie sich einen kleinen Moment vor den Verpflichtungen als Ersatzmutter und -vater erholen wollte, wahrscheinlich hatte sie gerade Streicheleinheiten verteilt, und gleich würde sie wieder reingehen, denn es war ein noch sehr kühler Frühlingsabend. Da rannte ich, dem besagten Dieb gleich zu ihrem Haus, um sie noch draußen abzupassen. Wahrscheinlich haben mich mehrere Saks gesehen, aber ihren Augen nicht getraut. Ich musste ihnen ja schon wegen meinem für Saksverhältnisse erschreckenden Riesenwuchs auffallen, aber ich war doch weit weg in Chrust.

Die kommenden Minuten … Nein, sie sind nichts für deine Fantasie. Es muss dir reichen, dass Schamoui

Sie hat mich alles machen lassen. Kein Widerstand. Keine Geste. Nichts. Als ich mich nach dem Moment von ihr löste, war da jener Blick, der so tief war, wie ich es nie erzählen könnte. Neben mir lag ein Kind, dass ich, nein, das vorher schon ein Schicksal, zu dem ich leider auch gehörte, zur Frau gemacht hatte. So etwas mochte hier nicht selten gewesen sein, also, dass die Kinder zu Waisen wurden, dass sie dem Wohl, aber auch dem Wehe der Siedlungsgemeinschaft ausgeliefert waren, dass Krankheiten …

Nein, ich war keine Krankheit. Ich schob meinen linken Arm unter ihren Kopf, zog ihn an meine Brust. Weißt du, in dem Moment dachte ich daran, dass es eine starke Brust war und ein starker Arm, und ihre Locken kitzelten meine Haut und ich fühlte mich so wohl, dass ich augenblicklich einschlief.

Später habe ich Schamoui einmal gefragt, ob ich da nicht in Gefahr gewesen wäre. Sie hätte aufstehen können, ein Messer holen und es mir zwischen die ach so starken Rippen stechen. Mit Worten hat sie mir nie geantwortet, nur mit einem Blick, mit dem sie mir sagte, wie wenig ich doch von ihr verstand.

Irgendwann wurde ich von einer leichten Berührung wach. Es waren Schamouis Locken, als sie sich von mir hatte lösen wollen.

„Wo willst du hin?“ Ich flüsterte es.

„Meine Geschwister brauchen mich, wenn sie aufwachen.“ Ihre Stimme war leise und hatte den Unterton absoluter Selbstverständlichkeit.

„Sie können in der Burg aufwachsen.“ Ich gab mir Mühe, auch so beiläufig selbstverständlich zu wirken. Gelungen ist mir das wohl nicht. Aber das war auch nicht wichtig. Auf dem Weg zu ihrem Haus bekam ich die Bestätigung. Schamoui lebte tatsächlich mit vier jüngeren Geschwistern in ihrem Haus. Allerdings gab es keine Siedlungsgemeinschaft, nur viele Nachbarn, die ihr halfen, wann immer sie darum bat. Aber sie hatte selten gebeten. Auf meinen Vorschlag sagte sie nur: „Du bist der Herr.“

Vielleicht lag das daran, dass sie meine Sprache noch nicht sicher genug beherrschte.

Das Leben begann danach tatsächlich mit neuer alter Routine. Ich hatte dabei allerdings noch mehr Aufgaben zu lösen als vorher. Die eine war die Ankurbelung der Wirtschaft meines kleinen Landes. Ich konnte die Saks, die die Belagerung der Chrustiani überlebt hatten, ja nicht zu einem vom Replikator abgesicherten Rentnerdasein verurteilen. Aber wie sollten die Verhältnisse neu organisiert werden? Die Schlacht hatte eine sagen wir mal abnorme Schräglage geschaffen: Von der ganzen früheren Bevölkerung waren an Erwachsenen noch etwas mehr als dreihundert Männer und dreitausend Frauen übrig geblieben. Wie sollten die eine Gesellschaft für kommende Jahrhunderte entstehen lassen? Na, zumindest gab es ja noch die Kinder …

Halt! So schlimm war es nicht. Nur war die Zahl der Saks, die sich noch in den Höhlen aufhielten, schwer zu schätzen. Also die, die als Frauen und Kinder nicht Winterunterschlupf in der Stadt gesucht hatten, und die Männer dazu, die zum Ausheben der Gräben gezwungen worden und in den Wirren des Zusammenbruchs der Belagerung geflohen waren … wahrscheinlich zu ihren Familien zurück, waren sicher mehrere Tausend.

Und damit hatte ich mein erstes Problem. Als die Belagerer im Herbst angerückt waren, hatten sie, wie auch immer, offenbar die meisten Höhlen entdeckt. Unwahrscheinlich, dass sie dort große Vorräte hinterlassen hatten, vor allem an Saatgut. Aber genauso gut konnten umgekehrt die Bauern, als ihnen dann die Flucht gelungen war, Vorräte mitgenommen haben – nur ungleich verteilt auf die Gruppen. Ich stellte also Karawanen zusammen, die alle bekannten Bergverstecke mit Vorräten beladen ansteuern und die Situation ihrer Bewohner erkunden und sie überlebensfähig machen sollten.Es kamen erste Frühjahrsstürme auf, aber es war noch alles gefroren. In dieser Phase warteten die normalen Saks ab. Aber ich überrumpelte mit einem unerschöpflichen Tatendrang jeden skeptischen Vorbehalt. Hier wollte ich der Landesvater sein und hier traute ich mir das auch zu. Nicht zuletzt deshalb, weil mir die Wetterverhältnisse vertraut europäisch vorkamen – nur eben mitunter etwas verzerrt.

Immer wieder beschäftigte mich der Gedanke dieses 300 zu 3000. Zumindest für die Saks, die sich direkt unter den Schutz meiner Stadtmauern gestellt hatten, traf das Verhältnis eben doch zu. Dunkel erinnerte ich mich an eines meiner Geschichtsbücher zur älteren Menschheitsgeschichte. Waren nicht die Zeiten nach entmännernden Kriegen jene mit einem besonderen Schub in der Gleichberechtigung gewesen? Weil aus reiner Not heraus die Frauen auch Männerarbeiten erledigen mussten? Praktisch war das bei meinem Volk mit einer interessanten Zusatzaufgabe verbunden: Die Männeraufgabe bei den Bauern hier hieß überwiegend Feldarbeit. Wenn die von Frauen erledigt würde, wer kümmerte sich dann um die bisherige Frauenarbeit, besonders also um die Kinder? Ohne mein Eingreifen wären die wahrscheinlich überwiegend sich selbst überlassen gewesen. Nach dem Motto „So geht es ja auch“. Aber so hatte ich ein gutes Argument, an die winterlichen Stadtschulpflicht ein Sommerschulprogramm anzuhängen. Das wäre zwar nicht Schule im engen Unterrichtssinn, aber im Sinn des in meiner Jugendzeit praktizierten Learning by playing. Einige besonders abstrakte Fächer waren noch verzichtbar. Aber die Großen von acht bis dreizehn würden es trotzdem schwer haben. Sie alle mussten sich darauf einstellen, als Lehrer oder meinetwegen „lehrende Aufsichtspersonen“ eingesetzt zu werden. Ganz nebenbei mussten sie das notwendige Wissen erwerben und die Fähigkeiten, es angemessen weiterzugeben. Insgesamt ging es um mindestens viertausend Kindern. Dass sie in diesem Prozess alle Hauptrollen haben würden, musste ich zuerst meinen schon etwas vorgebildeten vierzig Mädchen klarmachen. Und sie sollten sich rechtzeitig Helfer und den Helfern wieder Helfer suchen. Ich wollte auch beachten, dass größere Gruppen als 12 Kinder ihren Lernfreudewert verloren und natürlich die Fähigkeiten der jungen Erzieher überstiegen. Und mit einem gut gestreuten Gerücht weckte ich, lange bevor es losging, bereits das Interesse der Kindermassen: Die Kindergruppen würden alle eigene Felder haben und anbauen und ernten und sie würden viel ernten und es würde ein Spiel sein, weil ihnen die Monster helfen würden.

Und dann war endlich Frühlingsfest. Höchststimmung. Ich schmetterte eine stürmische Rede. Ich fürchte zwei Drittel dessen, was ich da gesagt habe, kam inhaltlich nicht richtig rüber, von wegen Frauen, die jetzt ihren Mann stehen würden, aber die Begeisterung in meiner Stimme steckte an und die Lautsprecher waren so eingestellt, dass einfach alle zuhören mussten. Eigentlich konnten mir die wenigen Männer fast Leid tun – an diesem Abend waren sie bis zur Erschöpfung gefordert.

Am nächsten Morgen brach die Sonne sehr früh durch den Morgennebel – wie bestellt. Ein langer Festzug verließ die Stadt. Oder sollte ich Treck sagen? Die meisten künftigen Siedlungen würden sich erst in einiger Entfernung vom Stadttor trennen. Im Moment genossen sie die Ausstattung, die ihnen unbekannterweise meine Replikatoren ermöglicht hatten. Die Hoffnung, satt über den Sommer zu kommen, überbrückte die Wehmut, die eigenen Kinder nur als gelegentliche Besucher zu sehen zu bekommen.

Beklemmungen … Mit dem Abzug der meisten Erwachsenen blieb eine Republik der Kinder übrig. Die Zeit der Mutproben begann. Denn war es nicht schon eine Mutprobe für sich, sich jenem überdimensionalen Gebilde aus kaltem Metall überhaupt zu nähern? Es gar zu berühren? Hätte es nicht schon einige große Mädchen gegeben, die da einfach hochstiegen, irgendwohin griffen und dann brummte und vibrierte solch ein Wesen und bewegte sich wie ein Tier. Aber die Mädchen da oben brachten es mit ähnlichen Griffen auch wieder zum Stehen und Schweigen, leichter als jedes störrische Reittier!

Es dauerte lange, bis wenigstens ein paar Kinder erste technische Zusammenhänge überhaupt glaubten, also dass das nichts mit Zauberei oder so zu tun hatte. Aber da war es längst eine große Auszeichnung, selbst auf so etwas zu sitzen. Trotzdem gab es inzwischen Jungen, die versteckten ihre Angst hinter der Formel, das sei etwas für Mädchen.

Immerhin gab es schon nach zwei Wochen ein riesiges Feld, das durch die Arbeit der Kinder maschinell umgegraben worden war. Lange Furchen durchzogen es. Eine Woche danach war Getreide ausgesät. Es wurde aber noch viel mehr ausgesät, Pflanzen, die die Kinder noch nicht kannten. Andere wurden als Pflänzchen in die Erde eingebracht. Bei der Masse an Wundern, die den Kindern fast stündlich begegnete, übersahen sie glücklicherweise das eine große: Woher die vielen Pflänzchen und Körner kamen.

  Ich könnte dir bestimmt tagelang Anekdoten erzählen, was allein in diesen ersten drei Wochen alles passierte. Ich hatte einen Anbauplan vorbereitet, der ganze fünf Wochen Bodenbearbeitung vorsah. Und so nebenbei bekamen die einzelnen Gruppen Verantwortung für ein Stück Feld, einzelne Beete, bestimmte Pflanze. Und weil alles so groß war und so dicht beieinander, musste alles beschriftet werden … und plötzlich erschloss sich der Sinn von etwas Unheimlichem, geheimen Zeichen, die Buchstaben hießen und die halfen, an eine Sache erinnert zu werden, ohne dass man direkt davon erzählte oder sie sah. Andere lasen beim selben Zeichen denselben Buchstaben, verbanden damit dieselben Wörter, dieselbe Bedeutung.

Wie im Märchen. Ich strich durch die vielen Unterrichtsräume und draußen von Gruppe zu Gruppe, und es war viel spannender als eine Schlacht zu leiten, bei der nachher die meisten der Beteiligten nicht mehr leben würden. Was würden das für Wesen werden, die das hier alles überstanden? Es war faszinierend und offen im möglichen Ende. Nur eines war sicher: Solche Saks wie die seit unzähligen Generationen bisher wären es wohl nicht.

Aber es war eben kein Märchen. Es mischte sich auch schnell etwas nicht auf meinem Lehrplan Stehendes in die Ereignisse ein.

Du kannst dir vielleicht vorstellen, wie bedeutsam ich mich fühlte. Der größte Hahn aller Zeiten auf einem riesigen Hühnerhof. Und so, wie die Regeln aller Welten für mich außer Kraft gesetzt schienen, so wollte ich auch das Gefühl gewaltiger Männlichkeit auskosten. Die Mädchen vergötterten mich und es war mir ein Leichtes, fünfzehn von ihnen sozusagen in Rotation zu duschen und ihre frischen Furchen zu pflegen. Ich sage das ganz klar: Jede von ihnen hatte irgendetwas Besonderes, etwas so Einzigartiges, dass ich auf keine von ihnen hätte verzichten wollen, dass ich keine von ihnen angelogen habe, wenn ich ihr erzählte, wie sehr ich sie liebte. Unter Menschen wären das alles Kinder gewesen, ich gebe es ja zu, aber unter den Saks war ich der einzige Mensch und meine Mädchen waren ja auf ihre Weise erwachsener als es die Durchschnittsfrauen je werden würden.

Ich …

  Schamoui war unter ihnen wieder eine Ausnahme. Alle Anderen wollten etwas von mir. Mitunter malte ich mir aus, sie könnten mich als ihre Beute betrachten, um die sie mit dem Rest kämpfen mussten. Nur aus Schamoui wurde ich nicht klug. Das Einzige, was ich verstand, war die Sorge um ihre Geschwister. Aber selbst, nachdem ich die geeignete Medizin für Schohschoh gefunden hatte, und diese wieder gesund wurde, dankte mir Schamoui nur mit einem ihrer Blicke.

Dann aber …

Zu den Selbstverständlichkeiten in den Beziehung zu den Mädchen meiner Nächte gehörte, dass ich sie oft und gründlich untersuchte. Und ausgerechnet bei Schamoui stellte ich dabei eine Schwangerschaft fest.

Was weiß ich, wie ich unter normalen Umständen damit umgegangen wäre. Aber abgesehen davon, dass an meinen Beziehungen überhaupt nichts normal war, erwachten sofort die dunkelsten Erinnerungen meiner Zeit auf diesem Planeten. Sahen mir in die verborgenste Ecke meines Hirns, sahen mir in die flackernden Augen, auf die zitternden Hände. Ich hatte solch eine Angst!

Verdammt, hätte mich Schamoui nicht mit diesen allwissenden Augen angesehen! Nachher habe ich heimlich immer wieder den Kopf geschüttelt. Es wäre so leicht gewesen, zu schwindeln: Schamoui hatte nicht die geringsten Kenntnisse über biologische Zusammenhänge. Ich hätte ihr nur sagen müssen, sie sei krank und ich müsse die Krankheit weg machen. Das könnte ich. Dann wäre es geschehen und niemand hätte sich etwas dabei gedacht. Mir Trottel rutschte aber geradewegs als Antwort auf ihren fragenden Blick der Schicksalssatz heraus „Du bist schwanger.“ Er ließ sich nicht wieder in die Mundhöhle zurück holen.

Ich hatte Schamoui verurteilt.

Das einzige Gute war, dass die Erkenntnis in die erste Zeit fiel, wo die Neuigkeiten für die Welt der neuen Schüler nicht mehr so sehr überquollen. Ich konnte also ein weniger landwirtschaftliches Fach auf den Unterrichtsplan setzten. Die Geschlechtsbeziehungen der Saks und die Vorgänge der Vermehrung.

  Wie ich schon erwähnt habe, war mir selbst nicht alles an den biologischen Abläufen der Saks klar; nur aus sozusagen hypothetischen Gründen unterstellte ich, sie würden den menschlichen ähneln. Doch ich erinnerte mich sofort: Es gab in Fredville ein Mädchen, Xonoti, das hatte einer einheimischen Hebamme assistieren dürfen. So hieß es. Das wäre sicher von Vorteil. Welches Wissen über die Geburt welcher Tiere von Nutzen sein konnte, konnte ich aber genauso wenig sagen. Ich wusste nun nur eines sicher: Die Befruchtung einer Saks-Eizelle durch menschliche Spermien war nicht nur zufällig möglich. Dann waren weitere Ähnlichkeiten sehr wahrscheinlich.

Ich hätte Schamoui bei ihrer Entwicklung beobachten können. Ich wollte aber nicht noch einmal eine Katastrophe erleben. Ich zog alles in die Öffentlichkeit. Nachdem ich sozusagen als Ziel eins die Befähigung aller großen Schülerinnen und Schüler zur Lehrkraft in Schulen hatte erreichen und dies am Grundfach Landwirtschaft durchspielen wollen, eröffnete ich kurzerhand eine medizinische Fachschule mit Schwerpunkt Geburtsbegleitung.

Ausnahmslos alle Kinder absolvierten vorher ein paar Stunden Grundkurs Körperfunktionen. Ich klammerte alle den Menschen bekannten Verhütungsmethoden aus, die biochemische Vorgänge betrafen. Gerade da wusste ich ja nicht, ob sie bei den Saks wirklich genauso funktionierten. Aber das männliche Geschlechtsteil bei einem Liebesleben, dass nicht zu Kindern führen sollte, zu bekleiden, war auf jeden Fall auf das Leben der Saks übertragbar. Und je früher die Kinder das miterlebt hatten, umso selbstverständlicher würden sie es als natürlich empfinden. Selbst, wenn sie es selbst noch nicht anwendeten.

Bei diesem Unterricht mussten bereits erste Talente gefunden werden. Wen verunsicherte kein Blut oder undefinierbare Flüssigkeiten, wer ging wie mit fremden Verletzungen und Schmerzen um und noch Vieles mehr – all das musste klar sein.

Xonoti war ein Glückstreffer. Wie ich nun erfuhr, war ihr Erlebnis ganz anders gewesen. Offenbar hatte sich die Hebamme selbst vergiftet, also zufällig und vorher. Das Gift, über das logischerweise niemand etwas sagen konnte, hatte seine Wirkung entfaltet, kaum dass sie bei der Kreißenden angekommen war. Sie hatte noch einige Hinweise delieriert, aber im Wesentlichen hatte Xonoti nach Gefühl zugegriffen. Sie war gerade die nächstgreifbare Frau gewesen.

 Schamoui wurde zum dauernden Studienobjekt. Ganz hatte ich meine Angst nicht von ihr geheim halten können. So verschaffte es ihr wohl erst wieder etwas Gelassenheit, dass sie von so vielen Interessierten beständig begafft und in ihrem Zustand erklärt wurde.

Den absoluten Heldenstatus erlangte sie allerdings, als sie während einer jener vielen Studien behauptete, sie habe eine Bewegung gespürt. Auch die Kinder, die nicht Mediziner werden wollten – wir hatten von denen inzwischen drei Gruppen gebildet – wollten wenigstens einmal auf diesen Wunderbauch fassen dürfen.

Anfangs waren die Veränderungen an Schamouis Körper ein Wunder vollendeter Formen. Weibliche Formen, von denen kein Mann nicht träumen würde, solange er noch Mann war. Aber dann begann sich das Leben in ihrem Becken auszubreiten. Schamoui war doch nur 145 Zentimeter groß, noch dazu ein ganz zierliches Wesen, ich dagegen war ein ausgewachsener Menschenmann. Das kann man sogar jetzt noch erkennen. Zu welcher Übergröße im Verhältnis zur Mutter sollte sich das Embryo entwickeln?!

Das war vielleicht keine Frage für einen Weltraumhelden, aber in dieser Zeit die alles entscheidende. Meine Unterhaltungen mit Xonoti festigte schließlich meine Überzeugung, dass die zu erwartende Entbindung der menschlichen im Wesentlichen entspräche – was aber hieß, dass diese hier auch unter den erreichten Fortschritten der Menschheit als Risikoschwangerschaft bezeichnet worden wäre. Als der wahrscheinlich 180. Schwangerschaftstag erreicht war, erklärte ich Schamoui, ich würde ihr dieses Baby im Schlaf aus ihrem Bauch holen. Wie war ich meiner Schamoui da dankbar, dass sie eben diese Schamoui war. Ihren Blick konnte ich einfach als Vertrauensbeweis nehmen und anfangen.

Ich war gut vorbereitet. Eine Narkosemaschine wurde direkt ans Nervensystem des Mädchens angeschlossen. Einzig des Herausschneiden hatte den Touch einer Fleischerarbeit wie vor Tausenden von Jahren. Das Vernähen der offenen Wunde war dagegen etwas fortschrittlicher als zu alter Zeit, aber jene Maschine, die auf der Erde eingesetzt worden wäre, um die Operierte erst mit fast verheilter Wunde aufwachen zu lassen, ließ sich nicht replizieren.

Weißt du, das Gebären wird wohl ewig etwas Mystisches behalten. Dieser berühmte erste Schrei und so. Für mich war das alles anders. Ich musste Vater und Arzt in einem sein, die Mutter war dabei betäubt, das Baby, es war ein Mädchen, an dem keine Fehlbildungen erkennbar waren, schien nichts Anderes im Kopf zu haben, als zu schlafen. Nur ein kurzes Ächzen gab es von sich. Wenigstens zeugten die Apparate von der Gesundheit von Kind und Mutter. Kaum war das Baby eingehüllt, musste ich die Mutter noch zunähen, müde und erschöpft wie ich war.

Still umarmte ich mein kleines Team, legte mich neben meine intergalaktische Familie und schlief selbst ein.

Mutter und Vater sind wir erst ein paar Stunden später geworden. Da gab das neue Wesen ungefragt ein „Akh!“ von sich und ich schoss hoch wie bei einer Burgsprengung. Ich packte das Bündel. Ich glaube, so richtig habe ich nichts gesehen außer … also ich war überzeugt, das waren die unerlaubt großen Augen der Mutter. Wie ging es Schamoui? Schlief sie etwa noch? Sie regte sich. Kam irgendwie nur schwer zu sich. Vielleicht war die Narkosemaschine zu sehr auf Menschenverhältnisse fixiert. Aber da lächelte sie. Also nicht die Narkosemaschine. Schamoui. Sah mich mit dem Bündel. Ich packte es halb aus, legte den bloßen Babykörper auf den bloßen Körper meiner Frau. „Wie soll sie denn heißen?“ „Sie?“ „Sie.“ „Duan.“ „Duan.“

Eigentlich müsste ich an der Stelle wohl wegblenden. Es war alles so kitschig. Wir hatten gerade die höchste Grenze zwischen zwei Welten überstiegen. Zeit für eine Träne. Mindestens. Hatt´ich ja wirklich im Auge. Aber dann das Klopfen. Xonoti guckte durch die halb geöffnete Tür, winkt uns oder mir, was weiß ich. Jedenfalls versuchte Schamoui aufzustehen, mit den Füßen den Boden zu erreichen …. Ich hüllt die junge Mutter ein, hielt sie fest so wie sie unser Baby. Ein paar Schritte zur Tür. Dann draußen ein Kindermeer. Ich sagte „Duan!“ Und es ging von einem zum anderen wie Wellen um ein ins Wasser geworfenen Stein wachsen. Duan!

  Mit der Geburt meines ersten Kindes begann die Zeit anderer Heldentaten. Meinen Stolz befriedigte ich nun zum Beispiel durch die kleinen Kniffe, mit deren Hilfe ich verhindern konnte, dass Schamoui und alle anderen Saks erfuhren, warum die Brüste meine Frau so leicht Milch gaben. Nicht zu Unrecht ging ich davon aus, dass eine künstliche Geburt auch weiter künstliche Anregungen der Natur erforderlich machte. So aber ermöglichte ich Schamoui ein hohes Ansehen als Frau … Man muss ja nicht mit allen Traditionen auf einmal brechen.

Ich beschenkte meine anderen Mädchen weiter mit körperlichen Zärtlichkeiten. Ich billigte ihnen auch zu, nicht von den nun allgemein praktizierten Verhütungsmethoden Gebrauch zu machen. Die Mädchen spürten sehr deutlich, dass Schamoui eine eigene, nur ihr gewährte Zärtlichkeit empfing. Aber noch blieb die Chance, Mutter des ersten Sohnes zu werden. Der Eifer, mit dem mich die Mädchen mit diesem Ziel empfingen, raubte unseren Begegnungen viel von der bisherigen Unbeschwertheit.

Dafür arbeitete ich mich weiter an der Entwicklung einer modernen Landwirtschaft ab. Die war ungeheuer spannend. Herausfordernd. Gerade für mich. Ich hatte früher nichts davon verstanden, vielleicht gerade einmal das Wort Fruchtfolge gehört. Nun konnte ich den Kindern den Nutzen von Computern für die Optimierung der Versorgung von Lebewesen mit allem Notwendigen vorführen, konnte zeigen, dass Pflanzen Lebewesen waren und das wichtigste Prinzip der Ernährung eines intelligenten Wesens die Unterschiedlichkeit ist. Bei so viel Abwechslung würde jeder auf Speisen stoßen, die ihm mehr und welche, die ihm weniger schmeckten. Aber es reichte eben nicht aus, nur den Bauch voll zu bekommen. Sie sollten auch Genuss am Speisen empfinden. Irgendwie war mir schon klar, dass ich sie damit ihrem bisherigen Leben entfremdete. Aber auf der anderen Seite hatten diese Saks-Kinder in wenigen Wochen von mehr Genießbarem gehört als zig Generationen vor ihnen und sie würden bald durch eigenes Handeln über eine große Auswahl von Essbarem verfügen.

Ein Erlebnis für sich waren die Haustiere. Bisher kannten die Kinder nur die Kalaks und die nur von weitem als Reit- und Lasttiere der Wohlhabenden. Nun bekam allmählich jedes Kind meiner Schule sein kleines Tier. Und zumindest theoretisch wussten die Kinder schon, wie sich diese Tiere vermehren würden. Begeistert erzählten sie mir Geschichten über eigene und von anderen gehörte Erlebnisse mit Lebewesen ihrer Wildnis. Gemeinsam versuchten wir herauszubekommen, was davon wahr und für uns verwendbar und was wahrscheinlich Produkt wilder Phantasie war.

Mit anderen Worten: Diese Kinder lernten denken, abstrahieren, ihre Welt immer bewusster erweitern.

  Auch wenn die Objekte für diese Lernaktivitäten alle noch aus den Replikatoren stammten, würden sie bald eine neue Natur sein. Wenn diese Kinder erwachsen wären, wäre ein gebratenes Hähnchen für sie so selbstverständlich wie für mich – nur dass sie das Tier selbst noch lebend gekannt haben würden. Und alles neue Saatgut stammte dann von den eigenen Feldern.

Rein intuitiv hatte es bei den Saks schon Mehrfelderwirtschaft gegeben. Vergangene Generationen hatten bemerkt, dass der beständig wiederholte Getreideanbau auf demselben Feld bewirkte, dass weniger geerntet wurde. Dass man woanders neu anfangen musste. Nun konnte ich die biochemischen Grundlagen erklären … und hatte dann Mühe, die Kinder davon abzuhalten, ihre Feldchen mit Dünger fett zu machen.

Bei Dünger begann die Problemzone meiner Zukunftswirtschaft. Ich wollte ihn nicht replizieren, um keine langfristigen Abhängigkeiten zu schaffen. Um welchen herzustellen, hätte es mehrerer industrieller Vorstufen bedurft. Für die verschiedenen Produktionsbetriebe waren mir offen gesagt meine kleinen Replikatoren einfach zu schade und, wie schon so oft, zu klein. Wichtiger war das Verständnis der Saks für Energie. Immerhin konnte ich da an ihrem Wissen über Feuer anknüpfen. Sie kannten das Kochen, wussten also von Veränderungen. Allerdings waren einige sehr schnell im Ziehen von Analogien. Als nämlich die Ersten den Sinn der replizierten Solarzellen begriffen hatten, wollten alle welche anpflanzen. Da musste ich mich selbst bremsen, genau überprüfen, welche Möglichkeiten das vorhandene und durch Saks wirklich reproduzierbare System zuließ. Ich ging sozusagen in meiner Menschenwelt um Jahrtausende zurück und einigte mich dann mit meinen Kindern auf das Prinzip des Wasserrades. Gemeinsam mit den Kindern erfand ich die eigenständigen Berufe des Müllers und des Bäckers.

Was für ein Jahr!

Natürlich hatten wir unsere Kontakte nach draußen. Ich kommunizierte in geheimen Videokonferenz mit meinem technischen Double ich Chrust, damit Fred 2 Entscheidungen in meinem Sinne traf und ich gegebenenfalls an meinen Platz dort zurückkehren konnte. Die Kinder zogen gelegentlich los, ihre Familien zu besuchen. So enttäuscht, wie sie davon erzählten, und da sie immer weniger eifrig an diese Besuche dachten, konnte ich mir gut ausmalen, was sich da in den Siedlungen abspielte. Die Kinder begriffen einfach nicht, dass die Erwachsenen ein Großteil dessen, was aus den Kindermündern gesprudelt war, einfach für überbordende Fantasie halten mussten. Dass sie das viele Neue nicht nur nicht begriffen, sondern auch nicht begreifen wollten. So fieberte ich dem Herbst entgegen. Nicht nur der Ernte wegen. Die war beeindruckend und ich entging auch allen Katastrophen, die die Träume der Kinder zerstört hätten. Nein. Ich hoffte auf die Nähe zu den Erwachsenen in der Winterstadt. Sie würden sich dann von den anfass- und essbaren Ergebnissen unserer Schule überzeugen können …

So dachte ich. Aber die Ereignisse belehrten mich eines Besseren. Das Ende der Ernte brachte den Anfang der Auseinandersetzungen. Es begann harmlos. Erste Kinder kamen vom Besuch ihrer Siedlung nicht zurück. Weißt du, bei insgesamt 4000 Kindern brauchte´s eine Weile, bis ich das mitbekam. Außerdem gab es ja keine Verpflichtungen, wer bis wann hätte zurück sein müssen.

Doch dann häufte sich das. Und die Auflösung des Rätsels ließ nicht lange auf sich warten. Eines Morgens standen zwei der vermissten Jungen vorm Stadttor und erzählten, dass man sie regelrecht entführt hätte. Das heißt, als sie in ihrer Siedlung aufgetaucht waren, hatte dort sofort der Aufbruch begonnen. Man habe sich auf den Weg zur angestammten Höhle gemacht. Obwohl die Jungen nicht gewollt hätten, hätte man sie mitgenommen.

Ich dachte das Problem einfach zu lösen, indem ich anordnete, dass Besuche von nun an nur in der Stadt möglich seien. Im Wesentlichen funktionierte das auch. Die Möglichkeiten zum Mitnehmen der Kinder schrumpften nahe Null. Die meisten wollten ja auch nicht weg. Dafür geschah etwas anderes für mich Unerwartetes: Der Ansturm auf die Winterunterkünfte blieb aus. Nach dem ersten Frost waren gerade einmal 240 Erwachsene, meist junge Mütter, drei ganze Siedlungen, in die Stadt gekommen. Es zeichnete sich ab, dass ich in diesem Winter einer Stadt der Kinder vorstehen würde.

Zu meinen Gunsten wirkte dabei, dass zwischen den Kindern neue Familienbeziehungen entstanden waren. Dabei schlugen die ursprünglichen Saks-Traditionen durch. Die Siedlungen waren in irgendeiner Weise keine Beziehungen, die auf die Blutsverwandtschaft zum biologischen Vater und der Mutter zurückgingen, wie ich dies von der Erde her kannte. Nein, die Siedlung bildete offenbar durch Sympathie und Harmonie ihrer Bewohner verbundene Haus-Gemeinschaften. Da hatte ich anfangs schlicht mir Gewohntes in manche Beobachtung hineininterpretiert. Für die Kinder war es einfach normal, sich Anderen, mit denen sie sich gut verstanden, anzuschließen. Sie hatten auch vorher ihre Familien gewählt. Sie hatten aber den Schutz von Erwachsenen gebraucht. Die Ehre und Verantwortung für die Großen unter ihnen, als erwachsene Betreuer gewählt zu werden, war dann doch etwas Neues, wenn auch nichts ganz fremd wie von mir zuerst gedacht.

Und noch eine andere Tradition veränderte sich: Nach besagtem ersten Frost hatte eigentlich alle Elfjährigen ihre Weihe als Erwachsene bekommen. Jungen und Mädchen begegneten einander als Partner in Liebe. Es hatte mitunter etwas extrem Verspieltes, erinnerte aber an die Eherituale, die mir beim Beobachten meiner ersten Siedlung bereits aufgefallen waren. War dieses gegenseitige Verbeugen mir schon bei den Erwachsenen komisch vorgekommen, so konnte ich mir kaum das Schmunzeln verkneifen, wenn sich Kinder vor größeren Kindern verbeugten. Gerade wegen des kleinen Wuchses musste ich mir fast gewaltsam bewusst machen, dass ich es eigentlich mit Jugendlichen zu tun hatte, von denen die Größeren 20jährigen auf der Erde entsprachen. Nur die allgemeine Verhütung war neu. Die hatte ich nur nicht für die Feier des ersten Tropfens vorzuschlagen gewagt.

Offener Streit war bei den Kindern auch zu früherer Zeit schon seltener als für mich gewohnt. Wenn sie sich zankten, gab es dafür nur einen wichtigen Grund: Die Eifersüchteleien um besonders beliebte Erwachsene, die noch keine waren. Ansonsten ließe sich dieser Winter leicht zusammenfassen: Liebe und Lernen oder Lernen und Liebe. Jeweils in verschiedenen Formen, aber überwiegend so harmonisch, dass ich mir am Ziel aller Wünsche vorkam und dachte, so könnte es ewig weiter gehen. Bei meinen täglichen Schaltungen zum Chruster Double kam ich mir vor wie in einem wunderschönen Albtraum: Albtraum wegen der Ränkespiele, aus denen ich mein Ich herauswinden musste, wunderschön, weil ich in jeder Sekunde dieses Traums fühlte, dass das nicht nur weit weg war, sondern sich nach Belieben abschalten ließ.

Als der Frühling sich näherte, teilte ich zum ersten Mal die Empfindungen meiner Saks: Eine begierige Erwartung, dass es bald losginge, endlich raus, wieder Tolles machen, worauf noch unterschiedlich vage Erinnerungen in einem schlummerten, aber überall nur angenehme …

Der Winter war in jeder Hinsicht unspektakulär verlaufen. Die Ernte davor ungewöhnlich reich bei allen. So sah ich keine Veranlassung für eine spontane Rettungsaktion irgendwelcher Höhlenbewohner wie zwei Jahre zuvor. Und ich hatte inzwischen selbst die größte Familie, die ich je gehabt hatte. Verantwortung für 4000 Kinder und jene wenigen Erwachsenen, die diesmal in den Stadthäusern Winterzuflucht gefunden hatten. Letztere wollten in der Nähe ihre Siedlungen bauen und dabei an den Mysterien teilhaben, die ich den Kindern vermittelte. Sie wollten diesmal sogar selbst festere Häuser draußen bauen und … und … und …

Es war schon viele Jahre her, dass ich mit solchem Überschwang an eine Sache herangegangen war. Vielleicht hatte ich mich auch noch nicht an dieses etwas längere Jahr gewöhnt. Manchmal können einem die vier Jahreszeiten sehr lang vorkommen, wenn sie je vier Monate von vier mal acht Tagen anstatt aus drei Monaten von etwa 30 Tagen bestehen.

Wir veranstalteten ein großes Fest, dass alles überbot, was die Saks-Kinder aus ihrer Tradition her kannten. Ganz planmäßig nach diesem Tag des Warmen Lichts rückten wir aus. Tausende kleine Saks, ausgerüstet mit Saatgut stürmten aus dem Stadttor. Welch Begeisterung: Der Boden war schon aufgelockert. Es waren nur noch wenige Furchen zu ziehen. Die Kinder hatten Karten bei sich, auf denen die Flecken eingezeichnet waren, für die sie in dieser Saison verantwortlich sein sollten. Es waren andere als im letzten Jahr und die wilde Wissenschaft eigentlich nicht nötig, aber ein Spiel, an dem sich die Kinder mit Begeisterung beteiligten.

 

 Zumindest für die Kinder stand eine Premiere bevor: Diesmal wollten sie die Ergebnisse ihrer Vorjahresarbeit in den Boden einbringen. Sie übergaben sich gegenseitig ihre Beete und Ernten. So wollte ich verhindern, dass sich durch Zufälle Superbauernkinder entwickelten, die dann Macht über andere gewonnen hätten. Ich hoffte im Gegenteil, dass ein Gefühl für eine größere Gemeinschaft reifen könnte. Die planmäßige Verantwortung wäre auf neue Beete gerichtet, aber zumindest Neugierde auf das, was auf den vorigen entstände und wie sich das eigene Saatgut entwickelte, würde bleiben.

Leider kamen wir an den ersten Tagen gut voran. Am liebsten wären die Kinder nachts noch auf den Feldern geblieben, obwohl ich ihnen erklärt hatte, dass die Kamuvögel da garantiert keine Körner wegfressen.

Aber dann …

Wäre ich doch nur wirklich ein Gott gewesen! Dann hätte ich den Winden einen anderen Weg befohlen. Aber ausgerechnet an jenen Tagen, an denen die Keime die Körner verließen, drehte der Wind und eine trockene Kälte machte sich breit. Temperaturen unter minus 20 Grad zu einer Zeit, wo 20 Plusgrade eher wahrscheinlich waren. Wenn es wenigstens geschneit hätte! Ein Frostspaziergang verriet: Nach zwei Nächten war der Boden steinhart. Ich musste davon ausgehen, dass alles, was schon ein wenig an Pflanze erinnerte, erfroren war.

Später erfuhr ich, dass fast alle intakten Siedlungen in ihren Höhlen geblieben waren. Die Alten hatten das befohlen. Unter ihnen gab es so etwas wie verstärkte Wetterfühligkeit. Eine umfangreiche, über das ganze Land reichende Wetterbeobachtung hätte den Fehler auch verhindert, aber sie existierte eben nicht.

In diesen Wochen ging ein Großteil unserer selbst geschaffenen Vorräte verloren. Nicht bei allen gelang es mir, sie heimlich durch frisch repliziertes Saat- und Pflanzgut zu ersetzen.

Als wir dann endlich – sechs Wochen später als vorgesehen – unsere weithin sichtbar frisch begrünten Felder und Beete bewundern konnten, geschah das nächste Unglück. Kutisi! Ich taufte sie Wanderschrecken. Seltsame Wesen. In der Biologie meine Erde hätten sie wohl keinen Platz gehabt. Sie bestanden aus einem unverhältnismäßig großen Kopf mit einem Geweih darauf, einem Käferleib, sechs Beinchen und angedeuteten Flügeln. Diese Flügelchen reichten für eigene Flüge kaum aus und die einzelnen handtellergroßen Tierchen wären bedauernswert und niedlich gewesen. Aber die Kutisi traten in großen Schwärmen auf. Am meisten half ihnen der Wind bei der Fortbewegung über weite Strecken. Sie waren Allesfresser und vermehrten sich in einer jeder Fressorgie folgenden Starrezeit.

  Glücklicherweise hatten einige der Erwachsenen, aber auch ein paar der großen Kinder früher einmal einen solchen Schwarm wenigstens schon von weitem gesehen. Ich hatte sogar Erzählungen darüber gehört, aber offen gesagt für Legenden gehalten. Der panische Schrecken, mit dem die ersten alles stehen und liegen ließen, als sie die Wolke in vielen hundert Metern Entfernung erkannten, war aber ansteckend.

Zum Glück versuchte ich nicht die Flucht zu bremsen. So brachten wir uns alle in Sicherheit. Vom Weg auf der Stadtmauer aus verfolgten wir mit Entsetzen, wie die Wolke unsere Felder erreichte. Die Tiere bewegten sich so dicht beieinander, dass wir keine einzelnen erkennen konnten. Ich wagte es nicht, mich von meinen Kindern in den Monitorraum zu entfernen … und ich hielt es auch nicht für erforderlich.

Das sollte sich als leichtfertiger Fehler erweisen. Die Wolke näherte sich der Stadt. Was dann geschah, kann man schlecht jemandem erzählen, der so etwas noch nicht gesehen hat. Zwar prallte die Masse der Kutisi gegen die Mauer und drehte ab. Ein Teil von ihnen aber erwischte eine höhere Flugbahn und überwand die Stadtmauer. Die Tiere bildeten augenblicklich einen eigenen kleinen Schwarm. Es begann ein fürchterliches Gemetzel. Erst am Abend hatten wir uns endlich durchgesetzt. Mehrere Kinder wurden verletzt, einige Pflanzen erkannte man nicht mehr wieder … aber insgesamt ging alles glimpflich ab. Die Zahl der Kutisi in der Stadt war klein genug geblieben, um sie einfach zu erschlagen. Dort, wo sie den Saks-Kindern nahe kamen, entbrannten allerdings harte Kämpfe. Sie schienen lebende Beute zu riechen, denn wie magnetisch angezogen ballten sich die Angreifer, bissen sich in ihrer Beute fest, fielen mit abgebissenen Happen zu Boden. Da waren jene Kinder gut dran, die sich aus Spezialstoffen der Erde replizierte Sachen übergestreift hatten. Alle Naturstoffe zerrissen die Fressmonster.

Bis zum nächsten Morgen gab es genug zu tun. Wunden versorgen, neu einkleiden. Endlich auch etwas schlafen.

Dann kam der nächste Tag. Im Wesentlichen waren alle Kutisi weiter gezogen. Sie waren verschwunden wie ein gut erzählter Spuk in der Nacht. Nur hatten sie einen Streifen von etwa der halben Breite unserer Anbaufläche hinterlassen. Der war absolut nackt. Nicht die kleinste Andeutung eines Korns oder gar eines Pflänzchens war zurück geblieben. Was wäre das ohne Replikatoren für eine Katastrophe gewesen! Schon so musste ich die Trauer der vielen Kinder mit allerlei Kunststückchen mindern. Immerhin war das die Basis für eine wichtige Lektion.

Ich erklärte den Kindern Offensichtliches: Die Kinder, die gerade dort ihre Beete und Feldstückchen gehabt hatten, wo jetzt absolut nichts war, konnten absolut nichts für diesen Zufall. Musste man ihnen nicht helfen? Es hätte so leicht anders kommen können. Man war erst ein würdiges Wesen, wenn man sein eigenes Überleben nicht auf dem Tod der Betroffenen gründete.

Was wäre geschehen, wenn sie eine normale Siedlung gewesen wären? Die Bauern mit den verbliebenen Feldstücken hätten die Geschädigten vielleicht vorm Verhungern gerettet. Aber die entstandenen Schulden hätte alle folgenden Generationen belastet. Deren Kindern würden arbeiten müssen, wenn sie eigentlich etwas Neues hätten erlernen müssen. Der Schaden dieses Zufalls hätte noch Hunderte Jahre später ihre Nachkommen in arme und reiche, erfolgreiche und sich mühende geschieden. Wäre denn das richtig? Wäre es nicht besser, wenn die ganze Gemeinschaft die Aufgabe für die Betroffenen mit schulterte?

Und wenn einer nicht so gut arbeitete, sondern lieber Lieder sänge? Oh, sagte ich, macht für uns das Arbeiten nicht mehr Spaß, wenn der eine für uns singt? Nutzt er uns allen damit nicht mehr, als wenn er lustlos und schwach auf seinem Beet ackerte? So hätten sie das nicht gesehen …

Das Saatgut war im Verhältnis zu seiner irdischen Matrix leicht verändert. Die Keimung wurde nicht mehr durch Veränderung im Magnetfeld der Erde beeinflusst. Das hatte den positiven Nebeneffekt, dass die längeren warmen Jahreszeiten zwei Ernten zuließen – diesmal also eine zeitlich sehr versetzte. Wir fingen auf dem Brachland von vorn an. Nur manchmal störte die extreme Mittagshitze.

Die Kutisi hinterließen übrigens etwas, woran ich zuerst nicht gedacht hatte: Die Vorräte und erhofften Ernten ganzer Siedlungen oder von einzelnen Mitgliedern der Bauerngemeinden waren zerstört worden und so entstanden marodierende Räuberbanden. Um nicht die Bürger meines eigenen Ländchens bekämpfen zu müssen, ließ ich frisches Saatgut verteilen mit dem Hinweis, dass dies noch rechtzeitig vor dem Winter geerntet werden würde. Der Erfolg war nicht ganz durchschlagend. Zumindest bei einem Teil der Entwurzelten hatte sich das Rauben schon verselbständigt. Es war effektiver als das ununterbrochene Arbeiten auf den Feldern. Letztlich musste ich doch hart durchgreifen. Ein Trupp Robbis mit Hunden machte erfolgreich Jagd auf die Banden … und bald existierte eine Strafkolonie. Ich ließ sie durch Robbis betreiben, hoffte darauf, sie möglichst schnell auflösen zu können. Im Moment zumindest fehlten noch mehr Männer für eine normale Bevölkerungsentwicklung. Und offen gesagt: Ein Jahr nach diesen Ereignissen erwartete ich die auch nicht mehr. Ich ging davon aus, dass die Kinder, die ich inzwischen völlig ihren früheren Familien entwöhnt hatte, die Grundlage für die Gemeinschaft der Zukunft würden. Die Erfolge des übernächsten Jahres bestärkten mich in dieser Hoffnung. Der dann folgende Sommer brachte aber den nächsten Knick. Bei meinem Double in Chrust häuften sich die Nachrichten von Göttern aus schwimmenden Häusern, die aus dem unendlichen Wasser aufgetaucht waren und sich mit täglich wachsendem Gefolge auf Chrust zubewegten.

 Irgendwelche eingebildete Propheten gehörten in alle solche Gesellschaften. Sie konnten mich nicht erreichen. Was mich aber an diesen Erzählungen wirklich verunsicherte, war die Beschreibung dieser Götter. Sie kämen mir zum Beispiel an Körperwuchs gleich. Deshalb könnten es keine Saks sein. Dieses Stück der Erzählung hielt ich anfangs für Logik in der Phantasie, da die berichtenden Saks ja mich, also mein Doppel, als Inbegriff eines Gottes kannten. Auch dass sie der Bekleidung der fremden Götter die Eigenschaften der meinen zurechneten, schien mir logisch, weil die Saks meine Götterkleidung kannten. Dass aber diese Götter eine Frau und ein Mann sein sollten, wobei die Frau noch helleres Haar auf dem Kopf habe als der Kraich vor der Ernte und der Mann Haar wie bestäubtes helles Blut, passte nicht. Es passte aber zu einer verschütteten Erinnerung an zwei der Kälteschalen. Im havarierten Raumschiff hatten zwei Menschen gelegen, denen man bei der hiesigen Blumigkeit der Sprache ein solches Aussehen nachsagen konnte. War es möglich, dass auf diesem Planeten noch andere Mitglieder der alten Raumschiffbesatzung angekommen waren? Ich hatte doch gesehen, wie es explodiert war – mehr als 100000 Kilometer von hier im All. Wenn ja, wie sollte ich darauf reagieren, besser gesagt, mein bisheriges Handeln rechtfertigen? Würde ich Verbündete finden oder Richter? Dass die anderen auf einem den Saks hier unbekannten Kontinent oder einer Insel gelandet waren, hielt ich für denkbar.

Dass alle Entscheidungen über die Art unserer Begegnung letztlich in den Händen eines Robbis liegen sollten, machte die Sache für mich nicht angenehmer. Da war es schon besser, wenn ich den Fall gelöst hatte, bevor die fremde Karawane Chrust erreicht hätte …

Kannst du dir vorstellen, dass ich plötzlich nicht mehr wusste, welche Normen meiner ehemaligen Welt die Anderen mitgebracht haben könnten. Aber waren die denn die, die ich fürchtete? Konnten die das sein? Wem konnte ich dann trauen? Eigentlich höchstens den neu programmierten Robbis. Und wie viele von ihnen waren entbehrlich? Arbeiteten sie nach einem geeigneten Programm? Welches wäre denn geeignet für das, was ich vor hatte? Was hatte ich eigentlich vor?

Klar schien mir nur, dass ich meine Mädchen nicht in die Sache hineinziehen wollte. Egal wie sie enden sollte …

  Als ich schon fast fertig war mit meinen geistigen Vorbereitungen, fiel mir etwas Niederschmetterndes ein: Alle Robbis hatten standardmäßig eine Sperre integriert, die ihnen bedingungslos verbot, etwas zu tun, was Menschen schaden konnte. Ich hatte dies einfach aus dem Auge verloren, weil meine Robbis sich im Kampf mit den Saks bewährt hatten. So spitzfindig dies auch sein mochte, besonders nachdem sich nun die Möglichkeit einer genetischen Vermischung gezeigt hatte, so eindeutig war, dass auch alle meinen modifizierten Robbis diese Sperre enthielten. Sobald sie in diesen fremden Göttern also Menschen erkannten, wäre ein Kampfeinsatz ausgeschlossen. Weißt du, es gab vor meiner Zeit ganz intensive Diskussionen. Was ist, wenn ein Mensch anderen Schaden zugefügt hatte und Robbis zu dessen Ergreifung eingesetzt werden sollten. Wir hatten uns als Menschen letztlich entschieden, keine Ausnahmen zuzulassen. Die eingesetzten Robbis konnten sich notfalls für die sie anleitenden Menschen opfern

Stundenlang grübelte ich über den letzten Satz. Gab es keinen Weg, um diese Sperre zu umgehen? Indem die Robbis etwas taten, wovon sie nicht wussten, dass es den Menschen schadete?

So sehr ich auch nachdachte: Solange es um die Menge des verfügbaren Wissens ging und logische Ketten, waren jeder Standardrobbi den Menschen weit überlegen und einen vorsätzlich dummen Robbi hatte ich bisher noch nie repliziert.

Vielleicht gab es noch eine andere Möglichkeit? Vielleicht. Aber egal, ob es die gab, mir fiel keine ein.

Ich versuchte mich noch an einer weiteren logischen Kette. Alle Raumfahrer waren angehalten, nicht in die gesellschaftliche Entwicklung von Intelligenzen einzugreifen, die ein deutlich niedrigeres Niveau als das menschliche hatten. Eine solche Entscheidung durfte nur die Versammlung aller interessierten Menschen über den Zugang zum Weltnetz treffen. Es war auszuschließen, dass ein anderer Mensch sich von hier aus ins irdische Kommunikationsnetz eingeloggt haben könnte.

Warum war ich mir eigentlich so sicher? Vorausgesetzt, die Götter gehörten zu meiner ehemaligen Besatzung, dann hatte im Raumschiff auf jeden Fall mehr funktioniert, als ich angenommen hatte, und länger. Mit anderen Worten: Mit Sicherheit konnte ich gar nichts sagen.

  Aber das Grübeln blieb letztlich nicht erfolglos. In mir reifte eine vage Idee. Wenn auch … Je mehr ich darüber nachdachte, umso undurchführbarer erschien sie mir. Ich hatte ursprünglich daran gedacht, meine Dopplung zu meinen Gunsten zu gebrauchen. Wenn ich glaubhaft rüberbrächte, dass ich nicht Anderes machte und je gemacht hatte als die Kinderfarm, dann konnte man mir zwar die Beeinflussung der Saks-Gesellschaft vorwerfen, aber dieser Vorwurf traf ja auch auf die Anderen zu, wenn sie so mit den Saks auf Chrust zu zogen, wie man erzählte. Das Problem war nur, dass mein übermenschliches Ansehen unter anderem darauf fußte, dass ich eigentlich die ganze bisher hier bekannte Welt von Chrust aus regierte. Dass ich mit einer Armee gegen die Hauptstadt gezogen war, richtete mich den Saks gegenüber auf, während es mich meinen Leuten gegenüber entehrte. Was aber wäre, wenn ich mit einer kleinen Gruppe Saks ankäme, die in Wirklichkeit Robbis waren, deren Erinnerung manipuliert war?

Es vergingen zwei weitere Tage, bis ich meine kleine Wandertruppe zusammen hatte. Von der echten Schamoui verabschiedete ich mich für eine Reise von wenigen Tage, auch von den anderen Mädchen. Es wäre ein extrem unangenehmer Heli-Kontrollflug. Da konnte ich niemandem zumuten, mitzukommen. Im Heli waren dann jene Saks-Robbis verborgen, die aussahen wie meine engste Familie. Auch dass ich mir einen so großen Harem hielt, mussten die anderen Menschen nicht unbedingt erfahren.

Ich beeilte mich. Die Nachrichten meines Doubles hatten beunruhigend geklungen. Das einzige, was mir Hoffnung machte, war der enorme Zuspruch, den die fremde Karawane bei den unterdrückten Völkchen fand. Der bewirkte nämlich, dass sie nur langsam vorankam.

Da ich allerdings keine Ortungstechnik besaß, musste ich auf Hochrechnungen des heimischen Computers vertrauen. Die Fremden würden wahrscheinlich Station in oder vor Cottano machen. Das war eine Stadt nahe am Weg in Richtung Chrust. Dort hoffte ich auf den Treck zu stoßen. Und es schien mir geraten, den anderen zu Fuß entgegenzukommen. Je mehr moderne Technik eingesetzt würde, umso begründeter war der Verdacht, ich griffe in die Entwicklung dieses Planeten ein.

  Cottano konnte nicht mehr weit sein. Doch nun kam ich nur noch langsam voran. So etwas musste es früher auf der Erde gegeben haben, als erste Heiligtümer erfunden wurden. Tausende Saks liefen in eine Richtung. Wahrscheinlich waren viele von ihnen von weiter her gekommen als ich – nur waren sie den gesamten Weg zu Fuß gelaufen. Wiederholt kamen von Krankheit Gezeichnete auf mich zu, um meine Kleidung zu berühren. Mein auffälliger Körperwuchs machte mich verdächtig, einer der fremden Götter zu sein. Meine kleinen Robbis hatten Mühe, die Einheimischen wieder zu verscheuchen. Die verstanden aber wenigstens, was die Pilgerer erzählten. Ich hatte darauf verzichtet, den Translator sichtbar zu nutzen. Es hätte meine Fremdartigkeit nur verstärkt. Das letzte Stück lief ich stark gebeugt, um weniger aufzufallen.

Aber dann war es soweit. Massen, wie sie auch auf der Erde höchstens zu großen Festen zusammenkommen. Wohl oder übel musste ich nun doch zu Translator und Verstärker greifen. Das wirkte wie ein Zauberstab und mir fielen Legenden ein von einem Heiligen, der einst trocken durch die Fluten des Meeres geschritten sein sollte. Die Saks traten zurück wie eben jene Wassermassen und durch das wogende Saksmeer schritten wir vorwärts – einem nur ahnbaren Ziel entgegen. Diese Prozession endete an einem Zelt. Als hätte man mich schon erwartet, öffnete sich die Plane von innen. Heraus trat eine Märchenprinzessin. Ich gebe zu, für einen Moment stockte mir der Atem. Da stand eine Frau. Groß, blond, sehr helle Haut, schlank, selbstbewusst, blauäugig … Ich weiß nicht, in welcher Reihenfolge mir das auffiel, aber in diesem Moment hätte ich jeden verstanden, der dieses Wesen angebetet hätte. „Agneta!“ Selbst die Lautfolge, die hier so fremd klang, vermittelte einen Rausch von irdischer Heimat. Ein Stück Erde. Ja, dunkel erinnerte ich mich an das Bild dieser Frau. Sie war eine der Eingefrosteten und schon für normale menschliche Empfindungen schön. Die Umgebung der kleinen dunkelhäutigen Eingeborenen aber erhob ihre Reize ins Exotische.

Wahrscheinlich hätte ich noch eine Weile unverschämt begierig gaffend da gestanden, aber hinter Agneta tauchten zwei Männer auf. Sie gehörten auch zur Mannschaft. Karl Ruthmann und Eddy Wright.

Ich musste die Situation retten. Ich fiel Agneta einfach um den Hals. Allerdings auf so russische Weise, dass ich das mit den beiden Männern wiederholen konnte.

Sie luden mich in ihr Zelt. Mein Schamoui-Robbi blieb mit dem Ebenbild meines Babys und den Saks draußen. „Komm, wir haben uns viel zu erzählen.“

  Du erlaubst die kurze Version?

Das, was ich nach dem Wurmloch oder was immer das war, als Explosion gesehen und für das Ende des Raumschiffs gehalten hatte, war das Shuttle von Akiro Kusanwa. Er war als erster aufgetaut und hatte, selbst noch ziemlich vernebelt, versucht, die Situation unter Kontrolle zu bringen. Er hatte den anderen geholfen, zu sich zu kommen, einen ersten Check der Aggregate unternommen und war wie ich zum Ergebnis gekommen, für die Ewigkeit lebendig im Sarg zu liegen. Da hatte er lieber sterben als eventuell Tausende Jahre irgendwo durch unbekannten leeren Raum driften wollen. Doch seine Schlussfolgerung hatte niemand geteilt. Man hatte ihm deshalb eines der Shuttles überlassen. Kurz darauf hatten die Anderen die Idee, einen Teil der Restenergie für die Replikation von drei Robbis einzusetzen. Und die hatten dann das Raumschiff mit 10 Prozent seiner Leistung in Betrieb genommen. Nach den Anzeigen musste die fremde Sonne von einem System mit mehreren Planeten umgeben sein. So hatten sie ihren Versuch gewagt, einen bewohnbaren zu suchen. Ein Fehlschlag wäre aller Ende gewesen. Die Begeisterung hatte keine Grenzen gekannt, als sie dann diese Fasterde fanden.

Den größeren Teil der Ausfälle konnten die Robbis im Raumschiff nicht beheben. Die Analysen zum möglichen Landeplatz, Besiedlung, Wetter und so weiter waren sehr mangelhaft. Trotzdem gelang eine „lupenreine Landung“, wie sich Agneta ausdrückte.

Es gab da schon Indizien, dass auch ich mit meinem Shuttle auf demselben Planeten angekommen sein könnte, doch die ersten Suchaktionen waren ergebnislos geblieben. Kein Wunder. Übertragen auf irdische Verhältnisse waren sie auf einem Festland gelandet, das mit Südamerika vergleichbar wäre, und wenn dies hier Europa sein sollte. Auf jeden Fall weit voneinander entfernte, durch einen gewaltigen Ozean getrennte Kontinente.

Nachdem man sich recht angenehm eingerichtet hatte, erste Kontakte zu Eingeborenen geknüpft waren, Wesen, die Vögel anbeteten und die Besucher nach dem Einsatz eines Helikopters nicht nur besucht, sondern sofort zu Göttern erhoben hatten, wogegen sie sich auch mit der Logik nicht hatten wehren können, dass Götter ja wohl die Sprachen der Saks kennen müssten, jedenfalls nach langer Eingewöhnung, hatten sie begonnen, gezielter nach mir zu suchen. Sie hatten im Gegensatz zu mir von der Existenz einer Landfläche auf der anderen Seite des Planeten gewusst, aber die erst als Ziel gewählt, als alle Ausflüge über ihren „amerikanischen“ Kontinent erfolglos geblieben waren. Sie hätten die Sprachen ihrer Gastgeber gelernt und waren auf Verständnis gestoßen. Seltsamerweise hatten die dortigen Ursaks, die weder reich noch arm noch irgendwelche Machtstrukturen kannten, ein aus Mythen begründetes Verlangen nach einer Pilgertour über das Meer. Dies sei die Pflicht der künftigen Häuptlingskandidaten der befreundeten Stämme. So kam es, dass die meisten Raumfahrer drüben geblieben waren und sie drei mit einigen Saks von der anderen Seite des Ozeans auf Reisen gingen.

  Aber nun sei endlich ich dran.

Während vor allem Agneta erzählt hatte, suchte ich nach dem idealen Einstieg. So weit möglich wollte ich bei der Wahrheit bleiben. Ich schilderte also, dass ich eine Siedlung beobachtet und entschieden hatte, eine fortschrittliche Gesellschaft mit den Kindern der Umgebung aufzubauen. Ich hätte damit bereits angefangen, wäre schon weit vorangekommen, würde das auf keinen Fall abbrechen. Man sähe ja schon die ersten Früchte meine Aufnahme in die einheimische Kindergroßfamilie. Ich würde mich über den Austausch von Informationen und so freuen, aber inzwischen hätte ich meine Aufgabe hier gefunden.

Nein, es sei mit der Gesundheit meiner Familie alles in Ordnung.

Ja, irgendwelche Gerüchte von Göttern in der Hauptstadt seien auch in mein kleines Kinderstädtchen gedrungen. Sie seien sicher nicht ernst zu nehmen, denn ich sei das ja nicht.

Ja, man könne mich bei meinen Kindern besuchen kommen. Das wäre gar nicht so schlecht. Dann sähen die endlich, dass es auf der Welt noch mehr Menschen wie mich gäbe.

Leider achtete ich nicht darauf, dass Eddy zwischendurch das Zelt verließ, wieder reinkam und den anderen beiden Zeichen machte. Ich erzählte weiter von meiner Liebe, die entbrannt sei zu einem Mädchen, das mir die Eltern aufgedrängt hatten, und dass sie, wie man sehen könne, Früchte trüge.

Das sei alles viel schöner als erwartet, sagte Agneta dann. Sie freue sich für mich. Wenn das so sei, dann könne ich ja einen ihrer Kommunikatoren mitnehmen. So blieben alle in Kontakt. Die Suchaktion könne abgebrochen werden und es sei sowieso nicht ihr Interesse, hier als Heilsbringer irgendeine Festung anzugreifen, Hauptstädte zu erobern und so. Das wäre schlimmste Einmischung. Wenn ich sie brauchte, könnte ich das jederzeit sagen.

Nein, ich käme auf jeden Fall klar.

Das sei ja wunderbar. Darauf sollten wir anstoßen.

Zusammen tranken wir etwas Kumys. Zumindest dachte ich das.

  Etwas verunsicherte mich das Verhalten der Anderen. Je mehr ich erzählte, umso mehr schien mir, als glaubten sie mir nicht. Wussten sie, was los war? Andererseits gebe ich zu, dass ich innerlich zutiefst aufatmete. Sollten diese Boten einer für mich längst versunkenen Zukunftswelt so schnell aus dem Gefahrenbereich entschwinden? Herrlich! Der Gedanke, mit Menschen videophonieren zu können, Kontakt zu haben, aber auf Distanz, hatte dagegen etwas Reizvolles. Aus ausreichender Entfernung konnte ich diese Menschen mit passend gefilterten Informationen versorgen. Ich würde die Karawane noch ein Stück meerwärts begleiten und mich dann auf den Rückweg in mein Gottestum begeben.

Wir feierten miteinander und mit den vielen Saks. Mein Baby wurde gewürdigt.
Aber eigentlich war das alles normal. So etwas gehörte doch einfach dazu, wenn man sich nach langer Zeit an einem so abgelegenen Ort trifft. Ich umarmte die drei zum Abschied sogar mit einiger Wehmut. Ob es richtig war, dass ich mich auf diese Weise vom Menschsein lossagte? Aus freien Stücken zum Gott der Saks zu konvertieren? Ich hätte mit den Meinen mitreisen können. Hätte … Zum Schluss hatte ich es dann wieder sehr eilig wegzukommen. Vielleicht hatte ich sogar Angst, meine Entscheidung zu bereuen.

Erst als mir der Schamoui-Robbi erklärte, sie habe sich gewundert, dass ich den Diagnosecheck zugelassen hätte, packte mich das kalte Entsetzen.

Was denn für einen Diagnosecheck?

Na, dass dieser Eddy aus dem Zelt gekommen sei und den Fernanalysator auf sie gerichtet habe. Das war doch abgestimmt?

Nichts war abgestimmt. Wenn dieser Eddy das gemacht hatte, und Robbis können in solchen Situationen nicht lügen, dann hatte er von dem Moment an gewusst, dass diese Schamoui eben keine Saks Schamoui gewesen war, sondern ein Robbi, wenn auch ein verblüffend echt wirkender. Warum hatte niemand etwas gesagt? Die drei waren einfach darüber hinweggegangen, dass ich ihnen mindestens in diesem wichtigen Punkt nicht die Wahrheit gesagt hatte. Sie hatten nichts dazu gesagt. Warum nicht? Wussten sie etwa noch mehr? Oder ahnten sie es zumindest? Hätten sie mich dann nicht verurteilen müssen? Aber zu welcher Strafe? Wie?

Oder war die Sorge nicht sowieso müßig, jetzt, wo wir uns getrennt hatten?

Am liebsten hätte ich das verdammte Schamoui-Double gleich abgeschaltet. Aber ich wartete, bis der Heli in der Nähe meiner Stadt war. Dort versteckte ich die Puppe im Wald. Nach Hause! Plötzlich sehnte ich mich nach meiner so wirklichen Schamoui, nach meinem Harem, nach meiner Aufgabe für die folgenden Tausend Jahre.

Ich wurde begeistert am Tor empfangen. Ich dankte allen, schickte meine Kinder an ihre Plätze, behielt Schamoui am Arm … In ihrem Bett nahm ich sie mit einer Gewalt, als wollte ich die vergangenen Tage in ihrer Liebe versenken. Als das Mädchen dann auf mir ritt, mir so zeigte, sie wollte mich auch, als ich einschlief, während Schamoui Duan säugte, als alle beide Haut an Haut an meiner Haut einschliefen, ich das im Halbschlaf mehr ahnte als merkte, da hatte ich das Gefühl, ich hatte nur schlecht geträumt. Nein. Die Ahnung war schon da. Etwas war anders geworden. Ich wagte nur nicht, darüber nachzudenken was …

Die Auflösung des Rätsels ließ nicht lange auf sich warten. Ich pflegte wirklich mit der Gemeinde der Menschen Kontakt. Ich teilte ihre Freude auf meine Weise. Auch ich war froh, als die Reisenden nach meinem Kontinent unbehelligt bei der zurückgebliebenen Gruppe angekommen waren. Ich weiß nicht mehr, wie das Gespräch darauf kam, aber irgendwann erzählten sie mir dann, dass es lange vor der Abreise einen heftigen Streit gegeben habe. Ich wissen ja, sie hätten sich früh in die Gemeinschaft der Bewohner integriert. Die Verhältnisse der Erde ließen sich hier aber nie herstellen. Auf der Erde gäbe es immer wieder Neues und für alle Menschen sei ein für hiesige Verhältnisse unvorstellbar langes Leben das Normale. Hier herrsche der Kreislauf des Vergehens. Sie hätten sich deshalb sehr gefreut, dass auch ich zu diesem Ergebnis gekommen sei, wenn ich mit einer Saks ein Kind gezeugt habe, was sie sich trotz der hervorragenden Medizintechnik bisher nicht getraut hätten. Sie würden es wohl nun auch versuchen.

Wie immer sie es drehten … bei der Eingliederung in die Welt dieses Planeten wären die Nanniten hinderlich. Hunderte, vielleicht Tausende Jahre im engen Kreis derselben Menschen leben zu müssen, während um sie herum immer neue Wesen heranwüchsen und stürben, das war einfach eine zu schwere Strafe. Zum Glück hatten sie entdeckt, dass einige Beigaben zu dem Getränk, dass der irdischen Kumys so ähnlich sei, das Leben gesund und für einheimische Verhältnisse lang gestalte, aber zugleich – und das sei das Entscheidende – die Nanniten aus dem Körper treibe wie eine Krankheit. Ein einziger Trunk genüge …

  Zur Direktive, sich nicht in fremde Entwicklungen einzumischen, gab es natürlich Umsetzungsrichtlinien. Da hieß es zum Beispiel, den fremden Intelligenzen möglichst nicht aufzufallen, ansonsten aber sich ihnen weitestgehend anzupassen.

Ich musste zugeben, dass die Dimension unserer Lebenserwartung einer solchen Anpassung wirklich am meisten im Wege stand. Was sollten die Saks von Wesen halten, die nicht alterten?

Ich hatte es meinen ehemaligen Gefährten besonders leicht gemacht, indem ich die extreme biologische Ähnlichkeit praktisch bewiesen hatte. Die Saks waren demnach so etwas wie kleinwüchsige Menschen.

Aber …

Ja, Probleme hätten sie schon gehabt damit, dass ich sie angelogen hatte, ihnen Robbis als Saks zu präsentieren versucht hatte. Aber entweder hatte ich mir eine neue heile Welt nach meinen Wünschen zurechtgezimmert. Dann wäre es eine Erleichterung für mich, wenn ich nicht die Alternative eines Freitodes wählen musste. Denn als Robinson würde ich über Jahrhunderte degenerieren und mit den technischen Mitteln, über die ich ja weiter verfügt hätte, zur Gefahr für den Planeten.

Oder, und das befürchteten sie, ich hatte etwas zu verbergen. Niemand könne sich hier zum Richter über Andere aufschwingen. Aber ich dürfe mich auch auf keinen Fall zum ewigen Schicksal dieses Planeten erheben. Die Umstände der zur Verfügung stehenden Zeit und alles Drumherum schien sie zu berechtigen, mich ungefragt in den Konsens einzubeziehen, zu dem die ganze Gruppe schließlich gefunden habe …

Ich brach mitten im Gespräch einfach die Verbindung ab.

Sie hatten mich sozusagen umgebracht. Plötzlich sah ich die Berichte meines Doubles aus Chrust mit ganz anderen Augen. Wie hatten wir uns zuvor gemeinsam über die Höflinge amüsiert, die den neuen Gott hatten vergiften wollen, weil sie an den sie offenbar genauso wenig glaubten wie an ihre früheren. Mein Double simulierte die angebliche Nahrungsaufnahme und analysierte danach die Zusammensetzung des Giftes. Dann hatte er die Verbrecher vor die Wahl gestellt, ihren eigenen Trank selbst zu genießen oder aus dem Umkreis des Herrschers für immer zu verschwinden.

 Mein Robbi-Ich! Was für ein Gefühl, dass die eigene technische Kopie nun auf ein relativ unendliches Dasein entgegensteuerte, während ich, das Original, mir immer unähnlicher werden würde. Ich würde zum Greis, würde sterben und ein Roboter würde zum ewig unangefochtenen Herrscher des ganzen Kontinents. Glücklicherweise wusste der nichts von meiner Begegnung. Aber irgendwann musste er meinen Verfall bemerken. Er war mein Dorian Gray, der Held einer Geschichte, dessen Abbild für ihn alterte – also umgekehrt wie bei mir. Was aber das Schlimmste war: Der Robbi hatte überhaupt keine eigene Norm. Alle Wertungen gab normalerweise ich ihm vor. Ich würde das bald nicht mehr können. Ein ganzer Kontinent von einer gefühllosen Maschine beherrscht! Er träfe weiter Entscheidungen in Analogie zu denen, die ich ihm empfohlen hatte. Es würde aber neue Fälle geben, wo Analogien schwer zu finden wären. Dann würde diese Maschine dem gehorchen, dessen Einflüsterungen am logischsten klängen…

Eigentlich wäre eines für mich logisch gewesen: Ich hätte die Amtsgeschäfte selbst übernehmen müssen und in das Reich der Saks, was heißt eigentlich Saks, das war doch nur deren Wort für sich selbst, so wie es bei Meinesgleichen eben Menschen war, also im Reich der MENSCHEN dieses Planeten, also dieses Kontinents, also ich hätte hier so viel Fortschritt einbringen müssen, wie die Bewohner verkraften konnten.

Aber ich war doch nicht irgendein Mensch, hatte mir mitten im Festland, an der Grenze zu einem Gebirge, eine Insel mit einheimischen Menschen geschaffen, die ich in viel größerem Umfang nach meinem Bilde formen konnte. Meine Kinder.

Natürlich hätte ich mein Robbi-Ich auch abschalten können. Aber dann wäre ein neuer Machtkampf ausgebrochen und in nicht zu ferner Zukunft hätte die nächste Armee meine Insel belagert, die Ernte geplündert, wie auch immer.

Ich blieb also. Und ich schob die Entscheidung in Chrust erst einmal auf. So lange mein Doppel dort herrschte, hätte ich hier Frieden.

  Kaum, dass ich versuchte zu schlafen, packte mich der nächste Schreck: Meine ganze Welt hier beruhte auf Robbis und Replikatoren und Überwachungsanlagen, durch die in meiner Stadt und um sie herum kein Kaninchenbock seine Zippe unbeobachtet beschnuppern konnte. Wer würde das erben? Wer würde das wie verwenden? Duan war ein Kind dieser Welt. Ich würde die mir verbleibenden Jahre dafür verwenden müssen, meine Gemeinschaft von den Segnungen einer Kultur von übermorgen unabhängig zu machen. Wenn ich nicht mehr war, durfte auch kein Replikator mehr sein.

Wenn ich nicht mehr war …

Diese für mich bis zu diesem Tag undenkbare Formulierung bestimmte nun mein Denken. Dass ich mit meinen Mädchen älter werden würde. Es war wahrscheinlich, dass die Kinder meiner Gemeinschaft deutlich älter würden als ihre Vorfahren. Dafür sorgte die abwechslungsreiche Nahrung und das sicherere Leben, aber astronomisch wäre der Sprung nicht. Ich konnte darauf hoffen, dass ich noch die mir folgende Generation überleben würde. Sozusagen ein Zipfel Unendlichkeit.

Mehrere Tage schwankte ich in meinen Gedanke zwischen dem Horizont eine Gottes und eine Ameise hin und her. Mehrmals begann ich eine Liste der Dinge, die ich in meinem Restleben noch alle schaffen wollte. Dann verfluchte ich die Menschen meines Raumschiffs, die sich über grundlegende Prinzipien menschlichen Zusammenleben hinweggesetzt hatten. Sie hatten mich einfach verurteilt ohne Chance, meine Individualität zu verteidigen, ohne Chance, in die Gemeinschaft der Menschen zurückzukehren, ohne Chance auf den selbst gewählten Platz. Sie waren ja nicht besser als ich. Dann entschuldigte ich sie: Hier herrschten einfach andere Bedingungen, die alle ethische Vernunft der Erde in Unvernunft verwandelte. Sie hatten doch Recht. Sie wussten ja nicht um die übermenschlich große Aufgabe, die ich mir gestellt hatte. Wäre ich nicht wirklich irgendwann wegen der eintretenden Routine und der ewigen Trauer, die Partner, an die ich mich gerade gewöhnt hätte, wieder zu verlieren, innerlich geistig verfallen? Wenn das passiert wäre, hätte ich es merken und korrigieren können? Und dann rannte ich in den Speicher und ärgerte mich über die Temperatur im Lebensmittellager. Und ich wusste auch warum: Die konnte ich ändern. Die Liste aber verwarf ich mehrmals pro Tag, ohne voranzukommen.

  Schließlich entschied ich mich wenigstens für eine Nummer 1. Das sollte mein biologisches Geschlecht sein. Meine Fähigkeit, Vater zu werden und zu sein, würde mit meiner Verwandlung in einen alten Mann nachlassen. Also sollte ich, was immer ich dabei erreichen wollte, zuerst angehen. Das hätte auch einen nicht unwesentlichen Vorzug: Hier ließ sich Nützliches mit dem Angenehmen verbinden. Da ich zumindest für meine 15 Mädchen so etwas wie der Hausarzt war, konnte ich mir leicht einen Überblick verschaffen, welches Mädchen wann die höchste Empfängniswahrscheinlichkeit hatte. Dann würde ich sie beschenken. Schamoui war dabei die ideale Partnerin. Auch wenn mir das mitunter unheimlich war, sie zeigte immer Verständnis, und ich konnte ihr die wahren Ziele meiner erotischen Wechselspiele auch offen erklären. Also dass ich mit möglichst vielen Mädchen Kinder haben wollte. Die Vorstellung, Schamoui zu verlieren, kam mir sehr schmerzlich vor. Eher sollte ich Ausschau halten, ob es nicht über die 15 hinaus noch mehr Mädchen gäbe, denen ich meinen Nachwuchswunsch nahebringen konnte. Ich würde also für die großen Mädchen, die den Tropfentag feiern wollten, so etwas wie eine Reihenuntersuchung einführen.

Für Schamoui hatte ich schon eine Aufgabe, die meinem Mädchen wie auf den Leib geschneidert war: Sie wäre ideal, einer, also genauer: meiner Krabbelkindergruppe als oberste Betreuerin vorzustehen. Die Kinderbetreuung so zu gestalten, wie sie auf der Erde natürlich war, würde am leichtesten sein. Die Saks-Kinder waren an große, sich laufend verändernde Familien-Gruppen gewöhnt. Die würden meine Kinder auch haben.

Dann sollte ich allmählich die die durch die Kinder bewirtschaftete Landfläche vergrößern. Richtiger gesagt: Ich nahm mir vor, Siedlungen zu schaffen, in denen die heranreifenden Kinder den Kern bildeten, in die Erwachsene aufgenommen werden konnten. So als Großelterngeneration. Als Helfer.

Die Idee verdarb ich mir selbst. Allmählich lösten sich die traditionellen Dorfgemeinschaften auf. Ein Teil suchte Sicherheit als Rentner in der Stadt, manchmal auch ähnlich, wie ich mir das vorgestellt hatte. Der größere Teil wanderte allerdings aus und machte so Platz für das sich ausdehnende Stadt-Land-Gemisch.

Die Gründung moderner Siedlungen war schwieriger als gedacht. Nach der klassischen Lehre der Wetterentstehung hätte es auf diesem Planeten wesentlich weniger und vor allem weniger heftige Stürme geben müssen. Aber es gab sie nun mal. Sie waren in Frühjahr und Herbst so verheerend, dass es sinnvoll war, die Stadt als Schutz noch mehr auszubauen. Sie lag so dicht an dem Gebirgsmassiv, dass auch die Stürme weniger wüteten.

Verstehst du: Ich wurde immer sicherer, ein normales, gut geplantes Leben vor mir zu haben. Aber ich hatte Angst. Bisher war immer dann, wenn die Gefahren gerade abgewendet schienen, eine neue aufgetaucht.

Du kennst doch dieses Gefühl, du hast mit deinem Baby gespielt, dein Partner wendet dir alle seine Zärtlichkeit zu, dass es Wesen gibt, die dir schaden können und wollen, dass dein Leben in Gefahr ist, das weißt du irgendwie … aber es ist so unwirklich, so weit weg. Es kommt nicht an dich heran, du lässt es nicht an dich heran. Und dann plötzlich …

  Es kam ganz plötzlich. Vielleicht hatten beide die ersten Symptome einfach nicht bemerkt. Fred war so in seiner Erzählung versunken gewesen, dass er die ersten Schwächeanfälle hatte unterdrücken können. Doch mitten in der vernünftig klingenden Erzählung bäumte er sich auf. Einen Moment schlug er um sich. „Ihr kriegt mich nicht! Keiner! Ich hab das nicht gewollt! Ich bin nicht schuldig! Für euch nicht! Für euch bin ich Gott!“

Lujanns Linke drückte ihn zurück. Im nächsten Moment sah Fred der Frau mit völlig klarem Blick in die Augen. „Lujann? Ich schaff es nicht mehr! Ich hab´s vermasselt. Jemand muss mein Werk weiterführen. Es ist etwas Gutes. Ich … Nein, das war´s vielleicht schon. Immer habe ich Ich gesagt. Dabei geht es doch darum, dass die Gemeinschaft funktioniert. Bitte! Bitte versprich mir, dass du meinen Platz einnehmen wirst. Und such dir rechtzeitig eine Nachfolgerin für dich! Es ist alles ganz einfach. Ich geb dir den …“ Ein Hustanfall hinderte Fred am Weitersprechen. Lujann hielt ihn fest. Wartete.

Endlich hatte er sich beruhigt. „Hier, nimm diesen Stick! Richte ihn auf alle Punkte, hinter denen noch etwas Anderes sein könnte außer den Nachbarräumen. Ich versichere dir, überall da wirst du auch wirklich etwas finden. Du kannst mit der Hilfe des Sticks alle Funktionen aufrufen, die ich dir …“

Wieder ein Hustanfall. Lujann sah diesmal nicht hin. Wartete. Wie sie ihr ganzes bisheriges Leben gewartet hatte.

„Das Feuer … verdammt, wo sind wir? … Gegensteuern, wie … hätte ich doch nur jemanden geweckt … wie … ich komm nicht hoch … wir stürzen … kein Schwarzes Loch … ich … leben …“

Fred zuckte wie unter Stromstößen. Vergeblich versuchte Lujann ihn festzuhalten. Der Mann machte sich steif. Da … Lujann hätte nie damit gerechnet. Fred stand aufrecht auf der Lichtung. Seine Augen sahen direkt in die violett schimmernde Abendsonne. Sie schienen etwas zu sehen, was außer ihnen niemand je gesehen hatte. Oder vielleicht hatte es nur niemand erzählt. Fred erzählte es auch nicht mehr. Ein unnatürlich glücklicher Ausdruck lag in seinem Blick. Wie ein Baum, bei dem endlich der Keil ausreichte, ihn zu fällen, neigte er sich nach vorn. Lujann hatte sich schon damit abgefunden, einen steifen Körper fallen zu sehen, da brach er in sich zusammen.

  Lujann prüfte sorgfältig. Handgelenk, Hals, Atem. Da war kein Leben. Dafür dunkelte es. Nur noch wenige Minuten und sie würde allein den Sternen vertrauen müssen. Mühevoll schleifte sie den leblosen Körper in die Mitte der Lichtung. Sie hatte als Kind die verrücktesten Geschichten über die Urtiere ihrer Erde erzählt bekommen. Jetzt wurden sie munter. Der vergnügliche Schauer von damals aber stellte sich nicht ein. Es war niemand da, der sie hätte schützen können, und die Geräusche waren real. Was mochte alles an den Legenden wahr sein? Lujann hatte nur Tiere zu Gesicht bekommen, von denen sie nun wusste, dass sie von einer fernen Erde stammten, richtiger: aus einem Replikator dieser Erde.

Jetzt aufgefressen werden. Es hieß, Raubtiere rochen den Tod. Der Tod aber lag neben ihr.

Lujann fasste ihren Stab fester. Nur nicht einschlafen! Nur jetzt nicht einschlafen!Sie konnte den Körper des Menschen doch nicht einfach den wilden Tieren überlassen! Aber selbst wenn … In der Dunkelheit den Weg durch die Grazzeln zu wagen, wäre glatter Selbstmord. Also warten.

Lujann blieb die Nacht wach. Zeit genug, Freds Worte hin und her zu wenden. Nein. Sie würde nicht so weiter machen wie er. Vielleicht, nein, wahrscheinlich würde sie diese Replikatoren sogar zerstören. Oder vielleicht so aufbewahren, dass sie im aller äußersten Notfall eingesetzt werden könnten. Vielleicht würde sie aber nichts weiter sagen. Wer um etwas nicht weiß, vermisst es nicht. Aber neugierig war sie schon. So, wie Fred seine Technik beschrieben hatte, gab es dort sicher genaue Aufzeichnungen über alle zurückliegenden Ereignisse. Es wäre umständlicher, die fehlende Zeit zu befragen, aber möglich. Welche Rolle hatte sie für Fred gespielt? Was war noch alles passiert, was Fred nicht mehr zu erzählen geschafft hatte?

  Doch. Die Aufgabe, die Fred sich gestellt hatte, war eigentlich interessant. Wie organisiert man ein glückliches Leben. Wie weit kann so etwas funktionieren? Warum?

Eigentlich musste sie sich vorwerfen, dass sie selbst nicht unschuldig war an Freds falschem Gottsein. Irgendwann hätten sich doch Zweifel einstellen müssen, dass in ihrer Welt etwas nicht stimmte. Dass da ein Geheimnis existierte, das sie hätte lüften können. Sie hatte nicht nur nicht gefragt … Sie hatte es nicht einmal bemerkt! Zur Strafe dafür würde sie mühsam Antworten auf Fragen suchen müssen, die deshalb erst in den letzten Stunden aufgetaucht waren. Wenigstens wusste sie jetzt, dass sie ein Kleid nach Art der Erde trug. Nach Art der Erde, von der Fred gekommen war. Dessen Bewohner vielleicht ganz anders waren als Fred. Das gehörte zu den Geheimnissen, die sehr wahrscheinlich noch geklärt werden konnten. Entweder lebten noch einige von ihnen oder sie hatten zumindest vieles aus ihrer Vergangenheit an ihre Nachfahren weitergegeben. Bestimmt nicht erst, als sie in den letzten Zügen lagen. Da stand wohl eine abenteuerliche Suche bevor. Lujann glaubte anfangs, dass sie sich gedanklich verzettelt hatte. Dann aber wurde ihr bewusst: Soetwas, wie es sich Fred vorgenommen hatte, war einfach unlösbar. Auch er hatte nicht überall gleichzeitig sein können. Und wenn sie jetzt Freds Menschen suchen sollte, konnte sie nicht nebenbei die Stadt leiten. Und Chrust befreien. Dort herrschte also eine Maschine. Das musste geändert werden. Und es machte die Aufgabe nicht gerade einfacher, dass sie jetzt mehr Hintergründe kannte. Sie war einem solchen Gegner auf keinen Fall gewachsen. Viel Verantwortung für ein so kleines Stück Restleben wie ihres. Hoffentlich lebten noch andere Menschen.

 Lujann versuchte sich vorzustellen, was gewesen wäre, wenn sie Fred nicht zufällig hätte davonhasten sehen. In dem kurzen Moment, in dem sich sich hatte entscheiden müssen, waren ihr mehrere Erklärungen für sein Verhalten eingefallen, und nur solche, bei denen es besser war, ihm zu folgen. Flucht. Auf die Idee, Fred könnte geflüchtet sein, war sie nicht gekommen. Oder … Nein, ob etwas geschehen war … Oder war alles ganz einfach? Hatte sich Fred einfach nur schwer verletzt und das nicht zugeben wollen? Ein Gott verletzt sich nicht?

Wenigstens blieb es bei Geräuschen, Schatten und Bewegungen am Waldrand und Schemen, die die beiden Monde auf die Lichtung malten.

Dämmerung. Welch herrliches Wort! Endlich konnte Lujann sehen. Sie sah sich um, als hätte sie eine mit Albträumen überladene Nacht hinter sich. Einzig der reglose Körper neben ihr zeugte von der Wirklichkeit des vergangenen Tages.

Lujann fröstelte. Sie sprang etwas zu forsch auf. Nein. Diese Situation war nicht normal. Da durfte sie auf den Strauch mit den Stachelarmen zugehen, ohne sich umzuwenden. Nicht schlecht die Erfindungen dieser Menschen. Lujann strich sich über ihr anschmiegsam weiches Kleid. Jetzt drehte sie sich doch um. Hinter ihr schien nichts Anderes zu sein als feindliches Gestrüpp. Fleisch fressende Tiere würden sich von einer anderen Seite jener Lichtung nähern. Aber das ging sie nichts mehr an. Wichtiger war, wie sie nachher ihrer Tochter erzählen sollte, dass gerade ein Gott namens Fred gestorben war.

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